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Es war noch dunkel gewesen, als sie das Haus verlassen hatte und es ist schon wieder dunkel, als sie es nach einem viel zu langen Arbeitstag wieder betritt. Sie schließt die Haustür auf, zwar träge und geschwächt von ihrem Tag, aber innerlich voll freudiger Erwartung und Sehnsucht nach Ruhe. Sofort strömt ihr die wohlig warme Luft entgegen, sie lässt sich von ihr umarmen und würde sich am liebsten fallen lassen, doch da muss sie sich noch einige Sekunden gedulden. Mit einem kleinen, verträumten Lächeln auf den Lippen betritt sie ihre eigenen vier Wände, schließt die Tür hinter sich ab und lässt sich erschöpft an ihr entlang zu Boden gleiten. Endlich.

Nun sitzt sie da. Sitzt einfach nur, umgeben von undurchdringlicher Finsternis. Lauscht ihrem eigenem Atem, dem einzigen Geräusch, dass diese malerische Idylle zu durchbrechen vermag und lässt ihre Gedanken gleiten. Entflieht innerlich ihrem eigenen, tristen Leben voller Überarbeitung und erdrückender Monotonie. Verschafft sich eine glückliche Welt, weit weg vom Dasein einer alleinstehenden Frau, der alles, was ihr einst etwas bedeutete, genommen wurde. Einige Zeit lang hatte die Trauer sie beinahe erdrückt, doch mit der Zeit war sie verflogen und an ihre Stelle war eine dumpfe Erdrücktheit getreten. Der Druck eines schlechten Gewissens. Des Gewissens, dass sie haben musste, da es ihre Schuld gewesen war. Man hatte ihr immer gesagt, dass sie es nicht tun dürfte. Dass es falsch wäre. Aber sie hatte nicht hören wollen.

Ihre Geschwister hatten sie  versucht davon abzuhalten, ihre engsten Freunde hatten sie darum angebettelt, ihre Eltern auf Knien gefleht, doch sie hatte nicht hören wollen. Nein, Maya hatte sich für intelligenter gehalten, für cleverer, im Endeffekt einfach für besser. Da hatte sie eine Strafe wohl verdient. Also hatte sie ihn geheiratet, Patrick, den Mann, der im gesamten Bezirk wegen seiner Machenschaften verschrien war. Er war zu allen immer freundlich und zuvorkommend gewesen, hatte niemanden je offen verärgert, doch es war diese Art, mit der er seine Herzlichkeit immer gezeigt hatte, dieses Aufgesetzte, dass allen Leuten um ihn herum einen gehörigen Schauer über den Rücken jagte.  Wann immer er sprach hatte es etwas unwirkliches, irgendeine Eigenschaft die es vermochte, einen Menschen völlig aus der Bahn zu reißen und ihn an seiner Realität zweifeln zu lassen. Es war ja nicht so, dass sie es nicht auch bemerkt hätte. Sie hatte es einfach ignoriert.

Der Ehrgeiz, dieses vergiftete kleine Biest, war stärker gewesen als ihre Vorsicht. Sie hatte ihn durchaus attraktiv gefunden, er hatte etwas charmantes an sich gehabt, eine Ader, die sonst wohl niemand an ihm gesehen hatte. Doch sie hatte es zum Dahinschmelzen gebracht. Er war ja auch alles in allem kein schlechter Mann, gutaussehend, zuvorkommend, höflich und ein wenig geheimnisvoll. Das hatte für sie gereicht, um ihn interessant zu finden, und in dem Moment hatte sie es allen beweisen wollen. Dass er kein schlechter Mensch war, dass er sich zum Guten ändern konnte und, noch viel wichtiger, dass sie diese Änderung vollbringen könnte.  Denn das hätte ihr die Aufmerksamkeit und das Ansehen gebracht, dass sie schon immer wollte.

