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„Meine Waren biete ich gern feil, wenn die Straßen verlassen sind […]. Nur zu, ihr könnt sie euch ruhig näher ansehen, aber seid bitte vorsichtig. Bestenfalls sind sie bissig und schnappen zu.“ - Stephen King, Basar der bösen Träume



Meine Augen kommen mir schwarz vor, als ich sie über die Menge schweifen lasse. Sie sind so braun wie eine Nuss, dessen bin ich mir bewusst, aber ich habe in der Tat das Gefühl, sie würden sich an das schwindende Licht der untergehenden Sonne anpassen: Je dunkler die Welt wird, desto dunkler werden meine Augen. Andererseits, sie könnten auch schon immer schwarz sein. Sie sind immerhin die Fenster zur Seele.

Ich gähne und bin froh, dass mich niemand sieht. Mein Verkaufsstand ist noch nicht geöffnet, und da die Uhr an meinem Arm auf Halb Zehn Uhr abends steht würde das auch noch eine ganze Weile dauern. Die üblichen Zeiten kümmern mich nicht. Die Leute sollen doch kaufen, was sie wollen zu dieser Zeit, wirklich interessant ist nichts davon. Massen über Massen an Dingen die von niemanden gebraucht, doch von Massen und Massen von Leuten gekauft werden. Schandhaft. Wirklich interessant ist nur mein Stand. Und der öffnet...

… jetzt. Mitternacht ist eine so schöne Zeit, vollkommene Dunkelheit, vollkommene Stille, vollkommene Einsamkeit. Geisterstunde, wie einem der Volksmund gerne kundtut. Ich lehne mich über den Tresen und schiebe die Abdeckung nach oben, sodass sie ein kleines Dach über den Auslagen bildet. Bewundere für einen Moment die zeitlose Schönheit der Objekte, die es zu kaufen gibt, sie glänzen in der Dunkelheit dieser trostlosen Zeit. Ich hebe den Blick und bedauere, dass ich der einzige bin, der dies zu erkennen vermag, da ich der einzige Anwesende bin. Das ist gut so. Irgendwer wird immer kommen. Und im Gegensatz zu den Massen, die sinnfreies Zeug kaufen wird diese eine Person, vielleicht mit einer Begleitung, mehr nicht, sich individuell für mein hochwertiges Angebot zu interessieren wissen. Ich höre Schritte, ein lautes Klick Klack, Klick Klack von hohen Absätzen, und warte. Ich bin kein Marktschreier, der hier gefrorene Forellen feilbietet. Wer sich wahrlich interessiert, der kommt von selbst. So auch diese Frau, die sich mir nähert. Ich frage mich, was sie zu so später Stunde auf die Straße getrieben hat, werde aber sicherlich nicht sie danach fragen. Es geht mich nichts an. Vielleicht ist es eine Affäre, vielleicht hatte sie Nachtschicht, vielleicht beging sie gerade einen Mord. Wer weiß? Wen interessiert's?

„Guten Abend.“ Es ist mehr eine klischeebehaftete Höflichkeitsfloskel als ein Versuch, ihre Aufmerksamkeit zu ergattern, denn die, so sehe ich, hatte ich schon. Sie tritt näher heran, im seichten Licht meiner Laterne erkenne ich ihre Gesichtszüge als die einer Frau in den Fünfzigern: „Guten Abend.“, erwidert sie verwundert: „Was machen Sie denn hier, wenn ich fragen darf? Ich dachte, der Markt ist schon geschlossen?“

Ich lächele höflich: „Der Markt ja, doch ich bin ja nun nicht der Markt, nicht wahr? Ich habe mit diesem nichts zu tun, ich verkaufe immer um diese Zeit. Das hält mir die Massen vom Leib.“ Sie wirft mir einen erstaunten Blick zu: „Ja, aber... wie verdienen Sie denn dann? Um Mitternacht kommt doch niemand vorbei.“ Ich schüttele den Kopf: „Sie sind doch hier, oder irre ich mich? Hab ich vielleicht doch einen über den Durst getrunken?“

Ja, das ist gut. Witze lenken vom Wichtigen ab und lockern die Stimmung auf. Auch sie lacht, leise, aber immerhin: „Nein, keine Sorge, ich bin wirklich hier. Da haben Sie wohl Recht. Nun, wo ich schon mal hier stehe... was verkaufen Sie denn um diese Uhrzeit?“ Meine Hände vollführen eine ausladende Bewegung: „Senken Sie den Blick und sehen Sie selbst.“

Sie senkt den Blick auf die Auslage. Da liegen ein paar gebrauchte Bücher, etwas Krimskrams und Schrott aus zweiter Hand und das, was sie sich seit jeher am meisten wünscht. Sie greift danach, ihn ihren Augen spiegeln sich Verwunderung und Freude... und Begierde: „Was... Wo haben Sie die denn her? Oh mein Gott, so eine suche ich schon seit Jahren, aber die werden gar nicht mehr hergestellt... oh, großer Gott...“ Sie hebt den Kopf zu schnell, ihre wehenden Haare verraten, dass ich ihr jeden Preis dafür abverlangen könnte, sie würde zahlen: „Wie viel kostet die?“ Ich tue so als würde ich nachdenken: „Nun, so eine Brosche aus den Vierzigerjahren, wissen Sie, dies ist tatsächlich ein Original, das kann ihnen jeder Juwelier bestätigen, aber ich bin selbst nicht so gut darin, den Wert von Dingen zu erraten... belassen wir es bei dreißig Euro. Deal?“

Sie nickt, legt ohne zu zögern das Geld auf den Tresen und verschwindet, mit Danksagungen um sich werfend wie Affen mit Kot. Ich genieße den Anblick dreier leicht rötlich schimmernder Scheine. Es ist doch immer wieder nett mitanzusehen, wie Leute nur sehen, was sie zu sehen glauben. Sie wird nie merken, dass ich ihr eine Sicherheitsnadel verkauft habe.



