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Manchmal braucht es nur eine Kleinigkeit, um sich an vergessene oder verdrängte Dinge zu erinnern. Vielleicht ein Geruch, oder ein Geräusch? Oder eine Melodie die – kaum dass man sie hört – Bilder in deinem Kopf hervorruft. Sogar die Gestik oder Mimik eines eigentlich völlig fremden Menschen kann Erinnerungen hervorbringen, weil sie dich an einen anderen Menschen erinnern.

Manchmal jedoch braucht es eine fast identische Situation, die dich an Dinge erinnern lässt, von denen du nicht einmal wusstest dass du sie je erlebt hast. Oder dir wünschst es nie getan zu haben…

Der Auslöser begegnete mir an einem Ort, den viele Menschen an einem Wochenende besuchen: einem Rockhaus. Es ist fast das gleiche wie eine Disco, nur eben mit anderer Musik und einem anderen Ambiente. Und – in meinen Augen – den sympathischeren  Menschen. Rock, Metal, Punk, in allen möglichen Facetten.

Ich bin so gar nicht der Typ zum Ausgehen. Nicht zum Tanzen. Und ich hatte auch diesmal nicht vor zu tanzen. Aber ich wollte auch nicht wieder einmal allein zu Haus hocken und so hatte ich mich von zwei damaligen Freundinnen überreden lassen, sie zu begleiten. Die beiden kamen selbst nicht oft raus und ich wurde selten genug gefragt ob ich mit irgendwem irgendwo hin gehen möchte. Also sagte ich zu und freute mich auch irgendwie darauf, mal wieder raus zu kommen. Bald nach diesem Ereignis hatten wir keinen Kontakt mehr miteinander. Aber das war eine ganz andere Geschichte.

Am Anfang war es genauso übel wie ich es insgeheim befürchtet hatte. Unser erster Stopp war wirklich eine Disco. Vollgepackt mit Menschen, die zu stumpfem immer gleich klingendem Beat ihre Körper oder auch nur Teile davon bewegten. Unterhaltungen waren nicht möglich ohne zu Schreien oder Lippenlesen zu beherrschen. Man musste sich überall durch zwängen, so dicht gedrängt standen die Menschen. Und da musste ich dann auch durch. Meine Freundinnen hatten mich auf das, was als Tanzfläche bezeichnet wurde gezerrt, wo wir zwischen den anderen Menschen untergingen. Wenn man so klein ist wie ich, muss man sich öfter vor Ellenbogen in Acht nehmen, die plötzlich meinem Gesicht zu nahe kommen. Und an Orten wie diesen auch vor Händen an Stellen, wo sie nichts zu suchen hatten.

Warmer Atem fremder Menschen, manchmal auch weit unangenehmere Gerüche krochen über meinen Nacken oder mein Gesicht in meine Nase. Der Abend konnte ja nur scheiße werden. Zum Glück fanden die beiden Mädels mit denen ich unterwegs war, es irgendwann genauso nervig. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob sie das nur wegen mir getan hatten oder wirklich selbst gehen wollten.

Ich war froh, als wir die Disco endlich verließen  und dann dort landeten, wo das passierte, was meine Erinnerungen komplett auf den Kopf stellte.

Ich mag Rock und Metal und sogar Punkmusik lieber als Techno oder Schlager oder was man irgendwann mit genug Promille im Blut begann zu hören und mitzusingen. Nun, es ist nicht alles anderes. Auch in diesem Rockhaus stieg der Alkoholpegel mit fortschreitender Nacht an. Und im gleichen Maße sank die Hemmschwelle. Ich konnte es gut beobachten wie sich immer mehr Menschen immer näher kamen, oder herumalberten, sich zum Affen machten oder einfach nur deprimiert in einer Ecke standen und noch mehr Alkohol in sich schütteten. Zum Glück blieb wenigstens die Musik aber die gleiche.

