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Knochenwald - durch Mark und Bein

Einige von euch wollten mehr über den erstickenden Wahnsinn des Knochenwaldes erfahren und so habe ich noch tiefer gegraben, die Berichte halbverrückter Augenzeugen ausgewertet, uralte Dokumente ausfindig gemacht und jeden Stein umgedreht. Einige Dinge, die ich dafür tun musste bleiben hier lieber unerwähnt. Nur so viel: Um an die ein oder andere Information zu gelangen, musste ich durchaus ein wenig „nachdrückliche Überredungskunst“ anwenden. Wahrscheinlich komme ich für diese Taten in die Hölle. Aber das schreckt mich nicht mehr. Wir alle wissen, dass es viel schlimmere Orte gibt.

Aber genug von meinen Sünden. Ihr neugierigen Narren wolltet ja unbedingt mehr über die Verderbnis dieses Ortes erfahren. Also werde ich die Schleier lüften, die gnädige Götter aus gutem Grund über die Bosheit des Knochenwaldes gelegt haben. Ich werde sie zerreißen und enthüllen welches unvorstellbare Grauen sich darunter verborgen hält. Kommt mit dem klar was ihr hört oder geht daran zugrunde. Mir ist beides recht.

Also gut. Ich sprach zuvor bereits von den agressiven und tödlichen Schneidmaden, von der Unzahl an rasselnden bleichen Knochen und Gerippen und von den hohen Knochenbäumen mit ihren verwesenden Bewohnern, die die einzige halbwegs sichere Passage durch den Wald bilden. Schon bei meinem ersten Bericht habt ihr euch vielleicht gefragt, wie die wenigen wagemutigen den anstrengenden, weiten Weg Richtung Zentrum überstehen konnten, ohne zu verhungern oder zu verdursten. Nun, neben den verfaulenden Fleischresten, die noch an dem ein oder anderen Skelett kleben, gibt es noch zwei weitere Nahrungsquellen an diesem eigentlich lebensfeindlichen Ort.

Die erste ist so naheliegend wie gefährlich: Ihr könnt euch vom Fleisch einer erlegten Schneidmade ernähren. Wenn ihr euch noch an das erinnert, was ich euch in meinem ersten Bericht über die Maden erzählt habe, könnt ihr euch schon denken, dass das alles andere als einfach ist. Einige wenige Überlebende haben dennoch diese wehrhafte Beute zur Strecke gebracht, indem sie den Maden mit einer mitgebrachten Waffe oder einem geschnitzten Speer von den Bäumen aus aufgelauert haben.

Wer dabei schnell und leise genug ist und genau die weiche Stelle in der Mitte des Madenkörpers trifft, der kann sich mit etwas Glück über eine derartige Mahlzeit freuen. Allerdings haben hier eigentlich nur Soldaten, Polizisten, Jäger, Sportschützen oder anderweitig im Zielen oder Töten geübte Menschen überhaupt eine Aussicht auf Erfolg. Zudem muss man schon recht verzweifelt sein, um überhaupt daran zu denken Schneidmadenfleisch zu essen. Zwar ist es eiweissreich und nahrhaft, aber es schmeckt mehr als abscheulich und die Wahrscheinlichkeit, dir dabei die Seele aus dem Leib zu kotzen ist nicht eben gering. Ausserdem ist rohes oder falsch zubereitetes Schneidmadenfleisch tödlich.

Und ich rede hier nicht vom sanften Entschlafen, an dessen Ende dich die Englein ins Paradies geleiten, sondern von grauenhafte Bauchkrämpfen, Bluthusten, Organversagen und heftigen Schmerzen. Wahrscheinlich sterbt ihr nicht einmal am Gift, sondern durch eure eigene Hand, da kaum ein Mensch diese Schmerzen bis zum Schluss aushält. Um Schneidmadenfleisch ungefährlich zu machen, muss man es erst sehr gut durchbraten. Dazu sammelt ihr am besten trockene Knochen und schichtet sie zu einem kleinen Lagerfeuer auf. Natürlich mit dem Risiko, dass ihr weitere Schneidmaden anlockt, die vielleicht nicht so leichte Beute sind. Übrigens könnt ihr auch an gebratenem Schneidmadenfleisch verrecken, wenn ihr zuvor nicht die purpurnen Giftdrüsen restlos entfernt habt, aus denen sie ihr betäubendes Gas verströmen.

Und solltet ihr all das beachtet haben, so sei dennoch noch ein Wort der Warnung ausgesprochen. Der Verzehr von Schneidmadenfleisch verändert Menschen mit der Zeit. Viele werden härter, rücksichtsloser, raubtierhafter und einige, die es mit dem Verzehr übertreiben, verlieren sogar dauerhaft die Fähigkeit zu Empathie und Mitgefühl und werden gewissenlose Psychopathen. Nicht, dass diese Geisteshaltung im Knochenwald nicht nützlich wäre. Doch falls ihr plant je in eure Welt zurückzukehren, kann sie zu gewissen Problemen führen.

