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Room-616875 1920

Fenster. Wenigstens Fenster hätte die Wohnung haben sollen. Aber das einzige Licht, dass seine Wohnküche erhellte, kam von den nackten Glühbirnen an der Decke. Immerhin schienen sie einfach nicht auszugehen, auch wenn sie schon seit unzähligen Tagen brannten. Es waren keine von diesen modernen LED-Lampen. Nicht einmal Energiesparlampen oder Halogenlampen. Es waren die guten alten Glühbirnen und damit richtige Stromfresser, auch wenn das für Michael keine wirkliche Bedeutung hatte. Er brauchte keine Stromrechnung mehr zu bezahlen.

Eigentlich wurden diese Glühlampen nicht mehr hergestellt. Das hatte er über den Fernseher erfahren. Es war ein altes Gerät aus den frühen achtziger Jahren. Schwer und mit schlechter Bildqualität. Aber immerhin eine Stunde am Tag konnte er dort Nachrichten sehen. Es war seine einzige Verbindung zur Außenwelt. Ein anderes Programm gab es nicht.

Das heißt: Manchmal doch. Hin und wieder sah er düstere Schwarzweiss-Bilder wie von einer Überwachungskamera. Darauf waren dürre, hässliche, lippenlose Wesen mit strähnigen Haaren zu sehen, die vor schimmligen und verfallenen Wänden umherkrochen. Die Geräusche in der Nacht hatten ihn zu dem Schluss gebracht, dass sie sich ganz in der Nähe befinden mussten. Die Wesen taten dabei nichts besonderes. Außer herumzukriechen und zu laufen und gelegentlich direkt in die Kamera zu sehen. Das aber waren die grauenhaftesten Momente eines jeden seiner Tage. An den Anblick der herumkriechenden Kreaturen hätte er sich gewöhnen können – nicht sofort, aber 35 Jahre waren eine lange Zeit – aber an diese Augen und diese Gesichter würde er sich nie gewöhnen. Dieses Kunststück würde schlichtweg niemand fertig bringen. Sie sahen fast aus wie Menschen, aber doch auch wieder nicht mit ihrer bleichen, pergamentartigen Haut, den dunklen großen Augen und den spitzen, dürren Gesichtern. Er wollte wegschauen, aber so schrecklich die Bilder auch waren – sie waren besser als der ewig gleichen Anblick der kahlen, dreckigen Wände seines Zimmers.

Jede Nacht, wenn er das Kratzen, Wispern und Röcheln von jenseits der Wände hörte, hatte er Angst, dass sie irgendwann zu ihm kommen würden. Dass er diese grauenhaften Gesichter aus nächster Nähe sehen und – schlimmer noch – fühlen und riechen musste. Aus irgendeinem Grund war er sich sicher, dass sie einen ekelhaften Geruch verbreiten würden. Sie hatten etwas an sich, in ihren Bewegungen und ihren Gesichtern, dass ihm beinah das Gefühl gab, ihre Ausdünstungen durch den Monitor hindurch riechen zu können

So beängstigend dieser Gedanke auch war – noch schlimmer war das alte Gesicht, das ihn jeden Morgen im Badezimmerspiegel erwartete. Er konnte es immer noch nicht als sein eigenes akzeptieren. Er war erst zwanzig Jahre alt gewesen als er diese Wohnung besichtigt hatte. Er war durch eine Zeitungsanzeige darauf aufmerksam geworden und auch wenn sie sich in einem recht heruntergekommenen Hochhaus befunden hatte, war sie dafür ausgesprochen günstig gewesen und er hatte damals unbedingt von seinen Eltern wegziehen wollen. Auf eigenen Füßen stehen. Eine eigene Zukunft aufbauen.

Wie so oft in all den Jahren fragte er sich, was aus seinen Eltern geworden war. Womöglich waren sie inzwischen tot. Mit Sicherheit aber waren sie alt und er würde sie nicht mehr als die Personen erkennen, die sie einst waren. Er war ihr einziges Kind gewesen, aber inzwischen würden sie nur noch selten an ihn denken, wenn sie überhaupt noch lebten. Seine Freunde von damals würden ihn dagegen sicher längst vergessen haben. Sie hatten ihr Leben gelebt, hatten sich verliebt, Karriere gemacht, Partys gefeiert, ihre Hobby gepflegt, Reisen unternommen, Freundschaften geknüpft und all das gemacht, was ein erfülltes Leben ausmachte. Er dagegen sah seine Jahre einsam und ereignislos an sich vorüberziehen ohne das etwas passierte, was sich nicht auf dem Bildschirm dieses verdammten Fernsehers abspielte.

