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Alles um mich herum war dunkel. Kein einziges Licht drang in mein Zimmer. Keine Anzeichen von Leben. Egal ob auf den Straßen, am Himmel oder vom Flur aus, der sich direkt mit meinem Zimmer verband: Kein kleinstes Anzeichen von Hoffnung, das mit dem Licht resultierte. Ich war darin eingeschlossen. Abgeschottet von der Außenwelt um mich herum. Zitternd krümmte ich mich zusammen, schlang meine Arme um meine Beine und lehnte meinen Kopf gegen die harte Betonwand hinter mir. Da, wo eigentlich eine bunte, schöne Tapete hätte kleben sollen, war nichts weiter als eine kahle, kalte Wand, deren Putz mit jeden meiner Berührungen immer weiter abfiel. Ich wollte es so. Ich wollte nicht, dass mein Zimmer, der einzige Ort, an dem ich meine Ruhe fand und an dem ich mich vor der grausamen Außenwelt verstecken konnte, eine Lüge meiner Selbst war. Mein Zimmer sollte meine Seele widerspiegeln, den Schmerz verdeutlichen, den ich tagein, tagaus lebte.

Und das Resultat war schlichtweg diese Wand, die Wahrheit meines einsamen Geistes. Nun schloss ich die Augen. Ein seltsames Gefühl drängte sich in meinen Körper. Ergriff mein Herz, meinen Geist und schlussendlich auch meinen Verstand. Die Dunkelheit um mich herum machte mich müder. Meine Augen fielen langsam zu, bis mein Körper der Müdigkeit vollkommen erlegen war.

Etwas Nasses, Kaltes tropfte permanent auf meinen Kopf. Erst waren es nur einzelne Tropfen, doch binnen weniger Sekunden verwandelten diese sich zu einem Regen, welcher meine Haare und meine schwarze Kleidung vollkommen durchnässte. Die Straßen waren nur von wenigen, schwachen Laternen umgeben, deren orange gefärbtes, künstliches Licht sich auf den kleinen Pfützen nahe des Asphaltes reflektierten. Alles wirkte vollkommen trostlos und leer. Keine Menschenseele, die die nassen Wege der Straßen entlangschritt. Es war also wahr. Selbst in meinen Träumen wurde ich von allen zurückgelassen, die ich einst geliebt hatte, oder sie mich. Die Wärme, die ich sonst immer zu spüren bekam, wenn mich jemand umarmte, wich einer einfachen Kälte, die sich bis in meine Knochen hervorstreckte, wie tote, tiefschwarze Hände einer grauenvollen Kreatur, die sich mit jedem Griff nach mir immer weiter in mein Herz kämpfte, und hinterließ eine ekelhafte Gänsehaut auf meinen Armen.

Meine schwarze Lederjacke noch fester um mich geschlungen, lief ich die Straße entlang, ohne genau zu wissen, wohin ich eigentlich lief. Hin und wieder sah ich seltsame Gestalten im Schatten der Dunkelheit, die, sobald sie in den Schein einer Laterne traten, sofort wieder verblassten. Ihre Statur konnte ich nur schemenhaft wahrnehmen. Einerseits sahen sie menschlich aus. Andererseits aber besaßen sie große, glühende Augen und ihre grotesk wirkenden Fratzen gaben den Anschein, als seien sie nicht von dieser Welt. Mich schauderte es beim Anblick, den ich nur flüchtig durch das reflektierende Licht erhaschen konnte und ich lief schnellen Schrittes weiter. Immer tiefer in die Dunkelheit hinein. Je näher ich ihr kam, umso mehr und mehr wurde ich von ebendieser verschlungen. Ich lief dem Licht immer weiter davon, doch würde ich umkehren, so würde ich diesen… Wesen nicht entkommen können. Neben meinem verhetzten Atem und meinem immer schneller schlagenden Herzschlag, der durch meine langsam aufkommende Panik resultierte, vernahm ich noch ein anderes Geräusch. Es klang wie ein Flüstern. Als würden Menschen reden!

