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„Lisa ***, 17 Jahre alt, von ihren Freunden „Ika“ genannt.“

Langsam schiebt Dr. Sanders die dicke Brille seinen Nasenrücken hinauf, und schließt die Akte, die auf seinem Schreibtisch liegt. Das Mädchen vor ihm trommelt ungeduldig mit ihren Fingern auf den Tisch. Der Doktor hebt seinen Blick und sieht in Ikas angespanntes, verschwitztes Gesicht. Obwohl es draußen nicht wärmer als 12 oder 13 Grad sein kann, trägt sie nur ein kurzärmeliges Oberteil und eine dreiviertellange Sporthose. Unter ihren strähnigen, nussbraunen Haaren stechen ihre grünen Augen hervor. Ihr Blick schweift gehetzt hin und her, beinahe suchend. Dr. Sanders hatte in seinen über 30 Jahren als Psychologe viele Menschen mit diesem Blick gesehen. Er schweigt noch einen Moment, studiert seine neue Klientin, bevor er schließlich mit ruhiger Stimme ansetzte: „Wie geht es dir heute, Lisa?“

Dieser Psychodoktor sitzt jetzt seit 10 Minuten hier und macht nichts. Nichts! Ich bin sowieso schon zu lange hier. Sitze auf diesem Stuhl herum, während das Flüstern schon wieder anschwillt. Da! Schon wieder schiebt er sich seine Brille so betont langsam hoch. Die kann er sich sonst wo hinschieben. Endlich bekommt er den Mund auf. Er fragt mich wie es mir geht, und ein paar andere Floskeln. Fragt mich, warum ich durch den Wald renne, anstatt in die Schule zu gehen. Ich zucke mit den Schultern. Er stellt mir noch ein paar weitere Fragen, aber ich höre nicht zu. Ein Flüstern dringt an mein Ohr, nicht lauter als ein Windhauch. Der Doktor seufzt. Ich hatte seine Existenz schon beinahe ausgeblendet. „Hör mal Lisa, wenn du nicht mit mir redest, kann ich dir auch nicht helfen“. Er kann mir sowieso nicht helfen. Nur weglaufen hilft.

Meine Mutter denkt, es wäre der Schulstress, der mich so fertigmacht. Meine Freundinnen halten mich wohl inzwischen für völlig durchgedreht... naja, das tun sie sowieso schon immer... wahrscheinlich stimmt das sogar. Immer wenn ich zu lange an einem Ort bleibe, kommt es mir so vor als würde ich eine Stimme hören. Vielleicht auch mehrere, das kann ich nicht genau sagen. Aber ich bin schnell, ich kann weglaufen. Mein Arzt hat mir inzwischen verboten so viel zu rennen. Dicke Adern zeichnen sich inzwischen deutlich auf meinen übertrainierten Beinen ab. Nicht gerade die Definition von Weiblichkeit, aber wen kümmert's. Solange ich renne, wird das Flüstern leiser.

Nach einem langen Heimweg bin ich endlich zuhause. Als ich einen Blick auf die Uhr werfe bemerke ich entsetzt das es bereits 23 Uhr ist. Ich brauche dringend Schlaf, morgen habe ich vom Laufen her einiges nachzuholen. Ich habe heute wegen dem dämlichen Arzttermin viel zu wenig geschafft. Ein leises Flüstern folgt mir in die Küche, als ich mir einen Tee mache. Mein Rachen ist wund und trocken. Für meine Oberschenkel, die wie Feuer brennen, hat mir mein Arzt ein kühlendes Gel verschrieben. Aber dafür habe ich keine Zeit mehr.

Heute folgen mir die Stimmen bis ins Bett. Jeder kennt die gelegentlichen, unerklärlichen Geräusch, die man nur hört wenn man sich nachts in einem stockdunklen Raum befindet. Aber Stimmen, die ihren Ursprung direkt neben deinem Ohr zu haben scheinen und dir Unverständliches ins Ohr flüstern würden auch dem rationalsten Mensch den kalten Angstschweiß über die Stirn treiben. Eine grässliche Angst breitet sich in mir aus. Es ist absolut unmöglich, unter diesen Bedingungen einzuschlafen. Schnell schnappe ich mir die Packung mit den Schlaftabletten aus meinem Nachtkästchen. Eine doppelte Dosis davon hatte noch jedes Geräusch erstickt.

Als ich die Augen wieder aufschlage, ist mein Zimmer in ein dämmriges Morgenlicht getaucht. Nur grob kann ich die Umrisse einiger Möbel erkennen. Die Stimmen sind jetzt lauter. Ein angestrengtes Keuchen klingt von den Wänden wieder und jagt mir einen Schauer über den Rücken. Dann merke ich, das ich selbst für das Keuchen verantwortlich bin. Ich meine, leise Schritte auf der Treppe vernehmen zu können.

