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Kalt. So kalt. Du hast keine Schuhe an, deine Füße frieren. Das ist dein erster Gedanke. Dein zweiter Gedanke ist, dass deine Kiefer schmerzen wegen diesem Gummiball in deinem Mund. Als drittes tritt die Angst ein.

"Oh, schön, es hat funktioniert. Du wachst auf."

Der Mann, den du nur verschwommen siehst, legt die Spritze auf einen zerbrochenen Serviertisch. Er dreht sich um und geht ins angrenzende Badezimmer. Das Geräusch eines laufenden Wasserhahns füllt den Raum.

"Ich weiß, was du jetzt denkst. Na ja, denken wirst, sobald dein Kopf wieder klarer wird. Aber keine Angst, du wirst eine Weile lang nirgendwo hingehen."

Deine Arme und dein Nacken schmerzen fürchterlich. Das letzte, woran du dich erinnern kannst, ist dein Aufenthalt im Fahrstuhl. Du wolltest in deine Wohnung gelangen, hinauf in den dritten Stock. Aus den Augenwinkeln siehst du, wie er wieder im Raum erscheint. Anscheinend versucht er nicht einmal, sich vor dir zu verstecken, denn er umrundet dich einmal und setzt sich auf den Sessel vor dir. Er sieht dich ausdruckslos an. Der Mann trägt ausgewaschene blaue Jeans. Ein grotesk wirkendes Muster prägt sein schwarzes T-shirt, das wahrscheinlich bei einem Ausverkauf ergattert wurde. Seine Frisur ist unordentlich. Ein Haarschnitt würde ihm gut tun. Das einzig sonderbare an ihm sind seine Augen. Sie sind von einem hellen rot, wie die eines Albinos.

"Du kannst mich Jeff nennen."

Er nimmt die Spritze, eine aus Glas und Metall, die du vielleicht einmal in einem Museum oder einem Antiquitätenladen gesehen hast, spritzt die verbleibende Flüssigkeit in einen Lumpen und steckt die Spritze in seine Tasche.

"Wage es bloß nicht zu schreien, sonst töte ich dich."

Er beugt sich nach vorne und dreht den Drehstuhl auf dem du sitzt. Nun kannst du das Zimmer sehen in dem du dich befindest. Es ist ein durchschnittliches Studentenapartment mit einer Vordertür, an dem eine Kette und ein Schlossriegel befestigt sind. In der Ecke liegt ein aufgerolltes Futon im japanischen Stil, in einer anderen Ecke ein kleiner metallener Computertisch mit Glasoberfläche, auf dem ein geschlossener Laptop liegt. Die Stromversorgung liegt ordentlich darunter, das Kabel mit einem Klebeband angebunden. Du fühlst ein Zerren im Mund, als er den Gummiball rausnimmt. Du spuckst, während du deine vorhin aufgerissenen Kiefer aufeinanderreibst und heftig fluchst. Dein Mund ist trocken und du fühlst den Geschmack von Gummi. Er dreht dich wieder zu sich und starrt dich mit einem durchdringenden Blick an, den du wütend erwiderst.

"Warum zur Hölle bin ich hier?", schreist du und bevor du zurückweichen kannst, spürst du das flache Ende eines Skalpells an deinem Hals.

"Was habe ich dir übers Schreien gesagt? Lass uns doch bitte in einem ruhigeren Ton reden." Er legt das Skalpell auf den Serviertisch zurück. "Und nun zur Antwort auf deine Frage: Du bist hier, weil ich es so will. Du lebst, weil mir langweilig ist. Und du solltest dich besser bemühen, mich nicht so sehr zu langweilen, dass ich mich anders mit dir beschäftige."

Seine Augen werden dunkler. Er hat die ganze Zeit über weder geblinzelt, noch seinen emotionslosen Gesichtsausdruck abgelegt.

"Toll. Und was verdammt nochmal verlangst du jetzt von mir?"

Du spuckst auf ihn, da du dein Temperament wieder einmal nicht zügeln kannst. Du hoffst, dass er die Furcht in deiner Stimme nicht bemerkt hat. Aber natürlich hat er das. Du weißt, er kann deine Angst genauso gut riechen wie ein Elternteil sein Kind, das mit dem Gestank von Zigarretten nach Hause kommt.

"Es gibt keinen Grund, so wütend zu werden. Und das gerade eben zeigt nur, wie klein dein Wortschatz ist."

"Fick. Dich."

Er starrt dich weiterhin an. "Das war jetzt wirklich unhöflich von dir."

Er steht auf, tritt hinter dich und zieht dich hinter sich her, während die Rollen des Drehstuhls auf dem Parkett quietschen.

"Warte! Wohin bringst du mich?"

Du kämpfst gegen die Fesseln an - vergeblich. Es sind dicke Lederriemen, so eng angezogen wie eine zweite Haut. Er zieht dich in das Badezimmer und wirbelt dich herum, damit du freie Aussicht auf die Dusche hast. Du hast Mühe, einen Schrei zu unterdrücken.

"Wunderschön, nicht wahr?"

