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Das unterschiedliche Gezwitscher der Vögel dringt durch das offene Fenster in den Raum. Sie begrüßen den Abend, der heute rasch eingetreten ist. Irgendwo am Horizont brennt es und bricht warm durch die restlichen Fensterscheiben, wird dann auf der anderen Seite des Raumes an die Wand geworfen, es ist ein heller Schein bestehend aus Licht. Die kalten Strahlen der Leuchtstoffröhren beißen sich damit und werfen im Gegensatz eine sterile Helligkeit zu Boden. Yvonne nimmt die Abendluft wahr, die kühl in das Zimmer strömt und dennoch empfindet sie den Raum als stickig und eng.
„Wie geht es dir heute?“, fragt die Psychologin mit einem warmen Lächeln, da es ihr nicht entgangen ist, das ihre Patientin unentwegt mit dem Reißverschluss ihres Pullovers spielt. Yvonne verkriecht sich in die weichen Polster des Sitzmöbels und schweigt einige Augenblicke.
„Es könnte besser sein, lieber wäre ich alleine“, flüstert sie laut und weicht dem Blick aus, sieht zu großen Eiche, die vor dem Fenster steht. Ein Großteil der Äste sind bereits kahl, nur noch einige Blätter hängen dort, von denen die meisten in einem rötlichen Herbstton bemalt sind. Das Jahr liegt in den letzten Atemzügen.

Der große Schreibtisch fällt Yvonne in die Augen, nein, eher die Akte darauf, die ihren Namen trägt. In einer roten Mappe eingehüllt stecken Erinnerungen, ihr Leben, das sie nur zu gerne vergessen würde. In jeder Sitzung hatte Frau Weber einen Teil davon hineingeschrieben.
„Natürlich werde ich dich nicht dazu drängen, wenn du heute nicht über die Vergangenheit sprechen möchtest, aber denk daran, du hast in den letzten Monaten wirklich gute Fortschritte gemacht und dir hat es wirklich gutgetan.“
Yvonne verschränkt die Arme vor ihrer Brust und starrt zum Fußboden, wünscht sich ein schwarzes Loch herbei in dem sie verkriechen kann. Leider erscheint es nicht.
„Ich möchte aber nicht darüber sprechen, ich kann es einfach nicht, es fällt mir so schwer“, erwidert sie trotzig, zieht die Knie hinauf und umschlingt sie mit ihren Armen. In ihrer Kehle entsteht ein schmerzender Kloß der bis zur Lunge hinunter reicht, der aber nicht annähernd so peinigend ist, wie die schmerzlichen Erinnerungen in ihrem Kopf, die sie für immer weggesperrt hielt. Aufzeichnungen in ihrem Kopf machen sich selbstständig und schlagen aggressiv gegen die dicke Tür, die sie für immer verschlossen glaubte. Sie fallen über sie her, wie ein Löwe über seine Beute.

„Es lief nicht wirklich gut, erst hatte ich eine fünf in Mathe kassiert und dann gab es diesen Unfall zwischen meinen Beinen, weil ich die Binde vergessen hatte.“
Wie immer schreibt Frau Weber alles mit, sieht abwechselnd zu Yvonne hinauf und wieder zu ihrem Klemmbrett.
„Nach einem verzweifelten Versuch die Hose in der Mädchentoilette zu säubern, beließ ich es mit meinem Pullover der alles verdeckte. Als ich dann zu hause ankam saß meine Mutter wie immer vor der Glotze, aber ich hatte mich schon daran gewöhnt, wie Sie wissen.“
Yvonne sieht mit feuchten Augen in die Leere.
„Ohne ein Wort mit ihr zu wechseln ging ich mich hinauf in mein Zimmer, machte meine Hausaufgaben und sah mir noch etwas auf meinem Handy an, an den Rest des Tages kann ich mich nicht mehr erinnern.“
Frau Weber nickt verständnisvoll, nachdem sie von ihrem Kugelschreiber abgelassen hat. Sie legt ihren Zeigefinger auf ihren Mund, eine Geste die sie immer macht wenn ihr etwas unschlüssig ist.
„Früher war das Verhältnis zu deiner Mutter doch besser. Weißt du, warum sie so kalt zu dir wurde?“
Ihr Gegenüber schweigt, nickt aber kurz darauf. Wieder macht sich Frau Weber Notizen.
„Sie gab mir die Schuld daran und ab einem gewissen Zeitpunkt war ich der Meinung ich hätte es auch nicht anders verdient, der Unfall, mit meiner kleinen Schwester.“
Auf der Stirn von Frau Weber entstehen Falten und ihre Gesichtszüge lassen förmlich ein Fragezeichen über ihrem Kopf erscheinen.