Mein Puls donnert in meinen Ohren und macht es mir nicht unbedingt einfacher, mich zu konzentrieren. Langsam streife ich die verschwitzte Decke von mir, es ist ohnehin viel zu heiß. Das unverkennbare Knarzen der sechsten Stufe erklingt. Noch leicht benommen rufe ich: „Mutter?“ Als mir einfällt das meine Mutter noch bis übermorgen auf einer Fortbildung sein wird, gefriert mir das Blut in den Adern.

Die Schritte halten vor meiner Tür, und ein metallisches Klicken ertönt, als sich mein Türknauf langsam dreht.Eine lähmende Angst packt meinen ganzen Körper. Unfähig, mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen, starre ich auf die sich langsam öffnende Tür. Etwas, das aussieht wie eine Tierschnauze, schiebt sich zuckend durch die schmale Öffnung. Langsam folgt der Schnauze ein ganzer Kopf. Als er sich in meine Richtung dreht zieht die Kreatur die Lefzen hoch und ich erkenne ich ein breites Grinsen, bestehend aus einer viel zu langen Reihe scharfer, weißer Zähne. Die Augen der Kreatur leuchten mir im dunklen entgegen. Noch nie habe ich derartige Angst verspürt. Während meine Gedanken stillstehen, handelt mein Körper von selbst. Kampf oder Flucht. Ersterem steht die nackte Angst im Weg. Mit zwei schnellen Schritten erreiche ich das Fenster.

Kurz darauf trommeln meine bloßen Füße auf den feuchten Asphalt. Trotz der eingetretenen Morgendämmerung ist es dunkel. Ein kalter Nebel beschränkt mein Sichtfeld auf wenige Meter. Spöttisches Gelächter verfolgt mich, hinter mir stechen zwei glühende Punkte aus dem grauen Vorhang. Die Kreatur verursacht kaum Lärm beim rennen, nur ein Tapsen in den gelegentlichen Pfützen. Wie aus dem nichts tauchen um mich herum graue Häuser und kahle, knorrige Bäume aus dem Nebel auf, nur um kurz darauf wieder zu verschwinden. Die verdammten Schnitte in meinen Händen und im Gesicht, die ich mir beim Sprung durch das geschlossene Fenster zugezogen hab, brennen wie Feuer. Wieder sehe ich über meine Schulter. Das widerliche Grinsen taucht aus dem Nebel auf. Ich muss schneller laufen. Ein lautes „Vorsicht!“ schreckt mich auf und ich reiße den Kopf wieder nach vorne, doch es ist zu spät.

Aus vollem Lauf ramme ich einen Mann und wir gehen beide zu Boden. Neben mir fällt das Kopfende einer Krankentrage auf den Asphalt. Der darauf festgeschnallte Junge lallt den Satz „Ich will keine Kritik hören“, bevor er sich mit einem angestrengten Würgen übergibt. Die ganze Situation wirkt surreal. Ein zweiter Mann, der aussieht wie ein Krankenpfleger zieht mich auf die Füße und starrt mit großen Augen auf die stark blutenden Schnitte, die meine Arme und mein Gesicht zierten. „Gute Frau, wir müssen ihre Wunden schnellstmöglich versorgen!“ Meine Sprache ist wie gelähmt vor Angst und Verwirrung. Noch bevor ich irgendwelche Einwände einlegen kann schleppt er mich ein paar Stufen hinauf und durch eine große Flügeltür in ein Krankenhaus.

Erst jetzt merke ich, wie müde ich bin. Aber ich darf nicht schlafen, die Kreatur ist nicht weit, noch immer höre ich seine Stimme in meinem Kopf.

Noch nie in meinem Leben hatte ich stärkeres Verlangen nach einem Kaffee.

Ich werde in einen Raum geführt, in dem mehrere Männer in Arztkitteln Verbände vorbereiten. „Bitte, legen sie sich doch auf die Liege“. „Ich kann aber nicht lange bleiben“, protestiere ich nervös. Ein Arzt mittleren Alters öffnet neben ihr eine Tasche und murmelt die Beschriftungen einiger Spritzen vor sich hin :„....Insulin, Adrenalin, Ah ja! Tranquilizer! Lisa, wir werden ihnen nun ein kleines Beruhigungsmittel verabreichen, während wir ihre Wunden versorgen. Davon werden sie erst mal eine Weile schlafen. „Nein!“ Schreie ich. „Kein Schlafmittel!“ das Stimme der Kreatur klingt laut in meinen Ohren. Schon nähern sich tapsende Schritte dem Raum.

Für einen Moment bin ich abgelenkt und lausche. Doch ein kleiner Stich in meinem Arm holt mich zurück. Sofort durchdringt eine bleierne Müdigkeit meinen Körper. „Nein...“. Meine Augen schließen sich, doch ich höre noch, wie sich die Tür öffnet. Insulin, Adrenalin, schwirrt es durch meinen Kopf. Adrenalin... mit letzter Kraft greife ich in die Arzttasche neben mir, greife wahllos ein paar Spritzen heraus, ramme sie mir alle gleichzeitig ins Bein und spritze mir den Inhalt. Ein scharfer Schmerz durchfährt mich. Für einen Moment tanzen Punkte vor meinen Augen, dann wird alles Schwarz. Weit entferne Schreie dringen in mein Bewusstsein, als ich letztendlich vollständig die Orientierung verliere.

