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Das war alles vor 8 Jahren. Ich war damals gerade mal 14 Jahre alt und ein richtiges Internetkind. Ich entdeckte YouTube schon sehr früh und hielt mich dort des Öfteren auf. Um ehrlich zu sein, ich war tagtäglich mehrere Stunden dort. Man kann jetzt meinen, dass ich vielleicht ein lustiges Video entdeckt habe oder mir mein Lieblings-Musikvideo jedes Mal gegönnt habe. Aber dem ist nicht so. Im Gegenteil. Ich werde versuchen, alles irgendwie zu erklären, auch wenn ich denke, dass es nicht möglich sein wird. Hätte ich nur gewusst, was er in mir angerichtet hat, hätte ich mich nie auf ihn eingelassen.

Alles fing damit an, dass mich meine ältere Schwester auf die damals eher neuere Video-Plattform gebracht hatte. Sie hörte sich immer die neuesten Lieder von Britney Spears an und versuchte mithilfe der im Video vorkommenden Lyrics mitzusingen. Doch es war nicht ihr Talent. Eigentlich ist das irrelevant, aber an einem Tag waren wir gemeinsam in ihrem Zimmer. Sie hatte zu dieser Zeit, im Gegensatz zu mir, einen eher billigen Laptop mit Internetzugang. Sie sagte mir, dass ich ihren Gesang beurteilen solle. Ich willigte ein und sie startete ein Lyrics-Video von Britney Spears und sang. Ich war immer ein sehr ehrlicher Mensch, deswegen zögerte ich nicht, ihr zu sagen, dass sie furchbar singe. Das hat sie dermaßen verletzt, dass sie heulend in ein anderes Zimmer ging. Minuten vergingen und ich fing an, Schuldgefühle zu entwickeln. Ihr Laptop, mit dem Video, war allerdings noch da und war frei zugänglich. Da ich immer schon mal YouTube ausprobieren wollte, ging ich sofort zu dem Laptop und schaute mich etwas auf dem bekannten Videoportal um. Zuerst fand ich nur typische Videos: lustige Pannen, Musikvideos, Amateuraufnahmen, Leute, die dachten, sie könnten singen oder tanzen und so weiter..

Meine Schwester war unten am Heulen, deswegen ging ich davon aus, dass sie nicht so bald wiederkommen würde. Irgendwann, als ich mich schon tief in die Website gegraben hatte, entdeckte ich ihn. Ich hab verdammt noch mal keine Ahnung, wie ich zu seinem Video gekommen bin. Alles was ich weiß ist, dass er mir schon bei unserer ersten virtuellen Begegnung tiefe Angst einjagte: Joe Rattah.

Joe Rattah war ein langer, dünner und riesiger, beinahe zwei Meter großer "YouTuber", wobei ich die Bezeichnung YouTuber hier nicht ganz passend finde. Ich würde ihn eher als YouTube-Nutzer bezeichnen. Das erste Video, welches ich von ihm sah, war eine schlechte Amateuraufnahme von ihm, wie er sich selbst beim Herumgehen in einem Wald bei helllichtem Tag filmte und irgendeinen Mist laberte, den ich nicht verstand. Er sah sehr unheimlich und vom Leben gezeichnet aus, wahrscheinlich hatte er selbst ein tragisches Schicksal. Ich schätzte ihn auf 45 Jahre. Wie dem auch sei, ich sah mir etliche andere Videos von ihm an. Seine komische Art sich zu artikulieren, das faszinierte mich. Auch wenn ich keinen einzigen Satz verstand. Generell wurde mir erst später bewusst, dass er teilweise nur irgendwelche Wörter aneinanderreihte, die keinerlei Sinn ergaben. Selbst die Titel bestanden nur aus zufällig zusammengewürfelten Wörtern.

In nächster Zeit schlich ich mich also immer wieder zu dem Laptop meiner Schwester, um Joe Rattah zu schauen. Trotz der immensen Angst, die ich bekam, wenn ich ihn sah, machte er mich irgendwie süchtig. Es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht seine Filme betrachtete. Dies brachte mich dazu, mir einen eigenen Laptop zu meinem Geburtstag zu wünschen. Als ich diesen dann auch bekam, sah ich mir, wie vorhin, jeden Tag seinen Kanal an. Ungelogen, dieser Mann hatte cirka 3000 Videos. Viele davon waren nur einige Sekunden lang und andere wiederum waren nur Filme, die nur Audiomaterial enthielten.. Was mir auffiel war, dass jedes Video, welches ich mir ansah, grotesker wurde. Während er beim ersten Video doch eher harmlos im Wald herumlief und Scheiße redete, ging er nun nachts in den Wald und veränderte seine Stimme. Er wurde bei den nächtlichen Videos immer sehr leise, was die Vermutung nahe kommen lies, er dürfe nicht von anderen gehört werden. Dies war sehr unheimlich, gerade für einen 14-jährigen wie mich damals, dessen Leben generell extrem langweilig war. So etwas Derartiges hatte ich noch nie erlebt oder gesehen. Ich glaube manchmal, dass genau das der Grund war, wieso er mich so abhängig machte. Ich brauchte Abwechslung. Eines Tages entdeckte ich ein Video, in welchem er in der Psychiatrie filmte. Dies lies mich zu dem Schluss kommen, dass er scheinbar psychisch krank und deswegen in einer psychiatrischen Anstalt sei.