Immer wieder hatte er sich gewünscht an diesem Tag nicht zu dieser verfluchten Wohnungsbesichtigung gegangen zu sein. Aber so etwas wie eine Zeitmaschine gab es leider nicht und so ließ sich auch nichts daran ändern, dass ihn seine Füße an diesem sonnigen Augusttag vor 35 Jahren in sein künftiges Gefängnis geführt hatten. Der Mann, der ihm die Wohnung gezeigt hatte war ein hässlicher, unysmpathischer Kerl gewesen, der auch ein wenig verrückt gewirkt hatte. Aber dennoch hatte Michael die Bruchbude inspiziert. Nachdem er sich das fleckige, angeschimmelte Sofa, das dreckige Badezimmer und die unhygienische Küche angesehen hatte, hatte er angewidert verschwinden und sich nach etwas anderem umsehen wollen.

Als er sich aber umgedreht hatte, war der Mann verschwunden und die Tür war verschlossen gewesen. Zuerst hatte er nach ihm gerufen, dann geschrien. Aber selbst nach mehreren Stunden hatte niemand auf seine Rufe reagiert. Auch seine Versuche, die Tür zu zerstören waren zwecklos gewesen. Er hatte es zwar geschafft sie zu beschädigen, aber alle Schäden die er angerichtet hatte, waren kurz darauf wieder verschwunden. Irgendwann war er erschöpft eingeschlafen, bis er in der Nacht vom Flackern des Fernsehers geweckt worden war. In dieser Nacht hatte er zum ersten Mal diese grauenerregenden Wesen gesehen.

Am nächsten Morgen war er nicht nur schweißgebadet, sondern auch durstig und hungrig erwacht. Da er ohne Nahrung und Wasser nicht die Kraft gehabt hätte, sich weiter an der Tür zu versuchen oder über eine andere Möglichkeit zur Flucht nachzudenken, hatte er den Kühlschrank, jeden einzelnen Vorratsschrank, jede Schublade und jeden anderen Winkel der kleinen Wohnung nach etwas Essbaren oder Trinkbaren durchsucht. Aber der Kühlschrank war defekt und leer gewesen und auch in den Schränken hatte er nichts außer Staub und Schmutz gefunden.

Als er den Wasserhahn in der Küche aufgedreht hatte, hatte sich rein gar nichts geregt. Erst als er sein Glück im Badezimmer versucht hatte, hatte er Erfolg gehabt. Allerdings war kein Wasser aus dem Hahn gekommen. Nicht im klassischen Sinne. Statt der erhofften kristallklaren Flüssigkeit, platschte eine dickflüssige, stinkende Brühe aus dem Hahn, die auch dann nicht sauberer wurde als er den Wasserhahn mehre Minuten lang aufgedreht hatte. Angewiedert hatte er sich damals von diesem Gebräu abgewandt. So etwas würde er nie im Leben anrühren, hatter er sich geschworen.

Als aber Hunger und Durst mit der Zeit immer schlimmer geworden waren, sein Magen zu schmerzen begonnen und seine Kehle sich wie Sandpapier angefühlt hatte, hatte er seine Meinung geändert. Eines Morgens hatte er seine Lippen direkt an den stinkenden, rostigen Wasserhahn gesetzt, ihn aufgedreht und die verfaulte Brühe in seine Kehle sickern lassen als wäre es köstlichster Nektar. Sie hatte sich zäh und pelzig angefühlt und ganz wie erwartet, bitter, faulig und ganz und gar widerlich geschmeckt. Aber dennoch hatte er mehr und mehr davon getrunken.

Eigentlich hatte er erwartet, dass ihn die ekelhafte Flüssigkeit krank machen würde. Aber das Gegenteil war der Fall gewesen. Er hatte sich stärker und ausgeruhter gefühlt. Allerdings nicht stark und ausgeruht genug, um in den folgenden Tagen einen Ausweg aus der Wohnung zu finden oder laut genug zu schreien, um von Irgendjemandem gehört zu werden. Falls überhaupt etwas menschliches in diesem Haus war, dass ihn hören konnte. Und wenn doch: Wer sagte ihm dann, dass nicht jede einzelne der vielen Wohnungen in diesem Hochhaus von einem anderen Verzweifelten bewohnt war, der sein Gefängnis nicht verlassen konnte?

Neben dem fauligen Geschmack hatte die Flüssigkeit noch eine andere Eigenart. Sie führte zu schrecklichen Albträumen in denen ihm die grauenhaftesten Dinge passierten und die abscheulichsten Kreaturen begegneten. Aber das Erwachen war stets das schlimmste an jedem Traum. In den Träumen passierte wenigstens etwas.

Nachdem er endlich eingesehen hatte, dass kein Retter kommen würde und das eine Flucht unmöglich war, hatte er versucht, sich umzubringen.

Er hatte sich mit einem rostigen Küchenmesser die Pulsadern aufgeschnitten, hatte versucht sich mit einer alten Plastiktüte zu ersticken und sogar sich selbst den Kopf zu zertrümmern. Aber nichts davon hatte geholfen. Es war so als wäre er in diesem Zimmer genauso unsterblich, wie auch alle dort vorhandenen Gegenstände unzerstörbar waren.

