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Er berührte ihre Hand. Den kalten Wind, der um die Beiden pfiff, blendeten sie aus, wie sie es immer taten. Ihnen war warm, so wie ihnen immer warm war wenn sie zusammen waren. Der Weg zu ihr nach Hause, von der Schule aus, war derselbe wie immer. Alles, war wie immer. Bis der Bus wie aus dem Nichts kam und Amalia, die gerade rückwärts einen Schritt gemacht hatte und ihn anlächelte, weg von seiner Hand riss. Die Schreie der Kinder, Frauen und Männer, die eben noch saßen, wurden lauter und mischten sich irgendwann mit den Krankenwagen, Polizeiautos, dem Heulen ihrer Mutter, die er geistesabwesend angerufen hatte und seinem eigenen Schrei. Wie ein einziges, dröhnendes Geräusch wollte es seinen Kopf nicht mehr verlassen. Im Krankenhaus hatte er ihre Hand wieder zurück. Eine noch warme, lebende Hand. Er sah sie nicht, er spürte sie nur, mit den verheulten Augen versuchte er instinktiv sie zu sehen, während der noch total neben sich stehende Busfahrer immer wieder und wieder versuchte sich rauszureden. Eine Entschuldigung war von ihm nicht zu erwarten. Amalias Mutter saß neben ihm auf dem andern Stuhl an ihrem Bett und starte in einer völligen Extase auf ihre im sterben liegende Tochter.

Die Nacht durfte er nicht im Krankenhaus verbringen, er gehört ja nicht zu Familie. Die Welt drehte sich weiter und er musste natürlich auch weiter machen. Als er aber dann um 4:27 Uhr den Anruf bekam, hörte sie endgültig auf, sich zu drehen. Der Tod kommt nicht immer wie man es erwartet, oder hofft. Er fragte sich ob es zu viel Glück, zu viel Freude und einfach zu viel Gutes für einen Menschen war, nein war es nicht, das war nicht gerecht. Es war ohne Grund, es war sinnlos. In diesen Depressionen gefangen besuchte er sie in der Leichenhalle. Ihre langen, hell-braunen Harre lagen offen auf dem tiefdunkel blauen Samt, des Eichenholzsarges. Ihre geschlossenen rosa Lippen in dem weißen Gesicht, gaben einen wunderschönen Kontrast zu dem weißen, spitzen Kleid. Er ertrug es nicht lange sie so reglos zu sehen. Auf dem Nachhauseweg fühlte er sich verfolgt. Zuhause wollte nur noch schlafen, seine Augen taten weh und fühlte sich als müsste er auch sterben.

Dieses Gefühl verließ ihn auch in den nächsten Tagen nicht. Es wurde nur durch Situationen, wie übersehene Treppenstufen, ausrutschende Messer beim Kochen und vorbei rasende Züge, verstärkt. Als Shane das Haus nach 4 Wochen, gefüllt mit beinahe-Toden, gar nicht mehr verlassen wollte, hörte er ein Rufen. Es kam eher aus seinem Unterbewusstsein. Er wollte es mit viel zu lauter Musik übertönen, aber es wurde nur stärker. Es drang so tief in seine schwache Psyche ein, dass er das Gefühl bekam jemand würde neben ihm stehen und versuchen schreiend mit einem Messer in der Hand sein Trommelfell zu zerstechen. Er riss die Kopfhörer runter und zum ersten Mal antwortete er auf die ewige Frage, ob er mit kommen wird. Weinend schrie er: „Warum hörst du nicht auf!? Was soll ich denn tun, wohin soll ich gehen!? Wer auch immer du bist, nimm mich mit, ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr..“

„Gut.“ Mehr hörte er nicht mehr von dieser fremden Stimme, der er trotzdem vertraute. Sie schien ihn nach draußen zu lenken. Langsam ging er die Treppen runter und hoffte draußen im Garten etwas zu finden, das ihm half zu vergessen. Er wusste, dass es dumm war, dass es unrealistisch war, doch er kam sich so unzurechnungsfähig vor, dass es ihm egal war. Er öffnete die Tür und trat in den kalten, schwarzen Garten. Seine Augen brauchten einen Moment um sich an die Dunkelheit anzupassen. Er suchte und dann fand er an dem, vom Mond angeschienen, großen, dunklen Kastanienbaum ein leuchtendes Etwas. Es war immer Amalias und sein Lieblingsplatz gewesen. Er konnte es nicht zuordnen und er war sich nicht sicher ob da überhaupt etwas war, aber entschlossen ging er los, als hätte er keine andere Wahl. Es zog ihn an. Der Wind lief wie ein kalter Schauer seinen Rücken runter. Seine schwarzen Haare wehten in sein Gesicht und als er sie wegstrich, sah er auf dem Boden eine zusammengekauerte Gestalt, die schaukelnd vor sich hin flüsterte. „..komm mit, folge mir.. endlos, mhh.. komm..“ erschrocken machte er ruckartig einen Schritt zurück.

