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Die Straßen waren eisig und glatt. Ich musste aufpassen, wo mich meine Füße hintrugen, denn es war nur allzu leicht hier auszurutschen. Würden die Schneeflocken nicht so dicht und kalt vor meinem Gesicht herumschwirren, wäre es mir vielleicht sogar möglich, mein eigenes Spiegelbild in den zugefrorenen Pfützen auf der Straße zu erkennen.

Es war mir gleichgültig. Das wollte ich ohnehin nicht. Ich wollte nicht in meine verfilzten und fettigen Haare sehen müssen. Ich war froh, dass die Kälte meine Nase soweit betäubt hatte, dass ich mich nicht selbst riechen musste. Es war zu meiner Schande schon eine ganze Weile her, seitdem ich in den Genuss eines Bades oder auch nur einer sauberen Dusche gekommen war und nicht einmal Deodorant konnte ich mir momentan leisten.

So spielte das Leben nun einmal, wenn man auf der Straße lebte. Zumindest spielte es in diesem kleinen Städtchen so. Die Leute hier waren fromm, aber ebenso abergläubisch. Herzlich, aber misstrauisch. Hier scherte sich niemand für eine torkelnde, nach Alkohol stinkende Gestalt in der Dunkelheit und es kümmerte ganz sicher auch niemanden, ob besagte Gestalt ein Dach über dem Kopf hatte, um sich vor der wahnsinnigen Kälte zu schützen.

Die Schneeflocken tanzten immer noch, wie sie es den ganzen Tag schon getan hatten. Vor ein paar Stunden hatten hier vielleicht sogar noch Kinder gespielt, unschuldig und naiv wie sie waren, Schneeballschlachten veranstaltet und Schneemänner gebaut.

Einen konnte ich sogar einsam am Straßenrand stehen sehen. Ich trat neugierig näher an ihn heran und versuchte, mir meine eigene Enttäuschung nicht zu bewusst zu machen. Der Schneemann war weder besonders groß, noch wohlgeformt. Er trug eine alte Melone auf dem Kopf, die ihr Vorbesitzer wohl nicht mehr benötigt hatte. Statt einer Karotte, trug er einen Stock als Nase. Eine Karotte hätte das andauernde Knurren meines Magens und die schmerzenden Krämpfe darin jetzt befriedigt, zumindest für eine Weile. Daher die Enttäuschung. Wenigstens war der Schneemann hier genauso einsam wie ich. Nun, nicht genau so… Er sah immer noch glücklich aus, mit diesem Lächeln, das Kinder ihm aus Kieselsteinen verpasst hatten. Die Einsamkeit und Kälte schien ihm überhaupt nichts auszumachen.

Ich tätschelte dem Schneemann sachte die Schulter und achtete darauf, ihn nicht kaputtzumachen. Ein bisschen Schnee wurde trotzdem von meiner Hand zu Boden gewischt. Ich spürte vage, wie sich meine Stirn in Falten zog, als ich meine Hand betrachtete. Wenn ich mir nur Handschuhe leisten könnte, dann hätte ich jetzt nicht sämtliches Gefühl in dieser Partie meines Körpers verloren. Es bereitete mir Sorgen.

Ich wandte mich von dem glücklich dreinblickenden Schneemann ab und sah mich stumpf um. Ich konnte eigentlich nirgendwo hin. Die Straßen waren entweder mit vom Schnee begrabenen Autos zugeparkt oder ein Mehrfamilienhaus reihte sich an das nächste. Allesamt fest verschlossen und in allen Fenstern, die ich sehen konnte, war das Licht bereits erloschen. Ich kannte die genaue Uhrzeit nicht, besaß ich doch nicht einmal eine billige Armbanduhr, aber ich wusste, dass es spät war. Der Nachthimmel war vom Schneeregen-Wetter geschwärzt und hier und dort zuckte das Lämpchen einer Jahre alten Laterne auf, zu schwach, um durchgehend Licht und – vielleicht – ein wenig Wärme zu spenden.