Ihr seht schon, es ist nicht eben einfach sich im Knochenwald zu ernähren. Aber wie bereits erwähnt gibt es noch eine dritte Möglichkeit dazu. Sie ist sogar etwas weniger gefährlich als die Jagd auf Schneidmaden.

Denn an einigen Stellen des Knochenwaldes wächst unterhalb der hohen Knochenbäume noch etwas anderes. Die Rede ist von den mysteriösen Glassträuchern. Diese Sträucher besitzen etwas, über das nichts anderes im Knochenwald auch nur ansatzweise verfügt: Schönheit. Denn sie bestehen ganz aus glitzerndem, funkelnden Glas und ihr bläuchlich-silbernes Leuchten besitzt in der tristen bedrohlichen Atmosphäre dieses Ortes eine schier unwiderstehliche Anziehungskraft. Um so mehr, da diese Sträucher reiche Ernte tragen. Ihre saftigen kirschroten und seltener auch dunkelblauen Früchte sind für hungrige und durstige Wanderer so anziehend, dass sie kaum noch an etwas anderes denken können, wenn sie sie erst einmal erblickt haben.

Doch Vorsicht! Nicht nur, dass man den schneidmadenverseuchten Boden betreten muss, um zu ihnen zu gelangen. Es gibt noch einen weiteren Grund sich den Glassträuchern nicht unbedacht zu nähern. Wenn ein Glasstrauch voller Beeren hängt und ihr kaum einen kahlen Zweig an ihm erkennt, ist alles gut. Geht schnell dort hin und greift euch so viele Beeren wie ihr nur essen könnt. Sie werden das süßeste und köstlichste sein, was ihr je gekostet habt. Ganz gleich, ob ihr von den blauen oder den roten Beeren esst. Wobei manche auch sagen, dass die blauen Beeren sogar noch köstlicher schmecken. Wie auch immer. Viele, die von einem Glasstrauch gegessen haben berichteten später, dass ihnen jede andere Nahrung, die sie danach zu sich genommen haben fad und langweilig geschmeckt hat. Selbst die feinste und erlesenste Gourmetküche brachte ihnen nicht mehr Freude als ein Eimer Küchenabfälle.

Wenn aber nur noch wenige Beeren an einem Glasstrauch hängen, solltest du besonders auf der Hut sein. Denn Glassträucher beziehen die Kraft für ihre Früchte und ihr Wachstum weder aus der schwarzen Sonne noch aus dem knochentrockenen unfruchtbaren Boden dieses Ortes. Sie beziehen sie aus jenen Unglücklichen, die sich einem beinah abgeernteten Strauch nähern. Sobald sich ein Opfer in die Nähe eines solchen Glasstrauchs begibt, graben sich feine durchsichtige und beinah unsichtbare Wurzeln durch den Boden, die sich einen Weg in den Körper ihrer Beute suchen. Dank schmerzstillender Substanzen merkt das bedauernswerte Opfer davon rein gar nichts.

Nun wird ihm nach und nach das Blut, die Lebenskraft und seine Jugend abgesaugt und in die süßen roten Beeren geleitet, bis es als vertrockneter und blutleerer Greis auf dem Boden zusammenbricht und die Schneidmaden sich an seinen kläglichen Überresten laben können. Zuletzt geht auch die Seele des Narren in den Strauch über und wird zu einer der seltenen blauen Beeren. Falls ihr also eine solche Beere ergattert, dann genießt sie. Sie steht für eine Seele, die niemals mehr Erlösung finden wird und die euch vielleicht auch eines Nachts in euren Träumen besuchen wird.

So gestärkt, könnt ihr euch dann immer weiter durch den verfluchten Wald kämpfen, bis ihr zur „Kahlen Zone“ kommt, in der so gut wie keine Knochenbäume mehr stehen. Von diesem Ort gibt es nur einen einzigen Bericht und der betreffende Augenzeuge sitzt zur Zeit im Hochsicherheitstrakt einer Psychatrie. Trotz seines extremen Wahnsinns, in dem er auch schon mehrere Unschuldige ohne jeden erkennbaren Grund getötet hatte, musste ich bei meinen … Verhörmethoden … sehr kreativ werden, damit er mir mehr über diesen Ort verriet. Immerhin wird er mit diesen Händen niemals mehr jemanden umbringen können. Oder auch nur ein Brotmesser halten. Selbst wenn er irgendwann entlassen wird, was ich doch sehr bezweifeln möchte.

