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Entfernt dringt das Gezwitscher der Vögel in den Raum hinein und begleitet die Sonne dabei, dem Horizont näher zu kommen.

Der Abend ist schnell vorangeschritten.

Halt mich2

Das Licht dringt nur bedingt durch das Fenster, die Leuchtstoffröhren aber kompensieren von der Decke die schemenhafte Sonneneinstrahlung. Obwohl das Fenster geöffnet ist, empfinde ich den Raum als stickig und eng, es liegt an der Nervosität, die ich vergeblich versuche zu unterdrücken.

„Du braucht keine Scheu davor zu haben, mir alles zu erzählen“, sagt Dr. Weber, die mir direkt gegenüber sitzt, sie schickt mir ein warmes Lächeln herüber, das aber seine Wirkung verfehlt. Ich drücke mich in den weichen Sessel, kann nicht aufhören, mit dem Reißverschluss meines Pullovers zu spielen.

„Ich möchte aber viel lieber alleine sein“, sage ich leise, sehe zum Fenster, durch das ich die alte Eiche sehen kann, davor steht der Schreibtisch von Dr. Weber, auf dem die Akte liegt, meine Akte, ich kann meinen Namen darauf erkennen. Auf beiden Seiten der Wände stehen Regale, gefüllt mit Büchern.

„Ich weiß, Yvonne, doch möchte ich von dir erfahren, wie du dich fühlst, nur so kann ich dir helfen.“

Ich verschränke die Arme vor meiner Brust, starre auf den Boden und wünsche mir ein Loch, in das ich mich verkriechen kann.
„Aber ich will nicht darüber sprechen“, bringe ich hervor, und Zittern liegt in meiner Stimme, der Kloß in meinem Hals meldet sich wieder. Die schmerzhaften Erinnerungen sprudeln wieder hervor, abartige Bilder melden sich zurück.

„Ist mit dir alles in Ordnung?“, fragt Dr. Weber besorgt, doch ich verstehe die Bedeutung ihrer Worte schon nicht mehr. Ich bin damit beschäftigt, alles auszusperren, doch fallen sie über mich her, ich kann nichts dagegen tun. „Möchtest du eine Pause machen?“

Der Tag heute lief wirklich nicht nach Plan, erst hatte ich die Fünf in Mathe kassiert und dann lief mir auch noch der Mist zwischen den Beinen aus, ich hatte die Binde vergessen. Nach einem verzweifelten Versuch in der Mädchentoilette, meine Hose zu reinigen, nahm ich den Bus nachhause. Meine Mutter saß wie immer auf der Couch und glotzte in die Mattscheibe, beachtete mich gar nicht, ich war es gewohnt. Nachdem ich meine Hausaufgaben gemacht hatte, verzog ich mich in mein Bett und sah mir einen Film auf meinem Handy an, irgendwann schlief ich dann ein.

Ich lag mitten in der Nacht wach in meinem Bett, starrte in die Dunkelheit. Sie umgab mich unheilvoll und ließ mich in ein verkohltes Loch fallen. Sie glich einem mondlosen Dasein. Ich zog die Bettdecke tiefer in mein Gesicht und hoffte inständig, dass sie mich beschütze, doch das tat sie nicht. Tat sie nie.

Ich spürte, dass es wieder geschehen würde, doch ich wollte es nicht. Kurz darauf vernahm ich das Klicken der Türklinke, ein schmaler Spalt Licht schlug in mein Zimmer und kroch allmählich über die Decke. Meine Augenlider hatte ich fest zusammengepresst, bis sie anfingen zu schmerzen. Ich versuchte die Angst wegzubeten, doch blieb sie in mir, machte es sich dort gemütlich. Das Licht, das ich so verabscheute, kroch weiter und vermischte sich mit dem leisen Knarren der Tür. Ich war nicht mehr alleine im Zimmer.

Irgendwann gab ich es auf, mich zu wehren, da die Kraft in meinem Körper versiegte, ließ das würgende Gefühl in meinem Hals einfach zu, immer tiefer stieß die einseitige Liebe, bis diese dickflüssig meinen Rachen verklebte.

„Ich kann verstehen, dass dir das unglaublich schwerfallen muss, doch nur so kannst du das Erlebte besser verarbeiten“, sagt Dr. Weber verständnisvoll, und ich spüre förmlich die Ehrlichkeit in ihrer Stimme, doch ist es nur ein schwacher Trost. Mein Kopf, meine Seele ist kaputt, und so oft ich sie auch besuchen würde, weiß ich ganz genau, dass ich nie darüber hinweg kommen werde, dennoch nicke ich.

