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Hast du Geschwister?

Wenn du darauf mit „Nein“ antworten musst, bist du höchstwahrscheinlich eines dieser verhätschelten Einzelkinder, die von ihren Eltern alles in den Allerwertesten geschoben bekommen, wenn sie nur lieb genug darum bitten. Euch wird nicht beigebracht, was es heißt zu teilen, zusammen zu halten oder Rücksicht zu nehmen.

Wenn man allerdings nicht allein mit seinen Erzeugern aufwächst lernt man diese Werte sehr früh kennen und schätzen. Geschwister sind etwas Wundervolles. Sie sind mehr als ein Freund, mehr als ein Verwandter. Wenn man sich auch hin und wieder in die Haare bekommt, so sind Geschwister diejenigen, auf die man sich immer verlassen kann. Zwar empfinden große Brüder oder Schwestern den jüngeren Nachwuchs oft als nervig und wollen vielleicht sogar gar nichts mit dem Geschwisterchen zu tun haben, aber ich bin mir sicher, dass man sich im Laufe der Jahre trotzdem lieben und schätzen lernt. 


Genauso war es bei mir und meinem kleinen Bruder. Ich war fünf als er auf die Welt kam und hätte mir eigentlich lieber ein Fahrrad gewünscht als einen schreienden, kleinen Menschen. Aber was sollte ich schon machen? Seine Familie kann man sich ja bekanntlich nicht aussuchen. Und meinen Bruder konnte ich am Anfang überhaupt nicht leiden. Alles was er tat war schreien, schlafen oder sich in die Windel machen. Trotzdem fanden meine Eltern ihn entzückend – genauso wie alle anderen. Ich verstand die Erwachsenen nicht. Er war ja ganz süß, aber sie machten ein Trara um den kleinen Kerl, als hätte er einen Weltrekord aufgestellt. Was mich aber am meisten ärgerte war, dass ich immer mehr zurückstecken musste. Ich bekam weniger Aufmerksamkeit, Geschenke und Zuneigung und darüber war ich – verständlicherweise – nicht sehr begeistert. Welches Kind würde sich schon darüber freuen, dass es zu Weihnachten weniger Spielsachen bekam als sein kleiner Bruder?

Allerdings hielt die Missgunst nicht lange an. Im Gegenteil, sobald Jonas anfing zu sprechen änderte sich alles. Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als er das erste Mal meinen Namen gesagt hat: Wir saßen im Wohnzimmer, er inmitten seiner Spielzeuge und ich auf der Couch. Im Grunde habe ich den Knirps gar nicht beachtet, weil er völlig in sein Spiel vertieft war und die meiste Zeit nur vor sich hin brabbelte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er noch nicht gesprochen, sondern nur unverständliche Silben von sich gegeben. Aber plötzlich hat er mich angesehen, seine grünen Augen haben gestrahlt: „B… B… Ben!“ Erst war ich ein wenig überrascht, weil ich nicht gedacht hätte, dass er meinen Namen überhaupt kennt, aber dann musste ich unwillkürlich grinsen. Sein erstes Wort war nicht „Mama“ oder „Papa“, sondern mein Name. Das erfüllte mich schon mit Stolz. Und da fing mein kleiner Bruder auch noch an vergnügt zu gackern und in seine kleinen Hände zu klatschen. Von diesem Moment an war ich ihm verfallen. 


Unsere Bindung wurde immer enger. Wir verbrachten mehr und mehr Zeit miteinander und ich begann einen starken Beschützerinstinkt zu entwickeln. Nicht ein einziges Mal ließ ich meine Eltern einen Babysitter engagieren, wenn sie mal ausgehen wollten, weil ich es nicht dulden wollte, dass sich jemand Fremdes um Jonas kümmerte. Meine Mutter war zwar nicht unbedingt begeistert davon, dass ich allein auf den Knirps aufpassen wollte, aber mein Vater hatte sie jedes Mal umgestimmt. „Lass sie doch, die Jungs müssen zusammenhalten!“ Und das taten wir. 

Schon als Kinder haben wir uns geschworen, dass wir immer zusammen bleiben würden. Diesen Schwur beteuerten wir immer dann, wenn es dem anderen mal schlecht ging. Wir wurden ein richtig gutes Team; nichts konnte uns auseinander bringen.


