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Die Gänge des Labyrinths ziehen sich endlos hin. Eintönig graue Wände links und rechts von ihm, sie scheinen ihn mit jedem seiner Schritte immer weiter einzuengen. Würde er den Kopf drehen, würde er an den Wänden blutige Kratzspuren und schemenhafte Gestalten erkennen können, die kaum vernehmbar seinen Namen rufen. Aber er blickt sich weder um noch hört er wie die Schatten flüstern. Er schaut nur stur geradeaus, einem nicht vorhandenen Ziel entgegen, und biegt nur ab und zu nach links oder rechts ab.

Die Zeit vergeht, über seinem Kopf zieht der rabenschwarze, bedrohlich wogende Himmel seine Kreise. Er scheint ihm mit unsichtbaren Augen zu folgen, ab und zu erhellen lautlose Blitze die Wolken. Schritte hallen die Gänge entlang, aber es sind nicht nur seine eigenen. Er hat längst jegliches Zeitgefühl verloren, zu lange streift er nun schon durch die Gänge dieses Ortes.

Er kann sich nicht mehr erinnern, wie er hierher gekommen ist, auch dafür ist er schon zu lange da. Seine Füße schmerzen seit Stunden, und trotzdem geht er weiter, Meter für Meter, Schritt für Schritt schleppt er sich tiefer hinein in dieses dunkle Nichts. Er muss es. Eine unsichtbare Macht treibt ihn unablässig an, veranlasst ihn wieder und wieder dazu, seine müden Füße zu heben.

Angst, die schleichend kam und nun jeden Millimeter seines Körpers besitzt, seine gebrochene Seele durchtränkt, lässt ihn erzittern. Sie übermannt ihn unregelmäßig, mal stärker und mal weniger stark, wie die Brandung der See, die vom Wind getrieben wird. Die Angst zehrt an seiner Kraft und zieht ihn mit sich in ein dunkles Loch, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Ein kleiner Teil von ihm glaubt noch daran, dass dies bald ein Ende hat. Hofft auf einen Ausweg, den es nicht gibt. Er stolpert weiter.

Eine heimtückische Stimme, die in seinem Kopf und in diesen verdammten Gängen widerhallt, zischt ihm leise ins Ohr, dass er doch stehen bleiben, dass er doch aufgeben soll. Denn das wäre wahrlich der einfachere Weg. Der größte Teil von ihm hat dies bereits getan, hat bereits aufgegeben. Und trotzdem treibt ihn etwas an weiter zu gehen, Schritt für Schritt. Ein uralter, tief in ihm verwurzelter Instinkt. Weil er es weiß. Weil er weiß, dass das Etwas ihn einholen würde, sobald er stehen bleibt, dass es ihn verschlingen würde sobald er sich erschöpft an die Wand eines Ganges lehnt. Er weiß es, und darum geht er weiter. Versucht, vor diesem Wesen zu flüchten, das er nicht kennt und über das er doch alles weiß. Jener Kreatur, die nicht zu ihm gehören sollte und die er doch zum leben braucht. Früher war das nicht so gewesen.

Aber nun ist sie ein Teil von ihm geworden und er kann nur noch versuchen zu fliehen, während er den kalten Atem in seinem Nacken spürt, der die klitzekleine Hoffnung noch mehr schmälert, an die er sich so verbissen zu klammern versucht. Er kann nicht aufhören, er darf es nicht; verzweifelt hält er an diesem Gedanken fest.

Doch mit jedem Schritt, den er tut, schwindet seine Hoffnung weiter und lässt langsam aber sicher Platz für eine weitaus stärkere Emotion, die er bis jetzt zu unterdrücken versucht hat. Sie vertreibt erst die Angst, dann alles andere aus seinem Körper.

Hass, riesiger, unbändiger Hass, der von ihm Besitz ergreift, auf sich selbst, diesen grauenhaften Ort, auf die ganze Welt. Und vor allem auf seine Peiniger, die ihn hierher getrieben haben, nicht eher geruht haben, bis sie ihn an diesem Ort wussten, den er so sehr verabscheut. Er wird langsamer, schließt die Augen. Mit dem Hass kommen Erinnerungen, die gewaltsam in seinen Geist eindringen, Erinnerungen an fürchterlichen Schmerz, an leuchtendes Feuer, an den Tod. Und den Wunsch nach Rache. Wie Feuer frisst es sich durch seine Adern, dieses Verlangen nach Vergeltung und Blut. Er stockt, hält in jeglicher Bewegung inne, konzentriert sich nur noch auf dieses Gefühl.

Er wird sie alle töten, für das, was sie ihm angetan haben, was sie seiner Familie angetan haben, er wird sich rächen. Als das Feuer sein Herz erreicht, verändert sich etwas in ihm.

Er lässt zu, dass es sich in seinem gesamten Körper verbreitet, seine Seele ganz für sich einnimmt. Dieses Gefühl verspricht Erlösung, scheint seine Seele wieder zusammenzufügen. Der Schein trügt. Ein unmenschlicher Schrei ertönt, erst nach einigen Augenblicken wird ihm klar, dass es sein eigener ist. Langsam breitet er die schneeweißen Arme aus, dreht sich um. Und blickt dem Wesen entgegen, das ihn so lange verfolgt hat, ihm so viel Leid zugefügt hat, und das er dennoch so sehr braucht. Ohne das er nicht mehr leben kann. Es kommt auf ihn zu, ein dunkler Schatten, der einmal bedrohlich gewirkt hatte, nun aber eine Geborgenheit verspricht, die ihm nichts anderes mehr geben kann. Es überbrückt den letzten schützenden Abstand, den es noch von seiner Seele trennt und umschließt ihn mit festem Griff.

Er weiß nicht, dass er gefangen ist. Gefangen in den Armen des Wahnsinns.

by XxFireHeartxx

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