Die Tanzfläche war nicht viel größer als in der Disco, aber hier war sie trotzdem groß genug, dass man Headbangen konnte ohne dabei mit dem Kopf an einen anderen Kopf zu stoßen. Sogar die Haare hatten genug Platz für sich, egal wie lang sie auch waren. Ein großer blonder junger Mann tat dies anscheinend auch sehr gerne. Wir sahen ihn oft seine Haare durch die Luft schwingen und beobachteten dabei, wie er mit einem fast kindlich naiven Gesichtsausdruck glücklich lächelte. Wir scherzten darüber, dass er wirkte als würde er wirklich nur diese Musik brauchen um zufrieden zu sein. Und irgendwie beneideten wir ihn darum. Wie ein kleiner tappsiger Hund. Oder jemand der einfach zu viel Zeug zu sich genommen hatte. Ersteres gefiel mir besser.

Im hinteren Teil des fast komplett in schwarz gehaltenen Raumes gab es eine Art kleiner Bühne. Sie war ungefähr 70cm hoch. Das weiß ich, weil ich mich noch bequem dagegen lehnen und sitzen konnte ohne wie sonst auf den Zehenspitzen stehen zu müssen. Auch das Holz der Bühne war schwarz. An beiden Seiten waren nochmals kleine Absätze, auf denen Tanzkäfige standen. Hin und wieder fand sich jemand, der darin zum oder gegen den Takt der Musik tanzte.

An diese Bühne gelehnt standen wir dann die meiste Zeit und beobachteten die Menschen um uns herum. Den DJ, der auf einer anderen höher gelegenen aber kleineren Bühne seine Musik auflegte, die Bar im hinteren Teil wo sich die Menschen immer wieder Nachschub holten und den Raucherraum, der separiert in der hinteren Ecke vor sich hin qualmte.

Nach und nach waren es immer weniger Menschen, die sich noch im vorderen Teil aufhielten. Noch weniger zog es noch zum Tanzen auf die Tanzfläche. Eigentlich fanden sich immer mehr Pärchen zusammen und ein Typ zog seine Eroberung, die sich ihm willig an den Hals warf, provokant direkt vor uns. Wohl, weil er von uns dreien nacheinander einen Korb bekommen hatte. 

Ein Blick auf mein Handy zeigte mir, dass es bald schon 5 Uhr werden würde. Ich merkte auch, dass ich so langsam doch müde wurde. Ich war es zwar gewohnt, lange wach zu bleiben, nicht jedoch, dabei auch in Bewegung zu sein. Wach im Bett zu liegen ist ja doch noch etwas anderes als in einem Rockhaus unterwegs zu sein. Unruhig trat ich von einem Bein auf das andere, weil meine Füße schon angefangen hatten zu schmerzen. Ich hatte den Punkt erreicht, an dem man einfach denkt „So, jetzt habe ich keine Lust mehr auf irgendwas“. Und das konnte bei mir auch von jetzt auf gleich passieren.

Auch meine beiden Begleiterinnen schienen keine Lust mehr zu haben und so verständigten wir uns, nun aufbrechen zu wollen. Ich bekam nicht mehr so viel mit, was um mich herum passierte. Die Musik wiederholte sich und irgendwo hinter uns auf der Bühne tummelten sich einige Überbleibsel die noch fit genug waren sich schneller als gehend zu bewegen.

Gähnend sammelte ich meinen Schal ein, während die beiden Mädels schon in Richtung Treppe gingen, die nach unten und zum Ausgang führte. Ich fühlte mich ein wenig träge, war aber noch gar nicht müde. Mein Kopf wollte wohl einfach nicht mehr nachdenken und arbeiten.

Gerade als ich mich ebenfalls in Bewegung setzte um ihnen zu folgen, krachte etwas neben mir auf den Holzboden. Ein lautes Donnern, das den Boden unter meinen Füßen vibrieren lies. Erschrocken fuhr ich herum, sah auf den Boden und wusste im ersten Moment gar nicht einzuordnen, woher dieses Geräusch kommen konnte.

Das Gesicht eines jungen Mannes sah zu mir hoch. Sein Blick zeigte deutlich, dass er nicht mehr nüchtern war. Aber auch, dass er auch nicht mehr genau mitbekam, was da gerade mit ihm passiert war. Er versuchte erfolglos, sich aufzurichten. Sein Kopf sank zurück auf den Boden und er sah mich an.

