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Ich strecke meine Arme ein wenig zur Seite, suche aber vergeblich nach der wohligen Wärme meines Mannes. Kalt. Zu kalt. Mein resigniertes Seufzen wird nur von der Stille beantwortet. Nach einer Weile gebe ich es auf, mit den Händen die Bettlaken abzutasten, und öffne ein Auge, wenn auch nur halb. Hell. Zu hell. Mein resigniertes Seufzen wird nur von einem Flüstern beantwortet.

Langsam drücke ich mich mit angewinkelten Oberarmen hoch, und werfe einen kurzen, verschlafenen Blick auf den Wecker, während mich die Sonne regelrecht durch die halb geschlossenen Rollladen attackiert. In diesem Moment wenden sich die giftgrünen Ziffern zu einem „09:00“, und der ohrenbetäubende Alarm erschallt, weswegen ich halb aus dem Bett falle, um daraufhin entnervt zu zischen. Ja, eines steht fest. Dieser Tag wird mich noch umbringen.

Das Piepsen verstummt sofort, nachdem ich meine Hand auf das dämliche Ding donnern lasse. Laut. Zu laut. Mein Knurren wird nur von dem erbarmungslosen Sonnenlicht beantwortet.

Nun ist es Zeit, sich aufzurappeln, und das Leben zu „genießen“. Der Boden unter meinen Füßen ist kühl, weswegen ich beinahe sofort in die getigerten Hausschuhe schlüpfe, welche am Bettende bereitstehen, obwohl ich schwören könnte, sie gestern noch im Schuhschrank deponiert zu haben. Das Schulterzucken ist unüblich für mich. Ergeben stehe ich auf, ohne mir in meinem schlaftrunkenem Zustand unliebsame Gedanken zu machen. Das Murmeln im Hintergrund wird lauter. Ich ignoriere es einfach. Die Schatten werden länger. Ich sehe nicht hin. Unwichtig. Zu unwichtig. Meine Angst wird nur von Hohn beantwortet.

Mir fällt auf, dass ein Briefumschlag an der Tür klebt, als ich die Hand zur Klinke strecke. Im Inneren befindet sich ein glattes Papier, und ein Stück meiner Lieblingsschokolade, deren Geruch mich etwas versöhnlicher stimmt. Die sanft geschwungene Schrift ist unverkennbar die meines Mannes - selbst ich habe trotz meines Kunststudiums Probleme, sie zu fälschen, und würde Tage für so eine wunderschöne, wenn auch kurze Nachricht brauchen. Das Erkennen dieser wundervollen Schrift jagt mir tausende Schauer über den Rücken. Das Lächeln tänzelt beinahe sofort über mein Gesicht, nachdem ich die wunderschönen Worte mit den Lippen geformt habe. Die Süßigkeit lasse ich betont langsam auf der Zunge zergehen, obwohl sie einen leicht faden Beigeschmack hat, und koste sie aus, während im Hintergrund ein Glockenspiel erklingt. Oder doch ein Lachen? Naiv. Zu naiv. Mein Atem wird nur von stummen Worten begleitet.


Ich liebe dich mehr denn je, meine Teure, und es ist Zeit, es dir zu beweisen. Werf bitte einen kurzen Blick in die Küche.



Die Wolke, die zuvor meinen Verstand benebelt hatte, hat sich mit den lieblichen Worten gelichtet, weswegen ich summend die Tür öffne, und mit dem Papier an meine Brust gedrückt durch den Gang, und somit sofort in die Küche laufe.

Die Tapete sticht mir auf dem Weg wieder unangenehm ins Auge. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, sie einmal ÜBERALL im Haus, selbst an der Decke zu platzieren? Gottseidank entfernten ich und mein geliebter Mann sie momentan, da es nichts Befreienderes gibt, als lange Tapetenstücke von der Wand zu trennen. Beinahe so, als würde man ein Stück seiner Haut neben dem Fingernagel abziehen, aber ohne, dass es einem wehtut.

Ein wundervoll befriedigendes Gefühl. Nur kann ich mich nicht recht erinnern, Namen und Daten unter einzelne Teile der Tapetenstücke geschrieben zu haben, obwohl diese immer wieder auftauchen, bei dem Wettkampf zwischen mir und meinem Mann, nach dem längsten Stück, das nicht zerreißt.

Es ist deutlich dunkler hier, und die Ablenkung ist gering. Ich bilde mir ein, eine Stimme zu hören, die meinen Namen flüstert, doch ich weiß, dass sie nicht real ist. Irgendwann habe ich es verstanden, und gelernt, sie auszublenden. Heute scheint einer der Tage zu sein, an denen ich die Tabletten nehmen muss, obwohl ich sie verabscheue. Da sie schweigen soll… Aber diese Tatsache stört mich nicht im Geringsten, da ich bereits halb in der Küche stehe, und mir der leckere Geruch von Frühstück in die Nase steigt. Tatsächlich. In dem lichtdurchflutetem Raum steht ein Tisch. Und dieser Tisch ist dermaßen liebevoll angerichtet, dass mir automatisch Freudentränen in die Augen steigen. In letzter Zeit hatten ich und mein Mann unsere Differenzen, und das hier war der Liebesbeweis, nach dem ich mich schon so lange gesehnt hatte. Hoffnungsvoll. Zu hoffnungsvoll. Mein Unwissen wird nur von leisen Schritten beantwortet, die mir tonlos folgen.