Doch kurz nach ihrer Hochzeit hatte sie bemerken müssen, dass sie sich wohl verkalkuliert hatte. Als seine Frau war ihr Ansehen im freien Fall nach unten gegangen, niemand hatte noch etwas mit ihr zu tun haben wollen, selbst ihre beste Freundin und ihre Eltern hatten sie kaum noch besucht. Zu groß war das Unbehagen diesem Mann gegenüber. Auch hatte sie erkennen müssen, dass sie ihn nicht ändern konnte und er tatsächlich so seltsam war, wie alle immer angenommen hatte. Die Gerüchte stimmten.

Es wurde damals gemunkelt, er besäße eine große Sammlung antiker und mysteriöser Bücher, die aber niemand in der Gegend je zu Gesicht bekommen hatte, und tatsächlich, kurz nachdem er ihnen ein Haus gebaut hatte richtete er sich eine private Bibliothek im entlegensten Winkel des Anwesens ein, zu der Maya keinen Zutritt hatte. Man hatte auch behauptet, er würde in manchen Nächten hinaus in die Wüste gehen und unter den Sternen umherirren, auf der Suche nach irgendwelchen fremdartigen Dingen. Und manchmal, wenn er dachte sie würde schon schlafen, stahl sich Patrick tatsächlich hinaus und kam erst in den frühen Morgenstunden zurück, nur um dann bis Tagesanbruch in seiner unheiligen Bücherkammer zu bleiben und sich später klammheimlich wieder ins Bett zu schleichen. Währenddessen steigerte sie sich immer weiter in ihre Idee, ihn doch noch ändern zu können. Denn dann könnte sie ihr altes Leben zurückgewinnen und es vielleicht sogar noch verbessern. Und so wurde sie zu einer Frau, die alles tat, was er ihr befahl, nur um ihn glücklich zu machen und in ihm vielleicht die alles ändernde Liebe zu entzünden, von der sie sicher war, dass er sie ihr immer nur vorgespielt hatte. Und als das alles nichts half, entschloss sie sich in purer Verzweiflung, ihm den größten Wunsch zu erfüllen den er hatte, auch wenn der bloße Gedanke daran sie mit Schrecken erfüllte. Sie gebar ihm ein Kind.

Der kleine Wayne war wider Erwarten ein ganz wunderbares Geschöpf. Aufgeweckt, lebensfroh und voller sprudelnder Energie war er ein Abbild der Person, die seine Mutter einst gewesen war und das völlige Gegenteil seines Vaters. Für einen kurzen Augenblick erlaubte sie sich, Hoffnung zu haben und tatsächlich, ihr Mann änderte sich, er wurde immer wärmer und sein Verhalten bekam endlich die natürlichen Züge, nach denen sie sich so lange gesehnt hatte. Sie beide wurden schon bald angesehene Persönlichkeiten in der Gegend, hervorgerufen durch den plötzlichen Wandel ihres Ehegattens und der positiven Ausstrahlung ihres Sohnes. Patrick hörte auf sich nachts aus dem Haus zu entfernen und auch seine Bibliothek, von der eine so eigenartige finstere Energie zu kommen schien, mied er fast völlig. Ja, für eine kurze Zeit war sie tatsächlich glücklich. Dann kam die Katastrophe.

Eines Morgens, am Tag vor dem sechsten Geburtstag des kleinen Waynes, war dieser plötzlich verschwunden. Einfach weg. Seine Sachen hatte niemand angerührt, nichts war verändert worden und es war mehr ,als wäre er nur für eine Minute ein Glas Wasser holen gegangen oder ähnliches. Doch er war verschwunden. Die Polizei stellte eine Suchstaffel zusammen und suchte die gesamte Umgebung nach ihm ab, ein paar verschlagene Beamte wagten sich sogar hinaus in die Wüste und suchten dort nach dem kleinen Jungen, doch sie fanden nichts. Er war einfach weg. Natürlich war Maya am Boden zerstört, ihr über alles geliebtes Kind war ihr genommen worden, doch sie genoss auch die Aufmerksamkeit, die ihr und ihrem Mann jetzt erst recht zu Gute kam. Es hatte sie zwar das Leben ihres kleinen Jungen gekostet, doch sie labte sich an dem Mitleid und der Trauer, die sie nun in den Fokus des dörflichen Lebens rückten. So sehr ergötzte sie sich an dieser hässlichen Freude, dass ihr die Veränderung gar nicht auffiel, die ihr Mann durchlebte. Er verwandelte sich zurück in den alten, unheimlichen Eremiten, wanderte nun öfter völlig ziellos durch die Weiten der Wüste und verkroch sich immer mehr in seinem Bücherzimmer, in dessen Nähe sich Maya nicht einmal kommen durfte. Doch das war ihr ganz recht, denn zu der ohnehin schon unheimlichen Ausstrahlung des Zimmers war nun noch ein bestialischer Gestank gekommen, der ihrer Auffassung nach Zweifelsohne von den chemischen Experimenten kam, die Patrick dort hinter verschlossener Tür durchführte.

