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Im Nachhinein ist es wirklich voraussichtig von dir gewesen, vor deiner Kündigung in den Supermarkt zu gehen und einen doppelten Monatsvorrat an Essen einzukaufen. Irgendwie hattest du es einfach im Gefühl gehabt, du hast keine Ahnung warum. Naja, letztendlich läuft es bei dir ja eigentlich immer gleich. Irgendein Schicksalsschlag und du sperrst dich wieder in deiner Wohnung ein. Etwas Vorbereitung ist da gut. Vor allem dieses Mal.

Nun ist es also wieder soweit und du sitzt auf deiner Couch. Du bist dir ziemlich sicher, dass du diese winzige, graue Wohnung für lange, lange Zeit nicht verlassen wirst Warum auch? Draußen gibt es nichts. Keine Familie, mit der du noch Kontakt haben willst, keine Freunde, nichts zu tun. Nichts an dem wundervollen 'Draußen', von dem alle immer sprechen, reizt dich. Und nun ist auch deine letzte Bindung zur Außenwelt, die Arbeit, weggefallen. Also wieder in die Wohnung, Tage und Wochen alleine dort verbringen. Irgendwie hast du auch keine Lust, nach einem neuen Job zu suchen. Langsam wird dir alles immer egaler. Du bleibst hier. Keine Außenwelt, keine Menschen. Du hasst die Menschen. Sie haben dich viel zu lange behandelt, als wärest du keiner von ihnen.

Aber jetzt ist das ja egal, denn du musst sie nicht mehr sehen. Du hast keine Ahnung, wie dieses Vorhaben hier enden wird. Zurück unter Menschen gehen wirst du auf jeden Fall nicht. Falls der Strom und das Wasser bis dahin nicht schon abgestellt sind, kannst du dich vielleicht auch einfach beenden. Naja, und falls doch – Fenster lassen sich nicht abstellen. Zwar nicht wirklich dein Stil, aber dennoch eine Option, und viele Optionen zu haben ist wichtig.

Mit diesen Gedanken im Kopf verstreichen die ersten Tage. Du denkst noch etwas darüber nach, wieso du deinen Job verloren hast, wieso du nicht rausgehen möchtest, wieso du Angst vor Menschen hast, aber letztendlich kriegst du doch jeden Tag irgendwie rum. Internet, Filme, Serien, Schreiben. Funktioniert alles ganz gut. Du hast schon viele Wochen so zugebracht, aber nie in dem Wissen, dass es wahrscheinlich auch so bleiben würde, bis irgendetwas Endgültiges geschehen würde. Zum einen macht es dich wirklich, wirklich glücklich. Keine Verpflichtungen, nichts, was du tun musst, nur Dinge, die du tun willst. Andererseits auch kein Ziel, keine Zukunft. Du hast keine Zukunft. Und naja, solange kannst du auch einfach ein wenig weiter dein Leben leben und schauen, wie es dann weitergeht.

Du hängst deinen Gedanken stundenlang nach. Bis jemand an der Tür klopft. Wer klopft an deine Tür? Du kennst niemanden, der an deine Tür klopfen könnte. Keine Freunde. Du hast deinen Nachbarn schon früh klar gemacht, dass du keinen Kontakt willst. Eine Familie, die dich noch sehen will, gibt es nicht. Du weißt nicht warum, aber du bist völlig erstarrt. Ein Mensch. Seit Tagen hast du nichts von realen Menschen mitbekommen. Du schleichst zur Tür. Bloß kein Geräusch machen. Niemand darf bemerken, dass du da bist. Du spähst durch den Spion und siehst das Gesicht eines alten Mannes. Eines alten Mannes, den du nicht kennst. Wer ist das?

Du schreckst zurück. Vielleicht kann man sehen, wenn jemand durch den Spion schaut. Weg von der Tür. Du versuchst, so schnell wie möglich wegzuschleichen, doch das ist schwer. Du gehst zum Sofa, legst dich langsam hin. Du hörst nicht, wie der Mann von der Tür weggeht. Er muss wohl immer noch dort stehen. Du drehst den Kopf zur Tür. Ja, unten durch den Spalt ist noch ein Schatten zu erkennen. Du atmest leise, traust dich kaum, dich zu bewegen, schließt die Augen. So ist es auch früher schon oft gewesen. Du hast dich kaum getraut, ins Wohnzimmer zu gehen, wenn deine Eltern Besuch von Freunden hatten. Diese Scheuheit hat schon immer zu dir gehört. Du weißt nicht warum, es ist dir nicht so beigebracht worden. Immer sind viele Leute bei dir Zuhause gewesen und du bist ein glückliches Kind gewesen, aber inzwischen kannst du den Anblick eines Menschen kaum noch ertragen. Du willst dich einfach fernhalten. Leute, die du kennst, sind wenigstens irgendwie auszuhalten. Aber Fremde?

