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Stille. Dann: der Schrei einer einsamen Möwe. Nun dringt auch langsam das Rauschen der Wellen, die an den Strand schlagen, an mein Ohr. Einen Moment bleibe ich noch liegen, genieße diese Geräusche Tag für Tag- es ist mein morgendliches Ritual, mein Ersatz für eine Tasse Kaffee. Den gibt es hier sowieso nicht, ebenso wie die meisten anderen „Annehmlichkeiten“ der modernen Welt. Ich habe all das hinter mir gelassen, das Materielle und auch den Stress, als ich dieses kleine Haus am Strand geerbt habe. Es ist ein Traum und umso seltsamer ist es, wie schnell ich mich an dieses zweite Leben gewöhnt habe. Manchmal glaube ich sogar, dass ich jetzt erst lebe.

Frühstückszeit. Wie spät es nach der Uhr ist, weiß ich nicht, nur dass es Zeit ist etwas zu essen, weil mir das mein Magen sagt. Daher setze ich einen Topf mit Wasser auf meinen Herd, den ich mit Treibholz befeuere, gebe etwas Seetang hinein und warte, bis das Wasser fast kocht. Dazu noch ein Stück getrockneter Fisch und ich bin zufrieden. Zufriedenheit ist etwas, was ich hier auch erst wirklich kennengelernt habe.

Ich schaue aus dem Fenster, aber eigentlich wusste ich bereits, wie das Wetter ist. Ich kann es mittlerweile schon an der Art des Lichtes erkennen, das durch die Fenster fällt und heute ist ein „grauer“ Tag, das heißt, die Sonne scheint nicht nach Kräften, sondern bewirkt eher ein diffuses Licht, welches mir immer ein wenig surreal erscheint. Draußen weht der Wind und das Meer ist aufgewühlt- es sieht genauso hungrig aus, wie ich mich bis vor dem Frühstück gefühlt habe. Für die Touristen ist es kein guter Tag, aber für mich umso mehr. Ich kenne da eine wunderbare Stelle, an der man bei solch einem Wetter wunderbar Fischen kann.

Dick eingepackt, meinen Koffer mit den Angelutensilien in der Hand, stapfe ich los. Es ist nicht direkt kalt, aber ich habe gelernt, den Wind hier nicht zu unterschätzen. Das beständige Wehen lässt den Körper ziemlich schnell auskühlen, wenn man nicht aufpasst. Mit der richtigen Kleidung ist es ein angenehmes Gefühl- man spürt richtig die Macht der Naturgewalten und fühlt sich als Teil davon. Ein weiterer Teil meines Erbes, auch wenn davon nichts im Testament meines verstorbenen Verwandten stand. Ich bin mir dennoch sicher, dass er um diese Dinge wusste. Man kann nicht in diesem Haus leben, den Gezeiten und dem eigenen inneren Rhythmus folgend, ohne diese Dinge wie von selbst anzunehmen. Vermutlich ist das auch das weit größere Geschenk als das Haus selbst.

Mein erster Halt ist das kleine Hotel am Rand des Dorfes, welches in der Nähe, aber zu meinem großen Gefallen nicht in direkter Nähe, meines Hauses liegt. Wie ich bereits sagte, das Wetter heute ist nicht freundlich zu den Touristen, daher drücken sich die meisten ziemlich gelangweilt im großzügigen Foyer des Hotels herum. Der Portier grüßt mich freundlich, man kennt sich, und ich grüße mit einem knappen Nicken zurück. Die Menschen hier mögen es, dass ich nicht soviel rede. Ich für meinen Teil bin auch schon immer am liebsten mit nur wenigen Worten ausgekommen. Es gibt so wenige Dinge, die wirklich gesagt werden müssen und noch weniger Menschen, mit denen sich ein ausführliches Gespräch wirklich lohnt.

Die Gäste drehen sich neugierig nach mir um, immerhin scheine ich an diesem langweiligen Tag eine willkommene Abwechslung zu sein. Ich trete an den Empfang und erkundige mich danach, ob und wie zufrieden man mit meiner letzten Lieferung Fische gewesen sei. Viele Ohren recken sich nun in meine Richtung: wie aufregend, ein einheimischer Fischer, der seinem Geschäft nachgeht. Hachja, so etwas gibt es heutzutage ja kaum noch, das ist ja schon fast richtig romantisch.