Andererseits war ich nicht hier geboren. Ich kannte diese Stadt nicht sehr gut, aber auf der Straße hatte es geheißen, hier wären die Winter nicht allzu kalt. So viel dazu. Jetzt jedoch war ich hier. Und ich sollte wohl schnellstens einen Weg finden ins Warme zu gelangen, wenn ich nicht wollte, dass mir meine Hände abfielen, weil sie zu Tode froren.

Beim Weitergehen konnte ich erst einmal gar nichts sehen. Das Wetter glich dem reinsten Schneesturm und nahm mir die Sicht, so dicht und weiß, dass ich den Drang unterdrückte, die Arme suchend auszustrecken und zu versuchen mich voranzutasten. Es würde mir nichts bringen. Meine Finger waren taub und der Schmerz war unerträglich, wann immer ich Idiot mich wieder daran erinnerte, dass ich überhaupt welchen verspürte.

Und dann war es auch schon soweit. Ein Platschen drang an meine Ohren. Vermutlich hätte ich es dank dem Heulen des Windes überhaupt nicht gehört, hätte mein eigener Fuß das Geräusch nicht verursacht… Ein teils erschrockener, teils angewiderter Schrei entfuhr mir, ohne dies geplant zu haben: „YIEKS!“

Bereits vorher war es kalt gewesen, unerträglich kalt. Und wenn meine Schuhe auch nicht gerade die neusten waren, so hatten sie mich stets warmgehalten. Bis mein Fuß zu meinem Unglück in die eine Pfütze gekracht war, die noch nicht vollends zugefroren war… Jetzt spürte ich, wie die Kälte sich nass und grausam durch meine nicht-imprägnierten Schuhe stahl und an meinen nun nackten Füßen hochkroch.

Ich wollte weinen und war mir sicher, ich würde mir hier draußen wirklich den Tod holen, wenn ich nicht bald einen Unterschlupf fand.

Ich erkannte wenig Sinn in dem Versuch, meinen durchnässten Schuh zu betrachten, da ich nicht damit rechnete, irgendetwas im dichten Weiß erkennen zu können. Trotzdem tat ich es. Meine linke Hand nach irgendeiner Art von Widerstand in Form einer Hauswand oder dergleichen suchend, streckte ich sie aus und bekam eine Art Kante oder Ecke zu fassen. An dieser stützte ich mich ab, während ich den rechten, nassen Fuß begutachtete. Viel sehen konnte ich wirklich nicht. Ich kam zu dem Schluss, dass mein Schuh sehr nass und mein Fuß sehr kalt war. Eine Einsicht, die ich bereits vorher gewonnen hatte.

Einen Moment… Kante?

Meine Linke klopfte auf das Material der Kante. Vielleicht Backstein oder so etwas? Ich konnte es nicht genau sagen, da meine Hände immer noch gefühllos und taub waren. Ich tastete mich weiter und stellte fest, dass ich unter einer Art Unterführung stand. Ein überdachter Gang, der auf die mächtige Eingangstür eines mehrstöckigen Wohnhauses zuführte.

Nur langsam gewöhnten sich meine Augen daran, nicht mehr dieses permanente Weiß vor der Nase ertragen zu müssen. Ich sah mich nach links um. Tatsächlich fiel es mir leichter etwas zu sehen, jetzt, da ich diesem Blizzard entkommen war. Das Gebäude war umzäunt. Dicke schwarze Gitterstäbe umgaben das Grundstück des Hauses.

Da war etwas Gelbes in meinem Augenwinkel. Die grelle Farbe hob sich, jetzt, da ich sie bemerkt hatte, von dem immer braunen Backstein ab. Ich blinzelte und trat näher.

Ein Absperrband? Soweit ich wusste, bedeuteten solche Dinger nichts unbedingt Gutes. Das Band war sicher nicht umsonst vor dieser Tür angebracht worden. Jetzt, wo ich genauer darüber nachdachte, sahen die Fenster hier auch nicht gerade einladend aus. Sie gähnten mir in aller Schwärze entgegen und einige waren sogar halbherzig eingeschlagen worden… Es schien nicht viel angerichtet zu haben, denn hinter dem Glas, war immer jeweils ein kleines Sicherheitsgitter angebracht… Dennoch.