Du hast es nicht gemerkt, aber du bist eingeschlafen. Als du wieder aufwachst, ist es wahrscheinlich längst Nacht. Du hast absolut jedes Gefühl für Tag und Nacht verloren, nennst es nur noch Schlaf- und Wachphasen. Du setzt dich auf und schaust zur Tür. Der Schatten ist weg. Du entspannst dich. Kurz. Dein Blick fällt auf den Tisch. Die Teller sind verschoben. Was? Ist jemand in der Wohnung gewesen? Du stehst auf und gehst rüber. Ja, eindeutig. So hast du die Teller, Messer und Gabeln nicht hingestellt. Du räumst alles in die Spüle.

Ruhig bleiben. Es ist schon nichts. Du legst dir einen Film ein und legst dich auf die Couch. Doch deine Gedanken schweifen immer zum Mann an der Tür und den verschobenen Sachen zurück. Du machst den Fernseher immer leiser, um hören zu können, falls sich jemand der Tür nähert. Außerdem hast du Angst davor, dass es zu laut für deine Nachbarn sein könnte und sie hochkommen würden, um mit dir zu sprechen. Irgendwann schaltest du den Film auf stumm. Du willst nicht mit deinen Nachbarn sprechen, denn du magst sie nicht. Und du bist dir ziemlich sicher, dass sie dich auch nicht mögen. Du glaubst schon oft mitbekommen zu haben, wie sie schlecht über dich sprechen. Sie halten dich für einen Unruhestifter und wollen dich aus dem Haus raus haben. Aber du machst es ihnen nicht einfach.

Die Tage verschwimmen immer mehr. Du hast keine Ahnung, wie lange du dich schon einsperrst. Es ist auch unwichtig, du wirst ja so oder so hier bleiben. Vielleicht auch sterben, wenn sie nicht früh genug eingreifen. Mal sehen. Schlaf- wechselt zu Wachphase. Manchmal gehst du alle zwei Stunden kurz schlafen, manchmal bist du dreißig Stunden am Stück wach. Das Problem ist, dass dich jedes noch so kleine Geräusch weckt. Du hast Angst davor, dass irgendwer hier reinkommt. Du hast Angst davor, dass dieser Mann wieder vor der Tür steht. Du hast Angst davor, die Blicke der Menschen auf dir spüren und aushalten zu müssen.

Dein Blick schweift immer wieder zur Tür. Aber da ist nichts. Nein, da scheint nichts zu sein. Du hörst deine Nachbarn reden. Du hörst die Leute auf den Straßen reden. Du willst gar nicht verstehen, was sie sagen und würdest ja gerne versuchen, die Stimmen mit irgendetwas zu übertönen, hast aber Angst, dass sie es dann hören und sich beschweren könnten.

Irgendwann hörst du vollkommen auf zu schlafen, weil du befürchtest, dich zu laut zu bewegen oder zu atmen. Du schleichst nur noch zum Kühlschrank, um ab und zu zu essen. Jedes Mal, wenn irgendjemand im Haus lacht, zuckst du zusammen. Du beobachtest deine Wohnung genau, bist dir sicher, dass sich noch immer Sachen bewegen. Etwas, was du gerade erst hingestellt hast, steht ein paar Stunden später woanders. Du bist so leise, dass du absolut alles hörst, was im Haus vor sich geht. Bei jedem Lacher denkst du daran, dass es wegen dir ist, weil du so eine dumme Angst hast. Bei jedem Flüstern glaubst du, dass es um dich geht. Du traust dich nicht, aus dem Fenster zu schauen, weil du sicher bist, dass dir dann lauter Leute entgegenlächeln werden. Es liegen plötzlich Zeitungen in deiner Wohnung, die du nicht reingeholt hast. Gläser, Tassen, Teller sind geputzt, obwohl du es nicht getan hast.

Du beginnst nach Kameras zu suchen. Hier muss doch irgendwo eine sein. Sie schauen es sich an und lachen dich aus. Lachen darüber, wie sie dich austricksen, mit ihren kranken kleinen Spielchen. Aber du findest keine. Du würdest gerne die Schränke umschmeißen und alles zerlegen. Aber das wäre zu laut.