Über die Jahre verstärkte sich nicht nur die Bindung zu Jonas, sondern auch das Gefühl ihn beschützen zu müssen. Er tut sich schwer damit Freundschaften zu schließen. Er ist ein schlauer Kopf und in fast jedem Fall übersteigt seine Intelligenz das Niveau seines Gegenübers. Die wenigsten kommen damit klar. Und noch weniger halte ich für einen guten Umgang für meinen Bruder. Demnach bin ich auch nicht sehr begeistert, wenn er mal lieber mit seinen Freunden Zeit verbringt als mit mir. Allerdings mache ich den Leuten, mit denen er sich trifft, deutlich klar, dass sie es mit mir zu tun bekommen, wenn sie Jonas irgendwie unglücklich machen. Viele schreckt das schon so sehr ab, dass sie das Weite suchen. Aber um die ist dann auch nicht schade.


Mittlerweile bin ich 19, studiere BWL und wohne noch Zuhause. Jonas ist 14 und hat in der Schule bereits mehrfach eine Klasse übersprungen. Wir verbringen immer noch sehr viel Zeit gemeinsam und verstehen uns so gut wie nie zuvor. Gerade sitzen wir im Garten unseres Hauses und beobachten wie die Sonne untergeht, während wir uns über Gott und die Welt unterhalten. Das ist mehr oder weniger zu einem kleinen Ritual geworden. Jeden Abend, wenn wir beide Zeit haben, setzen wir uns in den Garten und beobachten den Sonnenuntergang, während wir uns unterhalten. Ich liebe diese Momente. Unsere Idylle wird erst gestört, als wir die Stimme unserer Mutter hören, die uns zum Abendessen ruft. 

Ohne unser Gespräch zu unterbrechen stehen wir auf und gehen nach drinnen, setzen uns an den gedeckten Tisch und ich bemerke jetzt erst, dass sogar unser Vater da ist. Das ist ungewöhnlich, normalerweise arbeitet er um diese Zeit noch. Die ganze Stimmung ist eigenartig. Irgendetwas stimmt hier nicht. 

Während unsere Mutter Spaghetti auf die Teller schöpft, setzt sich unser Vater gerade hin und sieht uns nacheinander an. „Wir müssen euch etwas Wichtiges sagen“

Ein mulmiges Gefühl macht sich in meiner Magengegend breit. 

„Jonas, deine Schule hat uns heute Nachmittag kontaktiert“, beginnt er schließlich und das ungute Gefühl in mir breitet sich noch weiter aus.

„Eine hoch angesehene Privatschule in Amerika ist auf dich aufmerksam geworden. Sie würden sich wünschen, dass du bei ihnen zur Schule gehst und danach auch dort studierst.“ 

Eine eiskalte Faust schließt sich um mein Herz. Ich merke erst, dass ich die Luft angehalten habe, als mir kurzzeitig schwindlig wird. Amerika? Obwohl man mir den Schock über diese Informationen ansehen muss, fährt unser Erzeuger unbeirrt fort.

„Die Finanzen würde die Schule selbst übernehmen. Das wäre eine grandiose Chance für dich“, endet er schließlich und sieht meinen Bruder erwartungsvoll an. 

Dieser wirkte verunsichert. „Amerika?“ fragte er  nach einer Weile ruhig, aber skeptisch.

„Ich weiß, dass das weit weg ist, aber es wäre eine unglaubliche Chance. Danach stünde dir die Welt offen.“ Unser Vater wirkt schon richtig euphorisch. 


Er will Jonas wegschicken.

Nach Amerika.

Meinen Bruder.

Die Faust zieht sich enger um mein Herz zusammen, gleichzeitig fühlt es sich an, als würde es zu Eis gefrieren. 

„Du solltest diese Chance nutzen“, fängt nun auch noch unsere Mutter an.

Sie wollen Jonas wirklich wegschicken.

Mich von ihm trennen.


Das dürfen sie nicht!


„Lasst mich … eine Nacht darüber schlafen“, bittet Jonas schließlich. Als unsere Eltern nicken steht er auf und geht aus dem Raum. Seine ganze Haltung drückt Unbehagen aus. Ich will ihm sofort nach, aber unser Vater wirft mir einen strengen Blick zu. „Versuch nicht ihm das auszureden.“ 

Einen Moment lang kann ich nichts anderes tun als ihn anzustarren. Für ihn ist es scheinbar schon beschlossene Sache, dass Jonas gehen soll. 


