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Komm her. Setz dich. Entspann dich.

Zunächst … schließe die Augen und warte einen Moment. Nun stell dir ein Glashaus vor. Form, Größe, Aussehen; das alles bleibt dir überlassen. Denn das Gebäude ist allein dein Eigentum.

Kannst du es schon vor deinem inneren Auge sehen? Gut.

Du wirst darin anfangs nicht viel Luxus finden. Doch selbst wenn du nur auf einem wackeligen Holzschemel Platz nehmen kannst, fühlst du dich wohl. Ein sanftes, beruhigendes Gefühl durchströmt dich. Du atmest tief ein und bist erfüllt von purer Lebensfreude. Dieser Ort schützt dich. Wärmt dich. Dein persönlicher Garten Eden.

Nach und nach wird sich dein Glashaus verändern. Es wird mit dir reifen. Deine Erfahrungen prägen dich, was sich auch am Gebäude bemerkbar machen wird. Du kannst es nun beliebig einrichten und erweitern. Denk gut nach über die Dinge, die du erlebt hast. Erinnere dich an alles, was sich jemals in deinem Besitz befand und dir lieb und teuer war.

Dieser Ort wird dein Abbild. Fühl dich hier ruhig wohl. Solange du noch kannst.

Denn manche Menschen kommen irgendwann an einem Punkt an, wo sie sich auf das konzentrieren, was außerhalb ihres Glashauses lauert. Jene, die es sehen können, sind feinfühlige Wesen. Wesen wie ich. Wie wir.

Die meisten Leute sind mit ihrer kleinen Welt zufrieden, halten sie im Gleichgewicht und schenken dem, was um sie herum im Schatten existiert, keine Aufmerksamkeit. Sie sind blind; geblendet von materiellen Werten oder aufgesetzten Emotionen. Doch jene wie wir blicken hinter die Fassade. Sie, die so sind wie wir, schauen durch das Glas und sehen das, was anderen verborgen bleibt.

Außerhalb ihrer kleinen, scheinbar sicheren Welt existiert die absolute Dunkelheit. Nicht endend, alles verschlingend. Ihr Refugium ist umgeben von schwarzem Nebel, schwerfällig, dennoch bestimmt zieht er seine Runden. Kommt näher und näher.

Stell es dir ruhig vor, dann verstehst du.

Blick hinaus. Siehst du, wie diese Dunkelheit sich deinem Glashaus nähert? Sie gleitet wie dunkler Zigarrenrauch durch die Luft, zieht langsame Bahnen, und es scheint so, als würden aus diesem Nebel deformierte Gliedmaßen nach deinem Rückzugsort greifen. Sie kommen und gehen, tanzen fast schon elegant durch die Luft. Wirbelnd, gleitend, voller Erwartung.

Langsam wirst du unruhig. Aber halt – du bist hier sicher, nicht wahr? Nichts kann dein Glashaus zerstören. Nicht einmal die Finsternis, die dich langsam umzingelt. Dieser Eindringling, der um deine mächtige Burg schleicht. Oder ist die Dunkelheit ein Jäger? Bist du die Beute? Bist du vielleicht doch in Gefahr?

Du drehst dich unsicheren Schrittes im Kreis. Keine Vorhänge, um das, was sich dir nähert, visuell auszusperren. Du beginnst, dich beobachtet zu fühlen. Dein Paradies ist nicht mehr heilig.

Die Dunkelheit kriecht über den Boden und verschluckt ihn Stück für Stück. Sie lässt sich Zeit, gleitet durch die Luft, ihre Bewegung ähnelt der einer sich im Wasser wiegenden Seeanemone.

Und im Zentrum bist du; alles, was dich ausmacht, befindet sich hier in deinem kleinen Reich. Du bangst um dein Innerstes. Du willst dich beruhigen, tief einatmen, aber du fühlst wie die Luft sich verändert; immer bleierner wird. Das Dunkel ist schon ganz nah. Es drückt gegen die Scheiben. Das Atmen fällt dir schwer, und dich überkommt der Gedanke, dass jedes Luftholen deine Lunge mit giftigem Sauerstoff füllt, der wie Teer an ihr haften bleibt. Bringt der nächste Atemzug den Tod?

Die Scheiben beben. Dein Herz schlägt so hart in deiner Brust; das Blut rauscht derart schnell durch deine Venen, dass du immer stärker nach Atem ringst. Aber diese Luft; dieses erdrückende Gefühl in deiner Lunge… Es gibt keinen Ausweg.

Deine Bewegungen werden immer hektischer. Die Anspannung in deinen Gliedern ist kaum zu ertragen. Dein Verstand schreit dir entgegen, dass du fliehen musst, aber wohin? Dies ist das Zentrum deiner Existenz. Du kannst dich nicht verstecken. Du kannst nicht weg.

