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Man erzählt sich die Legende eines Geistes, welcher in einem Apartmenthaus der Eldoringasse - nahe dem Bodensee - sein Unwesen treibt, indem er die des Mordes Schuldigen jagt, und nach einem perfiden Versteckspiel gezinkter Karten in die Hölle schickt. Es soll sich dabei um eine junge Frau handeln, die von ihrem älteren Liebhaber hintergangen, missbraucht, anschließend sogar umgebracht wurde, da sie die Beziehung nicht länger vor seiner Gattin verbergen konnte, und drohte, die Karten aufzudecken.
Der junge Mann aber, welcher dennoch weiterhin... Empfindungen für sein verstorbenes Spielzeug hegte, verstümmelte und vergewaltigte ihre Rückstände immer und immer wieder, bis Anwohner eines Tages den Gestank aus dem Stockwerk von Apartment 216 bemängelten, und die Polizei alamierten.




Ich glaube nicht an Gruselgeschichten.
Ich glaube auch nicht an Monster.

Doch ich stehe ja erst am Anfang des Ganges, während sich die Aufzugtüren mit einer quietschenden Entgültigkeit hinter mir schließen, um mich in vollkommener - nicht sonderlich angenehmer - Dunkelheit zurückzulassen, welche sich geradezu hungrig auf meine Gestalt stürzt. Und in dieser Dunkelheit lassen sich die meisten Menschen etwas... einfacher überzeugen.
Aus irgendeinem unerfindlichen Grund funktionieren die Lichter hier nicht mehr, abgesehen von einer einzelnen Neonlampe, die hin und wieder tapfer flimmert, was den somit abgedunkelten Räumlichkeiten einen eher beunruhigenden Anklang verleiht. Ich ertappe mich dabei, wie ich einen Gott anflehe, an den ich nicht einmal glaube, dass dieses kleine Licht mir erhalten bleiben möge.
Mit einem ergebenen Seufzen setze ich mich daraufhin in Bewegung; zögernd wohlgemerkt, da die ganze Situation geradezu nach einem Mörder schreit, der sich hinter einer der zahlreichen Türen versteckt, und nur auf den richtigen Moment wartet, um...


Knack.


Als ich es passiere erstirbt auch das letzte Licht mit einem geradezu spöttischen Geräusch, woraufhin ich sofort zusammenzucke. Meine Schulter trifft unangenehm fest auf eine besonders instabile Stelle des Apartmentkonstruktes, weswegen ein wenig Putz auf meiner Jacke landet; sie kaum merklich weiß färbt, wenn nicht sogar unwiderruflich befleckt. Einige Sekunden später runzele ich aber schon wieder die Stirn über meine abrupte Reaktion, und beiße mir entnervt auf die Unterlippe. Der Schmerz hilft dabei, meine wüsten Gedanken unter Kontrolle zu bekommen.

Reiß dich zusammen, man.
Du glaubst nicht an Gruselgeschichten.

An den Wänden prangen Wasserschäden und Risse wie Gemälde; der Boden knarrt lauernd unter meinen Füßen. Ein kehliges Lachen erklingt rechts von mir, weswegen mein Körper - unbeabsichtigt - sofort etwas zur linken Hälfte des Korridors rückt, und sich dort halb gegen den dreckigen Beton presst. Noch mehr Putz. Ich muss nießen.
Meine Unterlippe beginnt allmählich zwischen meinen Schneidezähnen zu bluten. Durch die dünnen Türen dringen Streit, Flüstern und natürlich auch Sex, den wohl die anderen merkwürdigen Gestalten in diesen Räumlichkeiten gerne hören. Zu gerne hören.
Bei dem Gedanken an den abgefuckten Typen auf meinem Stockwerk fröstele ich, und verschnellere meinen Schritt, denn ihm würde ich tatsächlich nur sehr ungern im Dunkeln gegenüberstehen. Der Takt meines Atems ist ungleichmäßig, und meine Hand schließt sich über meinem Herzen, aus Furcht, es könne zerspringen. Die Welt dreht sich vor meinem inneren Auge, und eine Panikatacke dröhnt hinter den letzten Schnallen meines Verstandes wie ein Presslufthammer, weswegen der Schlag meines Herzens aus dem Rhythmus fällt.
Eine einzelne Frage drängt sich mir so unschuldig auf, dass ich jenen, schrecklichen Gedanken dahinter nicht bemerke. Doch...


