FANDOM


Hier geht es zum vorherigen Teil: Furcht und Schrecken - Das Orakel im Keller


14. Akt – Eine schrecklich nette Familie


Tatsächlich bin ich weit weniger verblüfft, als es, angesichts des Grades an Unwahrscheinlichkeit, in dieser Situation zu erwarten wäre.

Die Zwangsjacke ist beinahe gemütlich und kneift in den Achseln nicht halb so stark, wie ich sie in Erinnerung hatte, meine Augen haben aufgehört zu tränen und zu guter Letzt bin ich endlich mal wieder etwas unter Leuten. Diese selbstauferlegte Isolationshaft mit meinem beknackten Bruder und der kleinen Göre war ja kaum noch auszuhalten!

Gegen die Gesellschaft eines der am meisten verabscheuten Männer der Welt habe ich eigentlich nichts einzuwenden. Gut, wie mir bereits aufgefallen ist, beobachtet mein Gastgeber seit knapp einem halben Jahrhundert offiziell die Radieschen von unten, aber sind wir mal ehrlich: In einer Welt, voll von Regelmäßigkeiten, Gesetzen die niemals gebrochen werden und einer unwiderruflichen Logik, wären Leute wie ich doch ziemlich fehl am Platz, oder?


Ach, was soll's. Zugegeben, ich bin verblüfft. Sehr sogar. Meine Gedanken überschlagen sich und spielen miteinander haschen, ein sehr sicheres Zeichen für meine tiefsitzende Verunsicherung. Gegen die sollte ich schleunigst etwas unternehmen, wenn ich nicht als Verlierer aus diesem kruden, undurchschaubaren Spiel hervorgehen will. Bewegungslos hocke ich am Boden und starre in das Gesicht meines Gegenübers, dass mir so schrecklich vertraut vorkommt, obwohl ich den Kerl persönlich niemals gesehen habe.

„Ich kenne sie doch aus der Fachzeitschrift, die ich damals einer Schwester... entliehen habe!“ Ungewollt kommen nostalgische Gefühle in mir hoch. Es ist eine kalte, hasserfüllte Nostalgie. Ich habe mir geschworen nie wieder in den Klauen dieser armseligen Quacksalber zu laden, offensichtlich war dieses Ziel etwas zu hoch gestochen. Ich dämlicher, dämlicher Kretin!

Der alte Mann mit dem Krückstock blickt mir tief in die Augen und sondiert dann mein komplettes Gesicht, jeden Zentimeter, jede Falte, jede Pore so scheint es mir. Hinter den runden Brillengläsern erkenne ich ein aufgeregtes Funkeln, einen Blick den man eigentlich nur dann aufsetzt, wenn man in seinem Garten einen besonders seltenen Käfer gefunden hat. Ich fühle mich auf einmal sehr nackt und ein beschämtes Kribbeln macht sich unter meiner Haut breit.

Wenn der alte Sack nicht gleich wegguckt, dann spucke ich ihm ins Gesicht!

Mehr oder weniger gefasst atme ich ein, so tief wie es die beengende Jacke zulässt und wende meinen Blick demonstrativ von ihm ab. Zum ersten mal unterziehe ich den restlichen Raum einer eingehenden Untersuchung. Ein Menschenpulk steht in einiger Entfernung um uns herum, Männer und Frauen, junge Leute, alte Leute, medizinisches Personal, Anzugträger, Schutzleute... Sind das etwa Journalisten? Diese Anzugmenschen? Trotz der unpassenden Situation und erniedrigenden Haltung in der ich mich befinde, bin ich irgendwie geschmeichelt. Ein wenig Aufmerksamkeit habe ich meiner Meinung nach schon lange verdient, also warum nicht jetzt die Chance nutzen? Ich grinse gewinnend in Menge bevor ich mich wieder dem greisen Wiederauferstandenen zuwende.

