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Der Gang macht erneut eine Biegung. Dieses Mal nach rechts.
Meine Schritte werden langsamer. Ich hoffe inständig, dass ich endlich am Ziel bin. Das einzige Geräusch hier ist das Quietschen meiner Sohlen auf dem Linoleum und das Hämmern meines Herzens.
Vorsichtig spähe ich um die Ecke, doch auf der anderen Seite gähnt mir nur ein weiterer stiller Gang entgegen.
Linoleumfußboden, grau getünchte Wände, Türen mit Milchglasfenstern und in regelmäßigen Abständen unbequeme Bänke für Wartende. Ein Band aus rechteckigen Leuchtelementen verbreitet kalte Helligkeit.
Mein Blick fällt auf die erste Tür hinter der Kurve.


Segment: Ju - Jw
Bereich: 16,45°
Aspekt: Kategorisierung von Bestandsfällen


Auf einem handgeschriebenen Zettel darunter steht zu lesen:


Termine vergibt die Rezeption.
Nicht klopfen!
Sie werden aufgerufen.


Seufzend setze ich meinen Weg fort.
Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen ist, seit ich mich in diesem Gebäude verirrt habe, aber ich schätze, dass ich meinen Termin bereits vor Stunden verpasst habe.
Es muss jedenfalls so sein. Die silberne Armbanduhr ist zu meinem Unglück kurz nach Betreten des Verwaltungsgebäudes auf Neun Uhr Fünfundvierzig stehen geblieben, doch meine Füße schmerzen von den endlosen Gängen und Korridoren, die ich durchquert habe, und ein leichtes Hungergefühl quält mich. Ich schätze, dass es bereits früher Nachmittag ist.
Vor zwei oder drei Abteilungen habe ich entschieden, lieber den Ausgang zu suchen, statt weiter erfolglos nach der Personalabteilung zu fahnden.
Wenn ich so darüber nachdenke, war es ein Fehler gewesen, der Einladung Folge zu leisten. Die Verwaltung ist nicht mit gewöhnlichen Firmen vergleichbar.
Man bewirbt sich nicht bei ihr, man wird angesprochen und ausgewählt. Das weiß jeder. Aber wenn ich es mir recht überlege, dann kenne ich niemanden, der schon einmal eine Einladung zum Vorstellungsgespräch erhalten hat. Nicht mal jemanden, der jemanden kennt.
Zu dem latenten Hungergefühl gesellt sich allmählich auch Durst.
Wieder greife ich nach dem Smart-Phone in der Tasche. Kein Empfang.
Wenn es wenigstens Menschen auf den Korridoren gäbe, die ich nach dem Weg fragen könnte. Selbst über eine Gebäudeübersicht würde ich mich freuen. Ich könnte sie fotografieren und hätte eine Karte, die mich zum Ausgang führt.
Aber in der Verwaltung laufen die Dinge anders.
Der leere Gang zieht sich.
Ich prüfe die Aufschrift der nächsten Tür vor mir.

Segment: Ka – Ke
Bereich: 15,45°
Aspekt: Kategorisierung von Bestandsfällen

Darunter:

Keine Termine bis Ende des Jahres!
Nicht klopfen!
Nicht stören!

Das wird ja immer schlimmer. Aber irgendwann muss ich jemanden nach dem Weg fragen.
Ich kann schließlich nicht ewig in der Verwaltung herumirren.
Der Gang endet in einer Weggabelung.
Unwillkürlich bleibe ich stehen. Es ist eine Weile her, seit sich der Korridor das letzte Mal verzweigt hat, und es gibt keinen Anhaltspunkt, wo die beiden Gänge hinführen. Keine Infotafel, nicht mal ein schwarzes Brett oder eine kleine Plakette, die verraten würde, zu welchen Abteilungen der Weg führt.
Die Entscheidung wird mir abgenommen, denn aus einem der Gänge klingt das Geräusch einer sich öffnenden Tür. Ich nehme die Beine in die Hand und eile, so schnell ich kann, in den rechten Korridor. Meine Sohlen quietschen grässlich auf dem Linoleum.
Etwa auf der Hälfte des langen Ganges ist ein Mann aus einer Tür herausgekommen. Dunkelgrauer Anzug, graues Haar, er schließt die Tür hinter sich ab und entfernt sich schnellen Schrittes.
Ich sprinte hinter ihm her. Er darf mir nicht entwischen! Sein Vorsprung schmilzt dahin. „Entschuldigung!“ rufe ich ungeduldig. Meine Stimme hallt durch den leeren Gang.
Der Mann reagiert nicht, schließt eine andere Tür auf und verschwindet.
Das Zuschlagen der Tür echot wie ein Kanonenschuss durch den Korridor.
Frustriert werde ich langsamer, er muss mich doch gehört haben.
Außer Atem erreiche ich die Tür.