Fast kann ich ihre Gedanken wie Gemurmel in meinem Hinterkopf hören. Ich unterdrücke ein mitleidiges Lächeln für diese Kreaturen, die nicht wissen von meinem harten Leben als... Fischer.

Nachdem man mir- wie immer- am Empfang mitgeteilt hat, dass alles in bester Ordnung gewesen sei und man sich auch schon auf meine nächste Lieferung heute nachmittag freue, schlendere ich langsam durch die Hotelhalle dem Ausgang entgegen. Natürlich nicht ohne von Blicken verfolgt zu werden. Und da kommt auch schon einer der Gäste auf mich zu und fragt: „Sie liefern die Fische? Ich habe gestern einen ihrer Fänge gegessen, er war ausgezeichnet!“

Nicken, Lächeln gepaart mit ein wenig Verlegenheit meinerseits- man weiß ja schließlich, dass „unsereins“ sehr menschenscheu ist und es als unangenehm empfindet, Aufmerksamkeit zu erregen. „Aber heute werden Sie wohl kein großes Glück haben, schätze ich. Also bei diesem Wetter...“, fährt mein Gegenüber ungerührt fort und macht eine unbestimmte Geste nach draußen. „Ganz im Gegenteil, für mein Geschäft gibt es kein besseres Wetter“, lasse ich vernehmen, wobei meine Stimme klingt, als wäre sie nicht daran gewöhnt zu sprechen.

Ein kurzer Moment der Verwunderung, dann begreift der Hotelgast. Natürlich, er ist davon ausgegangen, dass wenn der Tag für ihn nicht gut ist, es für mich ebenso gelten müsse. Nach und nach wächst sich unser Austausch von Worten zu einem richtigen Gespräch aus. Er lässt sich von mir erklären, was man bei diesem Tag alles machen kann und dass der Strand immer noch einen Ausflug wert ist, auch wenn man sich vielleicht nicht traut, im Meer zu schwimmen. Dann erkläre ich, dass ich nun langsam meiner Arbeit nachgehen müsse und lasse den Mann nachdenklich zurück, immerhin habe ich ihm innerhalb des Gespräches einige seiner falschen Meinungen ausgetrieben.

Wieder allein. Einsamkeit, früher von mir gehasst und gefürchtet, ist nun zu meinem liebsten Gefährten geworden. Natürlich ist es notwendig, sich gut mit den Touristen zu stellen, immerhin halten sie den Ort am Leben und sorgen nicht zuletzt auch für mein Einkommen, aber es ist lästig. Weil es immer dasselbe ist mit ihnen. Als nächstes wird der Mann seine neugewonnenen Erkenntnisse mit den restlichen Gästen teilen, dann werden sich die Mutigsten aufmachen zum Strand und dann... ich vertreibe den Gedanken aus meinem Kopf. Das liegt nicht in meiner Hand. Ich bin bloß glücklicher Erbe eines Hauses am Strand. Mit allem, was dazu gehört.

Den ganzen Tag habe ich verbracht, auf einem Stein sitzend, meinem Geschäft nachgehend. Die Hotelgäste sind gekommen, wie sie immer kamen. Einige von ihnen haben, wie sie es immer machen, sich doch ins Meer gewagt. Die Einheimischen und ich gehen an einem solchen Tag niemals ins Wasser, aber das verschweige ich immer. Selbst wenn ich es erzählen würde, was sollte ich schon antworten, wenn ich nach dem Grund gefragt würde? Ob es gefährlich ist? Nur für den Einzelnen, müsste die ehrliche Antwort lauten.

Mein Erbe beinhaltet auch, dass meine Wahrnehmung besser geworden ist. So bin ich dann auch der Einzige, der sieht, als es geschieht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie unspektakulär es ist, obwohl doch soviel dahinter steckt. Einer der Schwimmer wird auf einmal bleich, dann wird mit einem Ruck sein Kopf unter Wasser gezogen. Und taucht nicht mehr auf. Das ist alles, wie gesagt völlig unspektakulär beim Hinschauen. Doch für mich und die Dorfbewohner bedeutet es soviel. Zum Beispiel ganze vier Wochen Ruhe vor dem Großen Alten, der hier lebt. Ruhiger Schlaf bedeutet es. Keine Träume. Ausreichend Fische zum Essen, bedeutet es. Ein friedliches Leben- was ist da schon das Leben eines Fremden im Vergleich dazu?

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