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Vor ungefähr sechs Jahren lebte ich in einem kleinen Dorf in der Nähe von Hamburg. Ich übte den Beruf des Priesters aus und hielt jeden Sonntag die Predigt in der örtlichen Kirche. Zu meinem Pech war ich nie wirklich vermögend gewesen und mein Beruf als Priester brachte nur wenig Geld in meine Taschen. Schließlich führte meine finanzielle Lage dazu, dass ich gezwungen war mich nach einer preiswerteren Wohnung umzusehen. In meinem Viertel jedoch waren bereits alle Häuser belegt und auch in der näheren Umgebung gab es keine Bleibe in der ich mich niederlassen konnte.

Als ich schließlich einigen Mitbürgern mitteilte, dass ich mich vermutlich nach einer anderen Ortschaft umsehen müsse, um dort leben zu können, boten sie mir an, dass ich doch für eine Weile in der Kirche Unterschlupf bekäme. Diese Vorstellung schien mir zunächst etwas absurd, doch als ich über den Vorschlag genauer nachdachte, erschien es mir letztendlich eine gute Idee zu sein. Immerhin wäre ich somit rund um die Uhr im Hause Gottes und wo könnte wohl ein besserer Aufenthaltsort für einen Priester sein als dort.

Ich willigte schließlich ein und bereitete mein Schlafgemach zu. Ich erhielt von einer freundlichen Dame namens Darla eine Matraze zum schlafen und die gute Frau Meier, eine etwas ältere, aber überaus treue Kirchengängerin, schenkte mir eine Decke. Den Schlafplatz richtete ich mir in einem kleinen Raum direkt neben dem Altar ein. Es war ein schlichter Altar. Zwei große Kerzen standen links und rechts neben ihm; beide waren schon fast heruntergebrannt. Ein Blumenkranz lag neben der geöffneten Bibel, welche vor dem großen Kruzifix ihren Platz fand.

Ja, das Kruzifix war wahrhaftig der prachtvollste Anblick in unserer Kirche. Es war ganze zwei Meter groß und von einem güldenen Schimmer umhüllt. Ein ungefähr zweienhalb Meter großes Abbild unseres Erlösers Jesus Christus hing direkt unter der INRI - Einschrift, so wie es bei jedem Kruzifix der Fall war. Im Grunde war das Kruzifix zwar sehr prächtig, aber was es so besonders machte, war das Abbild vom Sohn Gottes. Es sah anders aus als in anderen Kirchen. Sein Blick war viel wehleidiger als ich es jemals zuvor gesehen hatte und die kalten Augen, schienen einen förmlich zu durchbohren, so als würde er denjenigen, der vor den Altar trat, direkt in die Augen blicken.

Ich schämte mich damals dafür, doch ich wandte meinen Blick jedesmal schnell wieder von dem Kreuze ab, wenn ich es betrachtete, da es mir Unbehagen bereitete es für einen längeren Zeitraum anzusehen. So als würde sein Blick mich für all die Sünden strafen, die er in mir erblickte. Viele würden nun sagen, dass ich mich als Priester einfach unwürdig fühlte, dem Sohn unseres Herren gegenüberzutreten, doch es war nicht das Gefühl unwürdig zu sein - sondern Angst.

In der ersten Nacht schlief ich ungewöhnlich unruhig, wobei ich sonst einen recht sanften und tiefen Schlaf habe. Mitten in der Nacht jedoch, erwachte ich durch einen lauten Knall! Ich riss die Augen auf und fuhr in meinem Bett hoch. Ich konnte keinen einzigen Ton mehr vernehmen. Zuerst dachte ich, dass ich durch das Läuten der Kirchenglocke erwacht war, doch als ich auf meine Taschenuhr blickte, sah ich, dass es gerade einmal acht Minuten nach eins war. Es musste also etwas anders gewesen sein.