Segment: π
Bereich 13,98°
Aspekt: Kategorisierung von Neuzugängen

Darunter:

Nicht klopfen!
Keine Termine!
Nicht stören!
Zuwiderhandlung wird mit Bußgeld geahndet.

Ich ringe frustriert nach Atem. Was soll der Scheiß?
Kann man hier nicht mal jemanden höflich nach dem Weg fragen?
Es juckt mir in den Fingern, die Verbote zu ignorieren, doch das Schild unter der Tür schreckt mich ab. Es ist nicht handgeschrieben, sondern auf einer kleinen Messingplakette unterhalb des Milchglasfensters in das Holz der Tür eingebettet.
Es sieht so schrecklich offiziell aus, dass ich mich nicht traue, gegen die Anweisungen zu verstoßen. Auch wenn ich mir inzwischen nicht mehr vorstellen kann, hier zu arbeiten, ein Bußgeld ist es wirklich nicht wert, nur um nach dem Weg zu fragen. Lächerlich!
Enttäuscht gehe ich weiter.
Wenn ich diesen Unsinn hier Zuhause erzähle, werde ich nur schallendes Gelächter und Unglauben ernten. Meine Eltern werden furchtbar enttäuscht sein. Sie waren so stolz auf mich, als letzte Woche die Einladung zum Vorstellungsgespräch im Briefkasten lag, dass sie eine Grillparty organisierten. Reichlich verfrüht.
Ich konnte es ihnen nicht ausreden; sie waren der Meinung, dass es schon ein großer Erfolg sei, überhaupt von der Verwaltung eingeladen zu werden. Gleichgültig, was am Ende dabei herauskommen würde. Aber ich sah ihnen an, dass sie sich große Hoffnungen machten.
In der einhelligen Meinung der Gesellschaft ist die Verwaltung eine strahlende Institution, die uns den Wohlstand ermöglicht hat. Wie oft ich diese Geschichte erzählt bekam, kann ich gar nicht mehr zählen. Ja, die Verwaltung steht bei den Bürgern in hohem Ansehen und eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch ist eine besondere Ehre, die man nicht ausschlägt.
Es ist zwar nicht mein Wunsch, hier zu arbeiten, doch ich wollte meinen Eltern wenigstens den Gefallen tun und die Einladung wahrnehmen. Hinterher könnte ich immer noch absagen und einen anderen Job annehmen.
Aber nun bin ich hier, irgendwo in dem Verwaltungsgebäude, auf der Suche nach der Personalabteilung, weil es keine Beschilderung gibt, die mir den Weg weist.
Aus Gewohnheit werfe ich einen Blick auf die nächste Tür:

Segment: 4A-C0-1D-C0-FF-EE
Bereich: 9,47°
Aspekt: Kategorisierung von Altbeständen

