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Kalt geboren

Ich wurde kalt geboren. Und damit meine ich nicht nur, dass meine Körpertemperatur niedriger ist als bei normalen Menschen. Das trifft interessanterweise ebenfalls zu. Aber die wahre Kälte meiner Existenz, die wie gefrorenes Gift in meine Umgebung sickert und jeden in Mitleidenschaft zieht, der sich mit mir abgibt, kommt aus meinem Inneren. Sie liegt mitten in meinem Herzen. Denn ich habe keine Gefühle.

Ich weiß zwar auf einer abstrakten Ebene durchaus, was Schmerz, Trauer, Liebe, Freude und Hass sind. Ich verstehe das Konzept dahinter. Denn ich bin eine verdammt gute Beobachterin. Aber gefühlt habe ich nie etwas davon. Nicht einmal als Kind. Das hat nichts mit Depressionen zu tun. Auch leide ich weder unter Borderline noch bin ich eine Soziopathin im klassischen Sinne. Auch mit meinem Gehirn ist alles in Ordnung. Das habe ich sogar schriftlich. Ich sollte eigentlich fühlen können. Aber ich tue es nicht.

Trotz der Abwesenheit jeder Art von Gefühl besitze ich Interessen und Triebe. Andernfalls wäre ich ja auch nur eine katatonische, unbelebte Statue. Ich verspüre Hunger, Durst und habe sogar einen funktionierenden Sexualtrieb. All diesen Bedürfnissen gehe ich auch nach und erlebe dabei gelegentlich sogar so etwas wie Befriedigung. Aber sie bleibt oberflächlich. Körperlich. Rein triebhaft. In meinem Herzen regt sich überhaupt nichts. Trotzdem vertreibe ich mir gerne die Zeit damit, die Regungen anderer zu studieren.

Durch den Mangel an Emotion und die damit einhergehende analytische Schärfe meines Verstandes weiß ich inzwischen auch mit Sicherheit, dass ich kein Mensch bin. Es ist nicht allein meine Gefühllosigkeit. Auch nicht meine Körpertemperatur, die bislang noch jeden Arzt vor ein Rätsel gestellt hat. Es gibt noch weitere Anzeichen. Meine Mutter war sehr jung, als sie mich zur Welt brachte. Gerade einmal 18 Jahre alt. Jünger, als ich es gerade bin. Und dennoch würde sie niemand für eine 35-Jährige Frau halten, mit ihrer runzligen Haut, den müden, trüben, Augen, dem gebeugten, energielosen Gang und den grauen, dünnen Haaren.

Vor meiner Geburt war sie noch eine wunderschöne Frau gewesen. Das zeigen zumindest Fotos. Es sieht ganz so aus, als hätte ich ihr alle Kraft und Jugend geraubt. Auch mein Vater ist weit vor seiner Zeit gealtert. Ich empfinde darüber kein Bedauern. Auch keine Befriedigung. Es ist einfach, wie es ist. Meine Gegenwart bringt das anscheinend mit sich. Auch meinem Freund wird es so ergehen. Ja, ich habe einen Freund. So wie viele in meinem Alter. So kann ich meine Triebe ausleben. Und ich falle nicht auf. Außerdem vertreibt er mir die Zeit.

Natürlich liebe ich ihn nicht. Aber ich spiele es ihm vor. Das kann ich gut. Sehr gut! Ich habe lange genug analysiert, wie Wesen mit Gefühlen funktionieren. Und wie man sie imitiert. Ich habe jeden kleinsten Muskel in meinem Gesicht unter Kontrolle, jede noch so unbedeutende Vibration meiner Stimmbänder und selbstverständlich auch meine Tränenkanäle. Es ist die perfekte Mimikri. Ich spiele auf ihm – und auf allen anderen Menschen – wie ein Virtuose auf einem Instrument. Auch wenn ich selbst für die Schönheit der Melodie taub bin.

Wahrscheinlich bringe ich ihn irgendwann um. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, bei der kein Verdacht auf mich fällt. Einfach nur um zu sehen, wie das ist. Vielleicht regt sich dann etwas in mir. Aufregung. Bedauern. Genugtuung. Irgendeine dieser mysteriösen und in unzähligen Gedichten, Filmen, Büchern und Liedern beschworenen Emotionen. Vielleicht aber auch nicht. Dafür müsste er mir zuerst einmal etwas bedeuten.

