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Ich grüße Sie geschätzter Leser,

ich bin hoch erfreut, dass Sie auf diesen Text gestoßen sind und hoffe, Sie ein wenig unterhalten zu können. Zugegeben, Unterhaltung erwartet man bei einem solchen Titel sicher nicht, aber weswegen sollten Sie sich sonst zu diesem Schriftstück verirrt haben? Wie dem auch sei, es ist natürlich Ihnen überlassen jederzeit mit dem Lesen aufzuhören, oder aber meine Gedanken bis zum bitteren Ende zu verfolgen und dann als totalen Schwachsinn abzutun. Mir ist das einerlei, ich werde es vermutlich eh nie erfahren.

Bevor ich jetzt über meine Gedanken zu erzählen beginne, eine kurze Begriffsklärung. Haben Sie sich jemals gefragt, was einen Psychopathen ausmacht? Ich denke, es ist ganz einfach: Ein Psychopath ist ein Mensch, der von der Gesellschaft als psychisch gestört verurteilt würde. Aus welchen Gründen, sei erst einmal dahingestellt. Vielleicht hat er all die grausamen Taten begangen, die man ihm zuschreibt, vielleicht hat er sie im vollen Bewusstsein und ohne Reue begangen, einzig und allein um seine niederen Triebe zu befriedigen, oder vielleicht denkt er auch all das wäre überhaupt nicht real und es wäre völlig egal, was er tut und was nicht. Vielleicht aber sind das auch alles Unwahrheiten, vielleicht hat die Gesellschaft ihn zu Unrecht verurteilt, es spielt im Grunde genommen keine Rolle. Wurde er erst einmal als Psychopath betitelt, gibt es selten einen Weg zurück. Seien Sie sich also einer Sache immer gewahr: Wir alle, sind nur einen Schritt davon entfernt, als Psychopath verurteilt zu werden. Wir alle sind potenzielle Psychopathen, da es nicht unsere Taten, sondern die Gesellschaft ist, die darüber entscheidet.

Nun aber genug davon, sicher gelüstet es Sie schon nach meinen dunkelsten Geheimnissen, danach die tiefsten Ecken meines kranken Geistes zu durchwühlen und die Opfer zu zählen, die ich auf meinem blutigen Weg hinterlassen habe. In diesem Fall, muss ich Sie leider enttäuschen. Als einer von vielen potenziellen Psychopathen, habe ich mir bisher keinerlei Taten zu Schulden kommen lassen, die es rechtfertigen würden, mich als einen wahren Irren zu betiteln. Aber darum geht es ja auch nicht, es geht um das Potenzial, das - wie ich zugeben muss - bei mir vielleicht wesentlich stärker ausgeprägt ist, als bei so manch anderen Menschen.

Erst einmal ein paar Worte zu mir. Mein Name lautet Nathaniel. Ich bin fünfundzwanzig, gelernter Kaufmann und mittlerweile Angestellter in dem sogenannten "Museum der Erinnerungen", Sie haben vielleicht schon einmal davon gehört, vielleicht gar ein Buch darüber gelesen - das im Übrigen von mir stammt. Sollten Sie tatsächlich in den Genuss des Werkes gekommen sein, kennen Sie vielleicht sogar die Kurzgeschichte "Jagdinstinkt", eine kurze Abhandlung darüber, wie ein Mensch seine innersten Triebe in dunkelster Nacht stillt und ein wehrloses Opfer überfällt.

Bei solchen Geschichten denken die meisten sicher, wie grausam es doch sei, dass es in der weiten Welt da draußen tatsächlich solche Menschen gibt, dessen Lebensessenz darin besteht, anderen Menschen auf jede nur erdenkliche Weise Leid zuzufügen - wenn Sie nicht so denken, sollten Sie vielleicht in Erwägung ziehen, eine professionelle Meinung dazu einzuholen, nur so als Tipp... Auf der anderen Seite leben die meisten aber in dem Glauben, dies wären nur Geschichten und die Wahrscheinlichkeit, dass einem selbst so etwas widerfahren könnte, gehe gegen Null. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum viele Krimi-Autoren die Menschen in zwei Klassen einteilen, nämlich in Schafe und Wölfe? Wenn nicht, sollten Sie vielleicht damit anfangen. Sich in der Sicherheit zu wiegen, dass nur andere das Pech haben, auf einen Massenmörder zu treffen und so etwas einem selbst niemals widerfahren könne, ist reichlich naiv. Es gibt dazu einen prägnanten Spruch, den ich irgendwo mal gelesen habe: "Hast du dich jemals gefragt, ob du schon einmal von einem Massenmörder beobachtet wurdest, der sich dann dachte: Nein, nicht dieser." Nichts läge mir ferner als eine Massenhysterie auszulösen, aber ich finde, man sollte die Möglichkeit zumindest einmal in Erwägung gezogen haben und nicht blind durch die Welt laufen. Ich muss es wissen, ich denke selbst oft genug darüber nach ein Leben auszuhauchen, wenn sich mir die Möglichkeit bietet.

Hah, und da wären wir auch schon beim interessanten Part. Richtig gelesen, Ihr geschätzter Autor und freundlicher Nachbar von nebenan, hat hin und wieder Mordgelüste. Es ist doch ein wahres Klischee oder? Es sind immer die unscheinbaren, von denen man später behauptet, nie damit gerechnet zu haben, dass er zu solch einer Tat in der Lage wäre. Wenn es dann endlich ans Licht kommt, hat er vielleicht schon mehrere Jahre lang gemordet. Ein Wolf, der sich unter den unzähligen Schafen versteckt und die Unvorsichtigen zerfleischt. So lange, bis er selbst unvorsichtig wird zumindest.