Nicht, wenn ich es verhindern kann.


Ich balle die Hände zu Fäusten und weil ich weiß, dass es sinnlos ist mit unserem Erzeuger zu diskutieren, gehe ich meinem Bruder nach und stehe schließlich vor seiner Zimmertür. Sie ist abgeschlossen. Das war sie noch nie. Unsicher und beunruhigt klopfe ich an. „Jonas, lass mich bitte rein“

Einen endlosen Augenblick lang tut sich gar nichts, dann sagt er durch die verschlossene Tür hindurch: „Geh weg, Ben.“ Er klingt niedergeschlagen. „Lass mich bitte bis morgen in Ruhe.“

Ich kann es nicht fassen. Jonas hat mich noch nie einfach weggeschickt. 


Er denkt wirklich darüber nach wegzugehen.

Sonst würde er sich nicht weigern mit mir zu reden. Und noch dazu seine Zimmertür abschließen.

Er darf nicht gehen!

Aber er würde es tun. 

Ich kenne meinen Bruder – so eine Chance würde er nicht ungenutzt lassen.

Ich würde ihn verlieren. 

Nein!

Das darf ich nicht zulassen!


Meine Hände zittern, als ich sie zu Fäusten balle und wieder in die Küche marschiere. 

Meine Mutter ist gerade mit dem Abwasch beschäftigt, während mein Vater noch am Tisch sitzt und seine Nase in einer Zeitung vergraben hat. Sie scheinen mich erst gar nicht zu bemerken.

„Warum hasst ihr mich so?“ Meine Beherrschung hängt nur noch an einem seidenen Faden. Ich bin kurz davor auszurasten. 

Meine Eltern schauen mich beide entgeistert an. „Schatz, wir hassen dich doch nicht“, versucht meine Mutter die Situation zu entspannen, aber das wird nicht funktionieren.

„Ihr müsst mich hassen. Sonst würdet ihr mir nicht Jonas wegnehmen.“ Meine Stimme klingt tiefer als gewöhnlich; ich schiebe es auf die Wut zurück, die meinen Magen zusammenzieht. 

Mein Vater legt die Zeitung beiseite und steht auf. „Ben, hier geht es nicht um dich. Das ist eine unglaubliche Chance für Jonas. Und er wäre dumm, wenn er sie nicht annehmen würde“

Meine Vernunft hatte sich schon ausgeschaltet als ich vor der abgeschlossenen Zimmertür stand. Jetzt besteht mein Körper nur noch aus pulsierender Wut. „Ihr wollt ihn doch nur wegschicken.“ Meine Stimme klingt verblüffend ruhig, was scheinbar auch meine Eltern ein wenig irritiert. 

„Wir wollen ihn nicht wegschicken. Aber …“, fängt meine Mutter an, doch ich unterbreche sie. „Lüg mich nicht an.“ Eine klare Warnung. Das spürt auch mein Vater und es scheint ihm gar nicht zu passen. „Wie redest du überhaupt mit uns?“ Er klingt genauso zornig wie er aussieht. 

„Ihr nehmt mir meinen Bruder weg, wie soll ich sonst mit euch reden?“ Der Faden, der meine Beherrschung zusammenhält wird immer dünner. Wut bringt mein Blut zum Kochen. Allerdings ist auch mein Vater ziemlich wütend. Das spüre ich deutlich, als er sich dicht vor mir aufbaut. „Jetzt hör mir mal gut zu: Wir wünschen uns für Jonas nur das beste“, selbst seine Stimme klingt nun tiefer als vorher. „Aber du tust das scheinbar nicht, sonst würdest du hier nicht so einen Aufstand machen.“

Mein ganzer Körper zittert und meine Hände fangen an zu kribbeln so fest habe ich sie zu Fäusten geballt. Gerade als ich etwas erwidern will, unterbricht mein Vater mich: „Du denkst nur an dich. Jonas bedeutet dir doch gar nichts.“ 

Einen Moment lang fühlt es sich an, als wäre ich eingefroren. Selbst mein Herz scheint einen Schlag lang auszusetzen. Aber in der nächsten Sekunde löst sich die Starre wieder. Und die Wut kehrt mit voller Wucht zurück. 