Ein Haufen Fleisch, der einst eine Person war. Die Gliedmaßen wurden abgetrennt, in einen Darm eingewickelt und ordentlich vor dem Torso aufgestapelt. Blut und Wasser sammelt sich um den Körper herum und vom Gesicht sind die Augen entfernt worden. Die Zunge ragt der Leiche aus einem Schlitz im Hals. Die Brust ist eingestochen wie ein Erntedankfestschinken, sauber enthäutet. Die Haut hängt auf der Duschvorhangstange.

"Ich dachte, du würdest es schätzen."

Du würgst, aber es befindet sich nichts in deinem Magen, was man hätte auskotzen können.

"Verdammte Scheiße, wovon redest du da?"

"Dein Computer. Du hast Bilder von meinen Werken… und von anderen. Du stellst sie auf Foren und Imageboards."

"Das… Das sind nur Späße! Sie… Sie…" Du haspelst nach Worten, selbst als er sich auf eine Ecke der Badewanne setzt und dich ansieht, auf eine Erklärung wartend.

"Sie sind nur Witze? Zum Spaß?"

Du nickst ängstlich.

"Nein. Sind sie nicht."

Er beugt sich über die Badewanne und fischt etwas heraus, um es dir zu zeigen. Es ist ein blaues Auge, dessen Nerv sein blutbeflecktes Handgelenk umwickelt.

"Lustig, nicht wahr?", sagt er lachend. Erneut unterdrückst du ein Würgen und entscheidest dich dafür, ihn anzustarren, bis es wieder aufhörte.

"Du bist ein Monster."

Er packt mit der anderen Hand dein Kinn. "Vielleicht bin ich das."

Sein Gesichtsausdruck änderte sich von ausdruckslos in wütend. "Aber vielleicht bist du das Monster. Du siehst Sachen im Netz und im Fernseher und denkst nicht daran, dass es Menschen sind. Jede einzelne Person mit einer aufgeschlitzten Kehle oder einem mit dem Baseballschläger präperiertem Gesicht. Das sind Menschen. Das", er dreht deinen Kopf zu der Leiche "Das war einst eine Person. Lebend. Atmend. Denkend. Und wenn du so ein Bild in einem Imageboard gefunden hättest? Du hättest es in deinem 'Blutordner' gespeichert und darüber gelacht."

Er lässt den Augapfel über der Badewanne los, wo er mit einem leisen Plopp ins blutige Wasser hineinfällt. "Du bist ein genauso schreckliches Monster wie ich. Der einzige Unterschied zwischen uns ist, dass ich das nicht witzig finde."

Er schleudert dich weg. Du kippst nach hinten, an den Drehstuhl gebunden, unfähig, dich zu wehren. Heiße Tränen laufen dir über das Gesicht. Teils wegen der Heftigkeit deines Würgereizes und teils von der Tatsache, dass Jeff Recht hat. Er hat dir die Augen geöffnet, dir gezeigt, dass du in Wirklichkeit kein bisschen besser bist als er. Er stellt dich wieder auf und greift in das Abwaschbecken. Ein blutiges tropfendes Fleischermesser liegt dort drinnen. Du machst dich gerade für dein Ende bereit - doch er schneidet dich frei. Deine Handgelenke schmerzen, als er dir das Messer übergibt. Dein Herz setzt fast aus, als er auf die Leiche deutet.

"Schneide ihm sein Herz raus. Schneide es ihm raus und beweise mir, dass du genauso krank bist wie ich."

Du machst es tatsächlich. Du lässt dich barfuß im Wasser nieder, ziehst den leblosen Körper zu dir und sticht immer wieder in die Brust, die Sicht verschwommen von den Tränen und dem Blut, das dir ins Gesicht spritzt.

. : * : .

Schreiend und mit aufgerissenen Augen schnellst du auf. Du keuchst, während du den gewohnten Anblick deines Apartments siehst. Nach ein paar Minuten drehst du dich um und reibst mit beiden Händen dein Gesicht. Der Geschmack in deinem Mund ist unangenehm. Morgengeruch. Du kicherst zögerlich und blickst auf die Uhr. Zwölf. Du hast verschlafen und solltest nun besser bei deiner Arbeitsstelle anrufen und dich krankmelden, denn so fühltest du dich auch. Das war der verrückteste verfickte Traum den du jemals hattest seit deiner Kindheit. Deine Hände zitterten sogar. An die Geschichten im Internet denkend, überkommen dich Zweifel. Du gehst ins Badezimmer und schiebst die Duschvorhänge auseinander. Keine verrottende Leiche, die dich mit einer lieblichen Umarmung begrüßt. Du lachst über dich selbst. Es war nur ein Traum. Haha. Du drehst dich zum Waschbecken, drehst das kalte Wasser auf und klatscht es dir mit den Händen ins Gesicht. Deine verstrubbelten Haare fallen dir in die Augen, bis du sie zur Seite streichst und dich ausziehst, um dich zu duschen. Später gehst du in die Küche zu deinem kleinen Kühlschrank, um dir ein kühles Bier zu genehmigen. Du machst die Tür auf und starrst erschrocken auf etwas. Dort, ordentlich in eine Plastikfolie gewickelt und auf einen Plastikteller gelegt, ist ein angebissenes menschliches Herz.


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