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5. Akt - Gnadenlos

Neeeeein!“, schreie ich laut und frustriert, bevor eine weitere Welle der Übelkeit meinen Atem stocken lässt. „Nicht jetzt, bitte...“, durch einen Schleier von Tränen erkenne ich, wie sich der vermoderte Teppich vor der Tür leicht und unnatürlich bewegt. Sie ist noch da! Das Mädchen befindet sich noch immer in dem Raum! Ich spüre ihre Aura, muss jedoch würgen und verliere sie.

Ein tiefes dunkles Knurren dringt aus meiner Kehle und ohne mein Zutun verzerrt sich mein Mund zu einem schiefen Grinsen. Ich verliere die Kontrolle über unsere Gliedmaßen, den restlichen Körper und letztendlich die des Sprachzentrums. Innerlich schreie ich vor Wut und trommle mit den Fäusten gegen die imaginären Wände meines Gefängnisses... doch es bleibt zwecklos. Ich kann ihn nicht mehr aufhalten. Als ich versuche, ihn mit einem gekonnten Hieb außer Gefecht zu setzten, schlingen sich Gedankententakel aus purer Willenskraft um meinen, nunmehr erschreckend körperlosen Körper, pressen ihn zu einer kleinen Kugel aus Lebensenergie zusammen und verbannen ihn in den hintersten Winkel unseres Gehirns. Verdammte Scheiße...

„Kleines Mädchen...“, flötet Phobos in einem kindischen Singsang. „Na, wo steckst du, meine Süße...? Lauernd duckt er sich und wippt mit dem Kopf leicht hin und her, die Beine angewinkelt, die Arme schlaff an den Seiten, noch immer das irre Grinsen im Gesicht. Es ist beängstigend. Sogar mir läuft eine imaginärer Schauder über den unvorhandenen Rücken. „Kleines Mädchen...“, zischt er lockend und kichert bösartig. „Komm doch zu mir... verstecken lohnt sich nicht, ich kann dich spüren... und im Gegensatz zu meinen kurzsichtigen Bruder... kann ich dich auch sehen!

Er stößt vor und greift in die Leere, rechts neben der Tür... ein schriller Schrei ertönt und das Kind wird mit einem Schlag wieder sichtbar. Wie...? Woher wusste er...?

„Niemand kann sich vor Phobos verstecken, NIEMAND, und nicht einmal der Riss wird euch dreckigen Menschenabschaum schützen! Welcher Riss? Mir schwirren tausend ungelöste Rätsel im Kopf umher, Fragen, die nach einer Antwort verlangen, wirre Gedankenfetzen...

Das Mädchen starrt Phobos mit schreckgeweiteten Augen an, welcher seine Faust in ihr Hemd gegraben hat und sie langsam in seine Richtung zieht. Sie wehrt sich verzweifelt, doch ihr magerer Körper ist viel zu schwach um irgendetwas gegen ihn auszurichten. „Nein, nein, Nein!“, kreischt sie und versucht ihn zu kratzen. „Nicht du! Nicht du! Ich will Deimos, will Deimos, Deimos, nicht dich!“ Hass und Panik stehen in ihren Augen, was mich verwirrt, da es im krasses Gegensatz zu ihrer vorherigen Apathie und Emotionslosigkeit steht. Welch interessanter Wechsel... Mein Bruder hat sie nun direkt vor sich, greift grob in ihre Haare und reißt sie daran empor, bis sie auf Augenhöhe sind. Tränen treten in ihre Augen und sie wimmert gequält. „Lass... Deimos... frei...“.

Woher, in drei Teufels Namen weiß sie...? Ich verstehe das Ganze nicht mehr, verstehe nichts mehr... und dann trifft mich die Erkenntnis! Wenn Phobos sie jetzt umbringt, dann werde ich niemals Antwortet auf meine unzähligen Fragen erhalten, niemals.... Und er wird sie zweifellos töten.