„Also?“, frage ich angriffslustig, „Was soll der ganze Zirkus hier? Was soll dieses 'Willkommen zuhause'? Und vor allem; Warum in drei Teufels Namen spazieren ausgerechnet Sie, quietschfidel und lebendig im Keller dieser verrottenden Anstalt herum?“

Der bärtige Mann scheint aus einer Trance zu erwachen und schüttelt kurz den Kopf. „Du hast mich also erkannt?“, fragt er und gibt einem der Umstehenden ein Handzeichen. Ein Stuhl wird gebracht, auf den sich der Alte mit knirschenden Knien niederlässt. „Wie du dann wahrscheinlich auch weißt, bin ich nicht mehr der Jüngste, du gestattest also?“ Eine beinahe unsichtbare Geste und die gaffende Menge entfernt sich murmelnd und flüsternd aus dem Raum. Nur der Mann der ihm den Stuhl gebracht hatte, ein weiterer im Anzug und eine junge Frau bleiben zurück, die sich in stoischem Schweigen zu üben scheinen.

Ich werfe ihnen betont gelangweilte Blicke zu obwohl in meinem Inneren die gemischten Gefühle geradezu überkochen.

„Walter Freeman!“, zische ich genüsslich und lasse die folgenden Worte wie Honig von meiner Zunge tropfen. „Erfinder der nach ihm benannten 'Freeman-Methode', praktizierender Psychiater und überzeugter Verfechter der Lobotomie. Geboren 1895, gestorben 1972 in Schimpf und Schande. Mörder vieler Menschen, unter anderem der kleinen Schwester des guten John F. Kennedy... Tz tz tz, was haben sie sich nur dabei gedacht? Dabei hatten sie doch so viel Potential...“

Ich harpuniere den untoten Doktor mit einem giftigen Blick, der meinen ganzen Hass, meine ganze kranke Dankbarkeit zu einem schneidenden Speer bündelt und sogar die drei Menschen hinter ihm einen Schritt zurücktreten lässt. Der Adressat dieses Blickes zuckt jedoch nur leicht zusammen und unterdrückt ein gequältes Stöhnen. „Mein lieber Deimos.“, sagt er gedehnt und fixiert mich mit seinen kalten Augen. „Ich habe meinen alten Namen zusammen mit meiner ganzen Identität zu Grabe getragen und hinter mir gelassen. Ja, mein erstes Leben war eine einzige Farce...“ Ein leichter Schatten der Kränkung und Wut legt sich über seine Züge, verschwindet jedoch innerhalb eines Wimpernschlags wieder und macht dem anfänglichen Interesse platz. „Du darfst mich gerne Professor Dr. Aloisius Schönbrunn nennen. Ich habe diesen Namen nach meinem Erwachen gewählt, obwohl er doch letztendlich über keinerlei Bedeutung verfügt und nur ein Attribut dieser sogenannten Menschlichkeit ist. Ich habe mich entschieden als Mensch weiterzuleben und mein Werk in verbesserter Form zu vollenden.“

Seine spröden Lippen teilen sich und präsentieren eine Reihe porzellanfarbener Zähne, die genauso gekünstelt und surreal wirken, wie der Rest seiner Erscheinung. Ein flirrender Glanz legt sich verschleiernd über die geweiteten Augen und mir wird schlagartig klar, dass der Doktor letztendlich selbst ein Opfer des Wahnsinns geworden sein muss. Kaum verwunderlich. Der alte Mann scheint in seinem kranken Hirn verloren gegangen zu sein und starrt verzückt durch mich hindurch, während ich verzweifelt versuche die Zwangsjacke zu lockern, die sich mittlerweile doch recht schmerzhaft um meinen Körper schlingt. Ich habe das unangenehme Gefühl im Würgegriff eines Riesenpythons gefangen zu sein, der seine Muskelringe mit jedem meiner Atemzüge kräftiger zusammenzieht und mir die Luft abschnürt. Mit dem Rücken an der Wand übe ich Druck auf die hinteren Verschlüsse aus, in der Hoffnung dass das raue Gestein sie möglicherweise etwas lösen könnte.

Plötzlich habe ich den kühlen Lauf einer Pistole an der Schläfe. „Ich an deiner Stelle würde das lassen, Freundchen.“, sagt die junge Frau ruhig, verstärkt den Druck etwas und legt ihren Zeigefinger auf den Abzug.

Ihre Hand zittert. Das spüre ich sogar durch die Pistole hindurch! Von wegen ruhig... Ich schiele aus meiner erniedrigenden Position zu ihr hoch. Sie ist hübsch. Schulterlanges, blondes Haar legt sich um ihr schmales Gesicht in dem, zwei Saphiren gleich, ein Paar blauer Augen funkelt. Irgendwie kommt sie mir bekannt vor. Nicht dass mich das auch nur ansatzweise interessieren würde, es belustigt mich eher.

