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Kälte. Ich habe sie mein ganzes Leben lang gehasst. Verabscheut. Verteufelt. Natürlich, wer mag sie schon, aber ich habe über die Jahre hindurch eine so starke Abneigung gegen Kälte entwickelt, dass ich mich selbst nicht nur ein Mal gefragt habe, ob das eigentlich noch normal war.

Am Anfang habe ich nur das Gefühl an sich gefürchtet, diese schleichende Kribbeln, das auf so schmerzhafte Weise immer und immer mehr Teile deines Körpers erfasst, bis du dir nicht mehr helfen kannst und ohne Kontrolle zu zittern beginnst. Du fühlst, wie deine Hände taub werden, deine Füße sich zu wahren Eisblöcken transformieren und schüttelst dich ununterbrochen, alles nur wegen ihr. Alles nur, weil dir kalt ist.

Aber das ist ja nichts Besonderes, oder? Niemand mag das, deshalb ziehen wir uns auf dem Weihnachtsmarkt warm an und kippen uns überzuckerten Glühwein hinter die Binde, um in ihrer unangenehmen, lebensfeindlichen Umarmung nicht unsere Wärme zu verlieren. Komplett vernünftig und rational.

Aber das war irgendwann vorbei, denn egal wie sehr ich versuchte, die Kälte zu verdrängen, sie schaffte es immer wieder, mich mit ihren eisigen Griffeln zu packen. Zurückzuziehen in ihr schreckliches Reich, ihr finsteres Paradies aus kahlen Bäumen und verwelkten Blumen. Alles was ich tat, schien völlig wirkungslos zu sein, ich trug sie andauernd in mir. Und konnte nichts dagegen tun. Ich konnte mich im Sommer auf der Wiese am warmen Licht der Sonne laben, doch in mir war es immer kalt.

Um ehrlich zu sein, ich glaube, dass es da anfing, bergab mit mir zu gehen. Zumindest zum ersten Mal. Denn sie packte mich mit ihren langen, spitzen Fingern, die überall in mir Frostbeulen hinterließen, und zog mich. Hinunter in ein unendlich tiefes, schwarzes Loch. Sie hatte mich erwischt, mich mit sich gerissen und jetzt fiel ich. Und alles war kalt. Mein Inneres. Eisig. Mein Äußeres. Frostig. Mein Leben. Kalt. Ohne auch nur die geringste Hoffnung auf Entkommen.

Ich konnte mich nicht retten und das Schlimmste daran war, dass ich es wusste. Ich war mir dessen voll und ganz bewusst. So sehr, dass ich mir gar nicht die Mühe gab, zu kämpfen. Ich gab mich der Kälte einfach hin. In der naiven Vorstellung, mich irgendwann mit ihr arrangieren zu können. Aber das konnte ich nicht, denn sie nimmt dir alles, was dir wichtig ist und sie lässt dir, was du sowieso schon dein Leben lang hasst. Es wurde mit der Zeit eher schlimmer als besser und irgendwann gab ich auch jeden noch so dummen Schimmer am Horizont, wissend, dass sich hinter ihm eh nur ein weiterer Blizzard verstecken würde.

Doch dann, als ich nichts mehr wollte, nichts mehr dachte, nichts mehr fühlte, als die Kälte zu triumphieren schien, da kam er. Und er brachte mir das Feuer. Er trat in mein frostiges, vereistes Leben, und er begann es, aufzutauen. Er war wie eine Fackel, die sich immer in meiner Nähe aufhalten wollte. Er kam zu mir und sprühte Funken. Und seine Funken sprangen auf mein Herz über. Sie ließen es kribbeln. Ließen es auftauen. Ließen es warm werden. Es war unglaublich, im tiefsten Abgrund der grausamen kälte hatte er mich gefunden, und er holte mich heraus, verdrängt dieses taube Gefühl aus mir und füllte meine Existenz mit prasselndem Feuer. Es war wunderschön.

So schön, dass es mir sogar gelang, die Kälte zu vergessen. Ab und zu suchte sie mich noch in meinen kühlsten Albträumen heim, doch dann war er da, neben mir und er vertrieb sie jedes Mal mit seiner alles übertreffenden Wärme. Ich will auch gar nicht so tun, als ob es schnell gewesen wäre. Oder einfach. Nein, es dauerte seine Zeit, doch einst vor Kälte aufgeplatzte Glieder schlossen sich, vom Eis tief geritzte Schnitte vernarbten. Es ging nicht von jetzt auf gleich, aber es funktionierte. Und ich, wir arbeiteten daran. Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche und Monat für Monat. Es schien, als ob wir es schaffen könnten.

Doch das konnten wir nicht. Heute, nach so langer Zeit, nach ewiger Arbeit, monatelangem Warten und einer schmerzvollen Prozedur, die zum Ende hin immer schlimmer geworden war, sollte es soweit sein. Heute sollte es mir gelingen, für immer über die Kälte zu triumphieren. Es sah so gut aus, es war so sicher. Aber jetzt erkenne ich, dass sie mich nur getäuscht hat. Dass sie mir nichts mehr hatte tun können, als ich am Boden war. Also hatte sie mich gehen lassen, mir ein angenehmes Leben vorgegaukelt, um mich mit unvermittelter Härte zurückstoßen zu können. Das ist ihr wirklich mit Bravour gelungen.

Jetzt sitze ich also hier. In dieser fremden Kleidung. Auf diesem fremden Bett. In diesem fremden Zimmer. Und spüre, wie die Kälte langsam wieder in meine Glieder kriecht. Dieses Prickeln, wie sie sich wieder den Weg in meinen Organismus bahnt. Am liebsten würde ich schreien, aber wozu? Das würde mir auch nicht helfen. Sie ist zurück und ich kann sie nicht wieder verbannen. Nicht allein, und dieses Mal vielleicht auch nicht mit ihm. Im Endeffekt hatte dieser Kampf doch eh nie einen Sinn. Vielleicht gehört die Kälte ja einfach zu mir. Schließlich hat uns außer ihm nie etwas trennen können. Keine Freunde. Keine Familie. Keine Pillen.

Während ich so darüber nachdenke, hat sie schon meine Brust erreicht und fängt an, mein kleines Herz wieder in seine frostige Hülle zu packen. Zum Schluss holt sie sich alles wieder. Und noch mehr. Genau wie das kleine Wesen, dass ich noch immer an mich gepresst halte, das kleine Bündel, das alles hätte ändern können. Es ist noch warm, von mir, doch es wird abkühlen, ebenso wie die Tränen, die meine Wangen herunterströmen, obwohl ich sie gar nicht brauche. Denn jetzt habe ich wieder die Kälte. Die sich alles holt. Schließlich hat sie sich auch meine Hoffnung genommen, die mich eigentlich von ihr fernhalten sollte.

Die Hoffnung in Form des Kindes, das ich soeben totgeboren habe. Und das bald so sein wird wie mein Leben für Ewigkeiten war, es gerade wieder und auch für immer sein wird. Zu beschrieben mit einem ganz simplen, ganz kleinen Wörtchen. Und trotzdem so grässlich. Kalt.

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