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Ich bekam richtige Angst vor Joe Rattah. Seine Art und sein Äußeres wurden immer schräger. Jetzt würfelte er nur mehr Wörter zusammen, die irgendwas mit Mord oder Folter zu tun hatten. Doch desto geschockter ich wurde, desto mehr fand ich Gefallen daran. Wie ich bereits erwähnt hatte, Joe Rattah machte mich süchtig. Was mir an Joe Rattah zu denken gab war, dass er seinen Aufenthaltsort in jedem Video änderte.

Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, nicht zu wissen, wer dieser Mann ist und so kam es, dass ich Leute in meinem Bekanntenkreis fragte und das Internet nach Infos über ihn durchforstete. Auf seiner Kanalinfo stand, dass er aus dem selben Bundesland wie ich kam. Das gab mir zu denken. Doch der Schrecken begann erst, als ein ferner Bekannter, den ich fragte, mir antwortete, er würde diesen Joe Rattah kennen. Er sagte, dass er selbst einen Psychiater kenne und dass dieser Joe Rattah einmal als Patienten hatte. Er hieße in Wirklichkeit Johann Rather und wurde mit Schizophrenie diagnostiziert. Außer der Tatsache, dass seine Frau und sein Kind umgekommen waren fand man nichts über diesen Mann raus. Angeblich kam er aus dem Nichts in die Psychiatrie und lies sich selbst einliefern. Mehr konnte ich über sein Leben nicht raus finden und ich tappte somit weiter im Dunkeln.

Eine Sache hat sich aber verändert, seitdem ich mehr über Joe Rattah rausgefunden habe. Er filmte sich selbst, wie er im Zug saß. Den Wald hatte er scheinbar hinter sich gelassen. Er begann nun in der Zivilisation zu drehen. Bekannte Städte in meinem Bundesland konnte man sehen. Seine Worte wurden trotz dessen immer ungewöhnlicher. Jetzt begann er sogar davon zu reden, dass er ein Massenmörder sei und die Welt vor ihm Angst haben sollte. Zu dieser Zeit beging ich einen der größten Fehler in meinem bisherigem Leben. Ich rief ihn an, denn seine Nummer war in der Kanalbeschreibung zu finden.

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Tatsächlich hob jemand ab. Ich erkannte dies an einem Rauschen. Sofort begann ich zu sprechen. Keine Antwort. Ich fragte höflich, ob Joe Rattah am Apparat sei und dass ich gerne mit ihm über ihn reden wolle. Wieder keine Antwort. Dann fragte ich erneut und bekam, wie zu erwarten, keine Rückmeldung. Nur ein leises Rauschen und ein erschwertes Atmen konnte ich wahrnehmen. Ich bekam große Angst und legte auf.

Joe Rattahs Verhalten in den Videos verwandelte sich in eine skurrile Herumschreierei. Jetzt drehte er Videos in meiner Stadt.

Ein Schock. Ich traute mich nicht mehr nachmittags oder abends in die Stadt zu gehen, aus Angst ich könnte diesem Wahnsinnigen über den Weg laufen. Als er in meiner Stadt drehte, wechselte der Standort von öffentlichen Plätzen zu eher abgelegeneren. Irgendwann war er wieder in einem Wald angekommen und flüsterte dort irgendwas Unverständliches. Was mir leider erst viel zu spät auffiel, war die Tatsache, dass Joe Rattah mir immer näher kam. Der Wald, in dem er nun drehte, befand sich vielleicht zwei Kilometer von meinem Haus entfernt. Dies wusste ich, weil ich dort als Kleinkind öfter mit meinem Großvater war.

Ich flehte meine Eltern an, dass sie mich vor diesem Monster retten sollten. Aber vergebens, sie hielten mich für einen pubertierenden, verrückten Jungen, der sich irgendwas eingebildet hat. Ich wusste genau, dass es nicht so war.

Immer wieder bekam ich Anrufe von seiner Nummer, doch nie redete er mit mir. Kein Wort kam aus seinem Mund. Einer der schrecklichsten Teile meines Lebens war der, als ich sah, wie Joe Rattah ein Video hoch lud, das er in meiner Gasse gedreht hatte. Selbst mein Haus konnte man sehen. Ich fühlte mich hoffnungslos. Alle Versuche, meinen Eltern oder der Polizei die Sache zu erklären schlugen fehl. Jedem, den ich Joe Rattah und das besagte Video zeigte, meinte, ich würde übertreiben und dass dies ein normales Video sei, das jeder gedreht haben könnte. Keiner schenkte mir Glauben.