Nach kurzem Stolpern fiel er hart über eine Wurzel auf den Boden. In wenigen Sekunden hörte das Flüstern auf und die Gestalt riss ihren Kopf um 90 Grad zu ihm herum. Plötzlich saß sie wenige Zentimeter vor seinem Gesicht und streckte ihre Hand fordernd nach ihm aus. Der Wind blies die Haare aus dem Gesicht der Gestalt und dann sagte die offensichtlich tote Amalia in einer herrschenden Stimme leise „Jetzt, kommst du mit.“ Ihm fehlten die Worte und auch der Mut um etwas zu sagen. Er versuchte sich in seiner immer noch währenden Schockstarre zu sammeln, doch er wusste nicht, was er tun sollte. Ihr total verrücktes Grinsen und ihre weit aufgerissenen, grünen Augen lenkten ihn zu sehr ab. Gerade als er begann zu begreifen, dass das alles kein Traum war und er um zu überleben rennen musste, denn sie wollte ihn eindeutig mitnehmen, breiteten sich hinter ihr große, schwarze Flügel aus. Er krabbelte nach hinten, doch mit einem Satz sprang sie auf ihn. Sie packte ihn und er konnte sich nicht wehren. „Shane“ sagte sie und schwang sich mit ihm in die Luft.

Er hatte Angst, die größte Angst seines Lebens, aber gleichzeitig fühlte er zum ersten mal nach Wochen wieder dass er noch lebte. Auch wenn sich das in dieser Situation schnell ändern könnte, begann er sich gegen Amalia zu wehren. Im Flug war das bestimmt nicht die beste Lösung aber er hatte wieder den Wunsch zu Leben. Er hatte beschlossen zu Kämpfen. Doch die Tatsache dass er sie immer noch aufrichtig liebte machte es ihm nicht leicht. Er kämpfte gegen ihre Arme an, die ihn hielten. Doch sie war nicht mehr die schwache menschliche Amalia. Sie war tot, stark, immer noch wunderschön und auf eine merkwürdige, falsche Art ein Engel. Er schlug und trat, doch sie schien es nicht mal zu merken. „Hast du gemerkt wie ich versucht habe dich zu retten? Den Schubs vor das Auto gestern, oder den Zug der dir ein bisschen zu nah kam? Du hättest ruhig ein bisschen Initiative ergreifen können“, sagte se kichernd.

In einer abgelegenen Hütte am Wald, in der sie schon etliche Sommer zusammen verbracht hatten, berührte er endlich wieder den Boden. Er rannte, schnell und ziellos, als hätte er eine Chance. Er fand sich in der Küche wieder, seine Fäuste spannten sich an, als er hörte wie ihre Schritte näher kamen. Ein leises Tropfen auf den Küchenboden weckte seine Aufmerksamkeit. Angespannt blickte er auf den Boden und sah wie Blut aus seiner Hand tropfte. In seiner rechten Faust hielt er ein großes Küchenmesser. Er konnte sich nicht daran erinnern, es genommen zu haben, doch als sich die Tür langsam und knarrend öffnete, war er froh, dass er es hatte. Sie nahm seine andere Hand und aus reiner Neugier folgte er ihr tonlos. Draußen setzte sie sich auf einen Stein und zog ihn vor sich. „Was glaubst du was ich vor habe?“, war alles was sie fragte. Er zögerte und fragte mit einer leisen, zitternden Stimme: „Dafür zu sorgen das ich bei dir bleibe..?“ Lächelnd antwortete sie: „Ja, du musst wohl auch sterben...“ Als sie ansetzte ihn zu küssen, hörte er nichts, außer seinen schnellen, lauten Herzschlag, wie benebelt strich er sanft über ihre Wange. Das Mondlicht machte sie schöner als sie je war und in ihren großen, grünen Augen spiegelte sich sein schmerzverzerrtes Gesicht, als er ihr mit einem Zug die Kehle durchschnitt. Das dunkle, kräftige Rot ihres Bluts färbte sein Shirt. In diesem Moment starb etwas endgültig in ihm. Als er auf die Seite wich, fühlte er sich einsam wie nie zuvor in seinem Leben. Die dunkelrote Kette aus Blut hörte auf zu fließen und alles restliche Leben wich aus ihrem Gesicht. Ja, es war das Richtige, aber als er sich die Pulsadern aufschnitt und seinen Kopf an ihre Schulter lehnte war es zu spät für ihn um das zu begreifen.

Ihre beiden Hände waren in einander verschlungen als man sie fand. Sie waren kalt, leblos, aber für immer vereint.

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