Ich bekam langsam ein wirklich mulmiges Gefühl. Der Frost, der mich hatte zittern lassen, war erst einmal verflogen, jedoch holte er mich wieder ein, sobald ich tatenlos vor dieser Tür stand und überlegte, was ich jetzt tun soll. Ich trat von einem Bein aufs andere, wobei mir wieder einmal bewusstwurde, dass ich mir dringend eine wärmere Umgebung schaffen sollte, denn ich würde sonst womöglich erfrieren…

Das war es. Ich würde erfrieren, wenn ich freiwillig wieder hinaus in die Kälte ging…

Ich hoffte, dass ich in diesem Haus keine Leiche finden würde und riss das Absperrband wagemutig herunter. Da lag es nun. Es sah beinahe spröde aus. Hoffentlich bedeutete dies, dass es schon länger dort gehangen hatte und nur vor einem einsturzgefährdeten Gebäude warnen sollte… Alles war mir lieber als zu erfrieren. Würde ich irgendwo herunterstürzen, würde ich immer noch schneller sterben, als in dieser elenden Kälte. Wenn es überhaupt so weit kam.  

Ich rüttelte am alten, rostigen Türknauf. Nichts geschah… Auch mit ein wenig mehr Kraftaufwand tat sich nichts. Ich spürte, wie die Verzweiflung wieder versuchte, die Oberhand über mich zu gewinnen, als ich zur Antwort, nur ein gequältes Quietschen des alten Metalls erhielt. Sollte ich jetzt einfach aufgeben, nachdem ich so weit gekommen war und sich mir dieser Ausweg wie durch ein Wunder geöffnet hatte?

Nein, so leicht würde ich ganz bestimmt nicht aufgeben. Ich begann, mich mit der Schulter voran gegen die Tür zu werfen. Ich war jung und ganz bestimmt nicht schwach, jedoch war ich auch noch lange nicht so kräftig, wie ich es mir in diesem Moment gewünscht hätte… Der Hunger und die Kälte hatten mir einiges an Kraft abverlangt und so war ich gewissermaßen eingeschränkt.

Jedoch schaffte ich es trotz allem. Ich wusste nicht wie und es war mir auch egal… Ich hatte es irgendwie bewerkstelligt. Die Tür war aufgesprungen. In diesem Moment war ich nur froh, dass keine Alarmsirene losschrillte und mich als Einbrecher brandmarkte. Rückblickend betrachtet, wäre das keine so schlechte Idee gewesen. Die Polizisten hätten mich zwar mitgenommen und über die Nacht eingesperrt… Aber es wäre nicht so kalt gewesen und gerade genug zu essen, um nicht zu verhungern, hätte ich vermutlich ebenfalls vorgesetzt bekommen.

Ich rieb meine schmerzende Schulter und starrte auf die Tür, die gegen die gegenüberliegende Wand geknallt war. Sie hatte sich dort wohl verkeilt, jedenfalls fiel sie nicht zurück ins Schloss und ließ die kalte Nachtluft in den Flur des Hauses.

Es handelte sich allem Anschein nach um eine Art Hotel, bemerkte ich, als ich mich umsah, denn der „Flur“, in dem ich mich befand, sah aus wie eine Rezeption. Vielleicht war es auch ein Motel. Das würde den schäbigen Look und die weitestgehend heruntergekommene Fassade erklären.

Trotzdem stellte ich mir die Frage, was wohl hier vorgefallen war, um ein Absperrband zu rechtfertigen… Ich redete mir ein, dass es nichts allzu Schlimmes gewesen sein konnte, denn, außer einem Absperrband war nicht viel an Sicherheitsmaßnahmen zu sehen. Nicht mal die Streifenwagen der Cops fuhren hier entlang, was natürlich auch auf den Schneesturm zuzuführen gewesen sein könnte. Aber gerade jetzt beruhigte dieser Gedanke mich ungemein.

Dieses Hotel war gruselig… Es war heruntergekommen und es roch… säuerlich.  Vielleicht schimmelte es ja hier und deswegen war es auch geschlossen worden. Ja, das war es ganz bestimmt! Deswegen war ich hier mutterseelenallein in der stinkenden Dunkelheit.