Wie konnte mein Vater es wagen mir zu unterstellen Jonas würde mir nichts bedeuten?

Ich war derjenige gewesen, der sich immer um ihn gekümmert hatte!

Bei jedem Problem hatte ich ihm geholfen!

Ich hatte ihn immer beschützt!

Und jetzt musste ich ihn vor unseren Eltern beschützen!


Ohne Vorwarnung hole ich mit der Faust aus und verpasse meinem Vater einen Kinnhaken. Mit einem erstickten Stöhnen taumelt er ein paar Schritte zurück, stützt sich am Kühlschrank auf und hält sich mit einer Hand den Kiefer, ehe er mich ansieht. In seinen Augen spiegelt sich erst Verblüffen, dann Zorn. „Wie kannst du es wagen?!“ schreit er mich an, aber ich höre gar nicht hin. Stattdessen gehe ich erneut auf ihn los und werfe mich gegen ihn. 

Zwei Sekunden später sitze ich auf der Brust meines Vaters und halte ihn mit meinem Gewicht auf dem Boden. Er versucht zwar sich zu befreien, hat allerdings keine Chance gegen meine Kraft. Was mir in unserer Rangelei aber nicht aufgefallen war: Mein Erzeuger hat sich aus unserem Messerblock eine der scharfen Klingen genommen, bevor ich mich auf ihn geworfen hatte. 

Eben dieses Messer saust nun auf mich zu. 


Ich höre einen Schrei, pures Entsetzen liegt in der Stimme. 

Vielleicht wegen der Klinge, die ich in der Hand halte. 

Vielleicht wegen dem Blut, das langsam meine Hand und dann meinen Arm hinab läuft. 

Vielleicht aber auch wegen dem Grinsen, das mein Gesicht einnimmt.


Bevor mein Vater mit dem Messer meine Seite treffen konnte, hatte ich den Arm hochgerissen und die Klinge mit der Hand aufgehalten. Zwar hatte das scharfe Ende meinen Handballen aufgeschlitzt, aber ich empfand dabei keinen Schmerz. Im Gegenteil. Zu sehen wie langsam dickflüssiges Blut meinen Arm hinab läuft bringt mein Herz dazu schneller zu schlagen. 

Mehr. Ich will mehr. 

Mein Erzeuger hat den Griff des Messers längst losgelassen, starrt mich aber immer noch voller Entsetzen an. Ich kann sehen, dass er redet, verstehe seine Worte aber nicht. Alles was ich höre ist das Blut, das durch meinen Körper rauscht. Wut kocht zwar immer noch in mir, aber die Verletzung hat mich ein wenig zur Ruhe kommen lassen. Zumindest wirkt es so. 

Ohne Eile nehme ich mit der unversehrten Hand das Messer und betrachte einen Moment die Wunde in meiner Handfläche. Sie blutet immer noch. Aber trotzdem spüre ich keinen Schmerz. Ich sehe nun wieder meinen Vater an, der mich nach wie vor anstarrt. Bevor er reagieren kann ramme ich die Klinge in seine Schulter. Trotz des Rauschens höre ich seinen Aufschrei. Und wieder muss ich grinsen. Besonders als ich sehe wie sich unter seiner Schulter langsam eine Blutlache bildet. Wieder beginne ich zu grinsen und ziehe das Messer ganz langsam aus seinem Fleisch, was von einem schmatzenden Geräusch begleitet wird. Blut strömt aus der Wunde und mein Vater röchelt leise. 

„Niemand stellt sich zwischen mich und meinen Bruder“, sage ich und grinse ihn an. 

Dann ramme ich die Klinge in seine Brust. 

Immer wieder. 

Unzählige Male.

Ich kann nicht damit aufhören. 

Es fühlt sich zu gut an.

Selbst als ich merke, dass er längst nicht mehr atmet, steche ich weiter auf ihn ein. 

Bis meine Wut verraucht ist und mein Arm schmerzt. 

Während ich mehrere Male tief Luft hole sehe ich auf meinen Vater hinab. „Niemand stellt sich zwischen mich und meinen Bruder“, sage ich erneut und grinse wieder. 

