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Fühlst du das sanfte Kribbeln in deinem rechten, großen Zeh, welches sich beinahe schleichend auf deine Ferse überträgt? Konzentrier dich doch einige Sekunden darauf. Fühlst du, wie es sich ausweitet? Als ob etwas eiskaltes, dennoch nicht fühlbares über deine Haut huscht, und dir nur die Erinnerung an das besagte Körperteil lässt.

Herzlich willkommen im unendlichen Verstand der Ellena Patrice, die voraussichtlich in wenigen Momenten an Altersschwäche sterben wird. Oh, nein. Das ist keineswegs ein Grund, betroffen zu sein. Sie ist 92 und hatte ein langes, fröhliches Leben. Obendrein existiert sie genau genommen gar nicht, somit ist das Beste, was du jetzt tun kannst, einfach nur weiterlesen, und die Klappe halten.

“Wie ist das möglich?”, möchtest du wissen?

Es stimmt. Ellena ist „nur“ ein Gedankenexperiment. Wir haben sie erschaffen, um dir eine witzige, für dich wohl eher lachhafte Idee nahezulegen. Sie muss weder alt, noch weiblich, noch Ellena sein. Sie könnte auch dein Neugeborenes, deine Cousine, oder irgendein weit entfernter Freund eines Kollegen der Schwester sein. Für dieses Experiment brauchen wir einfach nur jemanden, der dich kennt. Der dich bereits getroffen hat. Jemanden, der sich an dich erinnern kann, falls es nötig ist. Also nehmen wir Ellena. Sie ist 92, und sagen wir… deine Enkelin. Ja. Perfekt.

„Enkelin?“, fragst du iritiert.

Spiel einfach mit. Und bitte - zeig etwas Respekt, schließlich befinden wir uns im Verstand deiner sterbenden Enkelin. Meine Güte, so ein Benehmen ziemt sich doch nicht im Anbetracht eines bevorstehenden Todes.

Fühlst du nun, wie sich das Kribbeln von deinem Fuß weiter bis zu deiner Hüfte bewegt? Anscheinend ist dein Bein eingeschlafen, doch deine Versuche, es zu bewegen, werden nicht helfen. Es wird bleiben. Und sich weiter verbreiten.

Ah. Da ist es ja. Siehst du die Wand von Dunkelheit, welche unaufhaltsam auf dich zurast? Das ist der Tod. Ellenas Gehirn schaltet ab. Die Lichter gehen aus. Alles, was sie jemals war, jemals kannte, Zelle für Zelle und Erinnerung für Erinnerung löst sich auf. In pures, wunderschönes Nichts.

Keine Sorge, das ist nicht das Ende von Ellena. Es ist wahr, wenn die Leute sagen, dass „Solange dich jemand in seinen Erinnerungen hält, auch du weiterlebst.“ Ellena hat liebende Enkelkinder, die sich zu gerne an sie erinnern werden, somit musst du dir wirklich keine Gedanken über ihr scheinbares Ende machen.

Also, warum habe ich dich hergebracht?

Das Kribbeln hat sich mittlerweile sicherlich noch weiter ausgebreitet. Du musst nur kurz still sitzen, und die Augen schließen. Leider hat es beinahe dein Herz erreicht…

Und jetzt kommt die schlechte Nachricht.

Im Grunde ist dieses Experiment hier dein eigenes Ende.

Verstehst du? Ellena war die letzte Person, die dich kannte. Die letzte Person, die dich als lebende, atmende, stoffwechselbetreibende menschliche Lebensform kannte. Die letzte Person, die dich gesehen hat. Die weiß, dass du existiert hast. Die dein Leben selbst teilweise mit erlebt hat. Ab jetzt kannst du für die Menschen nur noch ein fremder Name sein, wenn sie ihn überhaupt kennen. Das ist der Moment, in dem du vom Leben endgültig ins Nichts abdriftest. Das ist der Moment, indem du feststellst, dass du einfach nur eine Erinnerung bist.

Das ist der Moment, in dem du wirklich stirbst.

Sieh nur; da gehen die Lichter hin.

Das Kribbeln ist schon überall.

Leb wohl, Ellena.

...

Leb wohl, du.

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