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Die Jahre gehen vorüber und keiner hält sie an. Doch eins kehrt immer wieder. Worauf man sich verlassen kann...

-ghostread- Thumbnail Knall im Kopf

“Ich mag diese Knallerei nicht. Knall, Bumm, Peng, ich mag sie nicht, ich mag sie nicht, ich mag sie nicht.”, die weinerliche Stimme eines jungen Mädchens drang durch die Stille, sie wimmerte. Oben im Dachstuhl knarzte ein Balken.

“Niemand mag das hier. Wieder ein neues Jahr. Ein verdammtes neues Jahr. Jeder Knall fährt mir durch Mark und Bein.”, weitere Stimmen erhoben sich, ein verächtliches Schnauben ertönte. “Du hast weder Mark noch Bein du elender Bastard. Hättest du jetzt mehr sein wollen, als der elendig stinkende Haufen aus Eingeweiden und Fleisch, der du bist, hättest du dein verlorenes Leben nicht von dieser gottverdammten Brücke schießen sollen.”

“Hätte, hätte Fahrradkette.”, belustigt, resigniert, die Stimmen der Toten verstummten und nur das Wimmern klang noch aus dem Gebälk, “Ich mag diese Knallerei nicht. Ich mag sie nicht, ich mag sie nicht, ich mag sie nicht.”

“Johnny, geh bitte hoch und wecke deine Schwester auf, es ist gleich Mitternacht.”, seine Mutter sprach schon wieder in diesem Befehlston mit ihm, der dem 13jährigen seit einer Weile sehr missfiel. Er war doch nicht die Dienstmagd seiner gottverdammten Eltern. Der Schwarzhaarige verdrehte die Augen und erhob sich, “Sollte Prinzesschen ihren Schönheitsschlaf nicht vollenden?”, er grinste breit und freudlos, seine Mutter ignorierte den Zynismus ihres Ältesten. “Geh bitte hoch und weck deine Schwester, es ist gleich Mitternacht.”, wiederholte sie stur. Teenager.

“Drecksgöre. Ich bind sie auf eine Rakete und schieße sie zum Mond.”, grummelte der Junge genervt während er die Stufen zum Kinderzimmer unter dem Dach emporstieg. Wahrscheinlich würde seine Schwester ohnehin nur wieder anfangen zu heulen, sobald das Feuerwerk um Mitternacht losging.

Es war Silvester, das neue Jahr stand kurz bevor und sie fürchtete sich doch ach so sehr vor den lauten Geräuschen.

“Wenn sie sich doch ach so sehr vor lauten Geräuschen fürchtet, warum drückt man ihr nicht ein Kissen ins Gesicht, das dämpft jedes davon.”, aggressive Selbstgespräche eines Heranwachsenden, in dem seit der Geburt seiner jüngeren Schwester vor allem der Hass gewachsen war. Hass auf die Erwachsenen, die ihm so wenig Beachtung schenkten, seit das Lachen der kleinen Prinzessin die Räume des Hauses erfüllte. Plötzlich spielte er nur noch die Nebenrolle in seinem eigenen unbedeutenden Leben. Ein Sidekick und ein unbeliebter noch dazu.

Etwas scharrte mit nackten Zehen auf dem mit Brettern vernageltem Dachboden. Es suchte seinen Weg hin zur Tür und wollte sie aufstoßen, doch fand sie verschlossen.

Die nackten Zehen gehörten zu nackten Füßen und Beinen, weiße kalte Haut, die fast bläulich im Mondlicht schimmerte. Hätte sie ein Gesicht gehabt, wäre es wohl schön gewesen. Mit sanften Zügen, passend zu diesem zierlich süßen Körper, den es trug, doch statt hübscher Züge, geschwungenen Lippen und strahlenden Augen mit langen Klimperwimpern saß auf diesem Hals eine zerfetzte Bombe aus Haut und Fleisch, schwelend und verrußt. Sie schmeckte kalte Asche, ohne Mund und suchte ihren Weg durch die Tür. Die anderen Toten blickten sie stumm an, einige genau so gesichtslos wie sie und verfolgten ihr Treiben, Jahr für Jahr an Silvester, kehrte das Mädchen zu den auseinandergesprengten Resten ihrer Familie zuück. Nachdem ihr Bruder sie auseinander gesprengt hatte.

“Johnny, was dauert das denn so lange?”, die Stimme seiner Mutter rief fordernd aus der Stube die Treppe hinauf. Der Schwarzhaarige zog seine kleine Schwester Marie die Stufen hinunter, sie stolperte verschlafen hinter ihm her und drohte immer wieder zu fallen. Er aber hatte ihren kleinen Arm fest mit der Faust umschlossen und bugsierte sie so zum Rest der Familie nach unten.