Mit der wenigen Luft die meine eingequetschten Lungenflügel aufnehmen können stoße ich ein kurzes, heiseres Lachen aus und werfe den Kopf in den Nacken. „Was seit ihr denn für Reporter? Wetten deine zwei Freunde haben unter ihren schneidigen Jacketts eine ganze Batterie von diesen hässlichen Maschinchen? Himmel, diese ganze Inszenierung entfaltet sich ja langsam als der klischeeüberladenste Streifen den ich mir jemals antun musste...“ Ich spucke verächtlich aus. „Wenn ich den Regisseur in die Finger kriege...“

„Halt's Maul!“, brüllt die Frau, holt mit der Rechten aus und im nächsten Moment tropft Blut aus meiner Nase. Ich ignoriere den Schmerz, öffne den Mund und lecke die Tropfen auf. „Musste das sein? Was für eine Verschwendung...“, stöhne ich und werfe ihr einen strafenden Blick zu.

„Fräulein Stanley!“, unterbricht uns der alte Doktor entsetzt, der offensichtlich wieder im Hier und Jetzt angekommen ist. „Wie behandeln sie den unseren Gast? Bitte, halten sie sich zurück und bewahren sie ihren Anstand!“ Die Frau schnaubt verächtlich und wirft mir einen hasserfüllten Blick zu. „Diesen Abschaum... nennen wir nun also unseren Gast.“, murmelt sie bitter und geht langsam wieder zurück zu ihren Kollegen. Ich erwidere ihren Blick freundlich und studiere dieses Gesicht nun eingehender. Fräulein Stanley? Stanley?

„Das glaub ich jetzt aber nicht!“, bricht es plötzlich aus mir heraus und mein Körper schüttelt sich unter einem monumentalen Lachkrampf. „Du bist seine Tochter?! Das wird ja immer besser!“ Tränen treten aufgrund des Sauerstoffmangels in meine Augen und mein Lachen verkommt zu einem krächzenden Gekicher. „F... Fräulein Stanley... Ich krieg' mich nicht mehr...“ Der verfluchte Arzt hat also auch auf legalem Wege Nachkommen in die Welt gesetzt... Ich muss an Luna denken, die hoffentlich noch irgendwo da draußen ihr Unwesen treibt und schon wieder überkommt mich dieses seltsame Gefühl. Wie es ihr wohl geht?

„Du verdammtes Monster!“, brüllt die junge Frau mit zornesrotem Gesicht, welches sie weit weniger hübsch aussehen lässt. „Warum? Warum hast du ihn getötet?? Er war ein guter Mensch! Er wollte dir helfen und du verfickter Mistkerl...!“

Ein guter Mensch, also...? Ein Blick in ihre Augen verrät mir, dass sie tatsächlich überzeugt ist von dem was sie sagt. So naiv... bei dem Gedanken daran, dem Mädchen von den Machenschaften ihres geliebten Vaters, ihrer kleinen, in Schande gezeugten Schwester zu erzählen, erfüllt mich eine diebische Freude. Die bissigen Hunde der Lüge und Unzucht über sie herfallen zu lasse... es wäre zu köstlich.

Aber möglicherweise ist gerade nicht der passende Zeitpunkt dazu. Sie wirkt zu allem entschlossen und mein Tod käme mir in dieser Situation äußerst ungelegen... Einer ihrer Kollegen schlägt ihr die Waffe aus der Hand, welche sie noch immer mit zitternden Fingern umklammert hält und auf mich richtet. „Maria, ganz ruhig.“, sagt er sanft und nimmt sie in den Arm. „Wir brauchen ihn schließlich noch.“ „Lass mich, Ben!“, faucht sie und reißt sich von ihm los. „Niemand braucht dieses Ungeziefer! Die Welt wäre ein besserer Ort wenn...“ Eine schnelle Geste von Seiten Freemans bringt sie zum Schweigen. „Bitte beruhigen sie sich! Wenn sie für das hier nicht stark genug sind, dann haben sie in meinem privaten Sicherheitspersonal nichts zu suchen.“ Die Kälte in seiner Stimme überrascht mich, ebenso die Tatsache, dass sie seiner Anordnung unterwürfig und ohne zu zögern Folge leistet.