Ich tastete mich zum Lichtschalter an der Wand hinüber, was natürlich nicht sehr sinnvoll war. Es tat sich nichts. Vermutlich hatte man den Strom deaktiviert, bevor das Hotel geschlossen worden war. Trotz allem musste sich doch irgendeine Lichtquelle finden lassen. Zur Not hätten mich auch Kerzen zufrieden gestimmt. In den letzten Jahren war mein Lebensstandard ohnehin nicht sehr hoch… Ich ging also zum Tresen der Rezeption hinüber und begann meine Suche. Ich wühlte mich durch Schubladen und kleine Schränke.

Nicht, dass ich Angst im Dunkeln habe, jedoch konnte man hier die Hand vor Augen nicht erkennen. Wenn ich nicht zumindest eine kleine Lichtquelle fand, würde ich in der Rezeption schlafen müssen. Ich konnte mir jedoch denken, dass dieser Raum sich sehr schnell abkühlen würde, je länger die Winterluft durch die offene Tür brauste.

Endlich fand ich sie. Eine Taschenlampe. Sie hatte in der hinteren Ecke einer Schublade gelegen. Erst hatte ich insgeheim nach einem Safe oder dergleichen Ausschau gehalten, hatte aber keinen gefunden. Nicht einmal eine Kasse. Die Taschenlampe aber, war mehr als ich mir erhofft hatte. Ich drückte den Knopf und erwartete, dass ein kleiner Lichtkegel den Raum flutete. Es geschah auch. Für ein paar kurze Sekunden.

„Verdammte Scheiße!“, fluchte ich unglücklich und auch ungehalten… Ich betete, dass dieses Ding noch funktionieren würde. Ich hoffte, dass es nicht so endete, wie in einem beschissenen Horrorfilm!

Sie flackerte noch einmal.

Ich verpasste ihr daraufhin einen kleinen Hieb.

Und endlich funktionierte es!

Ich ließ den Lichtkegel über die verstaubten, mit Tüchern abgedeckten Möbel wandern und ermahnte mich, keine Zeit zu verlieren. Batterien hatte ich keine gefunden und wer wusste schon, wann jene, die in der Taschenlampe steckten, den Geist endgültig aufgaben? Ich brauchte ohnehin nur ein Bett für die Nacht. Ich würde mir ein Zimmer suchen, mich schlafen legen und am Morgen, wenn ich den Vorteil des Sonnenlichtes hatte, würde ich einfach hier herausspazieren.

Auf alles gefasst (oder zumindest dachte ich das), machte ich mich auf den Weg. Da ich daran zweifelte, dass der Aufzug funktionstüchtig war, begab ich mich in das Treppenhaus daneben und staunte nicht schlecht. Ich hatte ja gesehen, dass dieses Gebäude ziemlich groß war, aber das Treppenhaus… Es schien von unten mehr wie ein Treppenlabyrinth, das nicht enden wollte. Und zu enden schien es tatsächlich frühestens erst am oberen Ende des Treppenhauses.

Ich schluckte. Das würde ein langer und beschwerlicher Aufstieg werden, wenn ich mir die Stufen so ansah. Morsch und brüchig sahen sie aus. Wahrscheinlich war das Gebäude wirklich einsturzgefährdet…

Aber diesen Gedanken vertrieb ich. Was auch kommen mochte, ich würde es bis nach oben schaffen, mir ein Zimmer suchen und noch ein bisschen Schlaf abbekommen. Und wenn es mich umbrächte! (Rückblickend betrachtet, war dieser naiv und dumm. Ich wünschte, ich wäre cleverer gewesen…)

Auf halber Strecke hörte ich es. Das Knarren einer Tür… Unwillkürlich beeilte ich mich höher zu gelangen. Ich musste herausfinden, ob ich vielleicht doch nicht so alleine war, wie ich ursprünglich angenommen hatte und sichergehen, dass, wenn ich es nicht war, ich nicht verraten werden würde.