Wo bin ich denn jetzt gelandet? Das ergibt doch alles keinen Sinn mehr!
Unschlüssig drehe ich mich einmal um mich selbst. Sollte ich lieber wieder zurückgehen und den anderen Gang versuchen? Als ob mich dort etwas anderes erwarten würde.
Dann fällt es mir auf.
Die Schilder unter den Türen sind verschwunden.
Es gibt keine Verbote mehr, die Störungen unter Strafe stellen.
Ein wenig aufgeregt trete ich an die Tür heran und klopfe zaghaft.
Nichts geschieht.
Drei, vier Herzschläge verstreichen, dann klopfe ich etwas energischer.
Auf der anderen Seite der Tür rührt sich nichts.
Ich versuche es bei den anderen Türen. Ohne Erfolg.
Ich rüttle an den Türklinken. Verschlossen.
In dieser Abteilung ist keine Menschenseele außer mir. Ein Schauer jagt mir über den Rücken und ein Gefühl der Beklemmung ergreift Besitz von mir.
Ratlos lasse ich mich auf eine der unbequemen Bänke fallen, um noch einmal meine Situation zu überdenken. Sie knarrt metallisch, als hätte schon sehr lange niemand hier gesessen. Also, ich habe mich im Verwaltungsgebäude verlaufen. Nach dem Weg fragen könnte ich nur, wenn ich mich über die Verbotsschilder der aktiven Abteilungen hinwegsetze, aber mein Vorstellungsgespräch ist ohnehin schon ins Wasser gefallen und an einem solchen Ort möchte ich ganz sicher nicht arbeiten, weshalb es mir gleich sein kann, ob ich einen schlechten Eindruck hinterlasse.
Mein Magen knurrt vernehmlich und ich schlucke mühsam. Der Durst wird auch immer schlimmer. Ich will nur noch nach Hause.
Aus Gewohnheit ziehe ich das Smart-Phone aus der Tasche. Kein Empfang.
Aber noch etwas stimmt nicht, was mir in der Eile zuvor gar nicht aufgefallen war.
Die Uhrzeit kann nicht richtig sein. Neun Uhr Fünfundvierzig. Ein Kontrollblick auf die Armbanduhr bestätigt meinen Verdacht. Neun Uhr Fünfundvierzig.
Was zur Hölle geht hier vor?
Mühsam raffe ich mich wieder auf. Meine Füße protestieren schmerzhaft.
Eine Kilometerpauschale als Entschädigung würde meine angeschlagene Laune deutlich verbessern. Ich seufze genervt.
Der Weg zurück kommt mir viel länger vor als beim ersten Mal.
Der leere Korridor zieht sich endlos und ohne Unterbrechung.
Irgendwas ist hier faul.
Der Gang ist so lang, dass Wände und Boden in der Ferne miteinander verschmelzen.
Das war doch vorher nicht so, wie kann das jetzt sein?
Das muss eine optische Täuschung sein, denn bei meiner Ankunft bin ich auf der Suche nach einem Parkplatz einmal um das Gebäude herum gefahren. So groß sah es von außen nicht aus. Die Sonne kämpfte sich grade durch die Regenwolken und glitzerte in den Fenstern, es sah hübsch aus.
Merkwürdig. Ich kann mich nicht erinnern, auch nur ein einziges Fenster passiert zu haben, seit ich mich verlaufen habe.
Wo bin ich jetzt eigentlich?
Auf der nächsten Tür steht:

Segment: µ
Bereich: 4,87°
Aspekt: Kategorisierung von Präzedenzfällen

Darunter:

Nicht klopfen!
Nicht stören!
Keine Termine!

