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Meinem schlimmsten Alptraum gewidmet...

Mitten in der Nacht wurde er von einem Hustenanfall geweckt, so heftig, dass er kaum Luft bekam. Es fühlte sich an, als stecke etwas in der Speiseröhre. Es fühlte sich fast greifbar an, also war es nicht der Schleim einer aufkeimenden Erkältung. Bis auf den schrecklichen Husten fühlte er sich auch eigentlich nicht krank, wenn man mal von einem leichten Schmerz im Magen absah.

Sein Atem rasselte, als er nach einem fast fünfminütigem Anfall wieder Luft holen konnte, ohne halb an dem scheinbar in seinem Hals steckendem Brocken zu ersticken. Er rieb sich über den Hals, halb hoffend halb fürchtend dort wirklich etwas zu ertasten. Aber da war nichts. Musste wohl doch nur Einbildung sein. Oder sein Körper wollte ihm dadurch zeigen, wie ernst seine Lage war. Oder es war eine allergische Reaktion auf irgendetwas, das diese Empfindung hervorrief. Aber müsste es dann nicht eher die Lunge betreffen?

Er schaltete das Licht an und setzte sich auf. In diesem Moment brannte ein stechender Schmerz durch seinen Magen und er schnappte erneut erfolglos nach Luft. Sorge breitete sich in ihm aus, weil er nicht wusste, was das zu bedeuten hatte. Vorsichtig rutschte er wieder in seine vorherige Position und das Stechen ließ nach. Hatte er sich den Magen verdorben? Er wüsste nicht womit. Das Abendessen war nicht allzu üppig ausgefallen, allerdings hatte er sich dann vor dem Fernseher eine Tüte Gummibären gegönnt. Wie immer hatte er alle grünen aussortiert und lediglich diese gegessen. Seine Freunde lachten ihn manchmal aus wegen dieser Marotte. Aber wirklich beschwert hatte sich noch keiner von ihnen, da er den Rest der Tüten immer an einen von ihnen verschenkte. Und die meisten von ihnen sowieso die roten bevorzugten. Win-Win-Situation für alle konnte man sagen.

Vermutlich hatte er sich einfach beim Schlafen verkrampft. Oder er bekam Blähungen, versuchte er sich zu beruhigen. Doch in diesem Moment wurde sein Magen erneut von irgendetwas gereizt und eine neuerliche Welle des Schmerzes überrollte ihn. Gleich darauf folgte wieder ein Hustenkrampf, der heftigste bisher. Es dauerte gefühlte Stunden und kurz bevor der Reiz erstarb, meinte er etwas in seinem Inneren reißen zu hören. Entsetzt versuchte er durch sein eigenes Keuchen hindurch darauf zu horchen, ob sich das Geräusch wiederholen würde. Und tatsächlich, genau in dem Moment, in dem er sich wieder zusammenrollte, weil sein Magen erneut dieses Stechen bekam, hörte er es. Es klang wie das Reißen von dünnem Stoff – oder von dünnem Gewebe, flüsterte sein entsetzter Verstand mit einer nahezu emotionslosen Stimme.

Seine Hand tastete über seinen Bauch, weil er die exakte Gegend bestimmen wollte, in dem der Schmerz auftrat. Nicht, dass er am Ende noch einen entzündeten Blinddarm hatte. Verzweifelt und benommen versuchte er sich an die Lage dieses verdammten Dings zu erinnern, als seine Hand eine Erhebung auf seiner Bauchdecke direkt unterhalb seines Nabels ertastete. Er erstarrte in seiner Bewegung. Ein Tumor! Dieser Gedanke schoss ihm durch den Kopf – eine Kugel hätte keinen größeren Schaden anrichten können in diesem Augenblick. Es musste ein Tumor sein, der nun irgendwie aufbrach oder so groß war, dass er Druck auf einen Teil seiner Organe ausübte.

Stöhnend krallte er sich mit seiner anderen Hand in die Bettwäsche. Er hatte schon so viele Geschichten darüber gehört, unter welch merkwürdigen Umständen die Leute ihren Krebs entdeckten. Und er hatte sich immer eingebildet, ihn würde das schon nicht treffen oder man müsse es ja schließlich merken, wenn im eigenen Körper etwas nicht stimmte. Was war er für ein Narr gewesen. Gleich morgen würde er einen Arzt aufsuchen. Wenn er diese Nacht überlebte... sein Gehirn war in diesem Moment wirklich keine Hilfe und er verfluchte seine Gedankengänge leise, achtete aber darauf, keinen Laut von sich zu geben, denn sein Magen fühlte sich mittlerweile so an, als hätte er eine großzügige Portion extra dicker Stopfnadeln gegessen.

Und im selben Moment spürte er wieder diesen Kloß im Hals. Der Husten folgte und dadurch wurde das Stechen im Bauch nur noch schlimmer. Erschöpft sank er auf sein Kissen zurück. An Schlaf war nun nicht mehr zu denken, aber er wagte auch nicht aufzustehen. Würde er hier und heute Nacht sterben, fragte er sich verzweifelt. Das wollte er ganz und gar nicht, wusste aber auch nicht, was er nun am besten tun sollte. Er versuchte sich so sehr zu entspannen wie es nur ging und hob dann ganz vorsichtig sein Shirt hoch, um zu sehen ob die Erhebung, die er ertastet hatte, auch mit dem bloßen Augen zu erkennen war.