Er vertreibt mir die Zeit und bildet ein hervorragendes Studienobjekt. Das muss ich zugeben. Immer wieder probiere ich neue Sätze oder Verhaltensweisen in seiner Gegenwart aus, um bestimmte Reaktionen hervorzurufen. Inzwischen kann ich ihn mit 97% Wahrscheinlichkeit zu jeder von mir beabsichtigter Handlung verleiten. Wenn ich wollte, würde er für mich lügen, stehlen, töten, sich entmannen oder sich meinen Namen auf jeden Zentimeter seiner Haut ritzen. Es ist interessant. Mehr aber auch nicht. Und irgendwann wird es mich langweilen. Dann wird es Zeit weiterzuziehen.

Ohnehin ist die Langeweile mein größter Feind. Eine Zeitlang konnten mir hier auch meine speziellen Fähigkeiten weiterhelfen. Denn die Kälte in mir hat mir noch mehr geschenkt als ein taubes, steinernes Herz, einen kalten Körper und die Fähigkeit, Lebenskraft und Lebensfreude abzusaugen wie ein Schwarzes Loch.

Zum ersten Mal hatte ich es registriert, als ich auf dem Spielplatz eine Schar Vögel sah, die sich dort auf der Suche nach etwas Essbarem niedergelassen hatte. Es war gerade Sommer, und ich dachte darüber nach, dass diese Vögel im Winter in wärmere Gefilde fliegen würden. Dabei fragte ich mich, ob es möglich wäre, sie daran zu hindern. Sie dem Frost auszuliefern, dem sie Jahr um Jahr ein Schnippchen schlugen. Ich hielt es für ungerecht, dass der Kälte ihre Beute vorenthalten wurde, wo doch die Vögel ihrerseits stets genug Körner, Brotkrumen oder Insekten fanden, um ihren Hunger zu stillen. Also konzentrierte ich mich und dachte an all die Kälte, die sich vor der brütenden Sommerhitze zurückziehen musste, holte sie aus ihren fernen Verstecken hervor und zog sie gedanklich zu einem einzigen Punkt zusammen, der sich inmitten der lärmenden Vögel befand.

Kurz spürte ich, wie ein frostiger Lufzug meine Haut streichelte. Ich schloss die Augen. Und als ich sie wieder öffnete, sah ich vor mir acht glitzernde und von Raureif überzogene Vögel, von denen einige sogar mitten in ihrer Flug- oder Landebewegung eingefroren waren. Der Anblick entbehrte nicht einer gewissen Schönheit. Zumindest, wenn man den Sinn für so etwas hatte.

Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, sorgte der Vorfall nicht nur bei uns in der Stadt für Aufsehen. Da sich aber niemand irgendeinen einen Reim auf diesen plötzlichen und lokal so begrenzten Temperaturabfall machen konnte, verschwand das Thema bald wieder aus den Nachrichten und wurde in den Erinnerungen vieler Menschen zu einer urbanen Legende. Natürlich hatte mich damals niemand mit diesem Ereignis in Verbindung gebracht. Wie sollte auch ein achtjähriges Mädchen so etwas bewirken?

Die Tage nach diesem spontanen Experiment war ich ein wenig schwach und ausgelaugt. Aber immerhin hatte ich auf diese Weise mehr über mich selbst erfahren können. Gelegentlich wendete ich diese neu entdeckte Fähigkeit in kleinerem Rahmen an streunenden Katzen, Eichhörnchen oder auch nur Insekten an, um sie zu perfektionieren und mir die Langeweile zu vertreiben. Mit der Zeit wurden die Erschöpfungsphasen kürzer und die Reichweite meines besonderen Talents immer größer. Aber ich achtete stets peinlichst genau darauf, bei meinem Tun nicht bemerkt zu werden. Mir war klar, dass ich niemanden auf meine Fähigkeit aufmerksam machen sollte, falls ich nicht in irgendeiner streng geheimen Forschungseinrichtung enden wollte.

Eine weitere Besonderheit bemerkte ich an mir, nachdem meine Mutter mir zwei kleine Hamster geschenkt hatte. Wahrscheinlich hatte sie gehofft, mir auf diese Weise etwas Wärme und Mitgefühl beizubringen, denn obwohl ich genau weiß, dass ich sie und auch meinen Vater inzwischen von meiner Liebenswürdigkeit überzeugt habe, so war mir dies zu Beginn meiner Kindheit noch weitaus schwerer gefallen. Rückblickend bin ich mir sicher, dass meine Eltern damals panische Angst vor mir hatten.

