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Knochenwald

Die Natur ist etwas wunderschönes, nicht wahr? Und nirgendwo spürt man Sie ursprünglicher und in angenehmerer Gestalt als in Wäldern. Das vielfältige, wimmelnde Leben, die würzigen lebendigen Gerüche und das Rascheln der Zweige und Blätter im Wind, scheinen uns Menschen wieder mit einer Quelle zu verbinden, von der wir uns im Alltag schon lange entfernt haben.

Der Wald – so scheint es – hat eine reine und wunderschöne Seele. Er ist wie geschaffen, um uns verlorene Kraft zurückzugeben und unsere Fantasie zu beflügeln. Aber wie alle Dinge auf dieser Welt, wie alle Dinge im Universum, hat der Wald auch eine tiefere, dunklere Dimension. Verborgen in den Abgründen seines Unterbewusstseins, wie das Freudsche ES.

Es ist der Kern, um den sich all die vordergründige Schönheit gesammelt hat wie bunte Zuckerwatte um einen verfaulten hässlichen Knochen. Denn auch wenn die Schönheit alles überstrahlt und süße Aromen die Verwesungsgerüche überdecken, ist der Kern noch immer da. Genauso präsent und unverändert wie am Anfang der Zeiten.

Und man kann ihn entdecken. Es braucht nur einen falschen Schritt zur falschen Zeit. Nur ein Blinzeln, wenn die Augen in die richtige Richtung gerichtet sind und schon bist du an dem Ort, an dem alle ursprüngliche Schönheit hinweggefegt wurde. An dem jegliche romantische Kosmetik zerfliesst im gnadenlosen Schein einer pechschwarzen Sonne. Eingeweihte nennen diesen Ort den Knochenwald und doch wird dieser Name seiner wirklichen Gestalt nicht vollkommen gerecht.

Die Wahnsinnigen und Leichtsinnigen, die bewusst nach Wegen zu diesem Ort suchen … nun. Sie können ihn finden. Sie brauchen nur auf Unstimmigkeiten in der natürlichen Ordnung zu achten. Seltsame Gesteinsformationen, grotesk verformte Äste, Pfade, die in tiefer Nacht in einem fahlen Licht leuchten, Insekten mit zwei, drei oder mehr Köpfen, oder Glühwürmchen, die sich in großer Zahl in eine bestimmte Richtung bewegen.

Wenn du diesen Zeichen folgst oder ohne Absicht an diesen Ort gerätst, wirst du zunächst seinen besonderen Geruch bemerken. Es riecht dort durchdringend nach Blut und Verwesung, aber auch nach verbranntem Horn und versengten Knochen. Deine Ohren werden das hohle Klacken und Rasseln von Knochen hören, die vom Wind aneinandergeschlagen werden.

Jeder Schritt, den du im Knochenwald tust, wird von einem lauten Knirschen begleitet, wenn du die vielen Schädel, Gebeine und Knochenkügelchen mit dem Gewicht deiner Schritte niederdrückst. Niemand kann sich also im Knochenwald lautlos bewegen. Oder genauer gesagt: Zumindest kein Mensch.

Du wirst dich vielleicht fragen, woher all die Knochen stammen, die unter deinen Füßen ihr trauriges Lied vom Verfall singen. Zum Teil sind es längst gestorbene Kreaturen. Waldtiere wie Eichhörnchen, Igel, Vögel und dergleichen, von denen nur noch zerbrechliche Knochen und leere Augenhöhlen übrig sind. Aber auch Menschen, die einst im Wald ermordet worden oder selbst ihren Tod herbeiführten, finden hier ihre letzte unheilvolle Ruhestätte. Und natürlich jene, die den Knochenwald aus eigenem Antrieb aufsuchten und nie wieder den Weg aus seinen dämmrigen, düsteren Fängen herausfanden. Der Boden selbst erzählt ein Epos der Trauer und der Gewalt. Denn wer hier liegt, starb keinen natürlichen Todes und wude noch dazu längst von der Welt vergessen. Manche nach ihrem Tod, viele auch bereits zu Lebzeiten.

Von Zeit zu Zeit wird dein Blick auch auf Skelette von eigenartigen Wesen fallen. Wesen, wie du sie noch nie zuvor gesehen hast. Nicht mal in deinen Träumen. Oder deinen Alpträumen. Manche davon sind viel zu groß, um sich zum Bodenbelag zu gesellen. Diese hängen an den riesigen kahlen Bäumen, die selbst aus Knochen gefertigt sind. Missgestalte aber erfurchtgebietende Kolosse einer Zeit als die Erde noch jung war. Stumm und gewaltig schaukeln und baumeln sie an unsichtbaren Schnüren im ewig wehenden kalten Wind.

Und nicht alle von ihnen sind zu Gerippen geworden. An so manchen von ihnen klebt noch trockene Haut und ab und an sogar faulige Fleischsstücke, die nach und nach zu Boden tropfen und die unter anderem für den besonderen Duft des Knochenwaldes verantwortlich sind. Diese abstoßenden Fleischreste bilden – neben Besuchern wie dir – die Nahrungsgrundlage für die einzigen echten Lebensform in dieser dunklen Welt: Die Schneidmaden.