Erst jetzt sah ich das Blut, das aus seinem Mundwinkel rann und betrachtete ihn erschrocken genauer. Er hatte eine Platzwunde an der Stirn, aus der ebenfalls Blut rann. Vor ihm am Boden waren Blutspuren. Spritzer, die von seinem Mund und der Stirn aus von ihm weg führten. Was mir in diesem Moment wie eine Ewigkeit vorkam, dauerte eigentlich nur einige wenige Sekunden. Wenn ich später darüber nachdachte, konnte ich mich an die Einzelheiten nicht mehr so genau erinnern. Ich weiß allerdings noch, dass ich mich wunderte, dass das Blut so hell war, eher rosa als rot, und dass ich mich fragte wo das Blut herkam weil es nicht zu den Verletzungen in seinem Gesicht passte. Zuerst überlegte ich, ob er einen Schädelbruch hatte und dann, dass das Blut wohl aus seinem Brustkorb herausgepresst worden sein musste. Eigentlich waren es noch sehr viele ähnliche Gedanken, die mir in diesem kurzen Moment durch den Kopf schossen.

Aber ich erinnere mich noch genau an den Blick, mit dem er mich angesehen hatte, als er nochmals versucht hatte den Kopf zu heben. Verwirrt, nicht wissend was mit ihm passiert war und mit einem glasig-leeren Blick. Und ich stand da, sah auf ihn herab und dachte in diesem Moment nur „Idiot!“, weil er sich so betrunken hatte dass er nicht mehr hatte stehen können und nun eben in dieser Situation gelandet war.

Ich weiß, das klingt herzlos. Aber ich bin der Meinung gewesen und bin es noch, dass jemand, der sich so sehr betrinkt dass er sich so verletzen kann, selbst Schuld daran ist.

Meine Begleiterinnen riefen nach mir und rissen mich damit aus meinen Gedanken. Ich folgte ihnen schnell, weil mich diese Situation total beunruhigte und eilte zur Bar, um dort Bescheid zu sagen was passiert war. Da mir jedoch schon jemand zuvorgekommen war, folgte ich also den beiden Frauen nach unten, wo wir unsere Jacken holten. Auch hier wollte ich Bescheid sagen, war aber wieder zu spät. Die Türsteher diskutierten, was sie mit diesem Mann anstellen sollten.

Wäre ich nicht so verwirrt gewesen, hätte ich ihnen gesagt, dass das Wichtigste nun doch wohl wäre, einen Krankenwagen zu holen. Aber andererseits dachte ich mir, dass sie besser wissen würden als ich was nun das Richtige war. Das war sicher nicht das erste Mal, dass so etwas passierte. Und würde auch nicht das letzte Mal bleiben.

Draußen dämmerte es bereits. Trübes Morgenlicht legte sich über die Welt und ließ es kälter wirken als es eigentlich war. Stumm eilten wir zu unserem Auto. Es wurde dann doch kalt und es dauerte einige Zeit, bis wir es erreicht hatten. Ich zitterte. Kam es von der Kälte oder war es der Situation geschuldet, in der ich gerade eben noch gewesen war? Dann endlich erreichten wir das Auto und fuhren los. Zuerst wollten sie mich nach Hause bringen, da ich kein eigenes Auto hatte.   Eigentlich hatte ich über diese Situation reden wollen, aber jeder Versuch blieb auch ein Versuch. Also starrte ich nur auf die Straße vor mich und die Bäume am Straßenrand neben mir. Ich fragte mich, ob die anderen so viel besser damit klar kamen und ob es übertrieben war, sich darüber noch Gedanken  zu machen. Sie wirkten nicht erschrocken. Aber sie hatten auch nicht direkt daneben gestanden. Hätte ich selbst einen Schritt weiter rechts gestanden, hätte er auch auf mir landen können. Es schauderte mich bei diesem Gedanken.

Die ganze Fahrt über konnte ich an nichts anderes denken. Ich sah diesen Blick vor meinen Augen, als hätte er sich in meine Retina gebrannt. Dieser Blick, verwirrt, orientierungslos und nicht begreifend was passiert war. Der verzweifelte Versuch, den Kopf zu heben wie ein Säugling bei seinen ersten Versuchen.