Ich deklariere mich kurzerhand als Präzedenzfall und drücke, ohne zu klopfen, auf die Türklinke, um nicht gleich gegen alle Verbote zu verstoßen.
Die Tür schwingt wider Erwarten auf und gibt den Blick auf einen schummrigen, nackten Raum frei, der auf einer Seite von einem mächtigen Aktenregal beherrscht wird, auf der anderen Seite von einem Schreibtisch, der unter mehreren einsturzgefährdeten Formularstapeln begraben ist. Das Büro hat kein Fenster.
Beim Geräusch der Tür schnellt der Kopf einer Frau in die Höhe. Jedenfalls glaube ich, dass es eine Frau ist, es könnte auch ein sehr androgyner Mann sein. Ihr Alter ist genauso unmöglich zu erraten wie ihr Geschlecht.
Können Sie nicht lesen?“ blafft sie gereizt, „Keine Termine! Nicht stören!
Ich brauche keinen Termin bei Ihnen“ lächle ich mit erzwungener Freundlichkeit, „Ich hätte gern-
Was wollen Sie dann von mir?
Ich suche – ähm, können Sie mir vielleicht sagen, wie spät es ist?
Dafür stören Sie mich? Sehen Sie doch auf die Uhr!“ faucht die Frau und deutet mit einer gehetzten Geste auf eine Wanduhr hinter sich, dann widmet sie sich wieder der Palisade aus Formularen.
Ich runzle die Stirn, „Entschuldigen Sie bitte, aber das kann nicht stimmen.
Die Frau lugt über ihren Stapel und stöhnt genervt: „Es ist Neun Uhr Fünfundvierzig. Was soll daran nicht stimmen?
Es ist schon die ganze Zeit Neun Uhr Fünfundvierzig. Hören Sie, ich habe mich verlaufen und wollte nur nach dem Weg fragen, aber-
Die Uhr sagt, wie spät es ist, nicht Ihre Befindlichkeit“ bestimmt die Frau.
Eingeschüchtert schweige ich einen Moment und der Kopf der Frau verschwindet wieder hinter den Formulartürmen.
Ich suche die Personalabteilung“ höre ich mich schließlich sagen und frage mich gleichzeitig, weshalb ich nicht nach dem Ausgang gefragt habe.
Der Kopf der Frau taucht in Zeitlupe wieder hinter ihrem Papierberg auf. Sie wirkt auf einmal gar nicht mehr gehetzt, eher überrascht und misstrauisch.
Die Personalabteilung?“ vergewissert sie sich.
Ja, ich habe um 10 Uhr ein Vorstellungsgespräch“ antworte ich und fische den Brief aus der Tasche, um ihn vorzuzeigen.
Das kann nicht stimmen“ behauptet die Frau, während sie den Brief mit spitzen Fingern entgegennimmt, so als zweifle sie an seiner Existenz.
Stirnrunzelnd überfliegt sie den Inhalt.
Dann bricht sie überraschend in schallendes Gelächter aus: „Da hat sich jemand einen Scherz mit Ihnen erlaubt. Es gibt keine Personalabteilung.
Ich starre sie verwirrt an: „Jede Firma hat doch eine Personalabteilung.
Nun, die Verwaltung besitzt keine Personalabteilung“ dann setzt sie zu einer längeren Erklärung an. „Natürlich hatte die Verwaltung einmal eine Personalabteilung, aber nach der großen Umstrukturierung in den 60ern ist sie irgendwie verlorengegangen und wir konnten sie nicht wiederfinden. Der Antrag für eine neue Abteilung wurde aus Kostengründen bisher nicht bewilligt. Ich mag mich wiederholen, aber da hat sich jemand einen Scherz mit Ihnen erlaubt“ sie sieht mich scharf an, „Haben Sie eine Ahnung, wer das gewesen sein könnte? Es ist nicht erlaubt, das Siegel der Verwaltung für private Zwecke zu verwenden. Ich werde ein Bußgeld verhängen.“ Sie reicht mir den Brief zurück und erwartet eine Antwort.
Das kann aber kein Scherz sein“ beharre ich, „Ich habe mit dem Personalleiter telefoniert. Er klang nach einem freundlichen, älteren Herrn. Wäre es einer meiner Freunde gewesen, hätte ich das doch an der Stimme erkannt.“
Die Frau verdreht die Augen. „Bitte, wenn Sie daran glauben wollen, kann ich Ihnen nicht helfen. Lassen Sie sich einen Termin an der Rezeption geben, ich habe noch Arbeit zu erledigen.“ Sie gestikuliert auf den Schreibtisch, mit der Stadt aus Formular-Wolkenkratzern.
Können Sie mir wenigstens sagen, wie ich zum Ausgang komme?“ seufze ich resigniert.
Da bin ich überfragt.
Langsam werde ich wütend. „Wie bitte? Sie müssen doch jeden Tag zur Arbeit kommen, wie können Sie da den Weg zum Ausgang nicht kennen?
Die Frau zuckt desinteressiert die Achseln. „So funktioniert die Verwaltung nicht“ antwortet sie in einem Tonfall, als hätte ich eine furchtbar dumme Frage gestellt.
Ich warte auf eine Erklärung, aber es kommt nicht keine.
Warum haben Sie eigentlich kein Fenster?“ will ich wissen, um das Gespräch am Laufen zu halten, bis mir eine Idee kommt, wie ich der Frau sinnvolle Informationen entlocken kann.