Jedenfalls erzählte er mir, dass er in der Kahlen Zone ein riesiges Totem gesehen hat. Einen titanischen Totempfahl aus Schädeln von Menschen, Tieren und anderen Kreaturen, der hundert Meter und mehr in den Himmel ragt und um den zu jeder Zeit eine ganze Meute von Kultisten tanzt. Diese Kultisten sind menschlich. Oder sie waren es zumindest einmal. Allerdings sehen sie nicht mehr so aus wie du und dich. Denn wer in die Gemeinschaft dieser Verfluchten aufgenommen werden will, muss sich selbst mit Zähnen und Fingernägeln das Fleisch von mehreren Stellen seines Körpers reissen, bis der Knochen darunter zu sehen ist.

Denn Knochen sind diesen Fanatikern, die sich selbst „die Weisen des Gebeins“ nennen, heillig und sie betrachten es als eine Ungeheuerlichkeit, dass das verräterische Fleisch sie verbirgt. Die allerhöchsten in ihrem Orden sind nicht viel mehr als Skelette mit Gehirn und Organen, denn da diese nicht die geheiligten Knochen ihres Körpers verdecken, ist ihre Entfernung nicht erwünscht.

Ihr fragt euch jetzt sicher, wie diese Wahnsinnigen die Prozedur überleben können. Nicht jeder von ihnen überlebt es. Viele sterben an dem Blutverlust, an Entzündungen oder anderen Folgen ihrer Verstümmelung. Aber einige leben ganz normal weiter. Die Magie dieses Ortes scheint vor allem die fanatischsten Kultanhänger am Leben zu erhalten, egal was sie ihrem Köper auch antun.

Dabei ist der Kult ständig auf der Suche nach neuen Anhängern. Fall sie euch je bemerken und in ihre Gewalt bringen sollten, fangt ihr lieber schnell an zu glauben und die Knochen aus tiefstem Herzen zu verehren. Dann werdet ihr ihren Initiationsritus, dem sie euch notfalls gegen euren Willen unterziehen werden, vielleicht überleben. Ansonsten werden sie eure Knochen ihrem Totem hinzufügen. Doch selbst wenn ihr überlebt habt und ein Teil ihrer Gemeinschaft geworden seid, so könnt ihr niemals wieder in eure Welt zurückkehren. Andernfalls würdet ihr dort sofort zerfallen.

Jeder, der den Wunsch hat in das Herz des Knochenwalds vorzudringen, muss jedenfalls an den Weisen des Gebeins vorbei. Und das ist nicht eben einfach. Trotz ihrer Verstümmelungen haben sie einen guten Gehörsinn und den ältesten von ihnen sagt man nach, dass sie die Knochen von jedem Wesen riechen und finden können. Selbst durch das verdammungswürdige Fleisch hindurch.

Solltet ihr es irgendwie schaffen an den Fanatikern vorbeizugelangen ohne ein Teil von ihnen zu werden, werdet ihr nach einiger Zeit den milchigen See erblicken.

Dieser See enthält eine so starke Lauge, dass er organisches Material innerhalb weniger Minuten vollständig und restlos zersetzt. Gelegentlich gehen hier Mitglieder der Weisen des Gebeins hin, um sich selbst – oder ihre Gefangenen – schneller von ihrem Fleisch zu befreien, aber die meiste Zeit ist es dort einfach nur still. Da der See im Grunde nicht zu überqueren ist und schon seine Dämpfe allein auf Dauer die Lungen schwer in Mitleidenschaft ziehen, müsst ihr es wohl oder übel mit den scharfkantigen und hohen Knochenbergen aufnehmen, die sich links und rechts vom milchigen See erheben.

Auf den Bergen wachsen wieder vereinzelte Knochenbäume und auch Schneidmaden werdet ihr dort finden, die sogar noch tückischer und agressiver als ihre Vettern im Flachland sind. Dahinter irgendwo, so sagt man, liegt das große Geheimnis des Waldes. Aber es grenzt schon an ein Wunder, dass es überhaupt jemand so weit geschafft hat und noch davon berichten kann. Hier muss deshalb meine Geschichte enden. Fangt mit dem Wissen an, was immer ihr möchtet. Ängstigt eure Kinder, raubt euch euren Schlaf, versucht den Wald über einen der leuchtenden verschlungenen Pfade im Unterholz zu erreichen. Mir soll es gleich sein. Ich bin es leid den Babysitter für neugierige Narren zu spielen. Ich werde jetzt endlich schlafen und versuchen all die verfluchten Bilder aus meinem Kopf zu verdrängen. Falls ich es schaffe …

Knochenwald-Serie

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