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„Sehr geehrte Fahrgäste, in Kürze erreichen wir 'München Hauptbahnhof'. Dieser Zug endet dort. Wir bedanken uns für Ihre Fahrt mit der Deutschen Bahn und wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“

Während die Durchsage noch einmal in englischer Sprache wiederholt wird, angle ich meinen Rucksack von der Gepäckablage über mir und begebe mich zu einer der Türen. Es ist Anfang Mai und das Wetter hat endlich begonnen, sich in Richtung Frühling zu neigen. Dank der lang herbeigesehnten Wärme beginnt mein T-Shirt unter dem Rucksack bald zu kleben, meine Kehle ist ausgedörrt. Die gute Laune kann mir das aber nicht vergällen, denn ich freue mich schon lange auf diesen Ausflug. Ich bin noch nie in München gewesen, nicht einmal irgendwo sonst in Bayern.

Mit quietschenden Bremsen fährt der Zug in die große Halle ein, die Türen öffnen sich. Ich freue mich, die stickige und sauerstoffarme Atmosphäre endlich gegen muffige Bahnhofsluft eintauschen zu können und steige voller Elan aus. Etwas zu ungestüm vielleicht, denn prompt verursache ich einen Frontalzusammenstoß mit einem älteren Herrn im Anzug.

„Entschuldigung! Ich wollte nicht ...“, setze ich an. Der Mann aber geht einfach weiter, als hätte er nichts bemerkt, sieht mich nicht einmal an. Leicht verdattert schaue ich ihm nach, immerhin hat der Aufprall ihn gut einen Meter zurückgeworfen. Dann zucke ich mit den Schultern. Er muss es wohl sehr eilig haben.

Die große Uhr sagt mir, dass es kurz vor Zehn ist und ich noch etwa 15 Minuten Zeit habe, meinen nächsten Anschluss zu erreichen. Das sollte genügen, um mir ein Getränk und vielleicht einen kleinen Imbiss zu holen. Am Ende der Halle sehe ich einen größeren Kiosk. Ich eile dorthin, wobei ich immer wieder anderen Leuten ausweichen muss. Keiner scheint darauf zu achten wo er hinläuft und mehr als einmal werde ich fast umgerannt.

Ich greife mir eine große Flasche Wasser aus der Kühltheke und reihe mich in die Schlange vor der Kasse ein. Als ich nach kurzer Zeit an der Reihe bin, lege ich ein Zweieurostück auf die Theke und grüße freundlich die junge Kassiererin. Diese würdigt mich nicht eines Blickes und starrt unbeteiligt in die Bahnhofshalle, als würde nicht gerade ein Kunde vor ihr stehen. Die Schlange hinter mir wird länger und meine Zeit knapper. Mit einem lauten „Hallo?“ versuche ich ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen und scheitere kläglich. Entnervt wende ich mich ab und mache mich direkt auf den Weg zur U-Bahn. Dann eben kein Wechselgeld, es wäre ohnehin nicht viel.

Auf der Digitalanzeige über der Rolltreppe sehe ich, dass ich noch zwei Minuten habe. Die in meinen Breiten bekannte Regel „Rechts stehen, Links gehen'“ scheint den Menschen hier aber nicht geläufig zu sein. Eine schwatzende Gruppe Jugendlicher blockiert die Treppe und man kann unmöglich vorbei. „Entschuldigung, ich hätte es eilig. Lassen Sie mich bitte durch.“, spreche ich sie an. Das Gespräch, das sich um die Eskapaden des letzten Wochenendes dreht, scheint wichtiger zu sein als Rücksicht oder Höflichkeit, denn wieder einmal werde ich nicht beachtet. Dank eines rekordverdächtigen Sprints schaffe ich es gerade noch so. Es piept mehrmals monoton, dann fallen die Türen krachend hinter mir zu und die U-Bahn fährt ab.

