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Grotesque-1

Der Greis Bearbeiten

Der Raum war düster, nur eine einzelne Kerze tauchte ihn in ein rötlich-gelbes, warmes Licht. Das Feuer tanzte gleichmütig um den Docht, der in dem verflüssigten Wachs der Kerze steckte und malte damit abstrakte Figuren an die Wand. Ein Knarren war zu hören, als sich die schwere Holztür, am anderen Ende des Raumes, öffnete. Ein alter Herr, vom Leben gezeichnet, hinkend und mit krummen Rücken betrat den Raum. Das Feuer der Kerze flackerte etwas, als ein leichter Windhauch ebenfalls den Raum erschloss. Die Dielen des Bodens knarrten, als der alte Mann auf mich zu kam. Ich saß da, an einem alten Tisch aus dunklem Holz, ebenfalls gezeichnet von der Zeit, spröde, mit tiefen Rillen im Holz und Kerben, die augenscheinlich von einem Messer stammten, welches jemand in die dicke Holzplatte trieb. Das schwache Licht der Kerze ließ die Furchen als tiefe Schlitze erscheinen.

Der Mann, der sich nun in Richtung des Stuhls gegenüber von mir an den Tisch bewegte, trug eine Kiste auf den Armen. Seine hellblauen, trüben Augen waren nun das erste Mal schwach im Licht erkennbar. Mit einem dumpfen Geräusch stellte er die Kiste auf dem Holztisch ab und ergriff die hohe Kerze, die anmutig in einem Kerzenständer mit einem ringförmigen Griff steckte, um die Kiste für mich zu beleuchten. Ich erhob mich von Neugier und Unsicherheit geplagt von dem alten, unbequemen Holzstuhl, auf dem ich bisweilen verharrte, und schaute auf die Kiste. Es war eine schwarze Kiste, offenbar auch aus Holz gefertigt und dunkel bemalt. Darüber war ein schwarzes Tuch gespannt. Das Feuer, das durch die Bewegung des alten Mannes flackerte, zeichnete sanft die Umrisse des Stoffes, der über die Kiste gespannt war und ließ seine grobe Struktur erahnen.

Ich blickte den Mann fragend an, doch er sagte nichts. Ohne ein Wort überreichte er mir ein langes, glänzendes Messer, das einen unheimlichen Schatten an die Wand hinter ihm warf. Ich blickte erst auf das Messer in seiner zittrigen, alten Hand und dann direkt in sein Gesicht. Einige Sekunden, die mir wie Stunden vorkamen, stand ich nun vor ihm, ohne zu wissen, was ich nun tun sollte. Langsam erhob ich meinen Arm und schloss meine Finger um den Griff des Messers, dabei seine kalte, geradezu tot wirkende Haut streifend, und ließ den Griff langsam aus seinen knöchrigen Fingern gleiten, bevor er zur Gänze in meiner Hand versank. Das Feuer der Kerze, die er immer noch hielt, spiegelte auf der polierten, glatten Klinge und ich hielt weiter verständnislos den Blickkontakt mit ihm.

„Stich zu“, flüsterte er sodann, mit bibbernder, schwacher Stimme und einem Hauch von Angst, die den ganzen Raum in eine kalte Atmosphäre zu tauchen schien. Ich wand das Messer in meiner Hand und erkannte kurz mein sich in der Klinge spiegelndes Gesicht, bevor ich meine Finger fester um den Griff zusammenpresste und instinktiv mit dem Messer auf den Stoff, mitten ins Innere der Kiste einstach. Ich fühlte einen Widerstand darin, der die Wucht der Klinge dämpfte und ich blickte ungläubig auf. „Was ist da drin?“, fragte ich, bevor ich mich in Gedanken selbst fragte, warum ich auf diese Kiste eingestochen hatte, als hätte mich eine fremde Hand geführt. „Weiter“, flüsterte der alte Mann. Ich hielt noch lange seinen Blick, bevor ich mein Gesicht verzerrte und wie irr auf die Box einstach. Das Messer bahnte sich unnachgiebig seinen Weg durch den Stoff, der über die Kiste gespannt war und mit jedem Stich an Stabilität verlor. Der Widerstand darin erzürnte mich nur noch weiter und ich konnte fühlen, wie sich meine gesamte Aggression, die ich über die Jahre in mit versammelt hatte, mit einem Schlag ins Innere dieser Kiste entlud.