Als ich die Augen wieder aufmache, liege ich mitten im Zimmer auf dem Boden. Statt Dämmerlicht scheint nun die Sonne ins Zimmer und beleucht eine Gestalt, die Symbole in roter Farbe an die Wand schmiert. Als ich mich umsehe stockt mir der Atem. Der Kopf des Arztes, der mir eben noch eine Spritze verabreicht hatte, liegt am Fußende meiner Liege. Eine Spritze steckte bin zum Anschlag in seinem linken Auge und sein Gesicht ist zu einer Grimasse aus Schmerz und Entsetzen verzocken. Sein Körper liegt neben der Liege, unnatürlich verdreht und blutgetränkt. Etwas weiter hinten liegen die Leichen von zwei weiteren Ärzten, einige Arme und Beine sind abgetrennt und um sie herum verstreut.

Mein Blick wandert wieder zu der Gestalt. Sie greift in den aufgeschlitzten Körper neben sich und zieht etwas heraus, das aussieht wie ein Darm. Ich spüre wie mein Magen rebelliert und sich bitterer Speichel im meinem Mund sammelt. Ich habe noch nie eine echte Leiche gesehen, geschweige denn ein mordendes Wesen, das sich 10 Meter von mir entfernt an einem Darm gütlich tut. Die Kreatur hat ein dichtes Fell und unnatürlich lange Gliedmaßen. Unter dem blutgetränkten Fell zeichnet sich jeder Knochen und jede Rippe ab, als hätte man einem Skelett ein Fell übergezogen. Plötzlich hält es inne und dreht sich zu mir um. Sein Gesichtsausdruck ähnelt nun eher einem zufriedenen Lächeln als einem boshaften Grinsen. Zum ersten Mal formen sich verständliche Worte aus dem Flüstern. Eine tiefe Stimme hallt durch meinen Kopf: „Hallo Ika“. Sofort erwache ich aus meiner Starre. Ohne zu überlegen springe ich durch die geschlossene Fensterscheibe. Schon das zweite mal an diesem Morgen.

Eine Stunde später befinde ich mich noch immer in vollem Sprint. Nur gelegentlich schafft es ein Lichtstrahl durch die dichten Baumkronen über mir. Ich traue mich inzwischen nicht mehr, mich umzudrehen. Langsam werden meine Beine müde. Die berauschende Wirkung des Adrenalins lässt nach und nun spüre ich die zahllosen Schnitte um so deutlicher. Mein Körper ist am Limit. Als ich auf eine Wurzel trete, fehlt mir die Kraft, mich zu stabilisieren. Mein Fuß gibt ein lautes Knacken von sich. Unbeschreibliche Schmerzen erfüllen mich. Trotzdem krieche ich weiter. Schwarze Punkte tanzen vor meinen Augen. Ein freudiges, Lachen dringt aus dem Unterholz neben mir.

Das Tapsen holt mich ein. Ich sinke in mich zusammen und spüre, wie ich langsam das Bewusstsein verliere. Eine skelettartige Klaue legt sich auf meine Schulter. Mit einem mal durchdringt ein tiefes Gefühl der Ruhe und eine wohlige Wärme meinen Körper. So entspannt war ich seit Wochen nicht mehr gewesen. Die Stimme ist noch immer dunkel wie der Tod, doch sie hat nun einen süßen, fast würde man sagen, freundlichen Unterton. „Du musst nicht weglaufen Ika. Vor niemandem.“

„...wurde die Schülerin Lisa *** schwer verletzt im Wald aufgefunden. Wir sprechen mit dem Mann, der sie gefunden hat.

„Naja, ich spazierte ganz normal durch den Wald, als ich ein seltsames Geräusch hörte. Als ich nachsah, fand ich das Mädchen, schwer verletzt. Wenn ich mich recht erinnere lag sie in einer Blutlache, und das Blut hatte die Hälfte ihrer schwarzen Haare rot gefärbt. Sie lag dort einfach und kicherte vor sich hin wie eine Wahnsinnige. Sie war so entstellt das ich sie erst überhaupt nicht als die Vermisste erkannt habe, aber ich habe natürlich sofort die Polizei gerufen.“

„Lisa *** ist vor einigen Tagen von zuhause weggelaufen und wird des vierfachen Mordes beschuldigt. Sie soll am Mittwoch morgen in ein Krankenhaus gekommen sein, wo sie einen Arzt und drei Krankenpfleger zerstückelt und ihr Blut an den Wänden verschmiert hat. Anschließend ist sie durch das Fenster geflohen. Das Blut an den Scherben des Fensters konnte ihr bereits zugeordnet werden. Nach einer ersten Aussage von ihrem Psychologen, Dr. Sanders, kann sie vor Gericht vermutlich auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren... “


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