„Mir geht es nicht gut.“ Die Aussage verlässt schwach meinen Mund, dabei will ich mich doch zusammenreißen, aber schon zieht sich mein Magen krampfhaft zusammen und die Übelkeit übermannt mich. „Das ist ganz normal, Yvonne, du musst das alles erst noch verarbeiten. Dein Verstand rebelliert, aber es wird besser werden“, sagt sie erklärend, während ich versuche, es mir auf dem Sessel bequemer zu machen.
„Mein Stiefvater kam ins Gefängnis, nachdem der Missbrauch an die Behörden ging.“ Ich verbessere mich: „Nach der Gerichtsverhandlung.“
Sie nickt wieder und macht sich Notizen auf ihrem Klemmbrett, schreibt alles auf, was ich mir von der Seele rede. Ich schlucke mir die Trockenheit aus dem Mund, denke nach.
„Mama hat sich immer mehr zurückgezogen, hat nicht mehr mit mir gesprochen, hat mich gemieden, dabei habe ich sie doch am nötigsten gebraucht.“
Ich breche ab, meine Stimme macht nicht mehr mit, ersticke in Sehnsucht nach ihr.
„Ich habe sie in der Badewanne gefunden, mit dem verdammten Föhn“, stottere ich heulend, vergrabe mein Gesicht in den Händen und presse meine Augenlider zusammen.

„Es ist ganz wichtig, dass du dir für nichts die Schuld gibst, Yvonne, denn dich trifft keine Schuld.“ Ich nicke, glaube ich.

Ich brauche einige Momente, bis ich mich wieder beruhige. Danach erzähle ich weiter: „Familie Schulte, bei denen ich untergekommen bin, ist sehr nett zu mir, sie versuchen alles, damit ich mich bei ihnen wohlfühle.“

„Das freut mich zu hören, nichts ist jetzt wichtiger, als dass du Ruhe und Geborgenheit erfährst, denk auch mal an dich, das ist wichtig.“

Bei dem Wort Geborgenheit schleicht sich Laura in meine Gedanken und ich werde ganz ruhig, liebende Wärme breitet sich in mir aus, verströmt ein Gefühl der Sicherheit. Ihre Umarmung ist wie ein Balsam auf meine Seele, und ich weiß, dass mir nichts passieren kann, nie mehr.

Ich spreche noch eine Weile mit Dr. Weber, und dann ist die Stunde auch schon zuende. Ich verabschiede mich und verlasse die Praxis, mache mich auf den Weg zu meinem Lieblingsort, an dem Laura schon auf mich wartet. Es ist nur ein kurzer Fußmarsch durch das Waldgebiet und dann tut sich die Lichtung auf, an dem der See liegt, ein idyllischer und friedlicher Ort, an dem ich mit ihr einfach alleine sein kann. Ich sehe sie schon von weitem an dem Steg stehen, der weit in das Wasser ragt. Ich beschleunige meinen Schritt, bis ich dann renne. Wir fallen uns in die Arme und küssen uns, es ist alles friedlich.

Wir sitzen zusammengekuschelt auf dem Holz und beobachte die Sonne dabei, wie sie immer tiefer sinkt; wie sie dem Gipfel des höchsten Berges näherkommt, darunter liegt der Wald und dann wir. Warme Farben verwandeln den Himmel in ein brennendes Meer, dahinter folgt der graue Schleier schwarz, der die Nacht einläutet.

„Sieh mal, der erste Stern!“ sagt Laura flüsternd und zeigt dabei auf den ersten glitzernden Punkt im Zwielicht der Dämmerung, dabei lässt sie einen Kuss auf meiner Stirn nieder. Ich liege auf ihrer Brust und schmiege mich dichter an sie, genieße ihre Nähe.

„Laura?“ Sie lässt ab vom Himmel und sieht zu mir hinunter, ich vergehe kurz in ihrer Zuneigung, sie streift mir eine Strähne hinter das Ohr. „Ich liebe dich.“ Abermals küsst sie mich, drückt mich an sich und da weiß ich, dass ich bei ihr vor allem Bösen verborgen bin.

Autor: Bloody Tears

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