Nach diesem kranken Video machte er eine scheinbare Pause. Er filmte nicht mehr. Vielleicht war er wieder in seiner Psychiatrie? Wurde er vielleicht verhaftet? Diese Fragen schossen mir permanent durch den Kopf. Aber es war nicht so. Leider.

In dieser Zeitspanne hatte ich große Erinnerungslücken. An längere Abschnitte meines Lebens erinnerte ich mich einfach nicht mehr. Vielleicht lag das daran, dass ich meine Erinnerungen aus dieser Zeit in mein Unterbewusstsein verdrängte. Alles, an was ich mich noch erinnern konnte, war, dass ich öfters an ungewöhnlichen Plätzen mitten in der Nacht aufwachte. Zuerst wachte ich im Wohnzimmer auf, dann wachte ich im Keller auf, dann im Garten und irgendwann fanden mich meine Eltern schlafend auf der Straße. Die Abstände zu meinem Bett wurden immer größer. Ich wurde eingewiesen. Die Ärzte meinten, ich wäre ein Schlafwandler. Meine Eltern gingen sogar soweit, dass sie mich ans Bett festbanden.

Dann hörte das angebliche Schlafwandeln auf. Joe Rattah machte keine Videos mehr und ich glaubte für einen kurzen, flüchtigen Moment daran, dass alles vorbei sei und ich in Sicherheit war. Ich war ein Idiot.

Eines Tages wachte ich im Wald auf. Es war ausgerechnet der düstere Wald, indem Joe seine krankhaften Videos drehte, der Wald, in dem ich vor Jahren immer wieder mit meinem Großvater war. Vor lauter Schock über die Situation konnte ich mich nicht bewegen. Kein einziger Laut entkam aus meinem Mund. Es war mir einfach unmöglich, zu schreien. An meinem Bauch hatte ich tiefe Schürfwunden und mir fehlten alle Haare. Jemand hatte sie anscheinend abgeschnitten. Auch zwei Zähne waren einfach weg. Ich sah mich um. Weit und breit konnte ich nichts und niemanden erkennen. Ich wusste, ich würde sterben. Deswegen legte ich mich hin und wartete ab. Es waren Stunden, die sich wie Tage anfühlten. Das waren die grausamsten Stunden meines Lebens. Als irgendwann endlich die Morgensonne eintrat, fand mich ein Suchtrupp der Bundespolizei. Sie brachten mich zurück zu meinen Eltern, zu meinem Haus. Von diesem Vorfall bekamen sogar die Medien Wind. Ich kam in die Nachrichten. Selbst dort wurde ich als vermeintlicher Schlafwandler abgetan.

Für zwei Jahre hatte ich dann durchgehend Alpträume von Joe Rattah, wie er mich entführt und mich im Wald umbringt. Seinen Kanal wagte ich nicht mehr anzusehen. Ich traute mich einfach nicht. Langsam aber sicher vergaß ich. Er musste aus meinem Gedächtnis verschwinden, dies wusste ich genau. Irgendwann vergaß ich ihn komplett. Ich habe ihn verdrängt, beziehungsweise mein Verstand hat ihn verdrängt. Joe war für mich nicht mehr existent. Paradoxerweise hat folgender Vorfall bewirkt, dass er für mich wieder existent war:

Warum ich mich wieder an ihn erinnere? Nun denn, es ist so: Joe Rattah ist gestorben. Eine lokale Zeitung berichtete, dass er sich irgendwo umgebracht hatte. Wie er das tat ist ein Mysterium. Fakt ist, dass er tot ist. Das beruhigte mich. Ich verspürte nämlich tiefen Hass zu ihm, aufgrund des ganzen Leids, das er mir angetan hatte. Hätte ich diesen Artikel, auf welchen ich durch Zufall gestoßen bin, nie gelesen, ginge es meiner psychischen Gesundheit jetzt vermutlich viel besser. Denn durch den Artikel wurde ich an Joe Rattah erinnert und genau dies veranlasste mich, mir wieder seinen Kanal anzusehen.

Das hätte ich nie tun dürfen.

JoeRattah hatte seit dem Vorfall im Wald mehrere Videos gepostet. Besonders ein paar Videos sind mir aufgefallen, in welchen er unter einem Schreibtisch hockte, seine Kamera haltend, und jemanden filmte. Jetzt wurde mir bewusst, was diese Videos da beinhalteten. Sie zeigten mich, wie ich auf den Laptop starrte und mir seine Videos anschaute.

Glaubt mir, seit diesem Tag kann ich nicht mehr schlafen, nicht mehr reden, nicht mehr ruhig bleiben und schon gar nicht klar denken. Permanent bin ich nervös. Ich schreibe dies hier nieder, während die ganze Zeit irgendein Tippen an meinem Fenster ertönt. Hinzu kommt, dass vor ungefähr fünf Minuten ein Anruf bei mir eintrat, den ich übersehen habe, mit folgender Nummer: 0681 103 66 102.

Joe Rattah ist zurückgekehrt.

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~SLikk

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