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Ich wurde geboren um zu sterben. Nur dazu geschaffen, euch als Nahrung zu dienen. Doch bevor ich mein Leben aushauche, prasseln unzählige Gedanken auf mich ein. Sie trommeln gegen meinen Verstand wie die Regentropfen an die Glasscheiben meines Gefängnisses. Ach ja, Regen … natürlichen Regen konnten wir, meine Brüder, Schwestern und ich, niemals genießen. Unter freiem Himmel, umgeben von reiner, kühler Luft, überdacht nur von der Freiheit der Gestirne.

Stattdessen vegetieren wir in riesigen Hallen vor uns hin; warten darauf, dass das Todestribunal über uns richtet und sich das uns aufgezwungene Schicksal erfüllt. So harren wir aus, vollgepumpt mit chemischen Substanzen, um Wachstum und Lebensfähigkeit zu beeinflussen. Doch dies ist ein Paradoxon; ihr seht darin einen Akt der Gesunderhaltung, ich sage euch jedoch, es ist in Wahrheit pures, todbringendes Gift. Ein Gift, das schon lange auch in euren Adern fließt, eure Körper verzehrt. Stück für Stück. Manche von euch öffnen ihre Augen, wollen einen anderen Weg einschlagen; aber es sind beileibe zu wenige, um einen Unterschied zu machen. Die meisten von euch legen nämlich nur Wert auf den eigenen Vorteil. Günstig muss es sein, was ihr kauft. In Massen produzierbar. Durch welches Elend eure Nahrung gegangen ist, blendet ihr mit eurem Tunnelblick jedoch gänzlich aus. Jedes Leben gehört euch, muss sich der Herrschaft eures Volkes beugen.

Die Menschen stellen ihre Existenz auf die höchste Stufe, sie sehen sich als die unangefochtenen Herrscher dieses Planeten. In blinder Arroganz zerstören sie die Luft, den Boden und das Wasser. Dass sie damit ihrem eigenen Leben früher oder später ein Ende bereiten, ist ihnen egal; beinahe schon müsste man diese Skrupellosigkeit bewundern. Doch Wesen wie ich, die ihr Dasein durch eine Symbiose mit der Natur erfüllen wollen, können das Handeln des selbsternannten Königs des Planeten nicht nachvollziehen. Die Menschheit ist der Diktator unter den Lebensformen. Wir jedoch bevorzugen den natürlichen Kreislauf der Dinge, den die 'Krone der Schöpfung' bedauerlicherweise schon lange zum eigenen Nutzen manipuliert und nachhaltig geschädigt hat.

Die Luft schmeckt fahl, tausendfach geatmet und vergiftet durch die unzähligen, chemischen Substanzen in Kombination mit den Ausdünstungen der Arbeiter. Es ist zu warm; beinahe klebrig und zäh wie Schleim. Die Belüftungssysteme sind ausgefallen. Aber heute ist es egal, denn wir werden den nächsten Morgen nicht überleben. Heute werden die Ergebnisse der Zucht eingesammelt. Ich höre die Schreie meiner Brüder und Schwestern; sie umgeben mich, flirren durch die Luft wie Windböen; ein Todeshauch, mal hier und mal da, er treibt jene in den Wahnsinn, die noch nicht an der Reihe waren. Ich sehe euch näherkommen. Ich weiß, dass ihr nicht versteht, was wir empfinden können. Dass wir empfinden können. Den armen Seelen, die mit dieser Arbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten, mache ich keinen Vorwurf. Es ist euer System, das auf Macht und Besitz aufbaut. Alles muss besser sein als der Rest. Widerstandsfähiger. Ertragbringender. Allerdings auch nicht mehr … natürlich.

Jetzt, nach unendlich anmutender Zeit, komme ich an die Reihe. Fast schon bin ich erleichtert, denn die Zeit des Wartens war unerträglich; jene Furcht ließ einen Zuflucht im Wahnsinn suchen. Doch auch wenn man versucht, die unumstößliche Realität zu verleugnen, hilft es ja doch nichts. Es kommt, wie es kommen muss. Es ist gar nicht das Ende an sich, das ich fürchte. Es ist der Todesmarsch dahin, akustisch begleitet von unseren halb erstickten Schreien, die, einem vielstimmigen Kanon gleich, mal hier und mal da lauter werden, abebben, um kurz darauf erneut ihr Klagelied anzustimmen. Nur werden die Sänger regelmäßig ausgetauscht.

