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"Du musst das nicht tun! Es ist noch nicht zu spät!" Er schrie, um in dem tosenden und eisigen Wind Gehör zu finden, der hier oben wehte. Die Kälte fuhr ihm durch die Glieder, doch das kümmerte ihn nicht; alles, was momentan zählte, war Jason daran zu hindern, etwas Dummes zu tun.

Jason drehte sich langsam um und sah Michael direkt in die Augen. Er lächelte, doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht. Es war kalt, genauso wie seine Augen: leblos, verloren... "Doch, es ist zu spät." Er zuckte mit den Achseln, als würde es ihn nicht mehr länger berühren, als wäre bereits alles vorbei.

Michael schüttelte energisch den Kopf, er war nicht bereit aufzugeben. "Nein, sag das nicht, es ist nie zu spät. Sag mir, wo sie ist!"

"Sie? Sie ist weg. Tot", sagte Jason unbekümmert, drehte sich wieder um und ging weiter auf das Ende des Daches zu, auf dem sie beide standen.

"Das glaube ich dir nicht. Ich bin sicher, dass sie noch lebt. Sag mir, wo sie ist!"

Jason drehte sich erneut um, jetzt war ein Ausdruck des Zorns in sein Gesicht getreten. Dieser verschwand jedoch so schnell, wie er erschienen war. Übrig blieb der Hauch von Wut, welcher wieder seiner Gleichgültigkeit Platz machte. "Du magst recht haben, vielleicht lebt sie tatsächlich noch, aber das wird sie nicht mehr lange." Jason drehte sich trotz der abschließenden Worte nicht wieder um, nun ging er einfach rücklings weiter auf das Ende des Daches zu und ließ Michael dabei nicht aus den Augen.

"Wenn sie noch lebt, dann ist noch nichts verloren! Wir können das alles hier hinter uns lassen und von vorne anfangen! Bitte Jason, tu das nicht! Wir werden sie finden und dann..."

"Du begreifst es einfach nicht!" schrie Jason plötzlich. "Sie ist bald schon tot, so oder so, glaub mir. Du willst wissen, wo sie ist? Gut, ich verrate es dir: Ich habe sie in einen Wald gebracht, dorthin, wo sich nie eine menschliche Seele hinwagt. In diesem Wald habe ich ein Loch gegraben. Ein sehr, sehr tiefes Loch. Ich habe ihr einen Sarg gebaut, sie voller Verachtung hineingelegt und den Sarg in das Loch geschoben. Sie hat sich kaum gewehrt, hatte keine Kraft mehr. Als ich begann, das Loch zuzuschaufeln, Schippe für Schippe, Dreckhaufen für Dreckhaufen, hat sie geschrien. Sie hat sich die Seele aus dem Leib geschrien, gegen den Sargdeckel gehämmert und getreten, und niemand außer mir hat sie hören können. Irgendwann konnte sie nicht mehr schreien, sie hatte keine Kraft mehr, um gegen den Deckel zu schlagen, und hat stattdessen nur noch vor sich hin gewimmert und gebetet. Gott allein weiß, was sie damit bezwecken wollte. Nachdem meine Arbeit verrichtet war, habe ich den Wald wieder verlassen und sie, sie liegt immer noch dort unten. Vermutlich noch am Leben, in der Dunkelheit auf das Ende wartend. Voller Verzweiflung und Angst. Vielleicht hat sie ihre Kräfte wiedererlangt, hämmert wieder gegen den Sargdeckel und schlägt sich dabei die Hände blutig. Kratzt daran, während ihre Fingernägel langsam nachgeben und abreißen, ihr eigenes Blut ihr ins Gesicht tropft, während sie schreit und schreit und schreit, bis ihre Kehle wund ist und sie nicht mehr schreien kann. Es treibt sie in den Wahnsinn, der Stress lässt ihr Herz schneller schlagen, es rast förmlich. Sie atmet stoßweise und schnell, verbraucht dabei nur umso mehr Sauerstoff, sie weiß das und kann doch nichts dagegen unternehmen. Sie wird wütend, hasserfüllt, stellt sich vor wie sie durch den Deckel bricht und sich durch das Erdreich gräbt. Wie ihre blutige Hand aus der Erde hervorschnellt und sie frei ist. Will sich auf die Suche nach mir begeben und sich für das rächen, was ich ihr angetan habe... aber das ist nur eine Wunschvorstellung. Sie weiß, dass sie sterben wird. Die Luft wird knapp, das Atmen immer schwerer. Irgendwann resigniert sie wieder. Findet sich mit ihrem Schicksal ab und liegt auf das Ende wartend nur noch da. Erzähl mir nicht, dass wir sie noch retten können, ich habe sie bereits umgebracht."

Michael glaubte nicht, was er da hörte. Er wollte es nicht glauben. Er schüttelte den Kopf und sagte ein letztes Mal "Bitte Jason, tu das nicht!"

Doch Jason lächelte nur zur Antwort. Dieses Mal war es ein ehrliches und warmes Lächeln. "Bis dann, alter Freund", sagte er und mit ausgebreiteten Armen tat er den letzten Schritt.

Als er unten aufschlug, war auch sie endlich tot.

Schlussendlich stirbt sie eben doch immer zuletzt.

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Das Thema des lebendig begraben werden, wollte ich schon immer einmal bearbeiten. Eigentlich hatte ich es als Kapitel für mein viertes Buch geplant, aber nun ist es Teil dieser Kurzgeschichte geworden.

gez. Nathaniel Simon Laval

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