Ein Fenster? In einem Büro?“ die Frau bricht erneut in Gelächter aus, „Sie sind mir vielleicht ein Spaßvogel. So etwas gibt es hier schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Ich habe es glücklicherweise nicht miterlebt, aber sie haben die Fenster abgeschafft, weil die Sachbearbeiter immerzu hinaussehen mussten. Die Verwaltung ist 12,3% effizienter geworden, seit es keine Fenster mehr in den Büros gibt.“ In ihrer Stimme schwingt eine große Portion Stolz mit.
Verstehe“ antworte ich, obwohl ich nun vollends verwirrt bin.
Wenn Sie dann endlich keine Fragen mehr haben, darf ich Sie bitten zu gehen. Ich habe meine Zeit nicht gepachtet, und die Arbeit erledigt sich nicht von alleine“ erwidert die Frau unerbittlich.
Ehe ich mich versehe, stehe ich auch schon auf dem Flur. Hinter mir schlägt die Tür zu.
Mein Blick fällt auf den Brief in meiner Hand.
Einladung zum Vorstellungsgespräch – Melden Sie sich in der Personalabteilung
Ein flaues Gefühl breitet sich in meinem Magen aus. Der Brief enthält keine Raumnummer, keine Etagenangaben, nicht mal die vollständige Adresse ist im Briefkopf angegeben.
Warum ist mir das nicht früher aufgefallen?
Was hatte ich in das Navi getippt, bevor ich losgefahren war?
Im Briefkopf steht lediglich: „Die Verwaltung – Verwaltungsgebäude“, darunter das Siegel, ein blauer Kreis mit dem Piktogramm eines Stempels.
Ich kenne niemanden, der es wagen würde, das Siegel der Verwaltung für einen dummen Streich zu missbrauchen.
Nein, die Einladung ist echt.
Aber warum hatte die Frau dann behauptet, es gäbe keine Personalabteilung?
Vielleicht würde ein anderer Sachbearbeiter auskunftsfreudiger sein.
Langsam gehe ich an den Türen entlang, bis ich eine finde, die das Klopfen nicht mit Bußgeld ahndet. Wieder öffne ich einfach die Tür und bleibe vor Überraschung mitten in der Bewegung stehen.
Es ist dasselbe Büro.
Das kann doch gar nicht sein! Ich bin doch mindestens 8 Türen weitergegangen!
Da taucht auch schon der Kopf der Sachbearbeiterin hinter ihrem Formulargebirge auf und keift: „Was wollen Sie denn noch? Sie sehen doch, dass ich zu arbeiten habe!
Es tut mir leid, ich wollte gar nicht zu Ihnen, sondern-
Die Entschuldigung können Sie sich sparen, damit verschwenden Sie nur noch mehr meiner kostbaren Zeit. Also, was ist es dieses Mal?
Ich druckse ein wenig herum: „Wegen der Einladung noch mal, ich habe mich gefragt ob Sie vielleicht wissen, wo ich die Abteilung für Kundenmanagement finde, weil Sie ja gesagt haben, dass es keine Personalabteilung-
Die Frau stöhnt genervt und ich verstumme.
Sie winkt mich heran, und ich reiche ihr den Brief. Ihr Finger sticht auf die Betreffzeile ein.
Hier“ sagt sie, als würde das alles erklären. Ich sehe sie ratlos an.
Die Frau verdreht die Augen. „Qualitätsmanagement für Kundenreklamationen? Ich bitte Sie, wir sind die Verwaltung. Wir haben das Monopol - konkurrenzlos. Wir sind die Besten in dem, was wir tun, und deshalb brauchen wir so einen teuren Firlefanz wie Qualitätsmanagement nicht. Kundenreklamationen gibt es logischerweise erst recht nicht. Niemand beschwert sich über die Verwaltung. Das ist alles ausgemachter Unsinn!“ Sie drückt mir den Brief etwas heftig wieder in die Hand, sodass er zerknittert. Die Frau wirft mir einen zornigen Blick zu. „Wagen Sie es ja nicht, noch einmal zu stören, sonst verhänge ich ein Bußgeld, das Sie niemals vergessen werden.
Ich stolpere aus dem Raum.
Was für eine unhöfliche Person! Die hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank.
Ich streiche meine Einladung wieder glatt.
Aus Gewohnheit werfe ich einen Blick auf die Armbanduhr und zur Kontrolle auf das Smart-Phone. Neun Uhr Fünfundvierzig.
Ich muss den Ausgang finden.
Seufzend folge ich dem Korridor. Er zieht sich unverändert, gefüllt mit andächtiger Stille, die ich mit dem Quietschen meiner Sohlen zerschneide. Ich fühle mich fehl am Platz und miserabel. Plötzlich wird mir schwarz vor Augen, sodass ich mich an der Wand abstützen muss.
Bohrender Hunger. Brennender Durst. Die Sicht klart nur widerwillig auf und ich setze meinen Weg etwas langsamer fort.
Allmählich finde ich es nicht mehr lustig. Die Frau mag sich vielleicht bis zum Ende der Woche darüber amüsieren, dass sie mir einen schönen Streich gespielt hat, aber mir geht es inzwischen richtig dreckig.
Der Korridor verschwimmt immer wieder vor meinen Augen, aber ich kämpfe mich weiter.
Ich muss den Ausgang finden. Den Ausgang. Muss den Ausgang finden.
Auf einmal stehe ich in einer Sackgasse. Es kommt so unerwartet, dass ich beinahe über meine eigenen Füße stolpere. Die Tür verkündet:

Segment: Alpha
Bereich: 0°
Aspekt: Kategorisierung von Kategorien

Darunter:

Archiv
Rundgang täglich:
Mo. – Fr.: 14:00 Uhr
Sa. – So.: 14:05 Uhr
Keine Ermäßigung für Kinder, Studenten, Schüler!

Was mich aber tatsächlich in Erstaunen versetzt, ist die Tatsache, dass die Tür halb offen steht und ein monotones Hämmern aus dem Raum dahinter klingt.
Ich stoße die Tür mit keimender Hoffnung auf.
Dahinter liegt zu meinem Erstaunen eine Lagerhalle von unermesslichen Ausmaßen. Regale reihen sich aneinander, bis sie im diffusen Dämmerlicht verschwinden, erstrecken sich in Höhen, die das Auge nicht erfassen kann. Staunend bleibe ich stehen und lege den Kopf in den Nacken, um das Ende der Regale zu finden, doch es gelingt mir nicht.
Das Hämmern endet abrupt. Ich reiße mich von dem unfassbaren Anblick los. Hoffentlich habe ich mit diesem Mitarbeiter mehr Glück als mit der Frau im Büro.
Mir ist hundeelend zumute vor Hunger und Durst. Ich sehe mich um, kann aber immer noch niemanden entdecken. „Hallo? Ist hier jemand? Ich habe mich verlaufen und-
Ein kleiner, runzliger Mann im Blaumann taucht aus einer der unendlichen Regalreihen auf.
Oh Besuch!“ quietscht er begeistert und macht eine höfliche Verbeugung, während er sich die Hände reibt, dann sieht er auf seine Uhr und die Freude verfliegt. „Sie sind zu früh! Ja, zu früh! Der Rundgang findet erst um 14Uhr statt, jetzt ist es Neun Uhr Fünfundvierzig! Zu früh, sage ich!“
Entschuldigung, ich habe mich verlaufen. Wie komme ich bitte zum Ausgang?
Der Mann winkt ab und zieht ein Gesicht, als hätte ich ihn bitterlich beleidigt
Da bin ich überfragt.
Ich kann Ihnen nicht ganz folgen.“
Was ist daran so schwer zu verstehen? Ich weiß nicht, wie man zum Ausgang kommt. Eigentlich bin ich mir sogar recht sicher, dass es gar nicht so etwas wie einen Ausgang gibt.
Wut überschwemmt mich und drängt alle Beschwerden in den Hintergrund. Ich mache einen holperigen Satz auf den kleinen Mann zu, packe ihn am Kragen und schüttle ihn. „Ich finde das nicht lustig. Ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten und niemand will mir sagen, wie ich hier raus komme. Zum letzten Mal: Wo ist der verdammte Ausgang?
Es gibt keinen, wirklich nicht“ stammelt der Mann mit hoher Stimme.
Das ist doch gelogen. Ich bin schließlich rein gekommen, also muss es auch wieder raus gehen!
Perplex lasse ich ihn los. Der Mann richtet seinen Kragen. „Das sind zwei völlig verschiedene Dinge“ erklärt er, als sei ich völlig verblödet, „Das sieht man doch auf den ersten Blick. Der Eingang sieht nie wie der Ausgang aus. Es ist nicht dasselbe, obwohl sie meistens nebeneinander gebaut werden.
Na schön“ knurre ich gereizt. Offensichtlich arbeiten in der Verwaltung nur Irre. „Wie komme ich dann bitte zum Eingang der Verwaltung zurück?“ frage ich, in der Hoffnung endlich verstanden zu werden.
Der Mann starrt mich verdattert an. „Was wollen Sie denn da? Sie sind doch schon in der Verwaltung.
Auf diese unbestechliche Logik weiß ich keine Antwort mehr.
Was machen Sie hier eigentlich?“ frage ich stattdessen.
Der Mann streicht sich das Hemd glatt und strafft die Schultern. „Ich bin Erster Leiter der Abteilung Archivrundführungen. Jeden Tag um 14 Uhr kommen scharenweise Sachbearbeiter mit ihren Formularen, Anträgen, Bewilligungsschreiben, die sie kategorisiert haben, um sie einzulagern. Ich führe sie durch die verschiedenen Segmente des Archivs, damit alles seine Ordnung hat und effizient abläuft. Sie sehen ja selbst, dass das Archiv etwas größer ist.
Aha“ mache ich, „Sagen Sie mal, verlassen Sie auch hin und wieder das Verwaltungsgebäude?
Was für eine dämliche Frage ist das denn?“ blafft der kleine Mann.
Sie haben doch grade gesagt, dass es keinen Ausgang gibt, lag die Frage da nicht auf der Hand?