Jedenfalls hatte ich die beiden pausbäckigen Fellwesen aufmerksam beobachtet, ihnen beim Trinken, Fressen und Scheißen zugesehen und gelegentlich versucht, eine Reaktion zu provozieren, indem ich meine Hand in ihren Käfig steckte. Meistens sind die Tiere voller Panik in eine der Ecken ihres Käfigs geflüchtet. Einmal aber hat mich eines von ihnen so fest in meinen rechten Zeigefinger gebissen, dass er blutete.

Einer dieser Blutstropfen fiel herunter auf das Fell des Nagers, und er fing sofort an zu zittern und zu frieren. Das brachte mich auf eine Idee. Ich nahm eines der Tiere heraus und steckte es in eine Schuhschachtel. Dann nahm ich die Tränke aus dem Käfig und holte mir außerdem ein Messer aus der Küche, was kein Problem war, da meine Eltern gerade beide nicht zu Hause waren. Ich hielt meinen Arm über die Tränke, drückte das Messer an den Arm und schnitt eine klaffende Wunde in ihn hinein, aus der ein Strom von Blut in die Tränke hineinfloss.

Da meine Wunden die Eigenheit besaßen, sich bereits nach kurzer Zeit wieder zu schließen, hielt ich die Wundränder mit der anderen Hand weit auseinander. Als sich die Tränke zur Hälfte mit meinem Blut gefüllt hatte, gab ich noch etwas Wasser hinzu. Nun befestigte ich die Tränke wieder am Käfig und wartete ab. Zuerst zögerte der verbliebene Hamster, das Blut aus der Tränke zu sich zu nehmen, und ich dachte schon, dass mein Experiment scheitern würde. Dann aber wurde sein Durst zu groß. Er begann gierig an seiner Tränke zu nuckeln, und ich beobachtete aufmerksam, was als nächstes passieren würde. Meine Vermutung bestätigte sich. Zuerst zuckte und zitterte der kleine Hamster unkontrolliert, dann verkrampfte sein Körper sich ruckartig und zuletzt gefror sein Gesicht zu einer kalten, steifen Fratze. Ich nahm den Kadaver heraus, und selbst in meinen Händen fühlte er sich kalt an. Und nicht nur das. Er war vollständig gefroren. Ein durchaus interessantes Ergebnis.

Zeit für das nächste Experiment. Ich besorgte mir eine Spritze aus dem Medizinschrank meiner Mutter – obwohl sie Mitte dreißig war, hatte sie Altersdiabetes – und zog sie mit dem Blut aus der Tränke auf. Dann nahm ich den verbliebenen Hamster aus der Schuhschachtel und verabreichte ihm mein Blut direkt in seinen tobenden Körper. Es führte zur gleichen Reaktionen wie bei dem ersten Versuchsobjekt. Nur sehr viel schneller. Interessanterweise tauten die beiden Hamsterleichen auch nach mehreren Stunden nicht wieder auf. Selbst als ich sie auf die Heizung legte. Nachdem die Tiere selbst nach zwei Wochen noch immer steif und kalt waren, warf ich sie in die Mülltonne vor dem Haus. Und erzählte meiner Mutter später tränenreich, dass sie aus ihrem Käfig geflüchtet wären. Andernfalls hätten meine Eltern nur unnötige Fragen gestellt. An den besonderen Eigenschaften meines Blutes gab es für mich jedenfalls keinen Zweifel mehr.

Plötzlich klopft es an der Tür. „Komm ruhig rein!“ rufe ich mit meiner besten zuckersüßen und sympathischen Stimme. Einen Moment später kommt meine Erzeugerin ins Zimmer. Heute sieht sie noch verbrauchter aus als sonst. Trotzdem scheint sie gute Laune zu haben. Das erkenne ich genau. „Hallo mein Schatz. Dein Vater und ich wollen uns eine Pizza bestellen. Willst du auch eine?“ fragt sie mich mit einem offenen Lächeln, welches ich auf vollendete Art erwiderte. „Gerne! Ihr könnt mir eine Funghi bestellen, wenn ihr so lieb wärt.“ In meiner Stimme schwingt ein wohldosiertes Fünkchen Euphorie mit.