Ein wirklich mulmiges Gefühl breitete sich in meiner Magengegend zusammen. Ich tat mein Bestes, mir einzureden, die gruselige Atmosphäre wäre der alleinige Übeltäter und dass ich mir keinen Kopf zu machen brauchte… Jedoch ahnte ich, dass das nicht der Wahrheit entsprach. Irgendetwas stimmte hier gewaltig nicht. Und das lag nicht nur an dem fauligen Geruch – der stetig zuzunehmen schien, je höher ich kam – oder der bedrückenden Dunkelheit, gegen die sich nur der schwache Schein meiner treuen Taschenlampe zur Wehr setzte.

Als ich oben angekommen war, verstärkte sich dieses Gefühl nur noch… Es rebellierte nun förmlich in meinem Inneren und schien mich mit aller Kraft wieder nach draußen, auf die kalte Straße, schleifen zu wollen, Hauptsache weg von diesem Ort. Der animalische Part meines Verstandes zumindest. Da war aber immer noch ein Rest des logischen Teils vorhanden. Dieser wiederum wollte mir weismachen, dass ich kein Kind mehr war und mich nicht vor Monstern in der Dunkelheit zu fürchten brauchte. Und ich war gewillt eher der Logik zu vertrauen. Meine Augen fühlten sich schwer an, meine Glieder ebenso und meine von der Kälte schmerzenden Hände und Füße… Alles schrie und wehrte sich gegen den Gedanken, wieder hinaus in die Kälte zu marschieren.

Und doch… Da war nur eine einzige Tür… So sehr und so gründlich ich meinen Taschenlampenstrahl auch wandern ließ, das Einzige, auf das er stieß, war eine feuchte Wand. Und eben diese Tür, direkt vor mir. Und sie stand offen. Vermutlich war diese Tür der Quell des unheimlichen Quietschens gewesen…

Ich zögerte noch. Egal, wie oft ich mir sagte, dass ich nicht so ein Angsthase sein sollte… es half nicht. Diese verdammte Stimme in meinem Kopf, die dem animalischen Instinkt meiner Vorfahren von vor ein paar tausend Jahren folgte, schrie unentwegt auf mich ein, flüsterte im selben Atemzug, dass das, was ich zu tun gedachte, absolut keine gute Idee war…

Aber ich brauchte das! Ich brauchte ein Dach über dem Kopf, eine Umgebung, die sich nicht eiskalt anfühlte und eine Art von Bett unter mir, wenn es sich auch nur um eine alte, kaputte Matratze handelte…

Ich erstickte die lästige Stimme in meinem Kopf, als ich die Hand fest um den Türknauf schlang und die Tür weiter aufstieß.

Es handelte sich um einen einzigen, kleinen Raum. Ein Zimmer. Und es war – um ehrlich zu sein – ekelhaft. Aber ich war nicht sehr wählerisch. Ich brauchte das einfach… Und ich würde es überleben, hoffte ich.

Ein abgestandener Geruch hing in diesem Zimmer und im Lichtkegel der Taschenlampe konnte ich den Staub durch die Luft segeln sehen… Ich konnte eine kaputte Lampe, mit einem verrutschten Lampenschirm sehen. Außerdem schien keine Glühbirne unter dem Schirm zu stecken. Nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte. Der Strom funktionierte ja sowieso nicht. Eine Couch stand vor ein paar zugezogenen Vorhängen. Ich vermutete ein Fenster dahinter und fragte mich, ob auch dieses blockiert war oder ob es Mondlicht ins Zimmer fallen lassen würde.

Vielleicht brauche ich die Taschenlampe nicht mehr, sobald der Mond erstmal ins Zimmer scheint, dachte ich mir. Also ging ich voran, hinter die Couch und zog die Vorhänge erwartungsvoll und mit einem Ruck zurück.