Nein, das sind doch zwei völlig verschiedene Dinge!“ er starrt mich an, als sei ich wahnsinnig, oder kurz davor.
Und wie bewerkstelligen Sie das, wenn es doch keinen Ausgang gibt?
Eine steile Zornesfalte bildet sich auf seiner Stirn. „Bewerkstelligen, bewerkstelligen!“ äfft er mich nach. „Solche Intimitäten teilt man doch nicht mit jeder dahergelaufenen Person!
Ich gebe auf, wende mich um und steuere die Tür wieder an.
Der kleine Mann wirft mir eine Reihe wüster Beschimpfungen hinterher, aber ich höre nicht mehr hin. Der Korridor umfängt mich mit seiner watteartigen Stille, die nur durch das Quietschen meiner Sohlen unterbrochen wird.
Endlos zieht er sich dahin, ohne Unterbrechung. Ein paar Mal wird mir schwarz vor Augen, aber ich raffe mich immer wieder auf, obwohl mein Magen sich inzwischen selbst zu verdauen scheint. Meine Zunge klebt ausgetrocknet am Gaumen, die Luft kratzt bei jedem Atemzug trocken im Hals. Krampfende Muskeln, Zittern in den Beinen, die sich kaum noch bewegen wollen, taube Füße, die weit über jeden Schmerz hinaus sind.
Ich muss den Ausgang finden. Den Ausgang finden. Muss ihn finden.
Die Türen habe ich schon lange nicht mehr geprüft. Auch die Uhrzeit ist mir inzwischen völlig egal. Aber meine Einladung halte ich noch in der Hand, wie einen Talisman, der mich beschützt. Schließlich gelange ich wieder an eine Webgabelung.
Ist das nun gut oder schlecht? Ich kann mich nicht entscheiden.
Ich gehe einfach in den rechten Gang und schlurfe langsam, mit den elendig quietschenden Sohlen durch die Stille des Korridors.
In der ewig gleichen Abfolge aus verschlossenen Türen taucht eine Unregelmäßigkeit auf, eine der Türen steht sperrangelweit offen, der Raum dahinter liegt in schummeriger Dunkelheit.
Ich schleppe mich zur Tür und bleibe schwer atmend im Rahmen stehen. Ein leerer Schreibtisch und ein Regal voller jungfräulicher Aktenordner. Auch dieser Raum hat kein Fenster.
Aber das Verblüffende ist ein messingfarbenes Namensschild auf dem leeren Schreibtisch.
Das kann doch nicht sein!
Ich knipse das Licht an, um besser sehen zu können, dann humpele ich zum Schreibtisch und nehme das Schild auf, um mich zu vergewissern, dass es keine Einbildung ist.
Thomas Drucker“ murmele ich verwundert. Das ist mein Name!
Was hat das alles zu bedeuten?
Meine Beine wollen den Dienst versagen, ich muss mich setzen.
Hinter dem Schreibtisch finde ich einen unbequemen Stuhl und lasse mich seufzend fallen.
Das Messingschild mit meinem Namen wiegt schwer in der Hand. Ich stelle es zurück auf den leeren Schreibtisch und seufze erleichtert. Sitzen ist wirklich angenehm.
Ob der Tisch noch andere Überraschungen birgt?
Ich untersuche die Schubladen links und rechts.
Blanko-Formulare in der einen und Antragsschreiben, die auf ihre Bearbeitung warten, in der anderen Schublade. Neugierig ziehe ich einen von ihnen heraus. Jemand möchte den Antrag mit der Nummer 12B-7/4 anfordern. Ich grinse. Wenn ich schon mal hier bin, kann ich doch dem armen Bürger da draußen das Leben erleichtern und ihm seinen Antrag zukommen lassen. Schlimm genug, dass man einen Antrag stellen muss, um einen Antrag stellen zu können!
Zufrieden hefte ich den Bewilligungsbescheid an den Antrag und lege ihn sorgsam auf den Tisch. Es fühlt sich gut an, jemandem geholfen zu haben.
Leider habe ich immer noch keine Ahnung, wie ich den Ausgang finden soll.
Aber seit ich hier sitze, ist wenigstens der Hunger erträglich geworden.
Aus Langeweile bearbeite ich noch einen Antrag und lege ihn auf den ersten.
Die Verwaltung funktioniert doch eigentlich ganz simpel. Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. Neun Uhr Fünfundvierzig.