Der springende Punkt ist jedoch, ich selbst würde mich niemals als Wolf bezeichnen oder ansehen. Ich bin selbst nur ein Schaf und würde ich zum Messer - oder einer anderen beliebigen geeigneten Waffe greifen - würde ich mir lediglich den Pelz eines Wolfes überziehen. Ein Schaf im Wolfspelz so zu sagen. Das ergibt keinen Sinn, sagen Sie? Warten Sie ab.

Sie müssen verstehen, mir liegt etwas an meinem Leben. Ich schätze es sehr. Ich liebe meine Familie, ich liebe meine Arbeit, ich liebe es zu schreiben. Es gibt nichts, für dass ich dieses Leben eintauschen würde. Nehmen wir einmal an, eines Tages überkommt mich der Drang zu morden und ich ziehe mir den Pelz des Wolfes über - nur ein einziges Mal - und irgendetwas geht schief. Dann verbringe ich einen Großteil meines restlichen und ach so geschätzten Lebens hinter Gittern - wenn ich Glück habe. Das ist keine Zukunft, die ich mir wünsche. Der rationale Teil in mir obsiegt, mit Leichtigkeit über die niederen Gelüste. Nun, meistens jedenfalls. Wenn ich in tiefster Nacht unterwegs bin und eine einsame Seele meinen Weg kreuzt, kann ich nicht leugnen, dass sich mein Geist unentwegt Möglichkeiten ausmalt, dieses Leben ein für alle Mal auszuhauchen...

Aber da kommt dann auch schon der nächste rationale Gedanke hinterher, der so simpel und leicht daher gesagt wird, aber im Grund genommen unglaublich tief greift. Ich bin mir meiner eigenen Schwäche bewusst, ich weiß, dass ich nur ein Schaf bin und betrachte mich nicht als Wolf. Als Schaf, habe ich Angst. Ich habe Angst, vor Menschen wie mir, die dem Drang irgendwann doch nicht mehr widerstehen können. Ich habe Angst davor, selbst eines Tages zum Opfer zu werden. Wenn ich dann hinter dem wehrlosen Menschen hinterherlaufe - durch Zufall, nicht etwa weil ich wirklich einen Plan im Sinn hätte - und über Mord fantasiere, wird mir klar, dass ich niemals jemanden etwas antun könnte, von dem ich selbst nicht wollen würde, dass man es mir antut. Bedenken Sie, ich schätze mein Leben viel zu sehr, als dass ich es einfach wegschmeißen wollen würde. Außerdem weiß man ja nie, ob das mutmaßliche Opfer tatsächlich ein Schaf ist. Was ist, wenn das Schaf im Wolfspelz einen echten und wahrhaften Wolf versucht zu überfallen? Die Chancen stünden wohl verdammt schlecht, für das Schaf...

Und damit kommen wir auch schon zum dritten Punkt. Einen Mord aus dem Hinterhalt zu begehen, ist... nun, die allgemeine Meinung würde wohl lauten, feige und ehrlos. Ein unschuldiges und wehrloses Opfer zu meucheln, das ist keine Herausforderung. Es so zu tun, dass man keine Beweise hinterlässt, das durchaus, aber der Mord an sich, ist simpel und schnell erledigt. Der Ruf des Schlächters wäre damit in Stein gemeißelt: Feiger, ehrloser Psychopath. Klingt nicht sonderlich erstrebenswert, oder? Die Befriedigung tiefster Gelüste, mag eine Sache sein, sich vor der Gesellschaft bloßstellen zu müssen, eine gänzlich andere. Nicht dass ich etwas auf meine Ehre geben würde, aber was würde meine Familie und meine Freunde denken? Sie sind Teil des Lebens, dass ich so sehr schätze...

Damit wären wir auch schon beim Ende angekommen. Ich habe Ihnen meine Gedanken dargelegt, offen und ehrlich. Vielleicht hatten Sie mehr erwartet, vielleicht wollten Sie sich an einer Geschichte über brutalen Mord und Folter ergötzen. In diesem Fall, tut es mir leid Sie enttäuscht zu haben - und ernsthaft, suchen Sie sich einen Arzt... Vielleicht aber, sehen Sie ein, dass diese Gedanken viel mehr sind als nur ein offengelegtes Geständnis - für dass Sie mich im Übrigen verurteilen mögen, wie Sie es für richtig halten, mir ist es einerlei. Vielleicht erkennen Sie nun, dass der wahre Horror nicht in Geschichten und Filmen lauert, sondern da draußen, in den dunklen Ecken der Stadt und vor allem, in den finsteren Winkeln des menschlichen Seins. Wir alle haben das Potenzial, aber nur wenige kosten es aus. Schätzen Sie sich darüber glücklich und versichern Sie sich heute Nacht lieber zwei Mal, dass ihre Haustür auch wirklich abgeschlossen ist. Man kann nie wissen, wann man einem Wolf über den Weg läuft und dieser befindet, dass er sein nächstes Opfer gefunden hat.

Angenehme Alpträume, wünscht Ihnen

Nathaniel Simon Laval

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