Das allerdings hatte ich nicht erwartet. Da war kein Fenster. Einfach nur eine Wand. Eine Wand, mit Vorhängen davor, so als wäre dort einmal ein Fenster gewesen. Aber dieser Teil der Wand unterschied sich nicht einmal von den anderen Drei. Es konnte also vermutlich nicht einmal so gewesen sein…

Ein Schauer fuhr mir über den Rücken, einer der unangenehmen Art. Das Gefühl kehrte wieder zurück. „Was zum Teufel ist das?“, murmelte ich, mehr zu mir selbst, als an jemand Bestimmtes gerichtet. Immerhin dachte ich, ich wäre allein in diesem Raum…

Ich fühlte mich so… verwirrt. Benommen. Es fühlte sich an, als wüsste ich nicht, ob das, was ich gerade sah, real war. Und ich dachte es wäre furchteinflößend und bescheuert zur gleichen Zeit. Das war Blödsinn… Und ich war übermüdet und hungrig…

Wie aufs Stichwort begann mein Magen laut zu knurren. Unzufrieden legte ich eine Hand auf meinen Bauch, als würde diese Geste helfen, ihn zum Stillschweigen zu bewegen.

Hihihihihihihi.“ Ein Kichern ertönte, von irgendwo links von mir. Ich fuhr herum. Es war… unheimlich. Unwirklich, vielleicht. Zuerst einmal, weil ich mir ziemlich sicher war, dass ich eigentlich alleine sein sollte und zum anderen, weil dieses Kichern nicht menschlich geklungen hatte… Mehr dämonisch, bösartig.

Der Anblick, der sich mir bot, gefiel mir gar nicht. Es war ein Regal. Wäre es nur das Regal, wäre es halb so schlimm gewesen. Aber so war es nicht. Ein Regal voller Puppen, die mich aus ihren merkwürdig-riesigen Augen anstarrten. Bei einigen hatte ich sogar das Gefühl, sie würden mich klagend anstarren, als wäre ich in ihr Zuhause eingebrochen… Nun, die Umgebung hier wirkte fast, als würde jemand hier leben. Wenn es nicht so kaputt und verrottet aussehen würde, wäre ich der festen Überzeugung, dass noch jemand hier leben musste.

Angestrengt hielt ich den Strahl der Taschenlampe auf die Puppen gerichtet. Sie würden mich genau im Auge behalten, wenn ich vorhatte, auf diesem Sofa hier zu schlafen. Der Gedanke behagte mir nicht. Am liebsten hätte ich allesamt aus dem nicht vorhandenen Fenster geschmissen, aber natürlich war das unmöglich. Und falls hier jemand wohnte, wollte ich seine gruselige Deko nicht ruinieren. Wäre ich nicht so todmüde gewesen, hätte ich vielleicht begriffen, wie dumm diese Idee war und wie irre sich diese anhörte.

Mein Magen knurrte erneut, dieses Mal gequälter. Ich hatte keine andere Wahl, als ihn zu ignorieren. Alles, was ich in diesem Haus an Lebensmitteln finden würde, wäre vermutlich schon lange verrottet, wenn noch etwas hier vergessen worden war.

Kopfschmerzen begannen damit, mich heimzusuchen. Ich seufzte. Ich fühlte mich immer bleierner… Wie von selbst fiel mein Körper auf die Couch. Sie gab ein müdes Quietschen von sich, als wäre sie es leid, auch nur ein weiteres Gewicht zu tragen.

Ich war überrascht. Der Moment, indem meine Augenlieder zufielen, war auch der Moment, indem ich einschlief… Es wurde schwarz um mich herum, viel zu schnell, als dass es in dieser Situation „normal“ gewesen wäre.




Dieses Geräusch… Dieses widerliche Geräusch… Es riss mich aus dem Schlaf. Es klang… nach Fleisch. Genauer gesagt klang es, als würde jemand in ein dickes, saftiges Stück Fleisch hineinbeißen… Mein Magen… Er rebellierte bei dem Gedanken daran vor Hunger.

Ich setzte mich auf. Ich spürte meine Angst… Mein Herz schlug mir laut in der Brust, laut genug, um es in meinen Ohren widerhallen zu hören. Aber warum? Es war der Hunger, der mich geweckt hatte und der Hunger, der mich nun wachhielt.

Müde rieb ich mir die Augen. Es fühlte sich unwirklich an. Wie in einem Traum.

