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Ich kann dunkle Gassen nicht ausstehen.

Und bestimmt bin ich nicht der einzige. 

Ihr kennt dieses beklemmende Gefühl doch auch. Wegen den Schatten, die in den Ecken lungern, den Wänden, die einen zu erdrücken scheinen, und der ohrenbetäubenden Stille, die ab und zu durch das Quietschen eines undefinierbaren Lebewesens durchbrochen wird. Man weiß nie genau was einen erwartet, und oft hat man Angst, erinnert sich an irgendwelche Horrorfilme, drückt seine Handtasche an den Körper...

Aber ihr müsst zugeben, dass ihr mindestens einen solchen Weg regelmäßig durchquert. Weil er praktisch, oder einfach nur eine Abkürzung ist. 

So auch ich heute. Doch ich brachte nur den Müll weg. Ein weniger angenehmes Unterfangen, aber ich lebte alleine und niemand anderes würde das für mich erledigen. Der schwarze Müllsack war schwer, dennoch zog ich ihn nur mit einer Hand hinter mir her. In der anderen hielt ich nämlich ein Küchenmesser fest umschlossen, das in der Dunkelheit unheilvoll blitzte. Ohne diesen Schutz ging ich nie aus dem Haus. Ja. Ich war paranoid. Aber nur weil ihr es nicht seid, heißt das nicht, dass sie nicht hinter euch her sind. 

Endlich war ich an meinem Ziel angekommen. Ein verrotteter Schuppen lehnte an einer der steinernen Wände, und sah so aus, als ob er gleich in sich zusammenfallen würde. Die einzelnen Holzbalken waren jedoch neu und die Schrauben erst vor einer Woche angebracht worden. Er sollte nur so wirken, als ob sich nichts wertvolles in ihm befinden würde. Ich öffnete die Tür, welche ich noch nie abgesperrt hatte und blickte zufrieden in die gähnende Leere, die von einer netten Schicht Dreck unterstrichen wurde. Der kleine Raum wirkte vollkommen leer und verlassen, doch wenn man sich hier auskannte - wie ich es tat - wusste man von der Falltür, die weiter ins Innere des Erdreiches führte. Die Treppe war ebenfalls neu. Dennoch knarrte sie gefährlich, als ich mit dem Sack über der Schulter hinunter stieg und das Messer zwischen meinen Zähnen trug. Unten angekommen stellte ich zufrieden fest, dass sich seit meinem letzten Besuch hier kaum etwas verändert hatte, abgesehen von den nun fortgeschrittenen Stadien der Verwesung.

Ja, ich lud meinen Sondermüll hier ab. Denn wenn ich ihn anderweitig entsorgen würde, kämen unnötige Kosten, und unzählige Probleme auf. Einmal hatte eine ältere Frau mein Depot gefunden, die dann mit ungestümer Neugierde alles abgesucht hatte. Um Schwierigkeiten zu umgehen, hatte ich sie leider zum Schweigen bringen und umziehen müssen. Aber diesen Anblick war es wert. Augenhöhlen starrten ins Leere, Gliedmaßen lagen abgetrennt herum und der beißende Gestank von Verwesung mischte sich unter den einzigartigen Geruch von  Schimmel. Hach wie sehr ich dieses Aroma liebte.

Einzelne Fleischfetzen hingen von den Skeletten ab. Manche verfault, andere noch frisch und so blutig, dass sie eine kleine Blutlache auf dem kalten Boden hinterließen. Eine großartige Mischung. 

Mein Liebling war jedoch der ungeschlagene Blickfang meiner gigantischen Sammlung. Nur Ihr Knochengebilde war übrig geblieben, doch sie war immer noch so schön wie die Sonne. Hohe Wangenknochen, unglaubliches Lächeln und ehemalig dunkelbraune Haare, die in Wellen um ihre zierliche Gestalt fielen. 

Meine Schwester. Und meine erste. 

Gerne erinnerte ich mich daran, wie ich sie genommen hatte. Es war das schönste Erlebnis für mich gewesen, doch sie hatte nicht viel beigetragen, da ich sie erst mit Alkohol und Betäubungsmitteln ... überzeugen müsste... Am nächsten Tag jedoch, nachdem sie neben mir -unbekleidet - aufgewacht war, zeigte sie mir diese erregende Mischung aus Angst und Ekel. Sie rannte weg. Floh in eine der mir verhassten dunklen Gassen. Und damit sie unseren Eltern nichts erzählte, hatte ich auch sie  zu meinem Schutz zum Schweigen gebracht. Wie schön die Messerklinge damals gefunkelt hatte. So schön unter der dunkelroten Farbe, die die gesamte Klinge überzog. Ihrem köstlichen Blut.

Damals wurde ich zum stillen Genießer.

Doch leider hatte ich nie mit meinem Schwesterherz abschließen können. Ich sah überall Leute die ihr ähnelten. Ob jung, oder alt. Ob männlich, oder weiblich. Ob schlau, oder dumm. Ich nahm sie alle, und brachte jeden zum Schreien, und dann zum Schweigen. Ein wunderbares Ritual, das ich schon seit Jahren so führte. Mein Lieblingsspiel sozusagen. 

Dort in der Ecke zum Beispiel lag der sechsjährige Markus. Hatte für viel Trubel gesorgt, der Schlingel. Die Nachrichten hatten nur noch über ihn berichtet, und seine Eltern hatten mich angefleht ihn zurück zu geben. Als ob. Sie wollten nur, dass  die Polizei meinen wertvollen - aber nicht anders nennbaren - Müll aufspürt. Das durfte sie nicht. Ja, da musste ich schon wieder umziehen. Sehr anstrengend, vor allem die vielen Andenken die man umpacken musste.

Aber sie sehen meiner Schwester so ähnlich. Ich kann sie nicht zurück lassen. Konnte ich noch nie...  Werde ich nie können....

Die Tür fiel hinter mir ins Schloss, und ich machte mich auf den Rückweg. Wieder hatte ich viel zu viel Zeit bei ihr verbracht und mittlerweile war schon tiefe Nacht angebrochen.

Ich kann dunkele Gassen nicht ausstehen.

Aber auch ihr müsst zugeben, dass ihr mindestens einen solchen Weg regelmäßig durchquert.

Und... du da vor dem Computer.. Du siehst meiner Geliebten Schwester so ähnlich...

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