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Ein Knacken. Schritte, die sich mir langsam nähern. Ich sitze auf einer morschen Holzbank. In einer Zelle, die gerade für mich genug Platz bietet. Sie kümmern sich nicht um mich. Um Menschen wie ich. Meine Haut ist vielleicht nicht straff, sondern ledrig und verzogen. Ich bin nicht so wunderschön wie viele andere Frauen in meinem Alter. Aber ist das denn so schlimm?

Ich bin schlau. Niemand kennt sich besser mit Kräutern aus als ich. Ich helfe den Menschen auch gerne. Sie kommen immer zu mir, wenn sie oder jemand aus ihrer Familie krank ist. Mein letzter Besuch waren allerdings diese Männer… Ihrer Uniform zufolge waren sie Soldaten des Königs. Man hat mich schon oft vor ihnen gewarnt. Aber ich hätte nie gedacht, dass es tatsächlich einmal so weit kommt.

Ich lebte immer in fernab der Anderen und dachte, dass ich so nicht besonders auffalle. Bloß war ganz offensichtlich das Gegenteil der Fall. Sie nahmen mich mit und brachten mich in dieses dunkle Loch.

Von den Steinwänden tropft das Wasser. Die Schritte verhallen durch die Gänge. Ein lautes Quietschen. Die schwere Metalltür öffnet sich langsam und ein Mann betritt den Raum. Ich schaue auf und starre in die leeren, nichtssagenden Augen eines Wächters. Er bewegt sich zu mir und packt mich am Hals. Ich werde hochgezogen.

„Zeit für deine Hinrichtung, Hexe!“, gibt er in verächtlichem Ton von sich.

Hexe. Dieses Wort kommt mir irgendwie falsch vor. Eher Bedeutungslos… Ich eine Hexe? Was für eine Annahme!

Ich versuche zu Sprechen, aber ich habe seit einiger Zeit keine Flüssigkeit mehr zu mir genommen und meine Kehle war inzwischen staubtrocken. Ich bekomme kein Wort mehr heraus.

Eine Mischung aus Wut und Angst überkommt mich, als der Wächter mich aus der Zelle schleift. Wir gehen einen dunklen Gang entlang, der anscheinend durchs Nichts führt. Keine Geräusche, keine Wärme, keine Hoffnung. Nichts. Nur zwei Seelen, die diesen Gang, der nur einem großen schwarzen Fleck ähnelt, entlang laufen.

Der Mann bleibt stehen und ich starre ihn mit angsterfülltem Blick an. Er blickte mich ebenfalls an, aber sein Gesichtsausdruck hat nicht die geringste Menschlichkeit in sich. Stattdessen lächelt er nur, sodass man seine schiefen, verschimmelten Zähne sehen kann. Ich muss einen Würgereiz unterdrücken.

Der Mann wendet sich wieder zu einer Tür. Ein Klicken ertönt, als er auch diese aufschließt und die Tür mit einem gewaltigen Ruck aufreißt. Das Sonnenlicht fließt in den dunklen Gang. Ich werde wieder gepackt und weiter in die Welt voller Sonnenlicht gezogen.

Empfangen werde ich von Schreien, Rufen, Flüchen. Ich starre die Leute an. Einigen von ihnen habe ich geholfen und nun wünschen sie mir meinen Tod. Ihr fauliger Atem erfüllt den Platz, zu dem ich gebracht werde und mich erwartet bereits ein Mann in roter Kutte.

Ich werde an dem Mann vorbeigezogen. Meine Augen haben sich inzwischen einigermaßen an das Licht gewöhnt und so erkenne ich die Umrisse eines Scheiterhaufens. Ruckartig bleibe ich stehen.

„Nein!“, krächze ich leise mit meiner ausgetrockneten Kehle. „NEIN!“

Belanglos. Ich werde weiter gezogen. Die Meute hört auf zu schreien, zu fluchen. Ich kann nun Mitleid in ihren Augen sehen, Menschlichkeit. Wieder versuche ich mich zu stoppen, aber der Mann zerrt mich an meinem langen, fettigen Haar weiter. Ich zapple, schreie. Meine angsterfüllten Rufe lassen die gesamte Menschenmasse zusammen zucken. Ich werde an einen Holzpfahl festgebunden. Tränen laufen mir das Gesicht runter. Brot und Spiele. Warum muss es immer so sein? Ich höre die Massen wieder „Hexe“ schreien. Ihre Einfälligkeit ist zurück gekehrt, ihre Menschlichkeit verschwunden.

Ich kreische. Weine. Vergebens. Der Mann in der roten Kutte kommt zurück. Ein brennendes Stück Holz in der linken Hand und ein breites, hässliches Grinsen auf seinem Gesicht.

„Jetzt bekommst du, was du verdienst. Hexe!“, flüstert er und wirft das Stück Holz auf den Haufen.

Ein Feuerinferno umringt mich. Flammen züngeln um mich. Sie schleichen

Hexenverbrennung-1571
zu mir und reißen an meinen Körper. Schmerzensschreie erfüllen den Platz. Lachen, Johlen und Gröllen der Meute mischt sich mit meinen Schreien. Bevor mich die Flammen niederschmettern, denke ich nur an eins: Bin ich ein Monster, weil ich Menschlichkeit zeige und den Leuten mit meinem Kräutern geholfen habe? Oder sind sie die wahren Monster, weil sie ihre Menschlichkeit verloren haben und mich deshalb am lebendigen Leibe verbrennen lassen?

Brot und Spiele, liebe Leute.

Brot und Spiele...

Aylo (Diskussion) 09:29, 22. Jun. 2014 (UTC)

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