Yvonne fährt zitternd fort: „Das nächste woran ich mich wieder erinnere ist die Zimmertür, wie die Klinke ein metallisches Geräusch erzeugt. Blinzelnd versuchte ich meine Augen an die Finsternis zu gewöhnen und im ersten Moment dachte ich, ich hätte es mir nur eingebildet, doch das Geräusch der Tür, die über den Teppich streifte teilte mir mit das es wieder geschehen würde.“
Frau Weber bemerkt die verkrampfte Haltung die Yvonne nun an den Tag legt.
„Er stand total darauf, verstehen Sie? Und ich? Ich fand es widerlich aber sah es auch als Bestrafung, dafür, das ich nicht auf genug auf Luisa achtgegeben hatte.“
„Du meinst den Autounfall?“ Die Psychologin blättert in ihren Unterlagen und das Fragezeichen löst sich auf.
„Ja, aber wie schon gesagt, ich hatte es als Bestrafung erlebt für meine Unachtsamkeit und so fiel ich in einen Strudel des Schweigens und ließ es einfach über mich ergehen. Anfangs hatte ich versucht meine Mutter den Missbrauch beizubringen aber sie glaubte mir natürlich nicht, warf mir vor die Beziehung mit ihrem Lebensgefährten und meinem späteren Stiefvater zerstören zu wollen.“
Yvonne presst die Zähne aufeinander bis ihr Kiefermuskeln beginnen zu schmerzen, der ihre Augen  in ein glasiges Universum verwandeln.
„Können Sie sich das nur ansatzweise vorstellen?“, zischt sie, während ihre Hände zu Fäusten werden und sich mit ihren Beinen in die Rückenlehne drückt. „Sie hatte mir die Schuld daran gegeben, dabei war sie doch diejenige gewesen die die Verantwortung über uns beide hatte, da ich damals selbst noch minderjährig war.“
Sie atmet einige male tief ein und versucht sich damit zu beruhigen.
„Möchtest du lieber eine Pause einlegen?“, kommentiert Frau Weber den Gefühlsausbruch ihrer Patientin und sieht sie mitfühlend an.
„Manchmal spüre ich noch immer seine Hände auf meinem Körper, die ich damals schon nicht ertragen hatte“, driftet sie allmählich in ihre Vergangenheit ab und in ihr entsteht brennende Wut.
„Meine Seele wurde von einem pädophilen Bastard zerstört. Am liebsten sah er mir dabei zu, wie ich mich nach dem Liebesspiel auf den Teppich übergab.“ Sie fällt in eine weinende Starre.
„Ich kann mir nur vorstellen wie es dir geht deshalb bleibe ich bei meiner Aussage: Denke stets daran, es liegt hinter dir, es wird dir niemals wieder geschehen.“
Für Yvonne ist es nur ein schwacher Trost der ihr Frau Weber vermitteln möchte, jedoch ist sie die Erste, die überhaupt zuhört. Aber selbst die Sitzungen werden ihren Verstand nicht heilen können, was sie erlebt hatte lässt sich nicht einfach wegwischen. Vielleicht besteht irgendwann die Möglichkeit abzuschließen, doch Yvonne spürt schon wieder die Übelkeit in ihrem Mund aufsteigen. Die Zunge liegt schwer in ihrem Mund und drückt unangenehm auf den Gaumen. „Mir geht es gar nicht gut“, würgt sie hervor, versucht sich zusammenzureißen, doch der auftretende Speichel will nicht abnehmen.
„Möchtest du wirklich keine Pause machen?“, leiert es in den Ohren von Yvonne, sie schüttelt aber den Kopf, schließt die Augen und verändert ihre Atmung in tiefe Züge. Sie lässt sich fallen und drückt diesen Dreck wieder in eine tote Ecke ihres Verstandes, bis sie sich nicht mehr mit Frau Weber in diesem Raum befindet. Abgeschottetes konzentrieren ordnet das Chaos in ihrem Kopf und alles Negative wird weggesperrt.
„Geht es dir wieder besser?“
Sie nickt, drückt ihre Knie fester an ihre Brust.
„Wenn du dich dazu imstande fühlst, fahre bitte fort, aber zwinge dich bitte nicht dazu. Wir können jederzeit in der nächsten Stunde weiter machen.“ Erneut nickt Yvonne und atmet abermals tief ein.
„Mein Stiefvater kam ins Gefängnis, nach dem der Missbrauch den Behörden gemeldet wurde.“ Yvonne legt die Stirn in Falten und verbessert ihre Aussage: „Nach dem er von dem Richter verurteilt wurde. Meine Mutter hat sich danach noch weiter zurückgezogen, hat mich gar nicht mehr an ihrem Leben teilhaben lassen, bis ich ich sie eines Tages in der Badewanne gefunden habe, mit dem Föhn in der Hand.“
Ihr versagt die Stimme, aber die Trauer hält sich in Grenzen.
