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Ich stand auf dem Dach des eingezäunten, kameraüberwachten Hochhauskomplexes von Helix-Pharma. Hier hatte ich die längste Zeit meines Lebens gearbeitet, nein, fast schon gelebt, gelebt für die Forschung, gelebt für die Verbesserung unserer Produkte und für die Verbesserung der Lebensqualität so vieler Menschen. Das heißt, bis sich alles verändert hatte. Als das erste Mal eine Glühbirne erlosch, wenn ich einen Raum betrat, dachte ich mir nichts weiter dabei. So etwas kommt vor. Ist jedem schon einmal passiert. Zwei Tage später passierte es wieder. Ich betrat am Morgen mein Büro, schaltete das Licht ein, und als ich meine Jacke aufgehängt und an meinem Schreibtisch Platz genommen hatte, war es schlagartig wieder dunkel im Raum, denn es war noch unverschämt früh und Winter. Der Hausmeister war sicher noch nicht da, also fuhr ich meinen Rechner hoch und benutzte das Licht des Monitors, um die neuesten Testergebnisse durchzugehen, die mir die Laborabteilung am Vorabend geschickt hatte. Alles sah sehr vielversprechend aus, und ich war guter Dinge. Gegen acht Uhr rief ich das erste Mal die Nummer der Haustechnik an, und um halb neun hatte ich endlich jemanden an der Strippe. Ich schilderte den Vorfall, am anderen Ende der Leitung brummelte man etwas von „Stromnetz“ und „unregelmäßig“ in die Leitung. Zehn Minuten später war ein Azubi da und schraubte die neuen Birnen in die Fassungen. Das erste Mal dünnhäutig reagierte ich tags darauf, als das alles wieder passierte. Ein weiteres Mal las ich also im Licht des Monitors die Berichte und Auswertungen vom Vortag und begann, meine auf ihnen basierende Taktik für den Tag auszuarbeiten. Wieder rief ich die Haustechnik an und dieses Mal reagierte man am anderen Ende der Leitung leicht ungläubig und moderat ungehalten. Neben dem Azubi hatten sie einen ausgebildeten Techniker mitgeschickt, der den Lichtschalter aufschraubte und mit allerhand Gerätschaften Werte nahm und Lötstellen prüfte und solche Dinge. Wahrheitsgemäß berichtete ich ihm, dass die Glühbirnen keineswegs direkt nach dem Betätigen des Schalters das Zeitliche segneten, sondern erst einige Sekunden später. Wieder wurde seitens der Blaumänner von Netzschwankungen und eventuellen Überlastungen fabuliert. Die Fehlerquelle sei nicht in meinem Büro zu finden, hieß es. Ich sollte mir keine Sorgen machen, hieß es.


Dieses Spiel wiederholte sich an den drei darauffolgenden Tagen ebenfalls und am vierten Tag, meinem freiwilligen Samstag, den ich der Firma gerne schenkte, verweigerte die Haustechnik die Annahme meiner Anrufe. Erst auf meine Beschwerde bei übergeordneter Stelle hin reagierten die Blaumänner. Mit mürrischen Gesichtern taten sie das Nötige und würdigten mich keines Blickes. Meinen Versicherungen, dass ich sie keineswegs zum Narren halten wollte, wurde lediglich pro forma Glauben geschenkt, das konnte ich in ihren Gesichtern lesen. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu den Jungs gehabt, war sogar etwas stolz darauf gewesen und dieses litt nun sichtlich unter dem merkwürdigen Phänomen. In der Kantine erfuhr ich, dass man mich bereits den „Birnenmann“ nannte. Erstaunlich, wie schnell so etwas gehen kann. Als ich nach der Mittagspause wieder vor meinem Rechner Platz nahm, begann urplötzlich der Monitor zu flackern und dann war das Bild weg. Ein wenig Rauch stieg von der Gehäuserückseite aus auf und drei Sekunden später schrillten die Rauchmelder auf der ganzen Etage los wie eine Horde kreischender Laboraffen.


Ich glaube, ich muss nicht betonen, wie sehr mich das alles ankotzte. Wütend und verwirrt verließ ich das Gebäude. Die Haustechnik wollte und brauchte ich nicht anzurufen. Die würden von selbst kommen. Rauchmelder sei Dank! Ich freute mich auf ein verfrühtes, ruhiges Wochenende zu Hause und das ein oder andere Gläschen Weißwein vor dem Fernseher. Ja, das würde mir helfen, so dachte ich, mich mit irgendwelchem unhaltbaren Science-Fiction-Müll berieseln und mich schläfrig trinken. Irgendwie ging mir das alles ziemlich ans Nervenkostüm. Diese unfähigen Blaukittel. Irgendwo musste der Hase doch im Pfeffer liegen. So schwer konnte das nicht sein! Diese Meinung begann ich bald zu revidieren, als mein Fernseher nach zwei Minuten den Geist aufgab und meine elektrischen Jalousien heruntergefahren wurden, ohne dass ich der Fernbedienung auch nur nahe gekommen wäre. Ich denke, ich muss nicht extra erwähnen, dass auch die modernen, stromsparenden LED-Leuchten, die ich in meiner Wohnung hatte verbauen lassen, nach wenigen Sekunden den Dienst verweigerten. Ich tastete mich durch die Wohnung und stieß mehrmals schmerzhaft an irgendwelche Kanten, bis ich es in die Küche geschafft hatte, wo ich in einer Schublade neben dem Herd eine Taschenlampe verwahrte. Ich betätigte den Schalter des Gerätes, aber die Batterie schien leer zu sein. Wütend warf ich das nutzlose Ding in die nahezu vollständige, Schwärze, die mich umgab.