Schwer atmend lasse ich mich auf einen freien Sitz fallen, ich muss nun eine ganze Weile fahren. Jetzt wo ich mich nicht mehr beeilen muss und ein wenig Ruhe habe, finde ich Zeit, über meinen bisherigen Aufenthalt hier nachzudenken. Seit ich in München bin hat mich niemand auch nur direkt angesehen, geschweige denn in irgendeiner Art und Weise mit mir kommuniziert. Ich weiß nicht, ob das die bayrische Mentalität darstellen soll, der man ja eine gewisse Schroffheit nachsagt. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass auf einem Bahnhof nun einmal die meisten Leute in Eile sind und man sich in größeren Städten ohnehin weniger um seine Mitmenschen schert. Dass aber jemand auf direktes Ansprechen so überhaupt nicht reagiert, das ist mir noch nie untergekommen.

Mittlerweile fühle ich mich sehr einsam, auch wenn ich sonst eher ein Eigenbrötler bin. Darum reise ich ja auch allein. Ich ziehe mein Smartphone aus der Tasche und schreibe ein paar Kurznachrichten an die Freunde daheim. Üblicherweise antworten sie recht schnell und einige sind auch online, was ja über einen gewissen Kurznachrichtendienst ersichtlich ist. Nach einiger Zeit gebe ich auf und stecke das Handy frustriert wieder ein. Die Nachrichten werden nicht gelesen. Das Bedürfnis nach irgendeiner Form der zwischenmenschlichen Kontaktaufnahme wird immer stärker, sodass ich mir meine Mitfahrer genauer ansehe. Direkt gegenüber sitzt eine freundlich aussehende Seniorin und ich brauche wirklich dringend ein Gespräch. „Hallo, sind Sie von hier?“, frage ich sie. Keine Reaktion. Langsam wird mir die Sache unheimlich. Behutsam tippe ich ihr Bein an und rede weiter: „Ich will mich nicht aufdrängen, ich habe nur eine Frage.“ Mein Tonfall ist jetzt fast schon flehend, ich merke, dass ich zunehmend verzweifle. Das kann doch einfach nicht wahr sein!

Wie kann es sein, dass da so viele Menschen um mich herum sind und ich mich so unfassbar allein fühle? Sie reden miteinander, vorhin habe ich gesehen, wie jemand nach dem Weg gefragt und auch eine nette Antwort bekommen hat. Warum behandeln mich alle wie Luft? Ich bin doch hier!

Gehetzt blicke ich nach links. Im U-Bahnfenster sehe ich mein Spiegelbild und erschrecke, wie fertig ich aussehe. Wo eigentlich ein selbstbewusster, junger Mann sitzen sollte, kauert ein Häuflein Elend, das mit einem harten Klos im Hals zu kämpfen hat. Meine Augen werden feucht, ich versuche mich zusammenzureißen, tief durchzuatmen. Ich schaffe es nicht und sehr zu meiner Scham bricht ein erstickter Schluchzer aus meiner Kehle. Niemals hätte ich gedacht, dass ich je in der Öffentlichkeit weinen würde, ich habe seit meiner Kindheit nicht geweint. Immer schon war ich einer dieser unsensiblen Klotze, welche die Zurschaustellung von zu viel Gefühl verachten. Jetzt wünsche ich mir, dass mich wenigstens jemand verächtlich mustert. Nichts.

Manche träumen ja davon, wie es wäre unsichtbar zu sein. Schön und gut wenn man sich jederzeit wieder sichtbar machen kann. Und selbst wenn nicht: man könnte immer noch mit anderen Leuten reden. Aber das hier? Es ist, als würde ich einfach nicht existieren. Im gleichen Maß, indem meine Verzweiflung wächst, sinkt meine Hemmschwelle. „Hey!“, schreie ich die Seniorin an, lehne mich vor und schnipse ihr gegen den Kopf. Jetzt muss sie reagieren! Oder auch nicht. Mit einem wütenden Aufschrei springe ich auf. Es reicht! Wie ich innerhalb von weniger als einer Stunde in einen solch hysterischen Zustand abdriften konnte, wundert mich selbst. Ich muss wirken wie ein Irrer. Andererseits: ich bin ja ohnehin nur Luft.