Auch wenn es schwierig war, die dampfende Kaffeetasse zu ignorieren, nahm ich den Zettel zur Hand, welcher mitten im Perfektionismus stand, und überflog die wunderschönste Schrift:


Ich liebe dich mehr denn je, und bald sind wir wieder vereint, meine Liebste. Bei der Kommode.



Darunter war ein geschwungenes Herz abgebildet.

Also tat ich wie geheißen, und ließ das Frühstück kurz stehen, nur um auf der Kommode eine elegante, und doch schlichte Schachtel zu finden. Und als ich diese öffnete, klappte meine Kinnlade hinab. Es war ein hinreißendes Armband, welches ich mir schon so lange gewünscht habe. Und obwohl mein Gatte es nicht hätte wissen können war ich so unendlich glücklich, dass sogar die Stimme nach langer Zeit wieder vollends verstummte.

Sofort legte ich es um, auch wenn es nicht sonderlich zu dem Pyjama passte, und betrachtete fasziniert wie es funkelte, und das Licht abertausende Male brach. Der Gang wurde von einem Lichtermeer geflutet, welches jeden Zentimeter zu beleuchten schien, und der Welt neues Leben einhauchte. Ehrlich gesagt war ich zu schockiert, um irgendetwas zu fühlen, zu verarbeiten, oder überhaupt zu bemerken. Leichtfertig. Zu leichtfertig. Meine Sorglosigkeit wurde später nur von dem Tod beantwortet.


Ich liebe dich mehr denn je. Wirf einen Blick ins Bad.



Das Herz war nun seltsam deformiert. Vielleicht hatte er die Feder versehentlich falsch aufgelegt.

Tatsächlich war das Bad nicht der romantischste Ort, den ich mir hätte ausmalen können, und dennoch war ich zu tief in meiner Euphorie, um mich zu wundern. Meine Schritte waren hastig, und mittlerweile hatte ich bereits einen meiner geliebten Hausschuhe verloren. Unwichtig! Zu unwichtig! Meine Euphorie wurde von der selbigen einer anderen Person beantwortet.

Ich stieß die Tür ungeduldig auf. Es erklang ein seltsames Geräusch, als das Holz mit etwas… matschigem kollidierte? Platsch.


Der beißende Gestank, der mir entgegenschlug, brachte mich kurz zum Taumeln. Ich bildete mir ein, das sanfte Lachen in Form eines Glockenspieles zu vernehmen, und die Schatten wurden so unglaublich lang, als sich meine Augen weiteten. Mein Körper setzte aus, mein Geist überschlug sich. Mir wurde kotzübel und nun tummelten sich keine Freudentränen in meinen Augen. Angst. Panische Angst ergriff mich, und doch konnte ich meinen Blick einfach nicht von der grotesken Szene abwenden, die sich mir bot. Meine Hand fand automatisch ihren weg zu meinem Mund, auch wenn sie nicht von mir geführt worden war.

Sein Körper war durchlöchert, die Augen glasig wie die eines toten Fisches, der Mund klaffend und Haut ungewöhnlich bleich. Es war unmöglich, dass er noch lebte. Doch trotz meines Ekels warf ich mich neben ihn, und schrie mir die Seele aus dem Leib. Tat alles, um ihn zum Leben zu rufen. Unreal. Zu unreal. Die Freude war auf dem Boden der Realität zerschellt, und die Tränen benebelten meine Sicht, als ich den Zettel neben ihm entdeckte. Ich konnte ihn nicht lesen. Ich wollte nicht. Etwas anderes zwang mich dazu, es aus der Blutlache aufzulesen, und auseinanderzufalten. Mit jedem Wort wurde mir übler. Mit jedem Satz fürchtete ich mehr. Mit jeder Zeile begann ich zu verstehen, und zu hassen.

Haben die Schatten schon immer so höhnisch gegrinst?



Ich liebe dich. Mehr, als er es jemals können wird. Wir wissen beide, dass er dich seit Monaten betrügt. Warum verzeihst du ihm so leichtfertig? Ich habe dir nie dafür verziehen. Für dein Verzeihen. Ich liebe dich, und du ignorierst mich. Ich bestimme dein Handeln, doch du willst es nicht wahr haben. Waren wir nicht einst beste Freunde?

Da du es nicht wagst habe ich ihn für dich leiden lassen. Weil du es nicht wagst habe ich dir gezeigt, was du könntest. Die Schokolade war ein Geschenk. Du hast deine Tabletten, ich habe meine, und nun bin ich an der Reihe. Ich habe Schreckliches für dich getan, weil ich dich liebe, und weil ich nicht wollte, dass du dir wegen deiner Wünsche Gedanken machst… Wegen deiner Triebe sorgst… Weil ich ein Teil von dir bin, den du so verzweifelt von dir trennst. Du liebtest ihn nur, weil er dich und mich zusammen respektierte. Du hast doch keine Ahnung. Und nun bin ich an der Reihe, und du wirst stumm zusehen, ohne, dass ich dich jemals zu Rate ziehen werde.

Außerdem.

Das glockenhelle Lachen drang aus meinem Mund, doch die Tränen liefen immer weiter, bis sie schließlich langsam versiegten. Dann erhob sie sich, und richtete den Blick kurz auf das Armband, welches einen Teil ihres Gesichtes reflektierte. Nun begann auch sie nach Jahren der Stille zu sprechen.

"Es ist keine Tapete."





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Whocaress (Diskussion) 19:42, 11. Feb. 2015 (UTC)

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