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Das kleine Mädchen lag schweigend auf dem Boden und starrte die Decke an. Die kalten, grauen Wände spiegelten ihr Leben perfekt wider. Sie bewegte sich kein Stück, wiegte sich lediglich vielleicht ein, zweimal auf der Stelle hin und her. Sie war ungefähr zweieinhalb Jahre alt. Aber das war auch nicht so wichtig und interessierte keinen - sie war lediglich diejenige, die am längsten durchgehalten hatte.

Die Amme, die das Kind versorgen sollte, öffnete die Tür und hielt einen Teller mit Brei in der Hand. Auch sie schwieg. Natürlich. So hatte er es gewollt, und so würde sie es tun. Das war die höchste Priorität für das Experiment. Die Amme kniete sich neben das kleine, gebrechliche Kind und tauchte den Löffel in die Schüssel. Das Mädchen gab einen verstörenden Laut von sich, der menschlicher Sprache in keiner Weise ähnelte.

"Hehf!" Ihre großen, tiefblauen Augen waren geweitet, sie wusste, was das Öffnen der Tür bedeutete. Die Amme unterdrückte gequält ein Lächeln und schob ihr ohne jede Mimik den Löffel in den Mund.

Der dünne, ausgehungerte Arm hob sich ein Stück, jedoch war sie zu schwach und er fiel wieder zu Boden. Reglos fütterte die Amme das Kind und spürte einen so starken Schmerz im Herzen, dass sie am liebsten geweint hätte. Das Schicksal der Kleinen tat ihr in der Seele weh.

Sie hatte keinen Namen bekommen, denn den brauchte sie auch nicht. Nie würde jemand nach ihr rufen. So hatte er es beantragt. Und sie stellte es nicht infrage.

Nachdem der Teller leergegessen war, stand sie auf. Das Mädchen starrte sie weiter an, und der Amme lief es eiskalt den Rücken runter. Die verkümmerten Beine des Mädchens regten sich leicht.

Sie war die Stärkste gewesen, alle ihre Mitstreiter waren bereits verstorben, doch ihr Herr wollte noch nicht aufgeben. Mit großem Interesse verfolgte er die Entwicklung der Kleinen, ließ sich nicht von der Verkrüppelung irritieren und fragte oft nach ihrem Zustand.

Die Amme nahm einen feuchten Lappen und wischte den Mund ab. Der Kieferknochen war stark zu spüren, auch dieses Mal hatte sie einen Großteil der Nahrung wieder ausgespuckt.

Es war etwa eine Woche später, als jene Amme erneut das Zimmer betrat. Das Mädchen lag dort, wie immer, und hatte die Augen geschlossen. Wieder kam ein unmenschlicher Laut aus ihrer Kehle, diesmal leiser und kratziger. Ihre zurückgebildeten Stimmbänder würden nie dazu fähig sein, ein Wort zu sprechen.

Kinder sind auf ihre Eltern komplett angewiesen, ohne sie lernen sie weder sprechen noch laufen noch sonst etwas, das sie menschlich macht. Eben jene Menschlichkeit fehlte diesem Kind ebenfalls. Ihr Blick war monoton, desinteressiert und kraftlos. Bleich war ihr Gesicht, sie hatte nie einen Sonnenstrahl gesehen, das Zimmer war fensterlos und kühl. Die Knochen ragten wie Pusteln aus ihrem Körper hervor, und die dünnen Ärmchen und Beinchen waren verkümmert und lagen nutzlos neben ihr.

Doch er war dennoch der Meinung, dass sie ihnen die Erleuchtung brachte. Was würde mit einem Kind geschehen, welches nie Liebe und Zuneigung erfahren hatte? Welche Sprache würde es sprechen? Der Herr der Amme hatte etliche Vermutungen aufgestellt und war versessen darauf zu wissen, ob sie wohl die Ursprache der Menschen, die Sprache von Adam und Eva, erlangen würde. Oder die Sprache jener Mutter, der sie entrissen worden war.

Ein Monat war vergangen, das Mädchen öffnete nur noch selten ihre Augenlider, um die grauen Wände um sie herum zu betrachten. Das Atmen war flach und unregelmäßig. Man munkelte, sie sei krank geworden. Immer noch beharrte man darauf, sie nicht zu umsorgen, sondern nur das Nötigste zu verrichten. Die Gewissensbisse verfolgten die Amme bis in die Träume.