Stumm, jedoch immer noch bebend vor unterdrückter Wut, senkt sie ihren Blick und gesellt sich zu den zwei Männern. „Schließlich sind wir hier ja alle so etwas wie eine Familie!“, fügt der alte Doktor abschließend hinzu, nun wieder mit einem milden Lächeln auf den Lippen. Ich bin nicht die einzige Person, deren Blick daraufhin das Äquivalent zu einem schwungvollen Erbrechen sein könnte. Im imaginären Raum hinter meinen Augen wird ein Glas Milch sauer.



15. Akt - Identitätskrise


Nach dieser kurzen, höchst aufschlussreichen Episode gilt mein Interesse nun wieder dem Alten, der sich mühsam zu mir herunterbeugt und sein Gesicht ganz nah ein meines heran bringt. „Wo wir gerade von Namen sprachen... du nennst dich selbst Deimos. Warum?“

Oh. Diese Frage erwischte mich nun tatsächlich kalt von hinten. Damit habe ich nicht gerechnet. „Eine Mutter hat ihn dir schließlich nicht gegeben.“ Ein boshaftes Lächeln kräuselt die Mundwinkel des Doktors. „In der Hinsicht sind wir uns ganz ähnlich. Ich wählte meinen Namen als Symbol des Neuanfangs und der Anonymität. Und du...? Um deine Menschlichkeit zu beweisen? Um dir selbst weiß zu machen, du seist mehr als eine einfache Krankheit, die das Gehirn dieses schwächlichen Jungen, dieses David ausgebrütet hat. Ein schnöder Tumor... Eine simple Stoffwechselstörung...“

Nun ist es an mir, wütend zu werden. „Halt die Klappe!“, krächze ich und kämpfe gegen den Zweifel und die Angst an, die bereits seit einer Weile an mir nagen. „Das kann nicht sein! Du hast Recht, ich bin kein Mensch! Ich bin etwas besseres! Etwas größeres, stärkeres und wertvolleres! Ich kann Dinge tun die...!“

„Aha?“, der verrückte Arzt funkelt mich grinsend an und ich habe das Bedürfnis ihm die verfluchten Porzellanzähne einzuschlagen. „Woher willst du wissen, dass all das nicht Teil dieser Krankheit ist? Eine Psychose, die dir Sachen vorgaukelt, die gar nicht existieren. Soll ich dir etwas sagen? Du bist nur die Ausgeburt einer schweren Form von Dissoziation, kombiniert mit Schizophrenie und einer gehörigen Portion Traumata bedingter Wahnvorstellungen, unter denen der arme David von Kindesbeinen an leidet! Du existierst praktisch nicht, hast nicht den geringsten Einfluss auf dieses Universum und wirst für immer nichts weiter als die fiktive Figur, des kreativen Unterbewusstseins eines kleinen Jungen sein.“

Seine Worte hallen durch das feuchtkalte Gewölbe und ihr Nachklang mischt sich mit dem stetigen tropfen des modrigen Wassers, das tränengleich von der Decke fällt. Ich zittere am ganzen Leib. „Nein, das... das kann nicht sein...“ Ich bin am Boden zerstört. Ja... es muss die Wahrheit sein. Die eine unabwendbare Wahrheit, deren kleine Finger mir schon seit geraumer Zeit auf die Schulter tippen und mich auf sie aufmerksam machen wollen. Und ich Idiot wollte es nicht akzeptieren. Ich... was bedeutet dieses Ich schon? Es hat niemals existiert und dieser Umstand war mir schon klar, als ich mich das erste mal hinterfragt habe. .. Aber, Moment mal... Seit wann können sich Krankheiten hinterfragen...?

„Natürlich kann das nicht sein!“, dröhnt plötzlich Freemans heisere Stimme, die im Lauf seines Monologs immer mehr an Kraft gewonnen hat. „Wäre der Mensch in diesem Universum die Krone der Schöpfung und ließe sich alles auf dem, für uns begreifbaren Weg erklären, dann säße ich jetzt wohl kaum vor dir.“ „Bitte, was...?“, frage ich schwach und blicke zu ihm auf. „Natürlich bist du keine einfache Krankheit, mein Junge.“ „A... aber weshalb...?“