Diese Madenart kommt allein im Knochenwald vor. Die größten Exemplare werdem ungefähr so groß wie ein mittelgroßer Hund. Ihre weislichen Madenkörper verströmen ein unangenehmen riechendes Gas, das bei vielen Ihrer Opfer für Schwindel und Benommenheit und oft auch für grippeähnliche Symptome sorgt, was ganz sicher dazu dient, die Flucht ihrer Beute zu erschweren. Auch wenn Sie keine Beine haben, sind Schneidmaden unglaublich schnell und selbst ein Gesunder und nicht von ihren Gasen betäubter Mensch kann Schwierigkeiten haben vor ihnen davonzulaufen, wenn Sie erst einmal so richtig Fahrt aufgenommen haben. Solltest du allerdings ihr Miasma eingeatmet haben, so kannst du dich eigentlich auch gleich zum Sterben auf den Boden legen und dir die sinnlose Flucht ersparen. Die Schmerzen hingegen – sie kannst du dir nicht ersparen – Denn Schneidmaden genießen ihre Mahlzeiten sehr, und auch wenn Sie notfalls mit Genuss Aas und stark verwestes Fleisch verzehren, so geht für sie doch nichts über das warme und zuckende Fleisch eines Menschen.

Mit ihren scharfen, klingenartigen Zähnen können Sie dein Fleisch mit Leichtigkeit aus deinem Körper lösen und ihre ätzenden Verdauungssäfte verwandeln herausgelöste Fleichsstücke, Gliedmaßen oder Organe in Sekunden in einen weichen schmackhaften Brei.

Vor dem großen Exemplaren musst du dabei nicht einmal die meiste Angst haben. Schlimmer sind die kleinen und mittleren Schneidmaden, die in Horden auftreten und vor denen dir nicht einmal das dichteste Unterholz Schutz bietet.

Denn der Boden des Knochenwaldes, dieses riesige Reich aus Horn, Knochensplittern und wie Blätter umherwehenden Hautresten, ist ihr Königreich. Hier herrschen die Maden unangefochten. Lediglich im hohen Geäst der knöchernen kahlen Bäume bist du vor ihnen sicher. Dort wo der kalte Wind noch schärfer weht, das Rasseln der Knochen ohrenbetäubend laut ist und du dein Lager mit den stark verwesten Überresten seltsamer Kreaturen und ab und an auch verstorbenen Menschen teilst. Hier solltest du sicher sein. Wobei der Anblick der fremdartigen verrotteten Gesichter und der seltsam geformten Schädel in der Nacht schon so manchen in den Wahnsinn getrieben hat. Wie auch sonst sollten sie auf diese Geschichten gekommen sein. Geschichten nach denen urplötzlich Leben in die verdammten Kadaver gekommen sei und sie des Nachts vom roten glühen toter Augen oder einer knochigen Klaue am Hals erwacht seien.

Aber selbst wenn dies nur Wahnfantasien sein sollten, so ist es sicher keine gute Idee auf immer auf einem dieser Bäume auszuharren. Immerhin musst du essen und trinken und deine … Gefährten … bieten zwar eine magere Nahrungsquelle, wenn man den Ekel erst einmal überwunden hat, aber auf Dauer werden sie dich nicht sättigen.

Dir bleiben also nur zwei Möglichkeiten. Entweder du steigst hinab auf den Madenverseuchten Boden und suchst nach dem Eingang, der dich in diese verkommene Existenzebene gebracht hat. In diesem Fall kommst du vielleicht mit heiler Haut und lebenslangen Alpträumen davon. Oder du versuchst dich vorsichtig von Baum zu Baum zu hangeln. Es könnte dir den Tod bringen – denn die Bäume sind hoch und stehen weit auseinander und die Maden am Boden sind stets hungrig – doch es könnte sich auch für dich lohnen.

Denn tief im Herzen des Waldes, nach vielen Kilometern voller Leichen, Tod, Maden, Knochen und Angst, liegt etwas sehr wertvolles verborgen. Was es ist, kann ich dir nicht genau sagen. Denn bisher ist niemand von dieser Reise ins Innere des Schreckens zurückgekehrt. Was mit ihnen geschehen ist, ist unklar. Natürlich wäre es nicht unwahrscheinlich, dass sie einfach gestorben und nun ein Teil des Waldes geworden sind – gefressen, zu Tode gestürzt, aufgespießt, verhungert oder verdurstet. Eine dunklere Theorie besagt aber, dass manche von diesen Wagemutigen es bis hinein ins Zentrum geschafft haben und dort zu etwas … anderem geworden sind. Ob das aber stimmt, vermag ich nicht zu sagen. Das wenige, was ich weiß habe ich allein den wenigen zu verdanken, die die Reise ins innere begonnen und das Zentrum aus der Ferne gesehen haben, dann aber umgekehrt sind. Damit haben sie zwar ihr Leben gerettet, nicht aber ihren Verstand. Ihre Schilderungen sind wirr, voller Widersprüche und Übertreibungen (oder Untertreibungen?) und nicht besonders vertrauenswürdig.

Wie auch immer. Vielleicht kannst du mir ja eines Tages mehr darüber berichten, wenn du den Mut aufbringst, den Knochenwald zu besuchen und tief in sein kaltes, fauliges Inneres vorzudringen.

Knochenwald-Serie

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