Das konnte doch nicht wahr sein. Eine solche Anhäufung von Defekten … unmöglich, dass das Zufall war. Aber wie sonst konnte man das erklären? Ich schrie und fluchte vor Frustration, als auch die Digitalanzeige meines sündhaft teuren Elektroherdes erlosch und ich mit einem Mal komplett im Dunkeln stand. Natürlich habe ich mich zum Lichtschalter getastet, natürlich habe ich ihn unzählige Male betätigt, natürlich habe ich mein Handy aus der Hosentasche geholt und vergeblich, versucht einen Elektriker-Notdienst zu erreichen. Natürlich habe ich, völlig derangiert und am Ende, meine Wohnung verlassen und Quartier in einem Hotel genommen. Allerdings dauerte es nicht lange, bis auch dort die Technik versagte. Dreimal gaben sie mir ein neues Zimmer, bis sie mich mit argwöhnischen Blicken hinaus komplimentierten. Dreimal an einem Tag. Gerade, als ich völlig verzweifelt die Lobby verließ, gab es hinter mir einen gewaltigen Knall und ein unglaubliches Getöse. Der Fahrstuhl war abgestürzt.


Die Wucht und die Energie, mit der die Fahrgastkabine auf dem Boden aufschlug, ließ die altmodischen Holztüren zerbersten. Splitter schossen durch die Lobby. Eine Stahlstrebe bohrte sich in den Bauch einer Schwangeren, die gerade auschecken wollte. Ein Stück Tür schmetterte einen Geschäftsmann zu Boden und ein wild gewordenes Stahlseil bohrte sich mit einem zerfransten Ende in das Auge eines Pagen. Viele andere Gäste wurden von kleineren Splittern verletzt und gingen ebenfalls zu Boden. Einen Moment, nachdem das alles geschehen war, ergriff ich einfach nur die Flucht. Es war zu viel für mich, viel zu viel. Ich konnte doch nichts dafür, sagte ich mir. Es war Sonntagnacht, und da ich keine Ahnung hatte, wohin ich mich hätte wenden sollen, ließ ich mich mit dem Taxi zurück zu meinem Arbeitsplatz fahren. Als Peters, der Nachtpförtner, mich in dem Taxi erkannte, öffnete er die Schranke nicht.


Stattdessen kam er um den Wagen herum und drückte mir einen Brief in die Hand. Der mitleidige Ausdruck in seinen Augen macht mich selbst jetzt noch wütend. Sie hatten mich beurlaubt, mit vollen Bezügen zwar, aber ohne Angabe eines Grundes. Unten auf dem Brief war noch eine handschriftliche Notiz meines Vorgesetzten gewesen. Die Nummer eines Psychiaters und der Ratschlag, mir Hilfe zu suchen. Eines Psychiaters! Mein Zorn wuchs ins Unermessliche, aber es gelang mir halbwegs, ruhig zu klingen, als ich den Taxifahrer anwies, einfach nur herumzufahren, bis ich ihm weitere Anweisungen geben würde. Das alles war doch unmöglich! Ich haderte und haderte mit den Ereignissen und erst, als ich nach vielen Stunden des Umherfahrens im Taxi bemerkte, dass es bereits hell geworden war und dass ich meine Hände so fest zu Fäusten geballte hatte, dass meine Fingernägel tiefe und blutige Kerben in meinen Handflächen hinterlassen hatten, bat ich den Fahrer, die Nummer auf dem Brief anzurufen und einen Termin für mich zu vereinbaren.


Ich selbst wollte das lieber nicht tun und ich konnte es ja auch gar nicht. Alles, was ich benutzte, ging kaputt, auch die elektrischen Fensterheber des Taxis, aber ich tat so, als hätte ich das Fenster absichtlich halb geöffnet. Die Rechnung war exorbitant hoch gewesen, und ich musste dem Fahrer all mein Bargeld und zusätzlich noch meinen Personalausweis, mein nutzloses Handy und meinen Führerschein als Pfand aushändigen, da meine EC-Karte natürlich auch ihren Dienst quittiert hatte. Den Termin beim Seelenklempner hatte ich nur mit Müh´ und Not bekommen, aber als der Fahrer ihm meinen unschmeichelhaften Zustand geschildert und hinzugefügt hatte, ich sei wirklich total plemplem, hatte es irgendwie funktioniert.