Je näher wir meinem Zuhause kamen, desto mehr verschwammen die Bilder. Ich versuchte, sie aufrecht zu erhalten, wusste aber selbst nicht genau, warum eigentlich. Als würde mir eine Stimme sagen, dass ich nicht vergessen dürfte. Nicht schon wieder.

Als ich endlich zu Hause war, begrüßte ich nur schnell meinen Kater der mich vorwurfsvoll an maunzte weil ich es gewagt hatte so lange fort zu bleiben, streifte die Kleidung ab und kuschelte mich in mein Bett. Erst jetzt merkte ich, wie kalt mein Körper eigentlich geworden war. Ich zitterte wieder und kaum dass ich die Augen geschlossen hatte, sah ich wieder dieses Gesicht vor mir. Der leere Blick, so hilflos, ließ mich nicht los. Das dunkelrote Blut aus dem Mundwinkel rinnend, und das hellrote Blut auf dem Boden, im Gras. Ich schlief mit diesem Bild ein und wachte mit diesem Bild auf. Noch im Halbschlaf mischten sich zu diesem Bild nun auch andere Empfindungen. Vertraute Bäume, Farne, der vertraute Geruch des Waldes. Ich hatte Probleme ganz wach zu werden. Ein Blick aus dem Fenster zeigte mir, dass ich nicht lange geschlafen haben konnte und ich schloss wieder die Augen, um damit fortzufahren. In diesem Dämmerzustand fragte ich mich, wieso da plötzlich ein Wald war.

Falls ich wieder eingeschlafen war, hatte ich es nicht gemerkt. Mein Gedankengang ging genau an derselben Stelle weiter, aber ich fühlte mich etwas wacher. Die Erinnerung hatte sich gewandelt, aber sie war nun vertrauter als vorher. Es war ein anderes Gesicht, immer noch ein junger Mann, aber dunkelhaarig; immer noch Blut im Gesicht, und Blutspuren um sich herum, jedoch im Gras, nicht auf einem Holzboden. Vertraute Bäume und Farne in den Augenwinkeln, und auch ohne es zu sehen wusste ich dass hinter mir die Schienen verliefen, die an dem kleinen Waldstreifen hinter dem Haus entlangliefen, in dem ich in meiner Kindheit gewohnt hatte.

Es gab noch eine weitere Erinnerung, die schon vorher in meinem Kopf herumgegeistert war. Aber nach diesem Vorfall kam sie immer öfter an die Oberfläche meiner wahrnehmbaren Gedanken.

Diese hatte ich nicht wirklich selbst erlebt, vielmehr war es die Szene aus einem Film, den ich in meiner Kindheit gesehen hatte. Viel wusste ich nicht mehr davon, eigentlich nur diese eine Szene: Zwei Jungen – ich glaube sie waren vielleicht 12, 13 Jahre alt – waren in einem Wald unterwegs, wanderten herum, alberten, erlebten typische Abenteuer die Kinder in diesem Alter hatten, und irgendwann kamen sie an eine Bahngleise. Sie balancierten auf den schweren Metallschienen herum, redeten die ganze Zeit miteinander. Ich weiß nicht mehr worum es ging. Dann blieb einer von ihnen mit seinem Fuß zwischen zwei Gleisen hängen und fiel hin. Sie lachten darüber, und versuchten den Fuß zu befreien. Es kam wie es kommen  musste: Natürlich näherte sich in diesem Moment ein Zug, sie spürten es an der Vibration der Gleise. Spannung baute sich auf, je länger sie brauchten. So wie es eben in Filmen immer passiert.

Aber es kam anders als man es bei einem Jugendfilm erwarten würde: Der Junge konnte seinen Fuß nicht befreien. Sein Freund rannte im letzten Moment von den Schienen und er selbst lehnte sich so weit zur Seite wie es ihm möglich war. Nein, er wurde nicht getötet.  Ich weiß nicht mehr bis zu welchem Zeitpunkt diese Szene weiter lief. Ich erinnere mich danach nur daran, dass der Junge überlebt hatte, der Zug ihm aber den Fuß genommen hatte. Später war er wohl im Krankenhaus zu sehen. Genauso wenig wusste ich noch, ob dieses Ereignis im Film am Anfang kam und den Weg des Jungen nach diesem Unfall zeigte oder ob es hauptsächlich um etwas anderes gegangen war.