Das Geräusch endete nicht. Also folgte ich ihm. Da wo vorher eine massive Wand gewesen war, war nun ein Durchgang. Ein Flur erwartete mich dort. Aber auch hier wurde ich nicht von den Puppen verschont. Sie waren überall. Wenn sie nicht auf kleinen Regalbrettern saßen und mich anstarrten, waren sie auf Bildern verewigt, die an den Wänden hingen. Alle stierten sie mich mit ihren kalten, toten Augen an.

Die Blicke verursachten, dass mir ganz schwindelig wurde, andererseits konnte dieser Umstand auch an meinem Verstand liegen, der irgendwie verklärt und benebelt schien.

Und dann war da plötzlich eine Tür zu meiner Linken. Urplötzlich. Ich hatte sie nicht bemerkt und sie war aufgetaucht, als hätte diese jemand in diesem Moment in die Wand geschlagen.

Sie führte in eine Art… Küche? Zumindest stand dort ein Herd. Jedoch war kein Waschbecken auffindbar und ein Kühlschrank befand sich hier auch nicht. Ein einziger Stuhl stand einsam und verlassen in der Ecke. Kein Tisch. Da waren allerdings wieder Vorhänge an der Wand mir gegenüber angebracht… Es war merkwürdig. Ich wusste irgendwie, dass mich dort kein Fenster erwarten würde, aber ich konnte meine Traum-Persona nicht steuern. Ich wusste, dass dort kein Fenster sein würde, aber im gleichen Moment wusste ich es auch nicht und wollte darauf zugehen.

Das tat ich auch. Ich zog die Vorhänge zurück und starrte in ein… Loch. Es war grob in die Wand geschlagen worden und eine Dunkelheit gähnte mir entgegen. Mein Traum-Selbst machte sich jedoch keine Gedanken um die logistischen und räumlichen Konsequenzen, die dieses Loch verursachen mochte oder eben den Grund, warum dort überhaupt ein Loch klaffte.

Wie ferngesteuert griff ich hinein. Mein Magen knurrte und flüsterte mir zu, was ich tun sollte.

Erst jetzt hörte ich es wieder. Das verängstige Pochen meines Herzens, das laut in meinen Ohren dröhnte. Aber meine Hand ließ sich davon nicht abschrecken. Sie verschwand in der kleinen Finsternis und tastete umher. Es fühlte sich eklig an… Schleimig, vielleicht feucht. Und es stank hier ein bisschen schlimmer, als im ganzen Rest des Hotels. Mein grummelnder Magen und mein Instinkt trieben mich weiter an und meine Hand gehorchte. Bis sie auf Widerstand stieß. Etwas beinahe rundes. Ich wollte es zu fassen kriegen, aber beim ersten Versuch war es so rutschig, dass es mir durch die Hand flutschte. Es schien ein wenig zu schwingen oder vielleicht von oben nach unten zu hopsen, wie ein Jojo.

Jetzt schien mein verwirrtes Traum-Selbst die Herausforderung annehmen zu wollen. Ich wusste, dass das eine schlechte Idee war, aber es war, als wäre ich gefangen. Ich konnte nur zusehen und meinen eigenen Körper nicht steuern.

Ich bekam das wabbelige Ding zu fassen und zog kräftig. Ich spürte, dass es sich von irgendeinem Widerstand löste. Und erst, als ich es vor mir sah und langsam ahnte, um was es sich handelte, spürte ich, wie warm das Ding war. Wie warm und feucht und rot…

Ein Herz.

Dies war der Stoff, aus dem Alpträume entstehen. Das Herz war warm und feucht, und es pochte in meiner Hand! Meine Hand, die das Herz hielt, war bereits blutbesudelt, während ich noch damit beschäftigt war, verwirrt und vollkommen aus allen Wolken gefallen, das Organ anzustarren. Die rote Flüssigkeit tropfte zu Boden und hinterließ dort ein paar dicke Sprenkel.

Mein Magen knurrte unnachgiebig.

Und ich überlegte nicht lange. Ich biss hinein.