Im nächsten Moment wünschte er, er hätte dies nicht getan. Dort war nicht nur eine Erhebung, nein ein gutes Dutzend kleiner Beulen stand von seinem Unterbauch ab. Panisch griff er sich in die Hose aus Angst, es könnte auch sein Glied befallen haben, doch im nächsten Moment lachte er zynisch auf, weil dieser ängstliche Gedanke weniger rational war, als dass er seinem männlichen Ego entsprang. Viel wichtiger war doch, dass er die Nacht einigermaßen unbeschadet überstand. Um alles andere sollten sich morgen die Ärzte kümmern.

Die nächste Stunde brachte er damit zu zwischen den einzelnen Krämpfen seiner Speiseröhre auf die winzigen Hügel auf seinem Bauch zu starren. Bildete er sich das ein oder wurden sie mit jeder Schmerzattacke größer? Irgendwann brachte er den Mut auf, eine dieser Erhebungen mit dem Finger zu untersuchen und stellte fest, dass das Gewebe darunter härter als gewöhnlich war. Und irgendwie fühlte es sich unter der Haut so fremdartig an, als wäre da was, was nicht zu seinem Körper gehörte. Fühlte sich so Tumorgewebe an?

Er musste mehr oder weniger weggedämmert sein, als ihn das Reißen erneut aus dem Schlaf schreckte. Sofort richtete sich sein nahezu hellwacher Blick auf seinen Bauch und er erstarrte. Blut rann aus einer der Erhebungen und er konnte einen winzigen Riss erkennen. Neuerliche Schmerzen schüttelten ihn und drei weitere Erhebungen öffneten sich.

Was dann zum Vorschein kam, war der Stoff aus dem Alpträume gemacht waren. Ein kleiner knubbeliger Kopf, blassgrün unter der Schicht aus Blut, mit dem er bedeckt war, zwängte sich einer unheiligen Geburt gleich durch den Riss in seiner Bauchdecke. Nach und nach kamen weitere Köpfe zum Vorschein, alle von der gleichen Farbe. Sie bleckten ihre kleinen spitzen Zähne und einer starrte ihn aus kleinen bösen Augen an als wolle er ihn verhöhnen. Diese Dinger zappelten und zwängten sich nach und nach aus seinem Körper heraus ins Freie und nun konnte er sie erkennen: es waren die Gummibären, die er am Abend vor dem Fernseher gegessen hatte, die sich nun einen Weg aus seinem Magen heraus gefressen hatten. Und es wurden immer mehr. Die ersten hatten sich nun komplett befreit und tappsten unbeholfen über seine Bauchdecke.

Dieser Anblick war zuviel. Das musste eine Halluzination sein, anders konnte man sich das auch gar nicht erklären. Aber als einer der Bärchen an seinen Finger stieß, umfiel, sich danach aufrappelte und mit einem leisen Zischeln gegen selbigen trat, schnappte er über. Er fing an zu lachen und lachte auch noch, als man ihn am nächsten Tag fand, fiebernd und schwach von den offenen Wunden in seinem Bauch. Von den Gummibärchen war zu diesem Zeitpunkt schon keine Spur mehr. Sie waren fortgewandert, er wusste nicht wohin. Sein vernebelter Verstand entwickelte jedoch eine schräge Theorie. Sie waren auf der Suche nach den anderen Bärchen aus der Tüte, die noch irgendwo auf dem Wohnzimmertisch liegen mussten. Entweder wollten sie ihre andersfarbigen Brüder und Schwestern befreien oder sie abschlachten, er war sich nicht sicher. Aber der Gedanke daran erheiterte ihn so sehr, dass er erneut in Lachtränen ausbrach.

Drei Tage später durfte sie ihn endlich in der geschlossenen Psychiatrie besuchen. Die Ärzte waren immer noch ratlos, was nun eigentlich mit ihm los war, sahen aber keinen Grund dazu, einen Besuch zu verbieten. Zwar hatte er ihnen ausführlich von seinen Halluzinationen berichtet, aber die Wunden an seinem Körper konnte er sich nur selbst zugefügt haben. Daher wurde ihm der Besuch gestattet, zumal die junge Frau ziemlich vernünftig erschien und ihnen am Ende vielleicht sogar weiterhelfen konnte. So betrat sie nun die Station auf der er eingewiesen worden war und meldete sich beim Pflegepersonal an. Kurz darauf saßen sich die beiden bei einer Tasse Tee gegenüber. Er konnte sogar wieder lächeln und erzählte ihr leise von der schrecklichen Nacht. Er ließ kein Detail aus, immerhin wusste er, dass er ihr vertrauen konnte. Sie würde ihn niemals auslachen, dazu wusste sie zu gut über Wahnsinn Bescheid. Als er geendet hatte, sah sie ihn einen Moment ernst an, dann stand sie auf, kam um den Tisch herum und umarmte ihn lange.

Trostsuchend lehnte er seinen Kopf gegen ihre Schulter, als er ihre Stimme dicht bei seinem Ohr vernahm: „Vielleicht wirst du mir ja ab jetzt ein paar Grüne übrig lassen, mein Lieber...“.

Er schrie immer noch als sie schon längst gegangen war.

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