“Sei nicht immer so grob zu ihr, sie ist kein Spielzeug.”, mahnte seine Mutter den 13jährigen John, der nur verächtlich schnaubte. Sie seufzte, sie hatte es wirklich nicht leicht mit dem Jungen. Die Mutter steckte das kleine Mädchen in eine dicke rosa Jacke und band ihr die Schuhe zu, “Und jetzt raus mit euch, euer Vater hat das Feuerwerk schon gerichtet.”

Die Augen des Jungen erhellten sich, wenigstens konnte er irgendwas anzünden, zusehen wie es in die Luft stieg und dort für immer verbrannte. Er wollte das alles hier für immer verbrennen. Sie brennen sehen.

Unten im Haus war es still. Jahre zuvor hatte es zum Jahreswechsel stets ein reges Treiben und friedvolles Zusammensein gegeben. Mehr oder weniger.

Heute war alles ruhig, zumindest im Haus. Bedrückend ruhig, im Wohnzimmer flackerte eine einzelne Kerze über dem Fernseher, dahinter stand ein Foto. Ein süßes Mädchen lachte darauf, bleckte die weißen Zähne zu einem breiten Lächeln, nicht ahnend, dass bald etwas ganz anderes ihr Gesicht für immer zerreißen würde. Es zerteilen. Ein ewiges Lächeln im Feuer.

Als die erste Rakete in den Himmel stieg und mit einem lauten Knall einen Funkenregen auf die Zuschauer niedergehen ließ, erfasste den Jungen eine unbestimmte Zufriedenheit. Irgendetwas erregte ihn und es war sicher nicht das gesungene “Frohes Neues” seiner Tante, die ihm einen dicken Kuss auf die Wange drückte und schon ordentlich betrunken mit ihrem Sektglas schunkelte. Eine Leichtigkeit war in seinem Schritt, als Johnnys Füße ihn zu seinem Vater und den Raketen hinübertrugen. Schnee knirschte im Rasen unter seinen Füßen und die Kälte fraß sich durch seine Jeans in seinen Leib. Doch er spürte sie nicht. In ihm brannte ein Feuer.

Sein Vater hatte die Zündschnur der nächsten Rakete angesteckt und trat einen Schritt zurück um sich nicht zu verbrennen, wenn die Rakete losfliegen würde. Doch Johnny trat noch einen Schritt nach vorne und packte das brennende Pulverfass, riss es herum und fiel lachend in den Schnee. “Frohes Neues kleine Prinzessin.”, kicherte er und mit einem lauten Zischen löste sich die Rakete aus der Verankerung. Doch statt in den Himmel, raste sie unaufhaltsam in die kleine Gruppe der Familie hinein, direkt in die Arme der Mutter, in denen heulend und wimmernd die kleine Marie lag.

Und mit einem ohrenbetäubenden Knall sprengte es dem Mädchen den Kopf vom Hals.

“Ich mag diese Knallerei nicht... Ich mag sie nicht, ich mag sie nicht, ich mag sie nicht.”, immer noch erfüllte ein Murmeln das Haus. Das Haus in dem Johnny nur noch mit seinem Vater lebte. Seinem Vater, der den Tod seiner Frau und seiner jüngsten Tochter nie überwundern hatte. Und ihn nie überwinden würde. Er saß einsam in einem Sessel, sein besoffenes Schnarchen übertönte die Knaller draußen vor dem Fenster.

“Ich mag das nicht.”, etwas tippte ihm auf die Stirn und er verstummte.

Johnny war mittlerweile 16 Jahre alt, mager und blass lag er in seinem Zimmer auf dem Bett und drückte sich mit aller Kraft die er aufbringen konnte ein dickes Kissen gegen die Ohren, doch er konnte das stete Flüstern einfach nicht ersticken, es wollte einfach nicht aufhören, er hörte es wieder und wieder und wieder. “Ich mag diese Knallerei nicht.”, Marie war ihm jetzt ganz nah und dem Teenager stockte der Atem. Das konnte nicht sein. Er hatte ihn gesehen, ihren zerfetzten Schädel. Der Silvesterknaller hatte ihn tief in den Körper der Mutter getrieben. Es war ein Unfall gewesen. Es war doch nur ein dummer Unfall gewesen. Sie war tot verdammt, sie war doch tot.

“Ich mag diese Knallerei nicht...” - “Dann mach das sie aufhört!”, schrie der Junge jetzt und bohrte sich die Finger so tief in die Ohren, dass er Blut schmeckte.

Doch sie hören nicht auf.

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