Also blieb ihm nichts anderes übrig als sich Tag zu Tag beim Altern zuzusehen, die stinkenden Brühe aus dem Wasserhahn zu konsumieren und jede Nacht die Albträume und die Bilder und Geräusche zu ertragen, die von diesen schrecklichen Kreaturen stammten.

Doch wie bereits erwähnt: Das Schlimmste war der Spiegel, den er zwar schon mehrmals zerstört hatte, der sich aber immer wieder auf Neue zusammengefügte. Denn darin sah er nicht nur wie er sich über die Jahre von einem hübschen jungen Mann in ein verbittertes, altes Wrack verwandelte – er sah auch Veränderungen, die nichts mit dem natürlichen Alterungsprozess zu tun hatten und nicht einmal mit dem nie endenden Schrecken und Stumpfsinn seiner Tage zu erklären waren. Seine Haut wurde langsam wächsern und pergamentartig, seine Haare strähnig und auch sonst ähnelte er den Kreaturen auf dem Bildschirm in letzter Zeit mehr und mehr. Noch war die Ähnlichkeit nicht zu offensichtlich und würde einem Außenstehenden sicher nicht unbedingt auffallen. Aber wer wie er die meiste Zeit mit sich selbst allein war, der bemerkte auch die kleinsten Veränderungen.

Doch so trostlos und schrecklich seine Existenz in diesem tristen Gefängnis auch sein mochte – eine kleine Hoffnung gab es. Sie war erst kürzlich in Form eines Tablets erschienen, dass eines Morgens auf seinem Nachttisch gelegen hatte. Dank der tägliche Nachrichten hatte er zumindest grob gewusst, worum es sich dabei handelte und hatte die Funktionsweise bald begriffen. Das Gerät besaß sogar einen Internetzugang, doch die einzigen Seiten, die er aufrufen konnte, waren Immobilienportale. Alles andere blieb ihm verwehrt. Dabei wurde ihm schnell klar, welche Botschaft ihm die Wesen hinter den Mauern senden wollten. Sie boten ihm damit einen Ausweg an. Es war ein schrecklicher Ausweg, aber nach all den Jahren war er nicht wählerisch. Also setzte er seine Inserate auf, schilderte die Wohnung in den schillerndsten Farben und bot sie zu einem regelrechten Spottpreis an. Er konnte alles versprechen, da er diese Versprechen nie würde einlösen müssen. Bilder von der Wohnung konnte und wollte er nicht machen. Das hätte nichts genutzt, sondern eher geschadet. Aber auch so gestattet er sich ein wenig Hoffnung. Eine andere Chance hatte er ohnehin nicht.

Und tatsächlich hatte sich diese Hoffnung heute erfüllt. Es zwar ein junger Mann um die Zwanzig, der an seiner Tür geklingelt und der sie zum ersten mal seit 35 Jahren geöffnet hatte. Im Laufe der Wohnungsbesichtigung war dem jungen Mann die Enttäuschung anzusehen gewesen, aber dennoch hatte er die Wohnung genau inspiziert. Günstiger Wohnraum war schwer zu finden. Als der Mann sich das Bad ansah, nutzte er die Gelegenheit. Sein empörtes Klopfen und Schreien störte Michael nicht weiter. Es war an der Zeit, dass jemand anders übernahm. Spätestens in einigen Tagen würde der Mann einsehen, dass es für ihn kein Entkommen gab und dann würde sich der Kreislauf erneut ereignen. Für viele Jahre. Denn Michael hatte gesehen, wie das Tablet sich in nichts aufgelöst hatte, kurz bevor der Mann geklopft hatte. Manche Dinge musste man sich verdienen.

Kurz überlegte Michael nach Draußen zu gehen. Die Sonne auf der Haut zu spüren, den Regen auf dem Asphalt prasseln zu hören, zu sehen ob seine Mutter, sein Vater oder jemand anders, den er gekannt hatte sich noch an ihn erinnerte. Aber jetzt wo er die Möglichkeit dazu hatte, hatte er kein Interesse mehr daran. Er interessierte sich vielmehr für den Ort von dem die Geräusche stammten und wo die fremdartigen Wesen unablässig umherkrochen und die unfreiwilligen Bewohner quälten.

Es war eine aufregende Vorstellung sie mit eigenen Augen zu sehen und sich den Wesen anzuschließen. Wie albern, dass er sich vor ihnen so viele Jahre gefürchtet hatte. Denn irgendwie hatte er das Gefühl, dass er dort in bester Gesellschaft wäre.

Dann hätte seine jahrelange Einsamkeit endlich ein Ende.

Hüter des Verfalls

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