Meine Mutter scheint sich über meinen sonnigen Gesichtsausdruck zu freuen. „Klar, deine Lieblingspizza. Kommt sofort.“ Sie zwinkert mir mit ihrem faltenumrandeten Auge zu und verlässt dann wieder mein Zimmer.

Eigentlich ist es mir vollkommen egal, was ich esse. Aber ich muss nun einmal essen, und wenn ich diese Art von alberner Begeisterung zeige, macht das meine Maske nur noch glaubwürdiger. Aktuell muss ich noch einen guten Eindruck bei meinen Erzeugern hinterlassen. Immerhin sichern sie meine Ernährung und meine Unterkunft. Nüchtern betrachtet sind sie für mich das, was einem Parasiten sein Wirt ist.

Wo war ich stehengeblieben?

Ach ja. Was ich nicht bin – nämlich ein gewöhnlicher Mensch – weiß ich inzwischen mit absoluter Sicherheit. Was ich aber BIN, ist mir nach wie vor unklar, auch wenn ich mir natürlich verschiedene Gedanken dazu gemacht habe.Esoteriker reden des öfteren von Kristallkindern oder Indigokindern, die besonders empfindsam, empathisch und spirituell veranlagt sein sollen. Vielleicht bin ich das genaue Gegenteil davon: Ein Eiskind. Genauso gut könnte ich aber auch ein Dämon oder der Spross eines Gottes sein.

Eine weitere interessante Theorie über mein Wesen kam mir, als ich in einem wissenschaftlichen Artikel las, dass das Universum langsam, aber sicher dem Kältetod entgegentreibt. Sterne und Galaxien driften – getrieben von der Macht der dunklen Energie – immer schneller und schneller auseinander, bis irgendwann der letzte Funke Wärme im einem Meer aus Kälte und Regungslosigkeit ertrinken wird. Vielleicht bin ich ein Avatar dieser Kälte. Ihr Messias. Ihre Verkörperung auf diesem Planeten.

Doch all das sind natürlich nichts als Mutmaßungen. Sicher weiß ich nur, dass ich bin, wie ich bin, und dass ich auf den Tag warte, an dem ich nicht mehr an das enge Gefängnis meines Elternhauses gebunden sein werde. Ich bin es so leid, meinen Erzeugern dieses alberne Theater vorzuspielen. Dieses Schauspiel, ein Wesen zu sein, das Träume hat, das Anteil nimmt, das Mitleid empfindet. Nach der Schule würde ich ausziehen.

Ich war übrigens eine gute Schülerin. Auch wenn das bei jemandem mit absolutem Gedächtnis, einer perfekten Beobachtungsgabe und ohne emotionale Ablenkungen nicht verwunderlich war. Jedenfalls … sobald ich frei war, konnte ich wieder ich selbst sein. Vielleicht würde ich aber auch studieren und noch mehr über die Menschen lernen, oder ich würde eine Machtposition in Politik oder Wirtschaft erreichen, die mir ganz neue Möglichkeiten eröffnen würde. Ich habe immerhin alles, was man dazu braucht. Vollendete Gewissenlosigkeit und das Wissen, wie man nichtsdestotrotz sympathisch und vertrauenswürdig wirkt.

Und wie es aussieht, muss ich meinen Weg an die Spitze nicht einmal allein gehen. Denn inzwischen weiß ich, dass es andere wie mich gibt. Sehr viele sogar. Ich sehe sie in den Fußgängerzonen, in Geschäften, in Restaurants und Diskotheken. Wir reden nicht miteinander. Aber wir erkennen uns. An der Perfektion unserer Masken, an der Beherrschtheit unseres Ganges und vor allem an dem niemals schmelzenden Eis, das in den Tiefen unserer Augen glitzert.

Was ich einmal mit meiner Macht anfangen werde, weiß ich nicht. Ich hege keine bestimmten Absichten. Keine konkreten Ziele. Aber irgendwie weiß ich, dass diese Absichten noch kommen werden. Im richtigen Moment. Sobald ich... Nein, sobald WIR uns in Position gebracht haben. Vielleicht waren wir vor allem das: Leere, kalte Gefäße, in denen sich irgendwann ein dunkler Trieb einnisten und die ganze Schöpfung in seine frostige Leere saugen würde. Dieser Gedanke löst beinah so etwas wie Freude in mir aus. Aber nur beinah.

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