„Das war nur ein Test.“, der Alte schmunzelt selbstzufrieden. „Um dich auf deine Überzeugung zu prüfen. Allerdings leidest du offenbar unter Selbstzweifel, das enttäuscht mich... Von einem Wesen wie dir, hätte ich mehr erwartet. Vor allem, da du mittlerweile einen geradezu ungesunden Gottkomplex entwickelt hast, zumindest hat er mir das so berichtet... Deine ausgeprägte Arroganz und Überheblichkeit hat das Klinikpersonal ja schon seit deiner Kindheit zu spüren bekommen!“

„Du verdammter Scheißkerl!“, brülle ich zornig und wäre am liebsten auf ihn losgegangen, befände ich mich nicht noch immer im tödlichen Würgegriff der verflixten Zwangsjacke. „Spiel dich nicht so auf!“, sagt der Doktor mahnend und schüttelt missbilligend den Kopf. „Im Gegensatz zu deinem Bruder bist du ohne das richtige Material und Werkzeug machtlos. Ich habe mich bereits gefragt, weshalb Er eine so lächerliche Kreatur wie dich geschaffen hat... deinen Bruder konnte ich ja noch nachvollziehen, aber dich? Nun, vielleicht ist das ja seine Art und Weise, so etwas wie Humor auszudrücken...“ Ein ehrfürchtiger Ausdruck ist in seine Augen getreten, der mich noch mehr aus dem Konzept bringt. Dabei habe ich mir doch geschworen immer ruhig zu bleiben und die Oberhand zu behalten. Doch die Wut macht meine Gedankengänge langsam und träge.

„Hören sie auf zu quatschen, sie sind doch verrückt!“, knurre ich um Zeit zu schinden. „Wer ist Er? Und warum zum Teufel leben sie noch?“ Freeman lächelt mysteriös und tippt mir mit dem Zeigefinger auf die Stirn. Es brennt und ich beiße die Zähne zusammen. Die Wunde, die mir das Orakel zugefügt hat... hatte ihn schon beinahe vergessen.

„Du blutest ja...“, der Doktor wirkt aufrichtig besorgt. „Die stammt von Jack oder? Und diese schwarze Flüssigkeit an deinen Händen... du hast ihn wohl getötet. Wie ärgerlich.“

„Bleiben sie beim Thema, Mann!“, fauche ich aggressiv und ignoriere den Schmerz, den sein bohrender Finger verursacht.

„Wenn du mit Jack gesprochen hast, wird er dir doch etwas gezeigt haben, im Austausch für etwas um dass du ihn offensichtlich danach gebracht hast.“ Wie ein Aufschrei durchzuckt mich plötzlich eine Qual, deren Epizentrum in meiner Stirn sitzt, die aber nicht mehr nur allein von Freemans Finger ausgehen kann. Mir wird schwarz vor Augen und dann flammt es vor mir auf. Die konzentrischen Kreise bohren sich in immer schnelleren Spiralen in mein Hirn, die blutrote Pupille bewegt sich hin und her, durchforstet gnadenlos mein Innerstes...

„Ich... habe nichts gesehen!“, keuche ich. „Er hat mich betrogen... deshalb musste er sterben.“ Der Alte scheint nicht überzeugt, unterlässt es allerdings, tiefer nach zu forschen.

Seine Stirn legt sich in Falten und der interessierte Blick wird ernster. Offensichtlich scheint das Vorgeplänkel nun ein Ende gefunden zu haben. „Weshalb bist du zurückgekommen?“

Die Frage schwebt einen Moment im Raum, denn ich muss ernsthaft darüber nachdenken. Um meine gesammelten Werke der letzten Jahre zu bergen natürlich.


Natürlich? Ist es wirklich so natürlich? Sich allein ob des gekränkten Künstlerstolzes zurück in die Höhle des Löwen zu begeben? Ist es das wirklich wert


„Weshalb bist du zu zurückgekommen?“ Die Frage ist nun eindringlicher, lang und gedehnt, als würde er mit einem Kleinkind sprechen.


Ich weiß es nicht.


„Das hat sie nicht zu interessieren!“, rufe ich laut und hochnäsig. Die Art und Weise wie er mit mir redet macht mich zornig. Diese ganze Farce ist so exorbitant demütigend... Ich seufze schwer und entnervt, meine Augen schließen sich demonstrativ.

„Eine richtige, kleine Dramaqueen, unser armer Irrer.“, dringt plötzlich eine teils belustigt, teils angewidert klingende Stimme an mein gekränktes Ohr.