Sofort rannte ich zu der Stelle hin, von der ich dieses Flüstern vernahm. Inzwischen hatte sich auch ein Kichern eingemischt. Es war die weiche Stimme eines Mädchens, ganz in meiner Nähe! „… Du Nichtsnutz!“ „Geh dich vergraben!“ „Hört doch auf!“ „Guck mal, wie sie bettelt, so erbärmlich und so lächerlich!“ Meine Schritte wurden mit jedem Satz, der in meine Ohren drang, immer langsamer. Diese Stimmen… Es waren die gewesen, die ich einst geliebt hatte. Menschen, die mir nahestanden, die ich mit Leib und Seele beschützt hatte, hatten sich von mir abgewendet. Urplötzlich, ohne ersichtlichen Grund.

Nur noch wenige Schritte trennten mich von diesen Stimmen und dem Kichern. Näher konnte und wollte ich nicht kommen. Jeder einzelne Satz war wie eine rasiermesserscharfe Klinge, die mein Fleisch Stück für Stück abschnitt und eine offene, klaffende Wunde hinterließ, durch die das warme Blut in Strömen floss und mir meinen Tod der kostbaren Seele, die jeder von uns trug, wie eine reine Taubheit erschienen ließ. Ich sackte zu Boden. Diese Taubheit… Sie lähmte meinen Körper. Sorgte dafür, dass sich mein Herz verkrampfte und mir die Kehle zuschnürte. Genauso, wie wenn ein geisteskranker Psychopath seine nach dem Tod gierigen Hände nach mir ausstrecken und mir durch einen festen Würgegriff die lebenswichtige Luft zum Atmen nehmen würde.

Platschende Schritte hallten in die Dunkelheit hinein und brachen damit das rauschende Geräusch der fallenden Regentropfen. Instinktiv hielt ich mir die Ohren zu. Gleich kommen sie wieder… Dieses Kichern, diese verletzenden Worte… Sie kommen wieder und wiederholten sich wie ein grausames Lied, das immer wieder im Kopf abgespielt wurde. Eine Folter für den Geist. Ganz besonders für meinen Geist, der wie ein kleiner, leichter Faden mit nur einem Ruck in zwei gerissen werden konnte und dessen Ende man niemals mehr verbinden konnte…

„… Du Nichtsnutz!“ „Geh dich vergraben!“ „Hört doch auf!“ „Guck mal, wie sie bettelt, so erbärmlich und so lächerlich!“ „Hahahaha!“ Langsam drang es trotz meiner geschützten Ohren in meinen Kopf hinein. Brannte sich ein, als wenn man ein heißes, glühendes Stahlstück nehmen würde und dessen Ende in die Haut eines jeden drücken würde, so lange bis dieser sich den qualvollen Schmerzen ergeben würde. Schmerzen, die auch meine Seele betrafen. Eine weitere Form der Folter.

Meine Unterlippe bebte, während heiße, salzige Tränen meine Wangen hinunterliefen und kleine Rinnsale auf meiner bleichen Haut hinterließen. Mein Kopf war gesenkt und ich betrachtete den harten, aus Teer hergestellten Boden. Als ich das Gefühl hatte, diese grausamen Geräusche nicht mehr zu hören, legte ich meine Hände von meinen Ohren ab und hob meinen Kopf. Auf meinem Gesicht vermischten sich die heißen Tränen mit dem eiskalten Regen und ließen mich abermals frösteln. Verschwommen erkannte ich eine schwarze Gestalt vor mir, deren schnelles, gierendes Atmen mir verriet, dass es sich von meiner Angst nährte. Plötzliche Ruhe, in meinem Körper lösten sich die Spannung und die Lähmung, welche ich zuvor verspürt hatte.

Langsam schloss ich die Augen, während ich zum allerletzten Mal, fast schon sehnsüchtig, in den rauschenden Regen hinein flüsterte: „Töte mich.“   


Geschrieben von: BlackRose16 (Diskussion) 11:39, 5. Mai 2017 (UTC)

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