Unzählige Male glitt das scharfe Messer in die Kiste und mit jedem Mal mehr schien sich eine schwarze, zähflüssige Substanz an der Klinge festzusetzen. Nichts jedoch konnte mich aufhalten in meinem Tun und so sollte es noch ewige Minuten dauern, bevor ich das Messer zum letzten Stich erhob, aus dem Stofftuch zog und noch einige Zeit innehielt. Ich sah langsam zu dem alten Mann auf, der einige Schritte zurückgewichen war und dessen Gesicht nun im dunklen Schatten des Raumes verborgen lag. Immer noch das Messer, mit dem schwarzen, klebrigen Schmierfilm daran, in der Hand stand ich nun da und versuchte zu realisieren, was ich da gerade tat – und vor allem wieso. Ich ließ langsam meine Hand sinken und legte das Messer behutsam auf den alten Tisch, auf dem die Kiste stand. Das Feuer der Kerze tanze wie wild durch all die Bewegung und Energie, die ich in diesem Raum auslebte und auf die schwarze Kiste vor mir projizierte. Ich sah weiter in die Richtung des alten Mannes und fragte nochmal: „Was ist da drin“. Er reagierte nur zögerlich, kam dann jedoch langsam auf mich zu, während sein im Schatten verborgenes Gesicht sich immer weiter in das Lichte der Kerze tauchte. Vor dem Tisch blieb er stehen und starrte mich an. Seine spröden Lippen zitterten und seine Augen hatten die Farbe von einem hellen, trüben Blau in ein tiefdunkles Schwarz gewechselt. Zitternd hob er die Hand und entfernte langsam das zerfetzte Tuch, das an der schwarzen Kiste angebracht war und deutete mir mit dem Finger einen Blick hinein zu wagen, während er mit der anderen Hand wieder nach der Kerze griff, um mir Licht zu spenden. Ich konnte nur schwer den Blick von seinen finsteren Augen abwenden und bemühte mich in die Kiste zu sehen. Darin lag ein Säugling, wohl nicht älter als ein paar Wochen oder Monate. Die Stiche des Messers, das ich in die Kiste getrieben hatte, hatten seinen kleinen Körper völlig entstellt. Einer seine Arme war fast vollständig abgerissen, schwarzes Blut quoll aus seinem beschädigten Körper. Auch der Schädel hatte sehr viele Verletzungen abbekommen.

Ich stand da, mit zitternden Lippen und wusste nicht mehr, wie mir geschah oder was ich sagen sollte. Ich legte meine Finger um den Rand der schwarzen Kiste und konnte spüren, wie sich eine Träne dazu anbahnen würde, mein Auge zu verlassen. Der Mann, der mich dabei beobachtete, griff in die Kiste und hob den völlig zerbersten Schädel des Säuglings an. Ich blickte rasch zu ihm auf, weil ich keine Vermutung hatte, was er nun anstellen würde. Zu perplex war ich von der Situation, von dem was ich tat und von dem alten Mann, der das ganze erst zu verantworten hatte. Er zog derweil unbeirrt den Säugling am Kopf aus der Kiste und stieß mit einem Ruck seine Hand in eine der Wunden in den Schädel, direkt in das Gehirn des Säuglings. Die Geräusche, die dabei zu vernehmen waren, waren derart abscheulich, dass ich nur noch katatonisch, gefangen von meinen Gedanken und Emotionen dastehen und zusehen konnte, was er tat. Er versenkte nun seine ganze Hand im Schädel und zog dann daran. Ich dachte erst, dass er das Gehirn entfernen wolle, doch er zog eine kleine rote Schatulle aus dem Kopf des Säuglings. Sie war mit Staub und alten Blättern von verwelkenden Bäumen bedeckt. Einzelne Dornenranken quollen noch aus der Kopfwunde des Säuglings, die die Schatulle offensichtlich umschlossen hatten. Die Dornen hatten die Hand des alten Mannes schwer verletzt, doch er sah mich nur mehr an, öffnete die Schatulle und zog eine Rasierklinge heraus. Ich wusste nicht mehr, wie mir geschah, alles ging zu schnell, um überhaupt zu fragen, was hier los war. Der Mann sah mich an und schluckte die Rasierklinge vor meinen Augen herunter. Dann legte er die Schatulle in die schwarze Box und sagte: „Erinnerungen sind immer schmerzhaft. Doch man muss sie immer bei sich tragen.“ Dann verließ er den Raum wieder und ließ mich allein im Kerzenlicht zurück.

Vertonung (von CryptMane)

https://www.youtube.com/watch?v=e-ZyDYF-2xE

Vertonung (von Bruugar)

https://www.youtube.com/watch?v=jFFjRvixDV4

Vertonung (von MunchSpeech)

https://www.youtube.com/watch?v=Tt9MMwn15ws

Vertonung (von CallMeLex)

https://www.youtube.com/watch?v=HTmsCNkyyws


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