Alles ist voller Blut. Nicht nur der Boden und mein Erzeuger selbst, sondern auch ich. Sogar mein Gesicht hat noch ein paar Blutspritzer abbekommen. 

Nachdem ich wieder zu Atem gekommen bin, ziehe ich das Messer aus seiner Brust und stehe auf. Hinter mir höre ich ein leises Schluchzen und drehe mich ein wenig überrascht um. Meine Mutter sitzt, zusammenkauert an die Anrichte gelehnt, auf dem Boden, starrt mich entsetzt an und weint. Einen Moment lang frage ich mich warum sie nicht schon längst weggerannt ist. Aber es interessiert mich eigentlich gar nicht. 

Sie würde so oder so sterben.

Denn sie hatte sich ebenfalls zwischen mich und meinen Bruder gestellt. 

Langsam gehe ich auf sie zu, bis ich schließlich vor ihr in die Hocke gehe. Das Schluchzen wird lauter als ich sie ansehe und das Messer hebe. Plötzlich verändert sich der Ausdruck in ihren Augen. Das Entsetzen weicht einem anderem Gefühl und es dauert einen Moment bis ich begreife, dass es Sorge ist. Fürsorge wie sie nur eine Mutter empfinden kann. Sie hat begriffen, dass sie der Situation nicht mehr entkommen kann. Dass der Tod unausweichlich ist. Und sie hört auf zu weinen. Stattdessen flüstert sie: „Ich liebe dich, Ben.“

Unwillkürlich beiße ich die Zähne zusammen und mit einem Ruck durchtrenne ich ihre Kehle. 

Es dauert nur wenige Augenblicke bis sie verblutet ist. 

Ich war ihr gegenüber gnädiger als vorhin bei meinem Vater. 

Wahrscheinlich weil sie es war, die Jonas und mir überhaupt erst das Leben geschenkt hatte. 

Oder einfach nur, weil ich sie lieber gemocht habe als ihn.

Im Grunde spielt es auch keine Rolle mehr. Ich sehe einen Moment lang in das nun ergraute Gesicht meiner Mutter, schließe ihre Augen und stehe auf. Das Messer werfe ich in die Spüle, ich brauche es ja nicht mehr. 

Als ich mich nun umdrehe um aus der Küche zu gehen, halte ich überrascht inne. Jonas steht im Türrahmen und starrt mich an. 

„Was hast du getan?“ Seine Stimme klingt ungewöhnlich heiser und ich kann sehen, dass er zittert.

„Ich hab verhindert, dass sie dich wegschicken“, erwidere ich ihm zufrieden. Sein Zittern wird stärker und ich sehe, dass ihm Tränen über die Wangen laufen. Langsam gehe ich auf ihn zu, will ihn trösten, aber er weicht vor mir zurück. „Bleib stehen! Komm mir bloß nicht zu nahe!“

Verwundert bleibe ich stehen, während er wieder an mir vorbei zu unseren Eltern sieht. „Du hast sie umgebracht“, flüstert er schließlich. Als ob ich das nicht wüsste.

„Jonas, ich hab das für uns getan. Damit wir zusammen bleiben können“ versuche ich ihn zu beruhigen. Wenn er erst mal runter gekommen ist, wird er mich verstehen. Und mir dankbar sein.

Noch aber spiegelt sich Angst und Unverständnis in seinen Augen. „Du bist doch irre“, wirft er mir vor. Wieder gehe ich einen Schritt auf ihn zu und wieder weicht er vor mir zurück. „Du bist ein Monster, Ben!“ schreit er mich an. „Willst du mich jetzt auch noch umlegen?“ 

Diesmal bin ich es der ihn verständnislos ansieht. „Ich würde dir niemals wehtun, du bist doch mein kleiner Bruder“ Langsam glaube ich, dass er gleich hyperventilieren wird, denn er fängt an zu lachen.

Es dauerte mehrere Sekunden, bis er wieder damit aufhört und mich ansieht. „Du bist doch völlig irre“, sagt er dann – wieder etwas ruhiger. „Wenn du glaubst, dass ich jetzt noch hier bleibe, hast du dich aber ganz schön geschnitten.“ Kaum hat er das gesagt, dreht er sich um und geht. 