Das Kind baumelt mit schmerzverzerrtem Gesicht vor uns in der Luft, wehrlos und verängstigt, mein Bruder starrt sie mit einer abartigen, unverhohlenen Gier an... kalte Wut steigt in mir hoch. Du bekommst sie nicht! Sie gehört mir! brülle ich im Geiste, natürlich wirkungslos. Phobos zieht langsam und genüsslich Jeffs Messer aus der Manteltasche und lässt es im stumpfen Lampenschein aufblitzen. Er setzt es zärtlich am Hals des zitternden Mädchens an, lässt die scharfe Klinge über die vernarbte Haut gleiten und ritzt diese leicht ein. Die Kleine schluchzt als er den dünnen Blutfaden gierig von ihrer Kehle leckt. Ich verkrampfe innerlich.

Er wird sie nicht sofort töten, dass ist nicht seine Art, außerdem wird er zuerst noch seinen Spaß mit ihr haben wollen, sie ausprobieren. Es wäre eine Premiere, denn noch nie zuvor hat er ein Kind getötet... Aber wenn ich Pech habe, wird sie in Bälde gar nicht mehr in der Lage sein zu Antworten, selbst wenn ich rechtzeitig einschreite bevor er ihr den Gnadenstoß versetzen kann.

„Welche Gnade?“, fragt er hämisch und reißt mich aus meinen Gedanken. Scheiße, er kann mich ja hören! „Natürlich kann er das!“, grummelt er und wendet sich wieder an die Kleine. „Sie her, was ich mit ihr mache und sei stolz auf mich!“ Ich verbarrikadiere meinen Verstand und spalte ihn unter Anstrengung von seinem ab, in der Hoffnung ungestört einen Plan entwickeln zu können. Während ich grüble, treibt mein irrer Bruder sein perfides Spiel weiter. Er knallt das Mädchen auf den schmutzigen Küchentisch, drückt ihr mit der Rechten die Kehle zu und angelt gleichzeitig mit der freien Hand nach einer flachen Schale im hinteren Bereich der Platte. Immer noch am Hals gehalten und kaum in der Lage zu atmen, wird Lunas Kopf brutal angehoben und das kalte Porzellan darunter gezerrt. Eine Auffangschale...

Ich kann nicht von mir behaupten, es würde mich nicht fesseln, jedoch widert mich die Verstocktheit meines debilen und uneinsichtigen Bruders zutiefst an.Versteht er denn nicht, wie wichtig mir die Informationen sind, die mir nur dieses Mädchen, mein Geschöpf liefern kann?! Natürlich nicht... er ist ein Tier. Ein wildes, gedankenloses, gefährliches Tier. Er gehört eingesperrt. Wie ich ihn hasse. Seine Dummheit.

Während er grinsend mit der Klinge über den weißen Hals des Kindes streicht, randaliere ich in seinem Inneren. Lass mich raus, lass mich raus, lass mich raus! Lass! Mich! Raus! Bastard! Ich fluche, spucke, schlage um mich, mir wachsen scharfe Krallen und ich zersteche ihm damit von Innen heraus die rollenden Augäpfel. Ich ramme sie in sein Kleinhirn, verarbeite die Schädeldecke zu Brei und grabe mich durch seinen Mund nach draußen während ich seinen Kiefer breche und die grinsenden Lippen zerreiße. Natürlich geschieht dies alles nur in meiner Fantasie, jedoch scheint er etwas bemerkt zu haben, denn das Lächeln fällt plötzlich von seinem maskenhaft verzerrten Gesicht ab und er krümmt sich leicht zusammen. „Lass das, Deimos!“, zischt er heiser und schlägt sich mehrmals an die Stirn, als wolle er mich damit ruhig stellen. Denkst du. Mich wird niemand ruhig stellen, nicht einmal ein Berserker der mit mir den selben Körper bewohnt. Aber ich bin erschöpft... bleierne Müdigkeit breitet sich in meinem Bewusstsein aus... Es ist schwierig zu kämpfen, wenn man nur noch aus reiner Willenskraft besteht.

Ich spüre die Erregung meines Bruders, als er sich an der Angst der Kleinen weidet. Es ist ekelerregend, und noch schlimmer, es gefällt mir. Jedoch würde es mir wesentlich besser gefallen, wenn dort von allen armseligen Erdenwesen die auf diesem verkommenen Dreckklumpen ihr klägliches Dasein fristen, nicht ausgerechnet sie kurz davor wäre, von meinem perversen Zwilling geschächtet zu werden.