Ich spürte den metallischen Geschmack von Blut. Ich spürte es meine Kehle hinunterrinnen, sowie ich wusste, dass mein ganzer Mund blutgetränkt sein musste. Ich fühlte hier und da ein paar Tropfen, wie sie mein Kinn hinunter- und auf dem Boden aufschlugen. Ich wusste, ich hätte das als widerlich empfinden sollen. Die Sehnen, die so hartnäckig versuchten, nicht von meinen Zähnen in zwei Hälften gerissen zu werden, der Geruch, der Geschmack… Aber das tat es nicht. Es war der angenehmste Geschmack, den ich seit langem erlebt hatte…

Ein glucksendes Lachen entkam mir.




Mit einem erschütterten Schrei schreckte ich aus dem Schlaf hoch.

Mein Herz pochte, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Typisch, nach Träumen wie meinem gerade eben…

Mein Herz…

Ich packte mir an die Brust und hätte mich am liebsten übergeben. Ich konnte schon die Galle schmecken, die sich ihren Weg meine Kehle hinauf bahnte. Außerdem spürte ich Tränen in den Augen.

Und dann war da noch der Gestank…

Wieso war mein Pulsschlag plötzlich so gleichmäßig, obwohl ich immer noch den Angstschweiß spüren und meinen Puls in meinen eigenen Ohren hören könnte?

„GIB ES MIR ZURÜCK!“

Es krachte und knarzte neben mir. Als ich herumfuhr, sah ich eine lange graue Klaue, die das Sofa in zwei voneinander getrennte Fetzen verwandelte. Ich fiel hin.

Die Puppe starrte mich anklagend an. Mit der Ausnahme, dass es jetzt keine Puppe mehr war. Es war ein Monster. Dürr, gebückt, faltig und grau stand es da. Dort wo es Haut hatte, war es ledrig. Dort wo es keine Haut mehr hatte, stachen die Knochen hervor. Ich konnte auf der einen Seite seine Rippen hervorschauen sehen, während auf der anderen Seite eine Brust hängend und schrumpelig aus dem zerschlissenen Hemd herausfiel, das die Kreatur trug. Sie besaß eine Reihe sehr scharfer Zähne und ein Arm war länger als der andere. Lange, verfilzte Büschel aus Schlamm und Blut bedeckten ihren Kopf und ersetzten die Haare.

„GIB ES MIR SOFORT ZURÜCK!“, gurgelte es und seine Klaue schnellte abermals hervor.

Zum Glück ließen sich meine Beine nun wieder bewegen und ich konnte ausweichen, wenn auch nur um Haaresbreite. Wenn ich auch gerade noch vor Angst wie gelähmt gewesen war, so musste ich jetzt dringend handeln! Mein Leben stand auf dem Spiel! Nur so viel musste ich wissen.

Ich sprintete los, die schiere Panik, die an meinen Eingeweiden nagte und das Ungeheuer in meinem Rücken.

Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich geglaubt, ich könnte entkommen. Aber dem war nicht so. Ich spürte es, noch in dem Moment, in dem ich den Gedanken zu Ende geführt hatte. Ihre Klaue, wie sie sich unnachgiebig in durch meinen Rücken und in meinen Brustkorb bohrte. Ihr war egal, ob sie meine Wirbelsäule oder meine Rippen brechen würde. Der Schmerz war unerträglich.

Aber sie hatte bald gefunden was sie suchte…

Ich betete, dass der Schmerz mich bald übermannen und ich einfach ohnmächtig werden würde.

Sie hatte es gefunden. Mein Herz. Sie riss daran und ich kann nur ahnen, dass es mit Leichtigkeit herausgerissen worden war. Alles wurde schwarz und kalt, noch bevor ich das widerliche Platschen meines eigenen Blutes erkennen konnte.

Ich schätze, es ist nur fair. Ich habe ihr Herz gegessen, also hat sie es mir gleichgetan.

Nun bin ich dazu verdammt, für immer hierzubleiben. In der Dunkelheit, mein eigenes Herz schlagen zu hören, das nun in ihrem Brustkorb hämmert.

Wir warten. Auf den Nächsten, der so dumm ist, sich uns in den Weg zu stellen.

Komm doch vorbei.

Wir warten mit den edelsten Speisen auf.

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