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Ich wohne in einem kleinen Ort. Manche würden es umgangssprachlich auch „Nest“ nennen oder „Kaff“. Wir haben ca. 400 oder 500 Einwohner. Ein typisches Dorf, in dem jeder jeden kennt. Ich bin behütet aufgewachsen, war mit den Gleichaltrigen, auch wenn es nur 3 waren, in meinem Ort gut befreundet, und wir erkundeten gemeinsam die Umgebung. Und mit 12 Jahren war alles, was außerhalb des Dorfes war, für uns eine Erkundung wert.

Fast täglich gingen wir in den angrenzenden Wald und schlugen uns bis zu dem Steinbruch auf der anderen Seite durch. Dieser war natürlich für uns besonders interessant. Wir spielten in der Grube, kletterten auf die Baumaschinen und rutschten die Wege hinunter. Dabei wurde unsere Kleidung immer ganz schön in Mitleidenschaft gezogen.

Einmal in der Woche sammelten unsere Mütter einen Korb mit der geschundenen Kleidung und gaben sie zu einer Frau aus dem Dorf. Diese flickte alle Löcher, stopfte, was es zu stopfen gab, und manchmal stickte sie kleine Motive in die Kleidung. Jedes Mal, wenn wir die Sachen wiederbekamen, sahen diese aus wie neu.

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Ja, meine Oma war die beste Näherin im Dorf.

An manchen Wochenenden verbrachte ich Zeit mit meiner Oma. Ich sah ihr stundenlang beim Nähen zu. Sie tat dies immer mit einem Lächeln, und ihre Katze ‚Tapsi‘ lag dabei gemütlich auf ihrem Schoß. Sie versuchte, mir auch einiges beizubringen.

>Mein kleines Naturtalent.<

Ohne Frage, ich hatte wirklich Talent. So kam es, dass ich ihr beinahe jedes Wochenende half. Es machte so viel Spaß, und ich verstand langsam, warum Oma immer dabei lächelte. Je älter ich wurde, um so mehr durfte ich alleine versuchen. Ich nähe gerne. Jedoch durfte ich niemals ihre alten Nähsachen, den Fingerhut, die Nadeln oder das Garn verwenden. Sie kaufte alles neu. Warum ich ihre Sachen nicht nehmen durfte, wusste ich nicht. Ich ging davon aus, dass diese besonders wichtig für sie waren, da sie sie aus einem Urlaub mitgebracht hatte. Dem letzten Urlaub, den sie gemeinsam mit meinem Opa verbrachte.

>Marchen, du hast doch einen schönen neuen Fingerhut, meiner ist gebraucht und abgenutzt, nimm doch lieber den, den ich dir geschenkt habe.<

Ohh ja, der Neue war schön. Er glänzte wirklich einzigartig und hielt die spitzen Nadeln von meinem Finger fern. Ich benutze ihn gerne, und er macht mir die Arbeit wirklich leichter, gerade jetzt, wo Oma nicht mehr so viel schafft wie früher und ich ihr immer mehr helfen muss.

Wenn ich mich genau erinnere, habe ich sie nie was anderes machen sehen als nähen. Immer mit einem Lächeln im Gesicht und den glänzenden blau-grauen Augen. Sie strahlte eine Wärme aus, in der sich jeder hätte geborgen gefühlt. Ich war so gerne bei ihr und verbrachte beinahe täglich Zeit mit ihr. Immer nähten, stickten, stopften wir und hörten nebenbei Musik.

Irgendwann kam ich nach der Schule wieder beim Haus meiner Oma an. Ich war voller Vorfreude, was sie mir heute beibringen würde, doch soweit sollte es nicht kommen. Ein langer schwarzer Wagen parkte an der Hauskante, und ich wusste, was das bedeutete.

In tiefe Trauer verfallen betrat ich zwei Tage später Omas Haus. Alles sah so aus wie immer. Tapsi sah mich betroffen an, als würde sie ganz genau wissen, dass Oma nie wieder in ihrem Stuhl sitzen würde. Nie wieder würde sie sich auf ihrem Schoß breitmachen können. Nie wieder der Musik des alten Radios lauschen, welches meine Oma immer laufen ließ, während sie nähte. Nie wieder…

Ich nahm Tapsi auf den Arm, ging zu dem Radio und schaltete es ein. In Erinnerungen schwelgend, setzte ich mich in den Stuhl und spielte mit den Nähsachen. Überall um den Stuhl herum lag Kleidung, die sie wahrscheinlich noch flicken wollte. Zuerst wollte ich Ordnung machen, doch dann beschloss ich, ein paar Kleidungsstücke selbst zu nähen, zog Omas Fingerhut auf und nahm ihre alten Nadeln und das Garn. Dabei entdeckte ich ein kleines Kästchen. Omas alter Fingerhut passte perfekt in die Aussparung, und ein kleiner Zettel lag dabei.

>>Wähle mit Bedacht, was damit gemacht.
Nicht zur Zierde soll er sein, er bringt schon lange große Pein.
Bis ans Ende glücklich strahlend, dazu bist du nun verdammt,
als würde dir sekündlich, ein Messer ins Herz gerammt<<

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Mittlerweile sitze ich seit 10 Tagen hier in dem Stuhl. Ich lächle und nähe…bin glücklich, und nähe… mit der Katze auf dem Schoß, und das Radio läuft… ich nähe, denn ich nähe gerne. Mein Herz schmerzt jede Sekunde, doch ich bin gezwungen zu lächeln, kann niemandem sagen, was ich fühle. Ich muss glücklich sein und nähen. Sobald ich versuche, den Fingerhut abzuziehen, wird der Schmerz in meiner Brust unerträglich, und ich bekomme keine Luft mehr.



Also sitze ich hier, bis an mein Ende, verdammt dazu, glücklich zu wirken, obwohl ich leide. Ich kann nicht aufhören zu nähen, es zwingt mich, es dir auch zu zeigen, dir meinen Fingerhut zu schenken, wenn es meine Kraft entzogen hat...

Ich nähe gerne… und bald wirst du auch gerne nähen...

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