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Das Blut tropfte von meinen Händen, wie Wasser. Gespannt wartete ich auf den Schmerz, der einsetzen sollte. Aber da war keiner. Ich hatte doch alles richtig gemacht. Oder? Man schnitt sich die Pulsadern doch immer längs auf und nicht quer. Oder? Verzweiflung trat in mein Gesicht. Wieso tat es nicht weh? Wieso fühlte ich mich nach wie vor immer noch lebendig?

Testweise wedelte ich mit den Armen und das Blut spritzte nur so in alle Richtungen. Ich bohrte meine Finger in die Wunde und konnte noch immer keinen Schmerz spüren. Fasziniert begann ich die Adern und Sehnen aus meinen Armen zu ziehen. Plötzlich wunderte ich mich nicht mehr darüber, warum ich das nicht spüren konnte.

Ich besah mir meine weiße Wohnzimmerwand und musste kichern. Lachend warf ich eine der Adern an die Wand und sah zu, wie sie dort kleben blieben und nur langsam nach unten rutschten. „Wenn sie kleben bleiben, sind sie gar …“, kichernd erinnerte ich mich an die Worte die meine Mutter immer benutzt hatte, wenn sie gekochte Nudeln an die Kühlschranktür warf, um zu testen ob sie durch seien.

Gierig noch mehr dieser Dinge zu probieren, schnitt ich mit der Rasierklinge fein säuberlich meine Arme weiter auf und versank fast im Blut. Das irgendwas nicht stimmen konnte, darüber war ich mir nicht im Klaren. Ich legte gekonnt die Muskeln frei und schnitt sie aus ihren fleischigen Verankerungen. Ich drückte und quetschte sie. Ich hielt sie zwischen den Fingern, wie eine alte Socke, in die man hineinfasste, um die Fußspitzen wie Münder zu bewegen und führte damit mein ganz eigenes Theaterstück auf.

Ich war so vertieft in mein Theaterstück, dass ich das Gurgeln neben mir gar nicht wahrnahm. Ich war zu begeistert von meiner Entdeckung. Kichernd holte ich mir einen Spiegel und verteilte dabei wunderschöne, rot glänzende Fußspuren in meiner Wohnung. Sorgsam hielt ich den Spiegel in meiner Rechten und setze die Linke mitsamt der Rasierklinge an meinem Mund an. Vorsichtig, um meine Lippen nicht zu zerstören, schnitt ich die Konturen meines Mundes nach. Ich schälte die dünne Haut von meinen Lippen und grinste breit in den Spiegel. „Hübsch siehst du aus, Anna. Rote Lippen soll man küssen…“, flötete ich und gab dem Spiegel einen Schmatzer.

Offenbar konnte ich gar nicht sterben. Ich war eine Göttin, anders konnte ich mir das nicht erklären. Erfreut über diese Erkenntnis wollte ich mehr, noch mehr als nur meine Lippen rot zu bemalen oder gar im Blut baden. Ich wollte mein Herz halten. Das zerbrochene, naive Ding, das mir diese Misere überhaupt eingebrockt hatte. Hätte er mich nicht betrogen, wäre ich noch glücklich und hätte diesen jämmerlichen Selbstmordversuch gar nicht erst gestartet. Andererseits hätte ich dann wohl auch nie herausgefunden, dass ich unsterblich bin.

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Ich positionierte den Spiegel so, dass ich mich davor perfekt sitzen sah und setzte die Klinge an meinem Hals an. Ich schnitt mit bedacht und so vorsichtig wie möglich tief in meine Haut, zu meinem Herzen herunter. Ich stieß auf die Knochen meines Brustkorbes und hatte ein Problem, mit dem ich so nicht gerechnet hatte. Wie sollte ich denn jetzt an dieses naive Ding kommen?

Ich versuchte die Finger durch meine Rippen zu stecken, aber das nützte nichts. Ich konnte mein Herz lediglich mit den Fingerspitzen streicheln … aber das wollte ich ja nicht. Krampfhaft überlegte ich, wie ich an mein Herz kommen könnte und seufzte theatralisch auf. Mein Projekt würde wohl hier scheitern. Und dann kam mir der entscheidende Gedanke. Ich könnte mir die Rippen brechen und von der Seite mein Herz herausholen. Ich wusste noch nicht genau, wie ich das anstellen würde, aber ich könnte mir dieses Problem erleichtern, indem ich mir das Fleisch von den Knochen schneiden würde.

Also begann ich damit, mir mit der Rasierklinge meine rechte Seite aufzuschneiden und meine Knochen darunter freizulegen. Darüber, dass ich keine Schmerzen fühlte, machte ich mir noch immer keine Gedanken.  Meine Kleidung war nun endgültig Blut durchtränkt und ratlos betrachtete ich, soweit ich konnte, meine blanken Rippen. Ich kratzte mit der Klinge etwas über meine Knochen und kratzte so kleine Furchen hinein. Mein Blick fiel auf den massiven Eichentisch und grinsend stellte ich mich ans Ende des Zimmers. Mit einem lächerlichen, aber für meine Belustigung notwendigen, Kriegsschrei stürmte ich auf den Tisch zu und ließ mich fallen. Mit einem lauten Knacken hörte ich, wie meine Knochen nachgaben. Da mich auch dies unberührt ließ, tippte ich mit den Fingern grinsend an meine gebrochenen Rippen. Ich stieß meine Finger durch das geschundene Fleisch und zog an den Knochenfragmenten.

Nachdem ich alles, was gebrochen war, neben mir auf den Boden gelegt hatte, führte ich die schrägsten Verrenkungen durch, die man sich vorstellen konnte und griff in das Loch in meiner Seite. Es war schwer, wirklich sehr schwer, an mein Herz zu kommen. Aber irgendwann hatte ich es. Meine kleine Hand legte sich, so gut es ging, um den pumpenden Muskel und zog. Ich musste ziemlich viel Kraft aufwenden, aber ich denke, ich hatte meine Arbeit gut gemacht. Verzückt betrachtete ich mein Herz, dass ich nun in meinen Händen hielt. Wütend auf dieses verletzbare, naive Ding, starrte ich es an und überlegte mir, was ich damit tun sollte.

Das schrille Klingeln meines Weckers riss mich aus meinen Träumen. Ich hatte fürchterliche Angstzustände und Schweiß stand mir auf der Stirn. Mein Nachthemd klebte an mir und ich wischte mir mit den Fingern durchs Gesicht. Das grelle Licht der Morgensonne blendete mich und ich hielt mir die Finger zum Schutz vor der Sonne vor die Augen. Da bemerkte ich es. Sie waren blutrot. Hatte ich mich im Schlaf verletzt? Ich tastete meinen Körper ab und fand keine Verletzungen. Wahrscheinlich hatte ich bloß Nasenbluten gehabt. Benommen setzte ich mich auf und dann fiel mein Blick auf die verstümmelte Leiche meines Ex-Freundes.


Ich schrie. Ich schrie mir die Seele aus dem Leib, bis meine Lungen keine Luft mehr hatten und meine Kehle heiser und rau war. Ich hatte ihn umgebracht. Ich war es. Es war also doch kein Traum…

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