Es dauert fast eine Stunde, bis mir erneut jemand begegnet. Ich bin müde und erschöpft, aber dieser Jemand scheint in meinen Augen regelrecht zu strahlen: „Guten Abend, junger Mann. Was kann ich für Sie tun?“ Er tippt sich leicht an seinen Hut und klemmt sich seinen Gehstock unter den Arm. Für einen Augenblick wundere ich mich, dass ein Mann von knapp zwanzig Jahren einen Gehstock benötigt, dann verwerfe ich das. Vielleicht eine Verletzung, wer weiß. Er jedenfalls beugt sich über die Auslage: „Nun, mit Verlaub, das ist mir nicht bekannt. Doch es wird sich gewiss etwas finden, oder irre ich mich?“ Er hebt den Kopf, ich blicke in ein junges Gesicht mit alten Augen: „Denn bei Ihnen findet sich immer etwas, wofür wir unsere Seelen verkaufen würden.“

Augenblick mal, normalerweise bin ich hier der, der Spielchen spielt, aber dieser Junge scheint den Spieß umkehren zu wollen: „Ich gestehe,“, murmele ich, „dass sich bis dato niemand beschwert hat. Ich verkaufe sicherlich merkwürdiges Zeug, doch es ist immer etwas dabei, was einem Wunsch aus tiefster Seele entspringt.“ „Oh, aber gewiss doch. Sehen Sie, ich bin ja nun nicht von gestern, ich ganz gewiss nicht. Ich sehe was Sie feilbieten, eine Handvoll Müll und die beliebtesten Bücher, doch offenbar aus dritter Hand. Aber verkaufen Sie auch das, was ich am meisten begehre?“

Er wird mir ungeheuer, die Kälte der Nacht findet Einzug in meinen Mantel: „Vielleicht missverstehen Sie. Ich bin kein Händler des Teufels, einem Roman von Stephen King entsprungen. Ich handele mit Krimskrams, den die Leute kaufen, weil sie ihn wollen. Mehr nicht.“ „Aber gewiss doch. Die junge Lady von eben wollte eine Brosche, Vierzigerjahre aus der VanDuyk-Sammlung, wenn mich mein künstlerisches Verständnis nicht täuscht, und ansehen kann sie immer wieder nur eine verrostete kleine Nadel. Wollte sie das wirklich?“

Wer ist dieser Kerl? Er hat seinen Kopf mit dem Hut vorgebeugt, sodass meine Laterne sein Gesicht nicht mehr zu erleuchten vermag, und das macht ihn nur noch unheimlicher. Ich versuche es mit der Schildkrötentaktik: „Guter Mann, ich habe nicht die leiseste Ahnung, wovon Sie da reden. Und wenn Sie nichts zu kaufen gedenken, möchte ich Sie zum gehen ermutigen.“

„Aber nicht doch.“, murmelt er, das Gesicht immer noch in Schatten getaucht: „Ich gedenke zu kaufen, doch nur was ich am meisten begehre.“ „Nun, und... und was ist das, was Sie begehren?“ Bevor er antwortet hebt er den Kopf und ich erstarre. Da ist kein Gesicht mehr übrig, kein junger Mann unter diesem Hut, sondern... sondern...



Ich erwache schreiend, brauche Minuten, um die Situation zu verarbeiten. Ein Albtraum, und zwar eine von der perversen Sorte. So ein Gesicht, wenn man es denn so nennen will, das kann sich doch niemand ausdenken. Kein Verstand ist so... krank! Ich blicke mich um, hektisch und keuchend. Mein Mann liegt neben mir im Bett und schläft den Schlaf der Seligen, um den ich ihn gerade beneide. Nach diesem Bild in meinem Kopf kann ich gewiss nicht einschlafen. Ich blicke auf den Wecker auf meinem Nachttisch und erstarre für eine Sekunde: Null Uhr dreiundfünfzig, ziemlich genau der Zeitpunkt an dem mein Traum endete. Ob das Zufall ist? Muss, rede ich mir ein, muss. Anders geht es nicht. Ich schüttele den Kopf und stehe auf, gehe ins Badezimmer um mir etwas kaltes Wasser ins Gesicht zu kippen. Es tut gut, und vor allem holt es mich in die Realität zurück, besser als es irgendwas anderes könnte. Ich atme ein und aus, ein und aus und blicke beruhigt in den Spiegel.

Mein Schrei ist lauter als zuvor, als ich nichts erkenne als das Ungesicht aus meinem Traum.

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