Ist der Gang schon immer so lang gewesen?


Meine Wohnung liegt ganz am Ende: Nummer 221. So unglaublich unvollkommem und so unglaublich unpassend. Ich bin hier oft entlanggelaufen; jeden einzelnen Tag um genau zu sein, ohne überhaupt darüber nachzudenken.
Automatisiert habe ich den nach Moder riechenden Weg hinter mich gebracht, um danach in meiner Wohnung zu verschwinden. Automatisiert habe ich sämtliches Unwohlsein verdrängt, um keine Panikatacke zu erleiden. Automatisiert habe ich gelernt, meine Angst als Schwäche zu enttarnen, um diese danach eliminieren zu können.
Somit kennt mein Unterbewusstsein diese Situation vollkommen auswendig, und hat sich auch vollkommen an den Geruch, die Geräusche und das Gefühl gewöhnt, die mit diesem Ort einhergehen doch... nicht so. Nicht im Dunkeln.

Nicht mit dem Schauer, der meinen Rücken hinabfließt...

Warte, was?
Du glaubst doch etwa nicht an Gruselgeschichten?

Etwas in mir ist erwacht, denn ich laufe schneller als sonst, ängstlicher als sonst, definitiv gehetzter als sonst. Vorsichtig lausche ich, vermeide es, selbst Töne zu verursachen, presse mir bald die rechte Hand nicht mehr auf die Brust, sondern auf den Mund, als mir ein irrationales, dumpfes Stöhnen entflieht.
Aber ich glaube nicht an Gruselgeschichten! Ich glaube nicht an Monster! Ich glaube nicht an Horror-Film-Gestalten, die einen in seinen Albträumen heimsuchen! Ich glaube nicht an diesen Mist den sie Kindern erzählen, damit sie früher ins Bett gehen! Ich glaube auch nicht an...


Dann höre ich es.


Kratzend. Schleppend. Stöhnend. Ein Geräusch, von dem ich mich verzweifelt überzeuge, es entspringe einer alten Klimaanlage, die angeschalten wird. Ich erlaube meinen Augen, über die Zahlen neben den Türspionen zu huschen, und somit zu kontrollieren, ob auch alle Türen geschlossen sind. Noch stehen alle Schlösser waagerecht. Dort, wo sie sein, und bleiben sollten.
Schließlich trennen mich nur noch wenige Meter von der Sicherheit meines Zuhauses, die mir in leuchtenden Lettern entgegen scheint; meine entflammten Sinne kühlt.

Bei 216 erwarte ich nichts Anderes als eine dreckige, viel zu alte Eichenpforte, einen Wasserschaden an der Wand daneben, und ein waagerecht stehendes, abgenutztes Türschloss... bis ich sehe, wie es sich aus dem hölzernen Rahmen neben einem besonders großen, dunkelbraunen Fleck an der Wand erhebt, und die Geräusche wiederholt, die meinen Atem unterbrechen.
Kratzend. Schleppend. Stöhnend.
Ausgehölte Augen. Eine zerfallene Maske, die in besseren Tagen wohl als Gesicht bezeichnet werden könnte. Blutige, fingerlose Hände, die sich nach mir ausstrecken, und solch schrecklich weiße Gestalt, die auf keinen Fall menschlich sein kann...
oh, gott... nein nein nein... so viel... Blut? Die Flüssigkeit scheint zu dunkel zu sein für Blut, und fließt in die Richtung meiner Schuhe, umschmeichelt den weißen Stoff, färbt ihn unwiederruflich, anders als der Putz, den man wieder abklopfen könnte.

