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Ich sitze auf der Fensterbank, sehe dabei zu, wie die Sonne der Abenddämmerung entgegensinkt, und merke, wie es immer kälter wird. Langsam bewegt sie sich auf die Gebirgskette zu, die von den Bäumen im Vordergrund verdeckt werden, während der Himmel in ein atemberaubendes Apricot verwandelt wird. Einige Wolkenfetzen, die darüber hinwegschweben, verleihen diesem Moment einen wunderschönen Anblick. Ein kühler Luftzug, der zu mir herüberweht, gibt mir einen Vorgeschmack des nahenden Winters.

Diesen mochte ich schon immer viel lieber als den Sommer. Wenn die Blätter an den Bäumen sich bunt verfärben und danach zu Boden fallen, bis die Äste kahl gen Himmel ragen. Sich gemütlich in eine Decke kuscheln und eine heiße Schokolade trinken. In klirrender Kälte durch den Wald spazieren und das Geräusch des Schnees nach jedem Schritt unter mir.

All das mag ich.

Die Sonne hängt nur noch ein kleines Stück über dem höchsten Gipfel, als ich einen der Gitterstäbe, die fest im Fensterrahmen verankert sind, umklammere und die Kälte des Stahls auf meine Hand überspringt. Nach wenigen Sekunden spüre ich diesen kribbelnden Schmerz, der beruhigt. Scharf atme ich tief ein, als lähmende Taubheit meine Finger und den Rest einhüllen. Der innere Druck, der mich noch vor wenigen Minuten heimsuchte, versprüht berührende Erleichterung, hinterlässt aber geschwärzte Narben auf meiner Seele. Nichtsdestotrotz habe ich die Gewissheit, dass dieser Dämon in mir an einen zwielichtigen Ort verbannt wurde. Jene Stelle, die mit einem finsteren Pulsieren belegt ist und mich dazu zwingt, es zu tun.

Ich wende meinen Blick vom dunkler werdenden Himmel ab und betrachte meine Hand, die ich schon gar nicht mehr spüre. Das Metall gibt mir, was ich benötige.

Allerdings lasse ich nun von diesem ab und begebe mich zu meinem Bett, versuche den momentanen Zustand dort einzuhauchen. Auf der weichen Matratze liegend umschmeichelt mich ein lindernder Balsam. So liege ich einfach nur da und starre an die weiße Decke. Dieses Weiß vermischt sich mit diesem einhauchenden Erleichtern, und ich verschwimme im Nichts.

So möchte ich bis in alle Ewigkeit liegen, liegen mit geschlossenen Augen.

Ungestüm wird die Türe aufgerissen und reißt mich aus meinem Ruhepol. Natürlich ist es Anna, die in ihrem wirbelnden Wesen hineingestürmt kommt. Sie ist vor zwei Tagen meine Zimmernachbarin geworden, worauf ich gerne verzichtet hätte. Da sie mich mit ihrer hibbeligen Art zum Wahnsinn treibt. Bei ihr ist es wohl irgendetwas mit Hyperaktivität.

„Dich haben sie auch letzte Woche mit einem Stück Brot aus dem Wald gelockt”, flüstere ich laut und spüre wieder eine chaotische Unruhe in mir aufbrodeln.

„Hast du schon gehört?” ruft sie mit schriller Stimme, die in meinen Ohren schmerzt.

„Morgen fällt die Entspannungstherapie aus.” Ich versuche den lauten Schlag, den die Tür verursacht, als sie ins Schloss fällt, zu ignorieren. Ich ziehe mir die Bettdecke hinauf bis zu den Schultern und drehe mich auf die Seite. Ich vernehme, wie sie den Raum durchquert und sich auf ihrem Bett niederlässt.

Stille.

Aber sie bohrt sich weiter in meine wünschende Stille.

„Maria, hast du nicht gehört, wir haben morgen eine Stunde zum verschwenden.”

„Bitte halt doch einfach dein Maul”, grübele ich und möchte meinen Kopf gegen die Wand schlagen, da es wieder in mir schlängelt. „Hast du schon wieder die Gitterstäbe begrapscht?” stochert sie. Nun ist es vorbei mit dem Abdriften in meine Welt, in der ich ausgeglichen verweilen wollte. Überfordert und zwanghaft schleife ich meine Fingernägel über eine imaginäre Schultafel, die mir leider keinen Trost zu schenken vermag.

Sonst geht mir ihr Geschwafel und ihre spitzen Bemerkungen an meinem Arsch vorbei, doch heute Abend ertrage ich es einfach nicht.

„Hast du es schon mal mit scharfen Hustenbonbons versucht?” höre ich ihren gut gemeinten Rat, aber vernehme den sarkastischen Ton in ihrer Stimme, die immer noch nicht angenehmer klingt. Ich schweige, will mich nicht darauf einlassen. Ich will mich auf gar nichts einlassen.

„Oh, die feine Dame redet heute nicht mit mir, gute Nacht.”

Ich versuche jede Verbindung zu ihr zu kappen: „Lass mich einfach zufrieden”, murmele ich knapp.
„Wie du möchtest, du Trauerkloß”, bekomme ich als Antwort, und es ist endlich still im Zimmer.

Obschon es mit meinem inneren Frieden zu Ende ist, da sich eine zwielichtige Gewitterfront in meiner Psyche bildet. Dunkle Wolken türmen sich dort auf, in verschleierten Dämonen verkörpert, zermürben an diesem Ort meinen Verstand. Ich verkrampfe mich zu einem klagenden Bündel; in die Bettdecke versteckend, balle ich die Fäuste ganz fest zusammen, dass diese beginnen zu schmerzen. Dem Drang nach diesem zwanghaften Handeln versuche ich geistig zu entfliehen und presse meine Augenlider zusammen, um alldem zu entgehen.

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Gefährliches Einschneiden erfasst meine Gedanken. Übelkeit, vermischt mit einem Kloß in meinem Hals, lässt mich nach Luft ringen, zwingt mich in eine Spirale, es wieder zu tun. Aus der Atemlosigkeit wird tiefes Hyperventilieren, und ich habe das panische Gefühl zu ersticken.

Mein rationales Denken setzt aus, so wie mein Bewusstsein, und alles wird noch schwärzer.

Nichts umhüllt mich.

Schlagartig erwache ich aus einem gedrängten Schlaf, ein ziehender Schmerz erfasst meine Augen, die ich sofort schließe, während ich mir noch den Arm vor diese halte. Doch es nützt nichts; der dröhnende Schmerz kriecht über meine nun pochenden Schläfen hinauf zu meinem Kopf. Das grelle Licht, einem verzerrtem Sonnenaufgang ähnelnd, verglüht in einer sich ausbreitenden Supernova. Ich sitze in einem gleißenden Zerfall.

Ich lächele vergnügt, spüre die Last von meinen Schultern fallen, indessen der verkrampfende Drang verschwunden ist. Ich öffne meine Augen, noch mit meinem Arm verdeckt, sehe die Schnitte und flüstere: „Ich muss es wieder tun.”

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