Verwirrt sehe ich ihm einen Moment nach, ehe ich mich endlich in Bewegung setze. „Jonas, warte“, rufe ich, doch das hält ihn nicht auf. Er ist schon fast an der Haustür angelangt, als ich ihn einhole. „Halt dich bloß von mir fern!“ 

Bevor er aber die Tür aufmachen und verschwinden kann, packe ich ihn an der Schulter, drehe ihn um und drücke ihn gegen das Holz. „Jetzt beruhig dich doch endlich, ich will dir nichts tun.“

Wieder dieser verständnislose Blick. „Und das soll ich dir noch glauben.“ Jetzt ist sein Ton sarkastisch. „Du hast grade unsere Eltern abgeschlachtet. Wie stellst du dir das denn jetzt vor?“ 

Als ich antworten will, fällt er mir wieder ins Wort: „Das wird nicht funktionieren, Ben. Egal was du dir in deinem kleinen Hirn zusammengesponnen hast, es wird nicht funktionieren.“ Sein Blick bohrt sich in meinen. „Und jetzt lass mich los, ich will nichts mehr mit dir zu tun haben!“

Meine Brust zieht sich zusammen, bevor ich wieder das Gefühl habe, dass mein Blut zu Eis gefriert. Mein Griff an seiner Schulter wird fester, das merke ich daran wie Jonas das Gesicht verzieht. „Ich würde alles für dich tun.“ Wut staut sich in mir auf und wird bei jedem Wort stärker. 

„Ich habe deinetwegen unsere Eltern aus dem Weg geräumt. Damit wir zusammenbleiben können. Und so dankst du es mir?!“ Wieder höre ich das Rauschen meines Blutes, mein ganzer Körper steht unter Spannung. 

„Du gehörst weggesperrt! Ich hasse dich!“


Wut und Enttäuschung explodieren in mir. Mit einem beinahe unmenschlichen Aufschrei packe ich Jonas‘ Hals und drücke zu. 

Er röchelt und versucht nach Luft zu schnappen, sich zu wehren, hat aber keine Chance. 

Ich drücke immer fester zu. 

„Ich hab alles für dich getan – alles! Und das ist der Dank? Du kannst mich nicht allein lassen. Das darfst du nicht!“ 

Immer wieder schreie ich ihm diese Sätze entgegen. 

Immer stärker wird mein Griff um seinen Hals. 

Immer schwächer wird seine Gegenwehr. 

Immer trüber sein Blick. 

Ein letztes verzweifeltes Zucken, dann ist es vorbei. 

Die Muskeln erschlaffen, das Gesicht wird grau und die Augen leer. 


Mein Herz rast immer noch als ich Jonas loslasse und er mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden aufschlägt. Seine trüben Augen starren mich anklagend an. Mehrmals atme ich tief durch und versuche meine Fassung wieder zu erlangen.

Ich habe meinen kleinen Bruder getötet. 

Den einzigen Menschen, den ich wirklich geliebt habe. 

Wie habe ich so die Beherrschung verlieren können?

Aber er hat es provoziert.

Trotzdem hätte ich mich beherrschen müssen.

Hätte ihn nicht verletzen dürfen.

Ich hatte ihm versprochen, ihm nichts zu tun.

Ich hatte ihm versprochen, ihn zu beschützen. 

Ich kann nicht ohne ihn leben.

Und plötzlich wusste ich, was ich nun tun musste. 


Ich hebe Jonas hoch und trage ihn nach draußen. Im Garten setze ich ihn auf die Bank, auf der wir vor wenigen Stunden noch gesessen und geredet hatten. Dann gehe ich nochmal in die Küche, nehme das Messer aus der Spüle und setze mich schließlich neben ihm auf die Bank. 

Mittlerweile ist es dunkel, der Himmel voller Sterne. Wie oft haben wir hier gesessen und uns über Gott und die Welt unterhalten? Wie oft haben wir hier über unsere Probleme debattiert? 

Es ist der perfekte Ort für mein Vorhaben.

Einen Arm lege ich um meinen kleinen Bruder, während ich den Blick gen Himmel richte. 

Ich muss das tun, ansonsten kann ich weder mein Versprechen, noch unseren Schwur halten.

Ich atmete tief durch.

Dann schlitze ich mir die Kehle auf. 


Denn wir haben uns geschworen immer zusammen zu bleiben.

- Leezah97

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