Kaum ist dieser Gedanke durch meinen Geist geweht, beginnt dieser damit, langsam den Druck auf die Klinge zu verstärken. „D...Deimos! Bitte...“, röchelt Luna verzweifelt und windet sich in seinem... in unserem Griff.

„Er wird dir nicht helfen, kleine Schlampe!“, kreischt mein Bruder aufgeräumt und lacht gackernd, „Ich... erlaube es ihm nicht! Und ich glaube...“, er senkt die Stimme und flüstert vertraulich in ihr Ohr, „... er will dir auch gar nicht helfen. Er hasst dich nämlich... so wie er jeden hasst.“

Höre ich da etwa Bewunderung in seinen Worten? Wenn du wüsstest wie sehr ich vor allem dich hasse, verdammter Bastard, denke ich kochend vor Zorn. Ich spüre wie unser Arm das Messer immer tiefer in die papierne Haut der Kleinen presst. Mit dem Druck wächst auch meine Wut und Nervosität. Ein Plan, ein Plan... Ein Plan muss her! Jetzt!

Doch bevor ich mich überhaupt sammeln kann, wird der Druck zu groß und die Haut bricht! Blut sprudelt aus Luna Kehle, ergießt sich über unsere Hand und tropft dick und rot in die Schale, malt ein spritziges Blutgemälde auf das staubige Porzellan.

NEEEEIIIN!!!“, brülle ich abermals, so voller Hass und Zorn, dass ich das Gefühl habe, etwas in mir würde reißen. Sehr zu meiner Überraschung muss ich feststellen, dass mein Gebrüll nicht nur in meinem Verstand verklingt sondern unsere Kehle verlässt und über die Zunge nach außen dringt. Frustration und Panik verleihen mir Kraft und mein Bruder ist beim Anblick des Blutes in Ekstase geraten und unvorsichtig geworden. Ich nutze die günstige Gelegenheit, reiße einen imaginäre Arm hoch und versetzte Phobos' Bewusstsein einen brutalen Schlag mit der mentalen Faust. Es klappt! Seine Persönlichkeit fällt zusammen wie ein Soufflé und ich kann wieder die Kontrolle über den Körper übernehmen.

„Verdammte Scheiße...“, presse ich hervor, reiße die blutbesudelte Hand von Lunas Kehle und suche hektisch nach etwas, mit dem ich die Blutung stoppen könnte. Sie lebt noch... der Schnitt war nur oberflächlich, die Luftröhre ist nicht durchstoßen, jedoch verliert ihr ohnehin schon blasses Gesicht mit jedem verstreichenden Atemzug an Farbe. Nun heißt es schnell handeln, kein langes Bedenken! Ich schnelle vor zum Küchenschrank und reiße auf der Suche nach einem Tuch oder Lappen die Türen und Schubladen aus ihren Verankerungen. In der letzten finde ich einen schmutzigen Lumpen in der hintersten Ecke. Infektion! Schießt es durch meinen Kopf und impulsiv greife ich nach der Whisky Flasche. Die Schmerzensschreie des Kindes sind grauenvoll, als sich der Alkohol brennend in ihre Wunde frisst, doch mit irgendetwas muss ich den Schnitt ja schließlich auswaschen. „Ruhe.“, knurre ich kalt und presse ihr eine Hand auf den Mund. Sie soll verdammt nochmal die Klappe halten, Höllenqual hin oder her. Ob ich herzlos bin? Vielleicht. Was bedeutet das schon.

Nach der behelfsmäßigen Desinfektion drücke ich den Stoff auf die Verletzung, welcher das Blut auch sofort aufzusaugen beginnt. Sie wimmert jetzt nur noch leise. Offenbar hat sie es kapiert. Ich nehme vorsichtig die Hand aus ihrem Gesicht, greife nach ihrer und führe sie an die Stelle, an der ich den Lumpen an ihren Hals drücke. „Festhalten.“, sage ich kurz angebunden und bin zufrieden als sie meinem Befehl wortlos folge leistet. Es wird heilen. Alles nur halb so schlimm. Das Mädchen, dieses wundervolle Rätsel und mein Geschöpf wird überleben. Sie ist sehr geschwächt und zittert unkontrolliert, keines Falls in der Lage von allein die Flucht zu ergreifen. Armselig. Verachtenswert. Zur Sicherheit werde ich sie heute Nacht auf dem Sessel festbinden.