Dieser Film hatte damals dafür gesorgt, dass ich mich den Schienen hinter dem Haus nicht hatte nähern wollen. Das Waldstück war ungefähr zweihundert Meter breit. Aber alles bis zu den Schienen war bei uns noch „hinter dem Haus“. Und das Haus in dem wir wohnten war eigentlich eine Mietwohnung in einem von vielen aneinander gedrängten 8-Parteien-Häusern.

Und während meine Schwester den Schulweg wie viele andere Kinder auch über diese nur durch einen hüfthohen Draht abgesperrten Gleisen abkürzte, nahm ich jedes Mal den langen Umweg durch die Unterführung. Ich hatte Angst, ebenso wie dieser Junge mit dem Fuß stecken zu bleiben und so zu enden. Oder schlimmer. Im Nachhinein weiß ich, dass das unsinnig war, da es bei uns nur eine Gleise gab, ohne Weichen, also nichts wo man stecken bleiben konnte. Und außerdem konnte man die Züge meist lange bevor sie kamen hören.

Ich habe oft versucht herauszufinden, wie dieser Film hieß, weil ich ihn mir noch einmal ansehen wollte, allein schon um zu wissen worum es darin ging und ob er wirklich so ablief wie meine Erinnerungen es mir sagten. Und damit mein älteres Ich dieses unangenehme Gefühl das ich dabei immer hatte, meinem jüngeren Ich in meinem Kopf nehmen konnte.

Ich weiß nicht mehr viel aus meiner Kindheit. Aber dies ist eines der wenigen Dinge, die ich noch weiß. Und seit dem Zwischenfall im Rockhaus musste ich wieder öfter an den Film denken und wie sehr er mich geprägt hatte. Immer wieder fragte ich mich, ob und wie diese Dinge zusammenhingen. Ob es wirklich ein Film war? Ich habe bei beiden Erinnerungen dasselbe Gefühl. Das, als würde ich selbst im Wald stehen. Ich erinnere mich an das Rauschen der Blätter, den Geruch des Waldes. Jeder Wald riecht anders, und das war eindeutig der Wald hinter dem Haus.

Der Junge im Film ist nicht derselbe wie der im Wald und nicht wie der Mann im Rockhaus. Letzterer war nur ein Auslöser. Im Wald war es ebenfalls ein junger Mann. Und im Film… ich kann sein Aussehen nicht beschreiben. Ich habe ein Bild im Kopf, aber sobald ich versuche es mir genauer anzusehen oder zu beschreiben verschwindet es im Nebel und bleibt ungreifbar. Wie etwas, was einem auf der Zunge liegt und sich verschlucken lassen will, bevor man es benennen kann.

Nun, die Erinnerung eines Films ist eine Sache, die Erinnerung eines blutenden Gesichts in einem Waldweg, den man selbst oft genug gelaufen ist, jedoch eine ganz andere. Sie wird immer deutlicher, seit sie aus den vergrabenen Bildern in meinem Kopf herausgezogen worden war.

Verändern Erinnerungen sich, wenn man zuviel darüber nachdenkt? Und werden sie dadurch wahrer oder verzerren sie sich? Natürlich nimmt man als Kind Dinge ganz anders wahr. Einige Details verschwinden, andere passen sich an kindheitsgerechte Dinge an, wieder andere werden überdeutlich.  Wir Erwachsenen  speichern alles was wir in uns aufnehmen anders als Kinder. Wir können Verbindungen herstellen, die Kinder noch nicht zu erfassen imstande sind. Macht mein Hirn das jetzt? Versucht es ein Puzzle zusammen zu setzen oder vermischt es zwei verschiedene Puzzle mit einem ähnlichen Motiv? Wieviel davon ist Fantasie? Ich hoffe, dass ich mich bald daran erinnern kann. Und ich habe ebenso Angst davor.  

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