Nach und nach ebbte das Beileid ihrer Mitmenschen ab und erst jetzt erkannte sie, dass sie und ihr im Dorf wieder verteufelter Mann isolierter waren als je zuvor. Außerdem bekam sie Patrick kaum noch zu Gesicht und wenn doch, dann war er völlig verdreckt und stank, als hätte er sich mit den Schweinen im Dreck gesuhlt. Es war eine schreckliche Zeit, als sie dann auch noch...

Ein plötzliches Geräusch reißt Maya aus ihren Erinnerungen und ihrem Selbstmitleid. Noch immer sitzt sie hier in der vollkommenen Dunkelheit und sie gerät einen kurzen Moment in Panik, bevor sie bemerkt, dass nur jemand die Tür aufschließt, an deren hölzerne Oberfläche sie sich grade noch lehnt. Anscheinend ist ihr Mann wieder zurück. Mit einem Ruck wird die Tür hinter ihr aufgeschlagen, für einen Moment sackt sie ihrer Stütze beraubt nach hinten, dann fängt sie sich wieder. Durch die geöffnete Tür fällt kaum Licht hinein, doch sie braucht auch gar nichts zu sehen, sie hört ja den keuchenden Atem ihres Gatten. Er scheint zu bemerken, dass sie direkt vor ihm sitzt, denn er zieht seine Schlüssel wieder aus dem Schloss und hockt sich hinter sie, sodass sein warmer und feuchter Atem in ihrem Nacken prickelt. Für einen kurzen Moment sitzen sie nur so da, sie völlig still, er immer noch keuchend. Dann formen seine Lippen plötzlich Wörter, und mit einer kratzigen und rauen Stimme, so als o er sie ewig nicht mehr benutzt hätte, sagt er:

"Ich hab es dir doch gesagt. Ich bin wieder da."

Eie kalte Gewissheit erfasst sie und sie nickt bedächtig, bevor er sich vorlehnt und ihr seine Schlüssel in den Hals rammt. Wie mehrere kleine Dolche durchstechen sie ihre Kehle, bohren sich durch ihre Organe und lassen sie Blut gurgeln. Er steht auf und tritt einen Schritt zurück, während ihr fast schon lebloser Körper nach hinten sackt.

"Niemand stellt sich meinen Plänen in den Weg, dass hast du doch gewusst.

Genau wie du wusstest, dass ich zurück kommen würde."

Doch diese Worte hört sie nicht mehr, sie ist schon tot. Getötet mit den Schlüsseln ihres Mannes. Den Schlüsseln, den sie mit ihm begraben hatte, nachdem sie in seine Bibliothek gestürmt war und ihn dort, über der ausgeweideten Leiche ihres Kinds in einem Pentagramm hockend, zwischen all den schwarzmagischen Büchern gefunden und dann , gestärkt durch die Kraft einer sich rächenden Mutter, getötet hatte. Doch hatte sie erfahren müssen, dass der Tod ihren Mann, den Hexenmeister Patrick O'Neill, nicht hatte aufhalten können. Und noch während sich der Mond in ihren toten Augen spiegelte, ging er davon, hinaus in die Wüste, um dort etwas zu suchen, von dem niemand wusste was es war, abgesehen von ihm und seinen dunklen Verbündeten.

von Duschvorhang

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