6. Akt – Seelenhort und Menschenmacher

Einige Stunden später befinde ich mich im Keller des Hauses. Ich habe ihn in eine Art kleines „Atelier“ umfunktioniert. Meine eigene Werkstatt... davon habe ich immer geräumt und nun ist es endlich wahr geworden!

Hier unten, in einem steinernen Gewölbe, unter einer vermoderten Hütte im Wald, mit einer verletzten Gefangenen im Obergeschoss, deren gerinnendes Blut die Schüssel in meinen Händen füllt, fühle ich die Freiheit süß und rein durch meine Adern pulsieren. Freiheit heißt Inspiration. Ich tauche mein Gesicht in das kalte Blut, schaue grinsend in den schmierigen Silberspiegel, der an der Stirnseite des Raumes lehnt. Flackernde Kerzen sprießen wie Giftpilze aus jeder unbenutzten Fläche, beleuchten meine feuchtes, rotes Antlitz und verzerren es zu einer wunderschönen Maske der Kreativität.

Ein angenehmer Schauder läuft mir über den Rücken als ich die neu entdeckte Macht durch meinen Körper strömen fühle. „Aaaaaaah...“, ein heiseres Keuchen der Lust entfährt meiner zugeschnürten Kehle. Ich lache. Ein juchzendes, befreites Lachen. Hier unten bin ich Gott.

Ich gieße den Rest von Lunas Blut vorsichtig in einen gläsernen Flakon, den ich zusammen mit einer Vielzahl anderer kristallener Behälter, Reagenzgläser und Glaskolben, in einer Ecke des Kellers gefunden habe. Wahrscheinlich hat der Vorbesitzer das ganze Zeug zum illegalen Brauen von billigem Fusel verwendet aber ich habe einen anderen Zweck für sie... Es wird großartig! Der gefüllte Flakon wird etikettiert und bekommt einen Ehrenplatz im Regal, dass ich ab heute liebevoll den „Seelenhort“ nennen werde. Stolz lasse ich den Blick über mein Reich wandern. Neben dem Seelenhort steht der „Menschenmacher“, ein schwerer Holztisch, gefüllt mit Künstleruntensilien jeglicher Art, die ich noch in dieser Nacht aus dem Dorf gestohlen habe. Papier, Pinsel, Stifte, Kohle, Kreide, Farbe... und ein großer Wachsklumpen.

Etwas in mir weiß was zu tun ist. Der Gottkönig in mir weiß was zu tun ist. Ich starre erneut in den Spiegel, in mein blutiges Gesicht, in meine grünen, sprühenden Augen. „Gut siehst du aus.“, sage ich lächelnd zu mir selbst und lasse mich gänzlich fallen.

Mein Körper bewegt sich wie von selbst auf den Menschenmacher zu und und meine Finger graben sich in das weiche, weiße Wachs. Im Handumdrehen haben sie eine kleine, humanoide Figur geformt. Mit jedem geschickten Griff wird sie detailreicher, bis ich letztendlich erkennen kann, was mein Unterbewusstsein da geformt hat. Mich selbst.

Ich grinse, denn nun weiß ich was zu tun ist. Ich lege die winzige Figur zur Seite und breche erneut einen Brocken aus dem Wachs. Eine kleine, kindliche Figur mit langen Haaren und großen Augen entsteht. Luna. Ich drücke mit dem Finger eine Kuhle in ihre Brust, gleite hinüber zum Seelenhort und hole das Fläschchen mit ihrem Blut hervor. Mit einer Pipette entnehme ich einen Tropfen, lasse ihn in die Kuhle fallen und verschließe diese wieder mit Wachs, so dass sich im Inneren der Figur nun ein kleiner, mit Blut gefüllter Hohlraum befindet. Dann steche ich ohne das Gesicht zu verziehen mit einer Nadel in meine eigene Fingerkuppe, drücke etwas Blut aus der Wunde und wiederhole die Prozedur, diesmal mit meinem wächsernen Gegenstück. Für einen kurzen Moment überkommt mich ein seltsames Gefühl, wie ein kalter Wind der unter meiner Haut weht. Ein leichtes Reißen... dann nichts mehr. Unsicherheit...? Aber nein, weiter im Plan!

