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Ich arbeitete in einer Süßigkeitenfabrik. Wir stellen Torten, Schokoriegel und Karamellpudding her.

Davor hatte ich auch ganz gerne mal Süßigkeiten gegessen, doch wenn man sieht, wie diese in Massen produziert werden, vergeht einem der Appetit. Die einzelnen Zutaten wurden in riesigen, rostroten Tankwagen angeliefert. Wenn wir den Maissirup in Fässer füllten, drang der furchtbar süße Geruch vermischt mit dem Muff des Lagerraums in meine Nase. Der Geruch frass sich in meine Kleidung und Haare. Egal wie viel Deo ich benutzte oder wie oft ich meine Kleidung wusch, er lies sich nach ein paar Monaten Arbeit in der Fabrik nicht mehr vertreiben.

Wenn wir die Fässer gefüllt hatten, stellten wir den Großteil in die Lagerhalle, in der schwarze Staubflocken, wie Asche ,bei der jeder Bewegung durch die Luft wirbelten. Nach jedem Atemzug, stellte sich ein trockenes Kratzen im Hals ein, das sich, wie der Geruch auch, immer schwerer abschütteln lies. Danach hievten wir die übrigen Fässer auf Paletten und fuhren sie mit dem alten Gabelstapler in die Produktionshalle.

Am Montag war es in dieser immer eiskalt, an anderen Wochentagen  erdrückend warm, da die Maschinen Stunden brauchten um abzukühlen. Mit einem schlürfenden Geräusch fraß der Tank der Einspritzmaschiene was immer man in ihm einfüllte. Der Maissirup bildete schillerende Schlirren am Einfülltrichter, welche bis zum nächsten Tag verkrusteten und sich in den Edelstal sogen.

Bei uns wurde ein Leiharbeiter eingestellt. Sein Vorname war Alexander. Alexander war von außergewöhnlicher Statur.

Er war fast 2 Meter groß und dünn. Sehr dünn um genau zu sein. Ich schätzte ihn auf Ende 20. Unter seinem T-Shirt zeichneten sich die Rippen ab und die Haut auf seinem Kopf war bis zum Zerreißen über den Schädel gespannt. Seine langen und drahtigen Arme baumelten bis zu seinen Knien hinab und ich schwöre, dass sie einmal durch den Luftzug der Lagertür wie dünne Ästchen im Wind hin und her schwankten. Seine Augen waren eingefallen und unter ihnen zogen sich Augenringe tief in die Haut.

Ich beobachte ihn mehrmals dabei, wie er mit der Hand in ein Fass mit Maissirup fuhr und diesen gierig ableckte, mit seiner fast gräulichen Zunge.

Ich sprach ihn nicht darauf an.

Doch das Eigenartigste an ihm war der Geruch, der von ihm ausging. Ein süßlicher Hauch von Zucker und Verwesung, der sogar den Geruch in der Fabrik übertraf.

Alex redete kaum. Die einzige Gemeinsamkeit, die wir uns teilten, war unsere Arbeit und die Raucherpause.

Da standen wir beide vor der Tür und sogen schweigend den Rauch unserer Zigaretten ein.

In der Fabrik wurde gestohlen. Torten verschwanden aus dem Kühlhaus und es fehlte jede Woche ein 100 Liter Faß Maissirup. Doch der Dieb konnte nicht ermittelt werden.

Eines Tages vergaß ich mein Handy im Lager. Ich war schon auf dem Weg in mein deprimierendes Ein-Zimmer-Apartment.

Ich wendete mein Auto und fuhr zurück. Da ich Schichtleiter war, hatte ich einen Schlüssel für den Eingang. Doch schon von weitem sah ich, dass das Auto von Alex noch auf dem Parkplatz stand. Ein alter Kleintransporter. Ich stellte mein Auto in einiger Entfernung ab, stellte den Motor und die Lichter ab. Da sah ich Alex wie er ein 100 Liter Faß Maissirup bis zu dem Kleintransporter rollte und es mit fast unnatürlicher Kraft in den Laderaum wuchtete. Dann stieg er ein und fuhr vom Hof. Ich folgte ihm. Wofür brauchte jemand 100 Liter Maissirup in der Woche?

Ich fuhr ihm hinterher, bis er aus dem Industriegebiet auf eine unbeleuchtete Landstraße abbog. Ich zögerte, er würde mich bestimmt bemerken, da keinerlei andere Autos außer uns auf der Straße waren. Ich lies ihm einen gebührenden Vorsprung und fuhr ihm dann nach.

Nach über einer Stunde Fahrt hielt er an. Zu unserer Linken lag ein altes und schäbig wirkendes Haus. Der Rasen war verdorrt und die Scheiben von einer dicken Schicht von der Sorte Staub aus unserem Lagerraum überzogen. Er stieg aus, rollte das Faß in die Garage und zog das Garagentor zu.

Ich zögerte. Sollte ich ihm wirklich folgen?

Letztendlich siegte meine Neugier. Ich stieg aus und schlich über den toten Rasen, der meine Schritte schluckte, zur Haustür. Es brannte kein Licht. Ich sah durch eines der Fenster und konnte nun mit meinem Blick die Staubschicht durchdringen. Ich erblickte unzählige Verpackungen. Tortenkartons stapelten sich meterhoch bis an die Decke. Ein Meer von Silberpapier  überzog den Boden und reflektierte jeden kleinen Funken Licht, der von außen eindrang ins Unendliche. Ich erkannte die Papierform, sie gehörten zu Schokoriegeln aus unserer Fabrik.

Ich drückte vorsichtig gegen die Eingangstür und sie schwang auf.

Ein unglaublicher Gestank schlug mir entgegen. Eine Mischung aus Schokolade, Vanille, Sahne und verfaultem Fleisch. Ich musste ein Husten unterdrücken.

Ich schlich leise weiter. Je weiter ich ins Haus ging desto intensiver wurde der Gestank nach schlechtem Fleisch. Da entdecke ich eine schillernde Spur aus Zucker. Diese zog sich die Treppe hoch. Ich folgte der Spur, mit jedem Schritt musste ich einen immer stärker werdenden Würgereiz verdrängen.

Zu der Spur aus Zucker gesellten sich dunkle Flecken mit eingetrockneten Marshmallows. Die Spur, welche immer breiter und dunkler wurde, führte auf den Dachboden. Die Tür war übersät von schwarzen Spritzern, welche sich klebrig bis auf den Boden und die Wände zogen. Hier war der Gestank fast nicht mehr zu ertragen. Mit pochendem Herzen und schweißnassen Händen öffnete ich die Tür. Nun war ich in einer Hölle aus Gestank. Durch das Dachfenster fiel fahles Licht und zeichnete die Schatten eines Bettes neben dem ein Tisch stand, darauf mehrere riesige Sahnetorten mit Zuckerüberguss.

Auf dem Bett lag ein Haufen, der vor Schmutz und Schmiere nur so troff. Ich ging langsam auf diesen zu. Der Gestank von totem Fleisch, der von ihm ausging, war unbeschreiblich.

Ich konnte nicht erkennen, um was es sich handelte und beugte mich zitternd über das Bett. Plötzlich fuhr ein deformierter Arm aus dem Haufen und umschlang mich.

Der Arm zog mich an den Haufen. Ich blickte in ein aufgedunsenes Gesicht. Der Haufen fing an zu schreien und ich blickte in ein Maul mit schwarzen Zahnstumpen.

Klebrige und lange Haare fielen mir ins Gesicht als sich der Haufen auf mich wälzte. Ich konnte spüren, wie die Rippen in meinem Brustkorb nachgaben. Dann wurde alles schwarz...

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