In diesem Augenblick vernahm ich ein merkwürdiges Scharren. Ich erinnerte mich, dass ich ein ähnliches Scharren schon einmal vernommen hatte. Es war damals als ich noch in meinem alten Haus wohnte und der Nachtbarsjunge an meine Tür klopfte, um nach Milch zu fragen, da seine Mutter versäumt hatte welche zu kaufen. Er war jedoch nciht alleine gewesen, sondern hatte seinen Hund dabei, welcher ungeduldig an meiner Tür kratzte. Es war ein ganz ähnliches Scharren gewesen, so wie ich es jetzt vernahm, doch die Umstände waren dieses mal um einiges rätselhafter. War es möglich, dass ein streunender Hund in die Kirche eingedrungen war und mich aus meinem Schlaf geweckt hatte?

Das Scharren wurde deutlicher. Ich blickte mich erneut um und schließlich fiel mein Blick auf den Altar. Ich konnte ich gerade noch erblicken, da mein Schlafplatz durch die Wände ein wenig von ihm abgeschirmt wurde. Erst jetzt bemerkte ich, dass die beiden Kerzen nun nichtmal mehr vorhanden waren. Sie waren vollständig runtergebrannt, doch ich wusste mit Gewissheit, dass ich sie nicht entzündet hatte. Ich bekam es allmählich mit der Angst zu tun und begann zu zittern. Was ich jedoch dann erblickte verschlug mir den Atem und drohte mir die Kehle zuzuschnüren. Jenes Kruzifix, welches immer mitten auf dem Altar plaziert war, war heruntergefallen. Dies muss den dumpfen Knall ausgelöst haben, welcher mich aus meinem Schlaf riss.

Aber was mir das Blut in den Adern gefrieren ließ, war nicht die Tatsache, dass das Kruzifix vom Altar gestürzt war, sondern meine Erkenntnis, dass die güldene Jesus - Statue sich von ihm gelöst hatte und nicht mehr zu sehen war. Was nun geschah, war etwas, dass ich mir nicht in meinen kühnsten Alpträumen hätte vorstellen können. Wie ein kleines Kind verkroch ich mich unter der Decke und versuchte verzeifelt wieder einzuschlafen, doch es gelang mir nicht. Da bemerkte ich etwas... das Scharren hatte aufgehört. Ich fühlte wie ein kalter Hauch an meinem rechten Oberschnekel entlang glitt. Mit der Annahme, dass ich mich nicht richtig zugedeckt hatte, glitt meine Hand in Richtung meines Beines, um die Decke über meinem ganzen Körper auszubreiten.

Doch das war sie bereits. Mein Körper gefror augenblicklich und ich konnte mich nicht rühren. Meine Hand fühlte nun auch den kalten Hauch - doch es war kein Luftzug der durch das Gemäuer pfiff. Es war ein eisiger Atem, der meinen Körper streifte! Für eine Sekunde lang lag ich still da und konnte mich nicht bewegen, dann sprang ich auf und riss mit einem Ruck die Decke weg. Mit purem Entsetzen starrte ich auf die abgemagerte und güldene Jesus - Statue, welche mich abermals mit ihren starren Augen anblickte. Ein eisiger Wind fegte plötzlich durch das Gebäude und eine unheimliche Stimme schien immer wieder zu flüstern Deus est mortuus. Ich konnte es mir nicht erklären, doch es wirkte beinahe so, als würde die Statue zu mir sprechen. Wie ein sterbender Mensch lag sie da und starrte mich mit ihren kalten Augen an. In mir stieg die pure Angst empor und ich rannte so schnell ich konnte aus der Kirche hinaus.

Gleich am Morgen legte ich das Priesteramt nieder und verließ das Dorf für immer. Ich habe mich seitdem nie wieder einem Gotteshaus genährt. Es ist nun sechs Jahre her und sehe nachts noch immer diese kalten Augen, wie sie mich anstarren und immer noch fühle ich diesen kalten Hauch in meinem Nacken. Und jedesmal wenn ich die Augen schließe höre ich die Stimme flüstern: Deus est mortuus. Ich dachte, dass man im Hause Gottes nur zwei Personen begegnen würde; unserem Gott und seinem Sohne Jesus Christus, doch in jener Nacht vor sechs Jahren war noch etwas anderes anwesend und ich weiß bis heute nicht, was dieses etwas war. Alles was ich weiß ist, dass es etwas böses war; etwas unsagbar böses.

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