Ich lege die zwei Puppen nebeneinander und betrachte sie. „Gleich gehörst du mir, Luna...“, flüstere ich, erfüllt von Ehrfurcht vor mir selbst. Ich nehme in jede Hand eine Puppe und führe sie über einer Kerzenflamme an den Armen zusammen. Den brennenden Schmerz, der sich im selben Augenblick von meiner Hand ausgehend im ganzen Unterarm ausbreitet, ignorierend, warte ich bis sich der jeweilige Arm der Figur verflüssigt hat und mit dem der anderen verschmolzen ist. Ich beiße die Zähne zusammen, jedoch ertrage ich die Qualen, denn ich weiß, dass sie meine Vermutungen nur bestätigen. Plötzlich fängt das Kind im Obergeschoss an zu wimmern und zu schreien, sich auf seinem Sessel zu winden und gegen die Fesseln zu kämpfen.

Ein bösartiges und erfreutes Kichern erfüllt den Keller. Ich brauche eine Weile um zu erkennen, dass ich selber es bin, der da kichert. Ich hatte Recht. In drei Teufels Namen, ich hatte Recht! Ich reiße die verwachsenen Figuren erst aus der Flamme, als es unerträglich wird. Ich betrachte die beiden Körper stolz, die nun an den Schultern zu einem verschmolzen sind wie siamesische Zwillinge. Langsam klingt der Schmerz ab und macht Platz für ein alles einnehmendes Hochgefühl, dass mich mit einem wohligen Kribbeln erfüllt.

Nach der Theorie kommt die Praxis. Ich konzentriere meine gesamte Geisteskraft auf das schluchzende Mädchen über mir und versuche eine erste Verbindung aufzubauen.

Luna, rufe ich.

Luna, kannst du mich hören? Hörst du mich? Nichts.

Luna! Antworte mir! Nun mit mehr Nachdruck.

Ja?                            

Du hörst mich!

Ja.

Du wirst nicht weglaufen?

Ich werde nicht weglaufen.

Du kannst nicht weglaufen.

Ja...

Ich grinse. Es hat perfekt funktioniert. Sie wird mir nun so lange hörig sein und alle meine Befehle befolgen, bis ich unsere Verbindung wieder löse. Vorsichtig wickle ich die Figur in ein Tuch ein, verstaue das Bündel in einem Karton und verstecke diesen in der hintersten Ecke des Seelenhorts.

Ich habe nun eine direkte mentale Verknüpfung zu dem Mädchen, allerdings bin ich in dieser Beziehung, anders als in der zu Phobos, vollkommen autark und sie darf nur dann reden, wenn ich es ihr erlaube. Ich kann in ihre Seele sehen, sie jedoch nicht in meine. Es ist herrlich.

Kaum dass ich mir über diesen Umstand vollends bewusst geworden bin, bekomme ich ihn auch mit aller Macht zu spüren. Das Mädchen hat plötzlich Angst vor etwas. Eine namenlose Furcht klammert sich um ihr Herz und lässt mich erzittern. Ich klammer mich schwer atmend an einer Tischkante fest.

Luna!

Ja, Deimos?

Was ist passiert?

Er kommt.

Fieberhafte Gedanken rasen durch meinen Kopf. Er? Wer zum Teufel soll „er“ sein?

Wer?

Er. Sie. Grünes Auge. Blaues Auge. Er schläft nicht.

Was?!

Er kommt. Im Wald. Will dem Kind helfen. Er hilft immer.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was das verrückte Ding da faselt. Für mich ergibt das ganze keinen Sinn. Himmel, dieser Tag wirft mehr Fragen auf als mein gesamtes bisheriges Leben. Ich fasse mir stöhnen an die Stirn und lasse mich auf einen klapprigen Hocker fallen. Ich bin müde...

Und dann spüre ich es auch.

Luna?

Ja, Deimos?

Was will er?

Dem Kind helfen. Er wird den bösen Mann töten. Dann wird er kommen.

Aber wer...?

Deimos?

Ja?!

Er wird auch dich töten.

„Nein.“, sage ich laut, während ich mir den Mantel überstreife und grinsend die Treppe hinauf gehe. „Nein.“, wiederhole ich noch einmal, als ich in der Küche vor dem Mädchen stehe. „Nicht, wenn ich mir zuerst sein Blut hole!“

Mit Jeffreys Messer löse ich ihre Fesseln und verstaue es danach wieder griffbereit in einer der großen Manteltaschen, zusammen mit den beiden Metallstäben, einem Reagenzglas und einem Korken. „Du bleibst hier!“, belle ich das Mädchen schroff an. Ich weiß, dass sie gehorchen wird. „Bitte Deimos, geh nicht... er... ist sehr stark...“, flüstert Luna kläglich. Ich ignoriere sie, ziehe meine schweren Stiefel an und stapfe in den dunklen Flur. Als ich die Tür aufstoße, erkenne ich, dass der Morgen bereits hinter den Wipfeln des Waldes ruht und bald die Sonne aufgehen wird. Unter den dichten Kronen herrscht jedoch noch immer erdrückende Dunkelheit und grinst mich herausfordernd an. Ich trete über die Schwelle und atme die klare Luft genießerisch ein. Der ungeborene Morgen schmeckt wunderbar.

Deimos!“, kreischt das Kind und stürzt hinter mir her. „Dei... Argh!“. Etwas wie eine unsichtbare Mauer hält sie auf, als sie versucht hinter mir über die Türschwelle zu rennen. Ein lautes Zischen ertönt, es stinkt nach verbranntem Haar und sie wird grob zurück in den beleuchteten Flur geschleudert. Ich grinse während die Tür hinter mir ins Schloss fällt und das verzweifelte Rufen des Mädchens gedämpft wird. „Niemand kann mich aufhalten!“, knurre ich zufrieden und marschiere in den dichten Wald.


Nach etwa einer halben Meile stoße ich auf eine Lichtung. Ich habe mich von meinen Instinkten bis hier leiten lassen und weiß, dass ich richtig liege. Wie bereits gesagt, offensichtlich ziehe ich diese Kreaturen an, wie eine Straßenlaterne Insekten. Im dämmrigen Licht der aufgehenden Sonne erkenne ich drei Gestalten. Zwei hochgewachsene und eine kleine. Alle männlich.

Der korpulentere der zwei großen liegt zusammengekrümmt unter einem verkrüppelten Baum und windet sich vor Schmerzen. Der zweite beugt sich über ihn und macht sich an ihm zu schaffen. Ich kann nicht erkennen was genau er da tut, umso deutlicher spüre ich jedoch, dass er es ist den ich gesucht habe. Die kleine Person, offenbar ein Kind, stolpert langsam rückwärts von der Lichtung weg, dreht sich dann taumelnd um und rennt fluchtartig in Richtung des nächsten Dorfes. Es verschwindet zwischen den dichten Bäumen, als wäre es von einem großen, dunklen Tier verschluckt worden.

Ich schaue ihm noch nach, als plötzlich ein heiserer, gepeinigter Schrei erklingt und als ich mich der Geräuschquelle zuwende erkenne ich, dass der dicke Mann aufgehört hat sich zu bewegen. Das Gras um ihn herum färbt sich schwarz. Ich muss unwillkürlich lächeln.

Der zweite Mann ist größer und kräftiger gebaut als ich, trägt einen langen braunen Mantel und hat schulterlanges, braunes Haar.

„Bravo!“, rufe ich mit gespielter Anerkennung als ich langsam aus dem Unterholz trete. „Bravissimo, ja wirklich, ganz Ausgezeichnet mein Guter!“, träge klatsche ich in die Hände und fange langsam an ihn zu umkreisen. Zeig mir dein Gesicht!, denke ich ungeduldig, während ich ihn weiter anlächle.

Er dreht sich ruckartig um... und starrt mich mit leuchtenden Augen an.

...Grünes Auge. Blaues Auge... höre ich Lunas leise Stimme in meinem Hinterkopf.

Ich breite grinsend die Arme aus. „Du bist es!“



Hier geht es zum nächsten Teil: Furcht und Schrecken - Erste Striche




TheVoiceInYourHead (Diskussion) 20:34, 6. Feb. 2015 (UTC)

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