Es ist einer der Männer, Ben wenn ich mich recht entsinne. Ich fixiere ihn mit scharfem Blick und erkenne sofort, dass er von der Sorte Mensch ist, die meiner Meinung nach vor mir im Staub kriechen und Dreck fressen sollte. Groß und muskulös, gut aussehend, wahrscheinlich mutig und ehrlich, der Traum einer jeden Schwiegermutter... die Abwesenheit von jeglicher Kreativität und Kultur stinkt bis zum Himmel... eine helle und liebreizende Version meines armseligen Bruders, ein Sportsmann...

„Fahrt doch alle zur Hölle“, sage ich lang, gedehnt und triefend vor Verachtung. Ich schließe die Augen wieder und verweigere danach jegliche Konversation.

Minutenlang, ja vielleicht sogar stundenlang stellt mir der Alte immer und immer wieder die selben Fragen. Wann, wie, wo... wieso, weshalb, warum... Ich beschenke sie großzügig mit ergiebiger Schweigsamkeit.

Nach einer Weile füllt sich der Raum erneut mit einer Vielzahl von Stimmen.

Offensichtlich glaubt der untote Greis, dass ich in guter Gesellschaft eher reden werde und hat einen Teil der Meute wieder herein gelassen. Stechenden Blickes sondiere ich die Gesichter um mich herum und stelle mir vor, wie ihnen die Haut in blutigen Fetzen von den gaffenden Visagen blättert. Klappernde Totenschädel umringen mich in meinem kleinen Mentalgemälde und ihr knirschendes Gelächter steckt mich an.

„Wie haben sie es geschafft aus der Einrichtung zu entkommen, Herr...?“ „Was waren die letzten Worte die ihre Eltern zu ihnen sagten bevor Sie sie ermordeten?“ „Bereitet ihnen der Anblick von frischem Blut Lust?“ „Woher nehmen sie eigentlich ihre Genialität?“

Ihre Genialität... Genialität... genialität...

Das Durcheinander verschiedener Fragen und Stimmen wird plötzlich von einem schrillen Kichern übertönt. Die Menge fährt kollektiv zusammen und ich genieße den Duft ihrer zu Berge stehenden Haare.

So viele Menschen... und so viel Interesse... alles nur für mich...

Ich hasse es wie sich mich anstarren, so herabwürdigen.

Ich liebe es, im Rampenlicht zu stehen!

Ich hasse ihre Gesichter, die mich einengen und mit ihrer verzerrten Hässlichkeit anekeln...

Ich liebe die Aufmerksamkeit!

Ich hasse die Aufmerksamkeit...

Ich bin ein Künstler.


Also lache ich, lache und lache und lache, im Gleichklang mit den grinsenden Schädeln die um mich herum schweben.

„Fahrt alles zur Hölle! Fahrt doch alle zur Hölle! Zurück in die Büros aus denen ihr gekrochen seit, verschanzt euch hinter den Schreibtischen, zurück in euer bedauernswert unwürdiges Leben!“, kreische ich ausgelassen und mustere jedes einzelne der entsetzten Gesichter voll Wohlwollen und Verachtung, dann werfe ich in den Kopf in den Nacken, schließe die Augen und genieße ihre gaffenden Blicke auf meinem Körper.


„Deimos... mit wem sprichst du da?“ Es ist Freeman. Ruhig und gelassen.

Mit einem Schlag hört das Wispern und Rascheln der unzähligen Stimmen auf. Der Begeisterungssturm um meine Persönlichkeit ebbt ab, verschwindet schließlich ganz. Als sich meine schweren Lider wieder heben, ist der karge Raum leer. Nur der Alte, Ben, Maria und das dritte, namenlose Mitglied der Security stehen bzw. sitzen wie in Stein gegossen vor mir und mustern mich interessiert, kühl und hasserfüllt.

Ich bin nicht verrückt.

Nein, nicht ich. Nicht ich bin hier der verrückte.


„Abgesehen von uns ist hier niemand.“, sagt der untote Doktor langsam. Ist da Mitleid in seiner Stimme? Oder Belustigung?


...Eine Psychose, die dir Sachen vorgaukelt die gar nicht existieren...


Ich bin nicht verrückt.


Ich bin ein Künstler.


Hier geht es zum nächsten Teil: Furcht und Schrecken - Massaker zur Halbzeit


16:13, 1. Mär. 2016 (UTC)TheVoiceInYourHead (Diskussion)

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki