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Ich stehe am Rand der Brücke. Schwankend und auf das schwarze Wasser unter mir blickend. Eine beißende Kälte umhüllt mich. Ich schließe die Augen und atme tief ein. Die Kälte ist mir egal. Der Alkohol wärmt mich von innen. Die leere Flasche entgleitet meinen Fingern und fällt.


Ich zähle die Sekunden. Als ich bei drei bin, höre ich sie unten aufkommen. Wie lange wird es wohl bei mir dauern? Ich bin bestimmt nicht der erste, der hier steht, und werde ganz sicher auch nicht der letzte sein. »Der wievielte ich wohl bin?«, geht mir durch den Kopf. Doch es ist mir egal. Alles ist mir egal. Aus dieser Höhe wird der See den gleichen Effekt haben wie Beton.

Ich richte meinen Blick gen Himmel und betrachte die Sterne. Eine einzelne Träne rinnt an meinem Gesicht hinunter, als ich an den Grund denke, der mich hier stehen lässt.

Meine Frau ist weggelaufen. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht wegen einem anderen Mann, vielleicht weil sie mich nicht mehr liebt. Der Grund ist eigentlich egal, wie so vieles für mich egal geworden ist. Das Bild meines leeren Hauses ist die einzige Erinnerung, die mir geblieben ist. Ich bin allein. Damit konnte ich noch nie umgehen. Mach ich einen Fehler? Die Verzweiflung nimmt mir allmählich die Luft zum Atmen.

Ich schlucke. Nein. Ich kann das nicht. Ich schaue nach unten. Die Lampen hier dringen nicht durch die Dunkelheit. Ich sehe nur schwarz. Es gibt immer einen Ausweg. Meine Sicht verschwimmt und ich trete einen Schritt zurück. Meine Muskeln spannen sich regelrecht an. Ich will es nicht, aber jetzt scheint mich etwas zu zwingen. Als würde mein Körper das beenden wollen, was mein alkoholisierter Geist angefangen hat. Mein Körper gehorcht mir nicht mehr! Bin nicht länger dazu imstande, meine Glieder selbstständig zu bewegen. Ich schlucke und versuche zu schreien. Nicht einmal meine eigene Stimme gehorcht mir mehr.

Ich stehe weiter am Rand der Brücke. Nicht fähig, mich zu bewegen. Weder, meinem Leben ein Ende zu setzen, noch zurückzuweichen. Das Gefühl ist beklemmend, aber es kommt mir bekannt vor. Als wäre ich schon einmal in so einer Situation gewesen. Kann das sein? Kalter Schweiß tritt auf meiner Stirn aus. Angstschweiß. Eisige Finger streichen meinen Nacken entlang. Ist jemand hinter mir? War ich zu abgelenkt mit meinen eigenen Gedanken, um etwaige Schritte wahrgenommen zu haben? Oder ist es vielleicht der Tod persönlich, um meine Seele in eine neue Welt zu begleiten? Nein. Ich fantasiere. Mein Zustand muss einen anderen Grund haben. Etwas Medizinisches. Ich bin kein Arzt, aber es ist nur logisch.

Plötzlich wieder dieses Gefühl einer Berührung. Dann Schritte. Ich kann meinen Kopf nicht drehen. Dann, quälend langsam, eine Bewegung am Rand meines Sichtfelds. Jemand tritt neben mich. Seine Kapuze behindert mich, ihn eventuell zu erkennen. Minuten vergehen, in denen wir schweigend nebeneinander stehen. Ich, der Unfähige. Er, der Unwillige. Langsam legt er seinen Arm um meine Schulter. Ich verzweifle innerlich. Doch endlich dreht er sich um. Lächelt. Ein Schock durchfährt meinen Körper. Meine Augen weiten sich, und ich weiche zurück. Bin überrascht. Einerseits von der Identität meines Gegenübers, andererseits dadurch, meinen Körper wieder bewegen zu können. Mit dem Gefühl meines eigenen Körpers spüre ich auch gleichzeitig den sich verstärkenden Druck seines Armes. Ich verliere mein Gleichgewicht und stürze. Während ich an Höhe verliere und der Wind an meinen Kleidern reisst, trete ich weg.





Ich bin wieder zu Hause. In meinem Wohnzimmer. Ich stehe neben meiner Frau. Ihr Gesicht ist verweint, und der Ausdruck von Angst ist darauf zu erkennen. Ich bin verwirrt. Drehe mich um. Und sehe mich selbst, wie ich aushole. Meine Faust trifft auf ihren Nasenknochen, der sofort bricht. Ich traktiere ihr Gesicht mit weiteren Schlägen. Eine Augenbraue platzt auf, und sie versucht, meine Schläge abzufangen. Vergebens. Ich lache schallend und schlage weiter auf meine Frau ein. Ich selber kann mich vor Entsetzen nicht bewegen. Ist das eine Illusion, oder gar eine Erinnerung? Plötzlich fällt mir etwas an mir auf. Obwohl meine Gesichtszüge aussehen, als hätte ich große Freude daran, meiner Frau Schmerzen zuzufügen, sieht der Ausdruck in meinen Augen ganz anders aus. Verzweifelt. Ängstlich und unwillig sogar. Bin ich etwa in derselben Situation wie der, als ich auf der Brücke stand?

Ich sehe, wie mein Bruder hinter mich tritt. In seinen Händen ein großes Holzscheit für den Kamin. Er hebt es und schlägt rasend vor Wut auf meinen Kopf ein. Ich gehe zu Boden. Er war schon immer stärker als ich gewesen. Ein Wunder, dass er mir meinen Schädel nicht eingeschlagen hat. Doch jetzt weiß ich wenigstens, warum ich keine Erinnerungen hatte. Plötzlich verschwimmt alles um mich herum. Ich schließe kurz meine Augen und bin im nächsten Moment wieder auf freiem Flug Richtung Endstation.


“Oh, Scheiße.”, murmele ich.

Und bevor ich meine Lippen zu einem letzten Schrei öffnen kann, schlage ich auf.



Das Geräusch des aufschlagenden Körpers unter mir ist unglaublich. Ein erregendes Schaudern durchläuft meinen Körper, und ich lächle. Ich hole eine Packung aus meiner Tasche und steck mir eine an. „Keine Sorge, kleiner Bruder. Ich werde sie schon trösten.“ Mein Bruder war ein Idiot, aber sein Geschmack für Frauen war ein Traum. Ich lache laut, und ein irres Grinsen breitet sich auf meinem Gesicht aus. Ich schaue auf meine Hände. „Und falls sie nicht spurt, werd ich es eben ändern.“ »Wer braucht schon wahre Liebe,-«, ich wandte mich zum Gehen, »-wenn man jeden steuern konnte, wie es einem gefiel?«

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