Die Dunkelheit klopft beinahe höflich gegen das Glas, das mittlerweile die ersten Risse aufweist. Kurz überkommt dich ein makabrer Gedanke: Diese filigranen Linien gefallen dir. Sie ziehen sich durch das Glas, wie die Adern durch deinen Körper. Ist das schon der Wahnsinn, dem du anheimfällst? Erwartest du dein Schicksal mittlerweile mit offenen Armen?

Denn es ist egal, wie sehr du dich wehrst. Niemand kann dich hier hören, hier existieren nur du und die ungesehene Schwärze. Diese Dunkelheit, die älter ist als alles Lebendige.

Ein dumpfes Pochen erklingt in deinen Ohren. Gefolgt von einem markerschütternden Ton. Hell und stechend. Du brichst zusammen, da deine Beine dich nicht mehr tragen können. Dir fehlt die Kraft.

Entsetzt starrst du auf das Glas deines Seelenkonstruktes, das klirrend zu Boden fällt. Der schwarze Nebel durchströmt nun das Skelett deines Häuschens. Tapfer hat es dich zu beschützen versucht, aber musste letztendlich kapitulieren. Ungläubig blickst du auf dieses zerfetzte Abbild deines Seins. Alles, jedes noch so kleine Stück deines Ichs, versinkt vor deinen Augen im schwarzen Nebel.

Während die Dunkelheit sich dir nähert, löst sich eine Träne aus deinem Augenwinkel. Sacht hinterlässt sie ihre Spur auf deiner Wange, während sie zu Boden tropft. Doch halt – der Boden ist schon gar nicht mehr zu sehen. Deine Träne wird verschluckt von diesem schwarzen Nebel, der so kurz davor ist, dich zu fassen.

Du wehrst dich nicht mehr dagegen. Wozu auch? Du senkst die Lider und heißt es willkommen. Lässt geschehen, was geschehen muss.

Als die Dunkelheit in dir aufsteigt, spürst du eine unglaubliche Kälte. Sie sticht und schneidet. Du schreist. Doch sie kennt kein Erbarmen, auch dann nicht, als du wimmernd zwischen den Trümmern deiner Seele liegst und dich auf dem Boden zusammenrollst.

Sie hat dich von innen heraus aufgefressen. Du fühlst nichts, als du dich nach unbestimmter Zeit aufrichtest. Zeit ist ohnehin bedeutungslos geworden. Genau wie diese schäbigen Überreste deines früheren Ichs. Ein morbides Lächeln breitet sich auf deinem Gesicht aus, während du durch die Trümmer schreitest. Du erkennst, dass du jetzt frei bist. Frei von allen Zwängen; du warst eingesperrt in deinem Glashaus. Es hat sich als dein Schutzschild ausgegeben, dabei war es ein Gefängnis.

Die Kälte der Dunkelheit ist verschwunden. Du spürst stattdessen eine Wärme in dir aufsteigen, ein Feuer. Gierig, es hat Hunger, es muss lodern. Es darf nicht ausgehen. Du musst es weiter entfachen, damit es nicht erlischt. Lass es stärker brennen. Brenne. Verschlinge. Töte. Nähre dich. Nähre das Feuer. Nähre die Dunkelheit. Sie ist der Anfang. Der Tod. Die Wiedergeburt. Die Ewigkeit.

Verstehst du jetzt?

Du kannst deine Augen nun öffnen. Ah, ich sehe, dass du jetzt befreit bist. Ein Teil von uns bist. Wenn du willst, leite ich dich. Führe dich. Beschütze dich, bis deine Existenz aus meinem Schatten treten kann.


Ihr haltet uns für Monster. Dabei sind wir das, was aus eurer Sicht als Opfer bezeichnet werden müsste. Uns hat die Dunkelheit begehrt, weil wir es waren, die eine reine Seele besaßen. Eine Seele aus Kristall mit einem Kern aus flüssigem Bewusstsein. Aber Flüssigkeiten müssen fließen können.

Wir würden uns nicht als Opfer bezeichnen. Wir sind auserwählt, wurden befreit von allen Zwängen und dem Gefängnis, das ihr als Beschützer seht. Irgendwann brechen wir alle über euch herein wie ein Sturm, eine neue Sintflut.

Bis dahin erzählt ruhig eure kleinen Geschichten. Ich sehe euch, wenn ihr am Lagerfeuer sitzt und alles als Ammenmärchen abtut. Urbane Legenden, die euch nachts ein wenig schlechter schlafen lassen. Und ihr genießt dieses Gefühl, ihr braucht den Nervenkitzel. Denn es sind ja nur Geschichten.

Ich sage euch, ihr seid es nicht wert, dass wir euch rufen. Ihr seid im besten Falle Nahrung für die Flamme in unserem Inneren.

Bleibt ruhig weiter im Glashaus sitzen. Und wenn einer von euch innerlich zerbricht, werde ich da sein.

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Purpurwoelfin

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