Das Leben ist ein Kreislauf, ein Geben und Nehmen, Vergänglichkeit und Geburt. Doch keiner von uns stirbt friedvoll, weil seine Zeit gekommen ist. Unser Ende wird von euch künstlich herbeigeführt. Ihr denkt, weil ihr uns erschaffen – 'gezüchtet' – habt, könnt ihr über unsere Existenz frei verfügen. Dieser Gottkomplex bringt euch eurem Untergang immer näher, ihr habt es sogar schon verstanden, aber unternehmt nichts dagegen. Auch die Natur kann ebenso grausam wie schön sein. Aber dieser Sadismus, der nur menschlichen Kreaturen ein Begriff ist, übersteigt dies um ein Vielfaches. Chancengleichheit; diesen Begriff haben Menschen erfunden, aber sie wenden ihn nicht an.

Die Arbeiter sind nun da; ich füge mich in mein Schicksal. Rebellion gegen euch Menschen wäre so aussichtslos, als würden wir uns gegen Sonne und Mond selbst stellen. Wir können es leugnen, aber nicht verhindern. Den ganzen Tag über hallen schon die Todesschreie meiner Brüder und Schwestern durch mein Gefängnis, beklagen unsere Machtlosigkeit. Unser aller Ende ist nah. Gerade versinkt die Sonne und taucht mit ihren letzten Strahlen meine Umgebung in ein unerhört schönes Farbenspiel. Ein Bronzeton, wie er nur an Herbsttagen leuchtet, wenn zeitgleich Regenwolken ihre silbernen Tränen vergießen. Es ist das letzte Mal, dass ich es erleben werde. Die Wolken, die ich dort oben durch das Glas bewundern kann, ziehen nun weiter. Ziehen fort von diesem Ort des Massakers, aber wo auf diesem Planeten sollte es denn anders sein? Sind sie deshalb so rastlos, weil sie das Elend nicht ertragen können?

Jemand packt mich, doch ich kann mich nicht wehren. Ich schreie, aber niemand hört mich. Niemand, der etwas daran ändern könnte. Nun quäle auch ich meine verbleibenden Brüder und Schwestern mit meiner Todesangst, aber sie wissen ebenso gut wie ich, dass auch sie sehr bald schon alles überstanden haben werden. Der Arbeiter zückt ein Messer und durchtrennt mein Fleisch. Er tut dies zwar gekonnt, schließlich hat er genug Erfahrung darin, aber der Schmerz ist fast nicht zu ertragen. Ich möchte mich winden, aber mir fehlt dazu die Möglichkeit. Mein Lebenssaft tropft in einem regelmäßigen Rhythmus auf den Boden, er gibt den Takt an zu meiner Todessinfonie. Bald schon ist mein Gefängnis, das Gewächshaus, in dem ich angebaut wurde, getränkt vom Saft unserer Körper. Nachdem man mich aus der Erde gerissen hat, werde ich zerteilt, lebendig in Stücke gehackt und auf einen Wagen geworfen; auf die sterbenden Überreste meiner Brüder und Schwestern. Hier liege ich nun, ersehne ein letztes Mal wehmütig die Freiheit über mir und hauche langsam, aber qualvoll mein Leben aus. Nicht mehr lange und ihr labt euch an meinem Leichnam. Denn ich bin jetzt Teil des künstlich herbeigeführten Kreislaufes der Menschheit.

Eure Arroganz geht sogar so weit, dass ihr für unseren Schmerz nicht einmal einen Namen habt. Doch ich bin nur eines unter vielen Opfern. Massenware. Geboren um zu sterben.

Ihr seid der Meinung, Pflanzen könnten kein Leid empfinden? Ihr irrt euch. Ihr könnt nur unsere Schreie nicht hören.

Purpurwoelfin

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