Als ich vor der Praxis aus dem Wagen stieg, blockierten die Bremsen einer vorbeifahrenden Tram und Funken sprühten an den stromführenden Oberleitungen. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie die Fahrgäste durcheinander gewirbelt wurden. Schmerzenslaute drangen an mein Ohr, dann das blecherne Krachen, als mehrere Autos in den Wagon hinein fuhren. Ich hatte die Straßenbahn doch gar nicht berührt! Stopp, was war das überhaupt für ein Gedanke? Wieso implizierte ich, dass dieser Zufall etwas mit mir zu tun haben könnte?


Plemplem.


Ich betrat die Praxis. Während ich versuchte, dem Doktor mein Problem zu schildern, erlosch nicht nur die komplette Beleuchtung des Gebäudes, auch alle Computer und Telefone gaben den Geist auf, was den Psychiater so sehr verunsicherte, dass er unser Gespräch kurzerhand abbrach und mich mit einem Termin in zwei Wochen vertröstete. Er habe jetzt ganz andere Probleme, das müsse ich einsehen. Ich widersprach nicht. Es war ohnehin sinnlos. Unerklärlich. War ich denn verflucht? Wie in Trance lief ich durch die Stadt, und überall, wo ich entlang ging, versagte die Technik. Autos und weitere Straßenbahnen fuhren ineinander, Gebäude lagen urplötzlich schwarz und lichtlos da, mein zerstörerischer Radius schien sich zu vergrößern. Was für ein alberner Gedanke, aber irgendwie auch entsetzlich! Einige Stunden später stürzte ein Hubschrauber eines Fernsehteams, das den unheimlichen Vorkommnissen in der City auf den Grund gehen wollte, in ein Hochhaus und erst der daraus entstandene Feuerball riss mich aus meinen wirren Gedanken. In dem Moment, in dem ich auf die brennenden Gestalten des Piloten und der Reporter blickte, in dem sie gerade aus ihren Sitzen geschleudert wurden und nach unten fielen, akzeptierte ich es in vollem Umfang. Ich musste raus aus der Stadt. Weg von aller Technik. Ich drehte mich um, schaute auf all das Chaos, das ich verursachte. Brennende Häuser, herabstürzende Fahrstühle, Unfälle. Tote.


Gerade als ein Sattelschlepper nur fünf Meter rechts von mir einen Smart samt Insassen unter sich zermalmte, hörte ich eine Stimme, die etwas brüllte. Ich drehte mich die entsprechende Richtung. Da stand eine Frau und zeigte mit dem Finger auf mich. “He, du! Siehst du nicht, was du mit dir herumschleppst? Was du anrichtest? Wie kannst du dich mit denen zusammen unter Menschen wagen? Bist du völlig irre?“ Sie kreischte beinahe und sah unglaublich verrückt und wütend aus, mit ihrer verdreckten Kleidung und dem langen, verfilzten grauen Haar, aber das war mir egal. Im Moment war sie der einzige Mensch, der Notiz von mir nahm und, oh Gott, ich brauchte Kontakt, ich brauchte Erdung, so sehr! Ich ging auf sie zu, doch sie wich fast panisch vor mir zurück, aber nicht, ohne weiter wütend auf mich einzubrüllen. „Du hast die Affen im Nacken, bleib weg von mir! Wie konntest du sie nur hierher bringen? Siehst du sie denn nicht? Die verdammten Paviane zerbeißen alles! Sie sind wütend! Du hast sie wütend gemacht!“ Da sie rückwärtsging und sich offensichtlich nicht traute, mir den Rücken zuzudrehen, war ich schneller als sie und kam immer näher an sie heran. „Was für Affen? Was für Affen meinst du?“ schrie ich zurück, tippte mir gegen die Schläfe „Welche Affen, du verdammte Irre, sag es mir!“ „Die Affen!“ Ihre aufgerissenen Augen schienen die Luft um mich herum abzutasten. „Die Affen zerreißen alles! Es sind so viele! Sie machen alles kaputt! Siehst du nicht, wie sie toben? Kannst du sie nicht hören?“ Dann wurde ihr verwahrloster Körper von einem Wagen erfasst und weggeschleudert. Ich sah noch, wie sie gegen eine Hauswand prallte und mit verdrehten Gliedmaßen und blutigem Kopf daran herabfiel. Affen? Affen! Aber, das war doch … unmöglich! Helix-Pharma, das Projekt Silkskin. Aber es war doch notwendig! Die Abteilung hatte es genehmigt! Es dauerte noch viele Stunden, bis ich endgültig begriff, und es kostete noch viele Leben, denn die Affen ließen nicht nach in ihrem Zorn.


Und jetzt stehe ich auf dem Dach, ganz am Rand vom Helix-Pharma-Gebäude, dem ehemaligen Zentrum meines Lebens, dem Affengrab, schaue in die Tiefe, schaue auf die brennende Stadt und weiß genau, dass es nur einen Weg gibt, den Zorn der Tiere zu besänftigen. Ein kleiner Schritt für mich, ein großer für den Rest der Welt. Nur dass sie niemals von meinem Opfer erfahren wird – und auch nicht von meinen Opfern. Aber jetzt ist nicht die Zeit für Wehmut. Es ist Zeit zu handeln.

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