Sie hielt ihr Baby in den Händen und lächelte. Es war so ein wunderschönes Gefühl, das eigen Fleisch und Blut in den Händen zu halten. Sie kannte ihr Kind erst seit wenigen Minuten, und dennoch liebte es sie so sehr, dass sie alles für es getan hätte. Die weiche Haut des Kindes gab unter ihren Fingern leicht nach, als sie ihrer kleinen Tochter über die Wange strich. Das Kind schrie und weinte und hatte die Augen fest geschlossen. Ein gesundes Baby.

Dann schlug es die Augen auf, tief blaue Augen starrten die Amme an, und es verstummte. Bewegte sich nicht mehr. Sie wuchs, ihre Gelenke ragten aus dem Körper und hingen schlaff über den Bettrand. Die Augen starr und ohne jede Emotion. Die Amme schrie und weinte. Was hatte man ihrem Baby bloß angetan?!

 

Erschöpft öffnete sie die Tür zu dem kalten Zimmer des Mädchens. Die letzten Nächte waren der Horror gewesen, und auch jetzt ließen die schrecklichen Bilder sie nicht los.

Das Mädchen lag mitten im Raum. Die Atmung war nicht mehr zu erkennen. Der Teller in der Hand der Amme fühlte sich an wie aus Eis, als sie sich niederhockte, um ihr zu essen zu geben. Die Augen des Kindes starrten zur Decke, das tiefe Blau milchig und ohne Wärme. Die langen Wimpern warfen Schatten auf das gräuliche Gesicht. Zitternd führte die Amme den Löffel zum Mund des kümmerlichen Kindes. Doch sie öffnete nicht den Mund, um zu essen.

Aus der geöffneten Tür flog eine kleine Fliege herein und landete auf der Wange des Kindes. Die Amme hielt in ihrer Bewegung inne und beobachtete, wie sie über die Haut krabbelte, sich an ihrem Auge niederließ und den Augapfel abtastete. Es kam keinerlei Reaktion von ihr.

Mit einer zuckenden Handbewegung verscheuchte die Amme die Fliege und lauschte auf das Summen, als sie davonflog. Ihre Finger verkrampften sich, krallten sich in das Holz, und ein Splitter bohrte sich tief unter den Nagel ihres Zeigefingers. Doch sie starrte nur weiter das Mädchen an, auf den stillen Brustkorb, und streckte vorsichtig die Hand aus.

Langsam bewegten sich die eingetrockneten Augen zum Gesicht der Amme und starrten ihr direkt ins Gesicht. Die Ränder leicht gelblich verfärbt. Die Amme öffnete den Mund, um zu schreien, doch das Mädchen kam ihr zuvor: Es schrie, ein schriller, ohrenbetäubender Ton, woraufhin die Amme das Schälchen fallen ließ, um sich die Ohren zuzuhalten. Der Ton brachte das Trommelfell so stark zum schwingen, dass es sich anfühlte, als würde man ihr mit Nadeln in die Ohren stechen. Sie konnte quasi fühlen, wie sich die spitze Nadel durch ihr empfindliches Trommelfell bohrte, es zerstörte. Der Schrei schwoll an, und die imaginäre Nadel stocherte im Ohr der Amme, bewegte sich langsam auf und ab, kostete ihre entsetzlichen Schmerzen aus. Die Schüssel mit dem Brei fiel zu Boden, und er spritzte in alle Richtungen. Verteilte sich auf dem kalten, grauen Stein der grässlichen Zelle. Dann verstummte das Kind und rührte sich nicht mehr.

Es kamen andere Kindermädchen und Bedienstete, um zu schauen, woher der Lärm gekommen war. Doch alles, was sie fanden, war das tote Kind und die Amme, welche mit blutenden Ohren zitternd vor- und zurück wiegend in einer Ecke hockte.

 

 

Freidrich II. von Hohenstaufen lebte vom 26.12.1194 bis zum 13.12.1250. Er soll einen Versuch durchgeführt haben, bei dem er die Ursprache der Menschen entdecken wollte, indem er neugeborene Kinder den Müttern entriss und in völliger Isolierung Ammen und Pflegerinnen übergab, die sich um sie kümmern sollten. Lediglich Arbeiten, die sie am Leben hielten, sollten durchgeführt werden. Weder mit ihnen reden noch zärtlich berühren oder jegliches andere Umsorgen durften sie sie.

Doch seine Bemühungen waren umsonst, da jedes Kind kläglich starb.

(Autor: [1])

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