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Hast du eine Satellitenschüssel? Dann wirst du sicherlich merken, dass sich täglich mehrere hundert Sender zu dir ins Wohnzimmer beamen. Manche sind deutsch, andere aus dem Ausland, wieder andere bestehen nur aus einem Standbild oder einem Hinweis auf eine Internetseite, meist mit Inhalten für Erwachsene. Und andere sind komplett schwarz. Aber du kennst sicherlich nicht alle deine Sender auswendig. So ging es mir auch, ich sah mir nicht mehr gezielt irgendwelche Sendungen an, sondern schaltete einfach den Fernseher ein und zappte so lange durch, bis ich etwas Interessantes fand.

Auch an diesem verhängnisvollen Abend ging ich so vor. Ich musste mir nicht die hundertste Wiederholung irgendeiner Sitcom ansehen oder in einer Talkshow zuhören, wie Töchter ihre Mütter beschimpften oder umgedreht. Hätte ich es doch getan. Jedenfalls hatte meine Aufmerksamkeitsspanne bereits abgenommen als ich auf Kanal 119 gelangte. Ich weiß nicht, ob dieser Kanal wirklich so hieß, er lag bei mir nur auf der 119. Es war ein recht seltsames Programm, man sah eine Frau auf einem Stuhl sitzen in einem absolut weißen und sterilen Raum ohne erkennbare Fenster oder Türen. Sie blickte stumm nach unten, bis sie nach einigen Sekunden aufsah und es schien, als würde sie mich bemerken und fixieren. Ihr Gesicht war blass und ihre Lippen und Augen auffällig geschminkt, so als hätte der Visagist es etwas zu gut gemeint. Sie schien geradezu einer Theaterproduktion der 30er Jahre entsprungen zu sein, wo man so leuchtende Farben verwenden musste, damit das Publikum etwas erkannte. Ein wenig musste ich über die ganze Sache schmunzeln, das direkte Sehen in die Kamera und damit das gewollte Durchbrechen der vierten Wand war ja nun wirklich kein neues Stilmittel. Allerdings wusste ich nicht ganz, was das für eine Sendung sein sollte, beschloss jedoch, noch ein wenig weiter zu gucken um zu erfahren, was es damit auf sich hatte. Vielleicht war es ein guter Horrorfilm, die entsprechenden Stilmittel verwendete es ja.

Da für mich zum Fernsehen auch ein kühles Bier gehörte, stand ich kurz von meinem Sessel auf und ging in die Küche, um das entsprechende Getränk zu holen. Doch als ich zurück kam, blickte die Frau mich immer noch an, schlimmer noch. Ihre Augen folgten mir auf meinem Weg von der Tür zum Sessel. Das ganze wurde mir dann doch unheimlich und ich beschloss, umzuschalten. Da sah ich mir dann doch lieber eine dieser Sitcoms an, bei denen ich schon mitsprechen konnte. Das Erlebte verdrängte ich schnell, es war wohl nur ein Zufall gewesen, dass ihr Blick mir augenscheinlich gefolgt ist. Ich meine, ich bin Realist und wollte nicht an irgendwelche Spukgeschichten glauben.

Wie üblich schlief ich beim Fernsehen auf dem Sessel ein. Es musste wohl so 3 Uhr nachts gewesen sein, als ich aufwachte. Sofort fiel mir auf, dass mein Wohnzimmer heller war als um diese Zeit zu erwarten war, was daran lag, dass der Schein der Mattscheibe es erleuchtete. Mein Fernseher hatte, wie die meisten modernen Geräte, einen Autoshutdown, wenn man eine Weile lang die Fernbedienung nicht benutzte. Doch das Gruselige war nicht, dass der Fernseher an war, es war das Bild, das dort erschien. Es war wieder die Frau von Kanal 119 und sie... sie lachte mich an. Diesen Gesichtsausdruck werde ich niemals vergessen. Sie wusste es, sie wusste, dass ich da bin.


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Es lief mir eiskalt den Rücken herunter, ich bekam Panik und fingerte hektisch nach der Fernbedienung. Der Ausknopf erlöste mich von diesem grausamen Anblick, der Bildschirm wurde schwarz und das Grauen endete für diesen Moment. Aber in diesem Raum wollte ich keine Sekunde länger bleiben, zu viel Angst hatte ich davor, dass sich der Fernseher erneut von selber einschalten würde und dann... dann würde sie mich wieder anblicken, wissend, dass ich da bin. Ich schloss mich für den Rest der Nacht im Badezimmer ein und schwor am nächsten Tag, diesen Fernseher zu verschrotten.


Aber wie es nun mal so ist, beim ersten Sonnenstrahl und der Wiederkehr der Normalität verschwand auch die Angst. Es war wohl alles nur Einbildung gewesen, redete ich mir ein, wir Menschen sind großartig darin, Sachen zu verdrängen. Ein Alptraum durch das verstörende Programm, dass ich gesehen hatte, ja, so musste es gewesen sein. Der Tag verlief relativ normal, ich ging zur Arbeit, quälte mich durch den Verkehr und nichts erinnerte mehr an die Frau auf Kanal 119, nur die Erinnerung, die mich nicht losließ. Aber ich war mir sicher, dass dies auch mit der Zeit vergehen würde. Mit 10 Jahren hatte ich mal einen wirklich verstörenden Horrorfilm gesehen, zumindest fand ich ihn damals verstörend und ich war der Meinung, nie wieder schlafen zu können. Aber mit der Zeit ist auch das vorbeigegangen, das glaubte ich fest.

Als ich nach Hause kam, zwang ich mich geradezu, mich wieder in meinen Sessel zu setzen und den Fernseher einzuschalten. Der beste Weg, wieder zur Normalität zurückzukehren, ist es, sich dem zu stellen, vor dem man Angst hat. Genau wie am Tag zuvor schaltete ich die Programme durch, Kanal 1, Kanal 2, Kanal 3... meine Nervosität stieg, je höher die Nummer wurde, 116, 117, 118... ich atmete noch einmal durch und schaltete Kanal 119 ein. Aber da war nichts, nur ein schwarzes Bild. Lediglich die kleine, grüne Zahl, die mein Fernseher oben einblendete, zeigte mir, dass ich auf den richtigen Kanal war. Ihr könnt euch vorstellen, wie groß meine Erleichterung war. Was auch immer da war, das mir Angst gemacht hatte, nun war es verschwunden. Also endete der Abend wie üblich, ich schlief vor irgendeiner albernen Talkshow ein.

Doch wie in der vorangegangenen Nacht wachte ich auch dieses Mal auf und sah die Frau wieder. Sie schien im selben Raum in meinem Wohnzimmer zu sein und stand nur wenige Meter von mir entfernt. Ich schrie vor Panik, doch dann erkannte ich die Wahrheit. Sie stand nicht auf der Seite des Raumes, wo mein Fernseher stand, die Seite, die ich von meinem Sessel eigentlich hätte erkennen müssen. Mein Sessel stand hinter ihr und er war leer. Sie war nicht im selben Raum mit mir, sondern hinter einer großen Scheibe, welche die ganze Wand einnahm. Doch das beruhigte mich nicht, es mehrte meine Panik nur noch, als mir bewusst wurde, was geschehen war. Wir hatten die Plätze getauscht, ich war nun gefangen in meinem Fernseher, gefangen auf Kanal 119. Meine Schreie verstummten für eure Welt, als sie den Finger auf die Lippen legte und den Ausschalter drückte.


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