„Es ist wichtig das du dir nicht die Schuld an ihrem Suizid gibst, ebenfalls trifft dich keine Schuld im Falle deiner Schwester. Wie du es schon erwähnt hast, hatte sie die Verantwortung für euch beide.“
Ihre Patientin bestätigt ihre Aussage und spricht weiter.
„Familie Schulte, bei der ich dann untergekommen bin, ist sehr nett zu mir und sie tun alles um mir den Aufenthalt bei ihnen so angenehm wie möglich zu machen. Ich fühle mich sehr wohl bei ihnen.“
Die Psychologin lächelt und bemerkt das Yvonne sich wieder lockert, wendet sich wieder ihren Notizen zu. Nach einigem Augenblick wendet sie sich wieder an Yvonne.
„Das freut mich für dich, es ist jetzt nichts wichtiger als Ruhe und Geborgenheit, es ist sehr wichtig das du auch mal an dich denkst.“
Das Wort Geborgenheit löst die finstere Vergangenheit in Yvonne und lässt sie an Laura denken, liebende Wärme verströmt Sicherheit.

Die restliche Zeit der Stunde vergeht wie im Fluge und dann verabschiedet sich Yvonne von Frau Weber, die mit ihr noch einen weiteren Termin vereinbart, bevor sie die Praxis verlässt. Danach hat die junge Frau nur noch ein Ziel, das Waldgebiet liegt nur einen kurzen Fußmarsch entfernt. Sie hat es vor einigen Monaten bei einem ihrer Spaziergänge entdeckt, bei der sie ihre Gedanken am besten ordnen kann. Nach einigen hundert Metern verlässt Yvonne die Straße und begibt sich zwischen die Bäume, die bald immer dichter stehen, aber nach einigen Metern folgt Yvonne einem schmalen Pfad, der sich zwischen die Stämme schlängelt. Die Luft hat sich in inzwischen verändert, sie scheint reiner zwischen den Ästen zu wabern und Yvonne lässt sie bereitwillig in ihre Lungen strömen. Leichtigkeit erfüllt ihr inneres während ein heller Schein durch die aus Bäumen bestehende Wand strahlt, eine helle Quelle warmen Lichts. Ihre Schritte werden unwillkürlich schneller, tänzelnd folgt sie weiter dem verschlungenen Weg.
Es lichtet sich allmählich und dahinter erkennt Yvonne schemenhaft eine Wiese, die irgendwann von einem See unterbrochen wird. Der Steg, der weit in das Wasser reicht, lässt Yvonne noch schneller laufen denn sieht sie von weitem schon Laura. Ihre Beine werden schneller bis sie beginnt zu rennen und dann in die Arme ihrer Freundin fällt. Tief atmet sie ihren Duft ein, ihre Nähe ist Balsam auf ihrer Seele.
„Ich habe dich vermisst“, haucht Yvonne und drückt Laura fester an ihre Brust Ihre Freundin lächelt warm: „Wir haben uns höchstens ne Stunde nicht gesehen, du süßes Klammeräffchen.“
„Für mich war es die Ewigkeit“, erwidert Yvonne mit zittriger Stimme, kann sich aber ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Ein wenig später sitzen beide, eng aneinander gekuschelt, auf dem Holz und betrachten den Sonnenuntergang. Langsam verschwindet die Sonne hinter dem höchsten Gipfel und verwandelt den Himmel in ein brennendes Flammenmeer.
„Schau mal, der erste Stern“, flüstert Laura und zeigt auf ein dünnes Band, das aus Zwielicht besteht. Nach einigen Sekunden des suchens erspäht Yvonne einen blassen Sprenkel dort oben.
„Vielleicht wird er ja unser Glücksstern“, kuschelt sich Yvonne in den Schoß ihrer Freundin und lässt ihren Kopf auf Lauras Oberschenkel nieder, sodass sie mit ihr zum Firmament hinaufschaut.
Laura blickt wieder hinunter und sieht ihr tief in die Augen, der darauffolgende Kuss ist erst zaghaft, eher ein schüchternes herantasten, wird aber im laufe ihrer Berührungen immer leidenschaftlicher, bis die Hand von Laura unter dem Pullover von Yvonne verschwindet. Erst genießt Yvonne die Zuneigung und zerfällt in stöhnende Gefühle, doch als Laura etwas tiefer geht, entzündet sich eine verkrampfende Abwehr und bedeutet Laura das sie noch nicht so weit ist. „Es geht nicht, ich kann nicht“, beginnt Yvonne zu beben und wird wieder von ihrer Vergangenheit eingeholt. Würgendes schlucken erfasst ihren Kehlkopf und in ihrem Kopf hallt eine grausam klingende Stimme.
„Je mehr du dich wehrst, desto härter wird die Nacht für dich.“
Laura beobachtet erschrocken wie sich ihre Freundin einnässt und während sie apathisch in ihren Armen liegt, immer wieder flüstert: „Ich habe es verdient, ich habe es verdient, ich habe es verdient...

Autor: Meike Sommer