„Schon klar, ihr Bastarde!“, brülle ich durch die U-Bahn. „Tut einfach so als wär' ich nicht da! Was soll das denn für ein krankes Spiel sein? Ich bin doch HIER!“ Beim letzten Wort hüpfe ich trampelnd auf und ab, verliere kurz das Gleichgewicht als die Bahn in eine Kurve fährt. Normalerweise müsste doch irgendjemand die Polizei rufen oder sich wenigstens wundern, wenn sich ein erwachsener Mensch in der Öffentlichkeit so benimmt. Vielleicht ist das ein Traum? Ich klammere mich an diesen letzten Strohhalm und grinse. „Ein Traum, natürlich!“, juble ich. Wie soll das auch sonst möglich sein. Mit der guten Laune eines Menschen, der sich krankhaft von etwas Schrecklichem ablenken will schlendere ich zu den Türen, wo diverse Flyer in einem Plastikbehältnis aushängen. Ich balle die Faust und lasse sie hineinkrachen. Das Plastik splittert, reißt meine Haut auf. Es tut unglaublich weh und ich heule auf: „Nein, nein, nein, das passiert wirklich! Warum hilft mir den keiner?“

Wie im Fieber laufe ich von Fahrgast zu Fahrgast, rüttle, schubse und schreie. Eine Frau mit Kinderwagen hat einen halb gefüllten To-Go Becher in der Hand. In meiner panischen Raserei schnappe ich ihn mir und pfeffere ihn mit aller Kraft durch den Gang. Heiße Flüssigkeit spritzt auf Smartphones, Bücher und die Menschen, die diesen Dingen ihre Aufmerksamkeit schenken und nicht mir. Auch jetzt noch. Taumelnd wanke ich auf einen Teenager zu, den das heiße Zeug mitten im Gesicht erwischt hat, packe grob sein Haar und ziehe den Kopf näher zu mir, damit ich durch meinen Tunnelblick seine Haut besser sehen kann. Sie ist stark gerötet und das sollte eigentlich mit starken Schmerzen verbunden sein. Ich lasse von ihm ab und er steckt sich den Kopfhörer wieder in das Ohr, der durch mein Zupacken herausgefallen ist.

Das war's, ich kann nicht mehr. Mit einem letzten Rest Energie schleppe ich mich zu einem freien Sitz, lasse mich darauf fallen und begrabe das tränennasse Gesicht in den Händen.



Einen Tag darauf bereitet eine Münchnerin gerade das Abendessen zu. Das Radio übertönt das Klappern und Hacken, der Sprecher berichtet:

„München: Ein Mann Mitte 20 hat am Vormittag des vergangenen Tages in der U-Bahn randaliert.

Der Tourist war einigen Zeugen bereits am Hauptbahnhof durch rücksichtsloses Verhalten aufgefallen. Immer wieder mussten Passanten ausweichen, um Zusammenstöße zu vermeiden. Auf Zurufe reagierte er nicht und stieg in die U5. Er machte einen emotional aufgewühlten sowie geistig verwirrten Eindruck. Schließlich wurde er gegenüber anderen Fahrgästen handgreiflich, zerstörte mutwillig Eigentum der Münchner Verkehrsgesellschaft und verspritzte heißen Kaffee im Wagon. Beruhigungsversuche der anderen Fahrgäste scheiterten, eine Kommunikation mit dem Mann war nicht möglich. Er beruhigte sich von alleine und wiederholte nach Zeugenaussagen immer wieder die Worte 'Ich bin doch hier'. Die Bahnsicherheit griff ihn an der Haltestelle 'Lehel' auf und übergab ihn der Polizei. Er leistete keinen Widerstand und schien die Beamten nicht wahrzunehmen. Zwei der anderen Fahrgäste erlitten leichte Verbrühungen, der Mann befindet sich nun in Betreuung. Sein Zustand ist unverändert.“

Die Frau legt das Kräutermesser beiseite und geht zu ihrer Tochter in das Wohnzimmer. Diese sitzt mit einem Buch von Stephen King auf der Couch. „Hey, hast du gestern was von der Randale in der U-Bahn mitbekommen? Die U5 ist doch deine Linie, oder?“ Sie bekommt keine Antwort, die 16-Jährige scheint vollkommen in ihr Buch vertieft zu sein. Lächelnd schüttelt sie den Kopf und kehrt in die Küche zurück, schnippelt frische Petersilie. „So eine Träumerin. Wenn die liest könnte auch das Haus zusammenfallen und sie würde es erst merken, wenn das Buch zu Ende ist“, murmelt sie liebevoll vor sich hin.

von Astariel 12. Mai 2016

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