Falls ich es mir noch überlegen wollte, die Personalabteilung aufzusuchen, hätte ich nun jedenfalls etwas zu berichten, was mich bestimmt für die Einstellung qualifiziert. Jedenfalls hätte ich noch eine Viertelstunde, um pünktlich zu erscheinen.
Aber der Stuhl ist recht bequem und ich mag gar nicht mehr aufstehen.
Ich bearbeite noch ein paar Formulare. Allmählich füllt sich der Schreibtisch mit einem kleinen Stapel, während die Schublade, aus der ich die Anträge ziehe, auf wundersame Weise nicht leerer wird. Sie ist immer mit genau zwanzig zu bearbeitenden Anträgen gefüllt. Wenn ich einen herausnehme, erscheint wie aus dem Nichts ein neuer Antrag.
Beeindruckend effizient.
Wenn ich zwischen zwei Anträgen mal auf die Uhr schaue, ist es immer Neun Uhr Fünfundvierzig. Wieviel man in einer Minute doch schaffen kann! Ich muss verdammt schnell mit meiner Arbeit sein, denn die Stapel auf dem Schreibtisch wachsen in rasender Geschwindigkeit.
Allesamt bearbeitete Anträge. Der Anblick erfüllt mich mit Stolz. Aber da warten noch weitere Formulare auf mich. Inzwischen fühle ich mich wieder richtig wohl. Hunger und Durst sind verschwunden. Das Einzige, was zählt, sind die Anträge, die ich bearbeite.
Der Schreibtisch verschwindet allmählich unter dem wachsenden Berg aus Papier.
Plötzlich geht die Tür ohne Vorwarnung auf.
Wer wagt es, mich zu stören? Über den beachtlichen Stapel erledigter Anträge spähe ich zur Tür und entdecke einen jungen Mann. „Können Sie nicht lesen?“ frage ich gereizt, „Keine Termine! Nicht stören!
Ich brauche keinen Termin bei Ihnen“ sagt der Störenfried und lächelt gezwungen, „Ich hätte gern-
Was wollen Sie dann von mir?“ frage ich, es fällt mir schwer, seinen Worten zu folgen.
Ich suche – ähm, können Sie mir vielleicht sagen, wie spät es ist?
Dafür stören Sie mich? Sehen Sie doch auf die Uhr!“ erwidere ich wütend, zeige auf die Wanduhr hinter mir und widme mich wieder dem Antrag, der nach meiner Aufmerksamkeit schreit.
Entschuldigen Sie bitte, aber das kann nicht stimmen.
Ich eise mich mit Mühe von dem Antrag los und sehe über den Papier gewordenen Beweis meines Fleißes: „Es ist Neun Uhr Fünfundvierzig. Was soll daran nicht stimmen?“ Was glaubt dieser Einfaltspinsel, wer er ist, dass er die Uhrzeit anzuzweifeln wagt?
Es ist schon die ganze Zeit Neun Uhr Fünfundvierzig. Hören Sie, ich habe mich verlaufen und wollte nur nach dem Weg fragen, aber-
Die Uhr sagt, wie spät es ist, nicht Ihre Befindlichkeit“ erkläre ich.
Der junge Mann unternimmt noch zwei, drei weitere Versuche, mich von der Arbeit abzulenken, aber schließlich wimmele ich ihn ab, sodass ich mich nun wieder voll und ganz in meine Aufgabe versenken kann.
Das Bearbeiten der Formulare erfüllt mich mit einer Mischung aus Stolz und Glückseligkeit. Ich kann mir keinen schöneren Beruf – ach was – keine schönere Berufung vorstellen!
Eine Weile später brauche ich für einen Antrag ein besonderes Bewilligungsschreiben, das nicht in meiner wundersamen Schublade vorrätig ist. Ich erhebe mich, verlasse das Büro, nicht ohne hinter mir abzuschließen, und eile über den Gang. Einen Moment lang meine ich in der Ferne eine Stimme rufen zu hören und das Geräusch quietschender Sohlen klingt mir leise in den Ohren. Ich schüttle den Gedanken ab. Die Verwaltung ist ein gut geschmiertes System, da quietscht nichts.
Im Büro meines Kollegen werde ich fündig. Er scheint heute nicht zur Arbeit erschienen zu sein, weshalb der Antrag offensichtlich zu mir umgeleitet wurde.
Die Verwaltung funktioniert wirklich perfekt. Ich bin stolz darauf, meinen Teil dazu beitragen zu dürfen.
Wieder zurück in meinem eigenen Büro werfe ich einen Blick auf die Uhr.
Neun Uhr Fünfundvierzig. Sehr gut, die Beschaffung des Bewilligungsbescheids hat keinen Zeitverlust verursacht. Ich konzentriere mich wieder auf meine Anträge.
Es gibt noch so viel zu erledigen.