Wirklich schlimm wird es, als du kein Essen mehr hast. Du bist dir sicher, dass da vor einer Stunde noch etwas gewesen ist. Aber jetzt ist da nichts mehr. Nirgendwo in deiner Wohnung. Irgendjemand hat dir alles Essen gestohlen. Du verkriechst dich unter deiner Decke. Sie wollen dich rauslocken. Sie wollen, dass du an die Sonne kommst. Sie wollen dich aus deiner selbst ausgesuchten Freiheit herausscheuchen. Wie eine Ratte. Sie können nicht akzeptieren, dass du nicht so sein willst, wie sie dich wollen! Aber du kannst nicht rausgehen. Du kannst nicht unter ihre Augen treten, du kannst dich nicht bewerten lassen. Sie alle wollen dir böses. Sie wollen dich hier verhungern lassen, falls du nicht rauskommst. Jeder ist ein Feind, jedes menschliche Wesen etwas böses.

Dein Magen knurrt. Immer mehr. Es ist laut. Es ist viel zu laut. Du hast Angst vor diesem Geräusch. Du hast hier so viel Zeit verbracht, keine Pflichten gehabt, warst irgendwo anders, nicht auf dieser Welt, aber merkst jetzt deine physischen Grenzen. Du musst einfach etwas essen. Irgendwann triffst du die Entscheidung. Es fällt dir schwer, aber es muss sein. Raus. Du musst kurz raus. Irgendwie. Deine schwarze Kapuzenjacke wird dein Gesicht schon gut verdecken, du musst dich gar nicht wirklich zeigen.

Deine Hand berührt die Türklinke, als würde sie glühen. Ganz vorsichtig, ganz langsam. Du drückst sie herunter und setzt einen Fuß ins Treppenhaus. Noch einen. Und dann bist du in der Helligkeit. Es ist ungewohnt länger als zwei Minuten zu stehen. Du gehst die Trepper herunter. Jetzt wird es noch schwerer. Die Tür zur Außenwelt. Du öffnest die Tür und trittst auf die Straße.

Geräusche. Menschen. So viele Menschen. Überall. Massen. Es ist zu viel auf einmal. Du erstarrst. Sie alle wollen dir Böses. Doch du reißt dich zusammen und beginnst zu laufen. Der Supermarkt ist nur fünf Minuten entfernt. Das geht schnell, ist kein Problem. Kurz rein, dann wieder zurück. Essen für ein paar Monate kaufen. Darauf achten, dass nie wieder jemand in deine Wohnung geht.

Aber irgendwie beachtet dich kein einziger Mensch. Niemand hat auch nur einen Blick für dich übrig. Du bist bloß einer unter vielen. Du bist Teil der Annonymität dieser großen, grauen Stadt. Irgendwie lässt dich das ein bisschen entspannen. Es macht den Weg erträglicher. Aber trotzdem willst du zurück in die Wohnung, zurück in deine eigene kleine Blase, weg von der Realität, tun, was du tun willst, nicht tun, was du tun musst. Und doch ist es gut zu wissen, dass eigentlich niemand dir etwas böses will. Letztendlich interessiert sich ja niemand wirklich für dich. Nun läufst du wenigstens nicht mehr geduckt.

Bis du dich umdrehst und die Menge siehst, die sich hinter dir versammelt hat. Sie folgen dir. Und blicken dich an. Direkt in die Augen. Du stolperst. Sie gehen weiter auf dich zu. Du rappelst dich auf und gehst rückwärts. Es sind Menschen. Viele Menschen. Sie blicken dich wütend an, schreien zornige Dinge. Du stößt mit dem Rücken an jemanden. Noch mehr Leute hinter dir. Du bist eingekreist. Alle haben ihre Blicke auf dich. Hass. So viel Hass. Auf dich. Du hast recht gehabt, sie haben über dich gesprochen, dich ausgelacht, dich rauslocken wollen. Mit einem Mal stürzen sie alle wie eine Welle über dich herein, werfen sich auf dich. Sie reißen an deinen Armen, brechen dir mit ihren Tritten jeden einzelnen Knochen, schlagen dir die Zähne aus. Die Menschen reißen dir mit ihren Fingernägeln die Haut auf, vergraben ihre Zähne in deinem Fleisch und schlagen, spucken, schreien, treten immer weiter auf dich ein, immer und immer weiter, immer und immer weiter.

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