Ich stolpere ein wenig nach hinten - falle beinahe zu Boden. Es dauert, bis ich mein Gleichgewicht wiederfinde, sodass die Kreatur mich erreichen könnte, wenn es die bleichen Gelenke nach mir austrecken würde, um nach mir zu greifen. Dann drehe ich mich um und renne zurück zum Aufzug, verfallen der Panik, die sich nun in Schwindel, Hitzewallungen und Atemlosigkeit manifestiert, welche mit den Millisekunden immer mehr an Effekt zunehmen. Mein Körper spielt verrückt, und die Ränder meines Sichtfelds werden plötzlich so... verschwommen, als hätte ich nie in meinem Leben gelernt, klar zu sehen. Der Boden unter meinen Füßen ist so uneben, dass ich kämpfen muss, um mein fragiles Gleichgewicht... mein fragiles Leben zu bewahren; die Dielen scheinen unter mir nachzugeben. Wände beugen sich mit ihren Rissen über mich, drohen zu fallen, mich unter sich zu begraben.
Hinter mir höre ich es lachen? Wimmern? Krächzen? Aber dieses Ding folgt mir - das weiß ich, obwohl ich es nicht wage, nach hinten zu blicken, aus Angst, mein Verstand könne in tausende aberwinzige, unflickbare Scherben zerspringen. Es folgt mir, und es wird mich kriegen, wenn ich mich nicht beeile, deswegen renne ich. Immer weiter. Ich strecke den Arm aus.
Endlich angekommen. Meine Hand kollidiert immer und immer wieder mit dem Aufzugrufknopf, und dennoch sehe ich keine Reaktion, abgesehen von dem biestigen aufleuchten des Zeichens. Warum ich? Warum jetzt? Die silbrigen Türen scheinen sich belustigt von mir weg zu biegen. Sie bleiben geschlossen, obwo...


Kratzzzzz.


Dann öffnen sich diese gnädigen Metallplatten, die einen Lichtkegel auf mein Antlitz hinabscheinen, welcher mir in dieser Millisekunde wie ein Zeichen von Gott vorkommt. Ich werfe mich hinein, treffe auf den stählernen Widerstand und weine beinahe vor Glück, in der Sicherheit des kalten Neonlichtes. Sicherheit. Oh danke! Danke, danke, danke!
Erst jetzt bemerke ich, dass die Türen noch geöffnet sind. Es kommt weiterhin näher. Zentimeter für Zentimeter. Auf mich zu. Und verdammt nur noch ein Augenblick trennt mich von dem... Ding.

Ich schlage meine Faust so hart gegen ><, dass der Schmerz pochend bis zu meiner Schulter hinaufschießt, schließe meine Augen, falte die Hände zusammen und bete. Ein leises, quietschendes Geräusch erklingt mit einer gewissen Entgültigkeit, und ich reiße meine Lider auf; muss einfach sehen, wie es zurückbleibt, fernab von mir.
Das Letzte, was ich erblicke, bevor sich die Türen schließen, bringt mir aber nicht die erhoffte Erleichterung. Das so dringend nötige Ausatmen. Die Normalisierung des Herzschlages.
Ich keuche, und lasse mich sinken, während sich diese schrecklichen Augen über dem krankhaften... Lächeln? in meine Eigenen bohren. Ohne Augenlider. Ohne Seele. Unmenschlich. Mich ansehend... Der Kasten setzt sich ruckelnd in Bewegung, summt eine zarte Melodie, die einst als Zeitvertreib gedacht, doch nun das Einzige war, dass mich bei Besinnung halten konnte, obwohl ich schon jetzt meine Arme wie Schraubstöcke um meinen Oberkörper schlang, und so unglaublich sanft vor- und zurückwippte.


Das ist jetzt einen Monat her.

Ich glaube jetzt an Geister.

Ich glaube an Monster, die diese Erde heimsuchen.

Ich glaube, dass das, was ich gesehen habe, nicht menschlich war.

Und ich muss, muss, die Zeitungen ignorieren, auf deren Titelseiten wie ein Faustschlag ins Gesicht prangt, dass sie auf ihren Stumpen nach vorne kroch, literweise Blut verlor, und minutenlang kurz vor dem Aufzug lag, der sich nicht noch einmal für sie öffnete.




Am Sonntag vergangenen Tages fand ein auf Wunsch anonymer Anwohner des Apartmenthauses der Eldoringasse - nahe dem Bodensee - die Leiche einer jungen Frau, die scheinbar verblutete. Es handelt sich dabei mutmaßlich um die als vermisst gemeldete 24-jährige Lynn M., die von ihrem der Polizei einschlägig bekannten Stalker entführt, und anschließend umgebracht wurde.

Davor aber verstümmelte und vergewaltigte er sie immer und immer wieder, bis er eines Tages einen Fehler machte, und die Jura-Studentin es bis zum Aufzug schaffte.


Aber nicht weiter.


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