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Ich liebe dieses Dorf. Ich liebe es wie verrückt, obschon "verrückt" hier als metaphorischer Ausdruck zu sehen ist. Wahnsinn liegt mir nun einmal nicht besonders.

Natürlich liebe ich nicht alles an diesem Dorf. Jeder Mensch ist psychologisch so konstruiert, dass er überall mindestens einen Makel findet und mindestens eine Person braucht, auf die er seinen Hass konzentrieren kann. Ich habe der letzten Ihrer dreizehn, keiner wirklich erwähnenswert, obwohl ich einige doch zu nennen gedenke. Da wäre einmal dieses Miststück, die alte Madame Marlow. Sie ist französischer Abstammung und besteht auf dem "Madame", warum auch immer. Außerdem ist sie fünfundsiebzig und gehört zu den Leuten, die immer mit Kissen, Fernglas und Notizzetteln am Fenster sitzen und Nummernschilder von Falschparkern aufschreiben und so 'n Scheiß. Mich hat sie nie erwischt (wohl, weil ich kein Auto habe), aber mich stört dieses Spanner-Verhalten. Hat diese alte Schachtel nichts besseres zu tun?

Bevor Einwände lautwerden: Das war eine rhetorische Frage. Rentner haben selten was Besseres zu tun als Kuchen backen.

Außerdem wäre da noch mein ehemaliger Deutschlehrer, Herr Gruber. Nicht nur der Name erinnert mich an einen ehemaligen Nazi-Offizier, auch seine "Lehrmethoden" hatten diverse eher unpädagogische Aspekte. Wie auch immer, alles in allem ist dieses Dorf echt zum Verlieben. Eine wahre Freude, einfach durch die Straßen zu laufen oder auf der Parkbank zu sitzen, die Augen auf die Hauptstraße gerichtet und aus den Ziffern auf den Nummernschildern der Autos, die vorbeifahren, die Quersummen zusammenrechnen.

Man könnte sagen, dieses Dorf lässt einen gar nicht mehr los, ganz wie es in Rammsteins Lied "Amour" heißt: "Amour, Amour, am Ende/gefangen zwischen deinen Zähnen."

Das ist auch der Grund, aus dem ich gerade mein Testament mit meinen mittelprächtigen Mathematikfähigkeiten überarbeite. Ursprünglich war es mehr eine Vorsorge, dass ich es gemacht habe. Falls ich bei einem Verkehrsunfall verende und Madame Marlow (die den natürlich beobachtet) nicht schnell genug den Krankenwagen ruft, könnte ich so meiner kleinen Tochter (die bei meiner Exfrau lebt. Dieser verschissen gute Anwalt ist Teil der Dreizehn.) genug hinterlassen. Jetzt... überarbeite ich es.

Für eine Summe von saftigen 900 Euro habe ich die Möglichkeit, ein Grab für 30 Jahre zu besetzen. Mein aktuelles Guthaben beträgt genau 1.462.288,14 Euro. Meinem geänderten Testament nach wird von diesem Geld, auf das niemand mehr Zugriff haben wird, sobald ich das Grab brauche, alle dreißig Jahre die notwendige Summe, benutzt um mein Grab zu behalten. Wenn ich also alle dreißig Jahre 900 Euro verliere, kommen Pi mal Daumen... Eintausendsechshundertvierundzwanzigeinhalb Zahlungen zustande. Dabei habe ich nur gerundet und die vierzehn Cent rausgelassen, aber das ist nur halb so wichtig.

Ich kann dementsprechend also Achtundvierzigtausendsiebenhundertfünfunddreißig Jahre in dem Grab liegen. Das ist nicht lange genug, aber mehr kann ich nicht machen. Zum Verkauf meiner Möbel und allem anderen Zeug reicht die Zeit nicht mehr. Ich verewige mich noch heute.

Mit einem Messer in der Hand grinse ich ein letztes Mal mein Spiegelbild an. Dieses Dorf liebe ich wirklich wie verrückt...

Und ich will sicher sein, dass ich es nie mehr verlasse.

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