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Rabbit

Ein Kaninchen hoppelte durch den Wald. Es war jung und hübsch und befand sich auf der Flucht. Doch seine Zähne waren auch scharf, und es war schrecklich hungrig. So hungrig. Und verwirrt.

Zorn. Leere. Zorn. Leere hieß das Wechselspiel, das es antrieb. Die Kälte und die Hitze hatten all das zerrieben, was es einmal gewesen war. Es war einmal ein Mensch. Ein Mädchen. Lucy genannt. Von Eltern, für die sie einmal mehr empfand als Zorn und Hass. Doch nun hieß es „Kopf ab! Kopf ab!“ für jeden, den sie treffen mochte.

Man hatte sie eingesperrt. Man hatte sie verändert. Mit Speisen so grauenhaft und köstlich. Bissen für Bissen. Tag für Tag. Doch jetzt war sie wieder frei. Die scharfen Zähne des Kaninchens hatten sich durch sein Gefängnis gebissen. Durch die Mauern. Durch den Wald und die Zäune. Nun stand sie am Rande dieser Kleinstadt und suchte. Suchte nach Wärme. Nach Interaktion. Nach Ereignissen. Nach irgendeinem Ziel.

Die Lichter eines in die Jahre gekommenen BMWs erhellten plötzlich die kleine Waldstraße, an deren Rand sie stand. Ein Mann in den Vierzigern am Steuer. Seine Frau daneben. Zwei Kinder auf dem Rücksitz. Sie stellte sich vor, das Auto umzuwerfen. Die Menschen darin zu zerquetschen wie überreife Granatäpfel. Ihre kleinen Geschichten zu beenden, die wahrscheinlich von all den Dingen förmlich überliefen, die für Lucy verloren waren. Vertrautheit. Geborgenheit. Zuneigung.

Sie hätte sie töten können. Die Kraft dazu hatte sie. Aber sie tat es nicht. Warum, wusste sie selbst nicht. Es war, als würde irgendetwas in ihrem Inneren haken. Als wäre etwas in ihrem Räderwerk des Hasses nicht richtig geölt.

Als das Auto ungefähr auf der gleichen Höhe mit ihr war, fing sie den Blick eines der beiden Mädchen auf, die auf dem Rücksitz saßen. Es hielt einen kleinen Teddybären im Arm, lächelte beneidenswert fröhlich und winkte ihr freundlich zu. Das gab den Ausschlag.

Mit Reflexen, die sogar noch schneller waren als ein Wagen, der mit 120 Sachen über eine Landstraße fuhr, packte sie das Auto an der Stoßstange und warf es senkrecht in die Luft. Es flog gut zehn Meter in die Höhe, bis es seinen höchsten Punkt erreicht hatte und zuerst wie in Zeitlupe und dann immer schneller herunterfiel. Dank ihrer guten Augen konnte Lucy sogar die Gesichter der Fahrzeuginsassen erkennen. Dass des Mannes am Steuer und seiner Frau, denen gerade bewusst wurde, dass ihr Leben und das ihrer Kinder vorüber war. Und dass der beiden Mädchen, von dem eines noch immer friedlich schlief und das andere ängstlich seinen Teddybären umklammert hielt.

Lucy genoss die Verzweiflung und das Leid, dass ihr durch ihre Blicke entgegenschlug. Es überdeckte die klägliche Ruine ihrer eigenen Seele mit fremdem Schmerz, und es erschien ihr gerecht, da sie selbst auch nicht mehr glücklich sein durfte. Gleichzeitig schmeckten diese Gefühle auch bitter und schal. Ein erbärmlicher Ersatz für ihren früheren Seelenreichtum, an den sie sich immer noch schwach erinnerte. Aber es war alles, was sie noch hatte.

Dann schlug der Wagen mit einem lauten Knall auf den Asphalt auf, sprang noch einmal wenige Zentimeter in die Höhe, überschlug sich und landete letztlich im Straßengraben inmitten von Dornbüschen und Wurzeln. Erst wollte Lucy nachsehen, ob die Insassen auch wirklich tot waren. Dann aber hoppelte das Kaninchen lieber weiter. Es gab noch so viel zu sehen.

Lucy wusste nicht, wie lange sie bereits gelaufen war, als sie das erleuchtete Fenster des einsam auf dem Hügel stehenden Hauses sah, welches sie irgendwie magisch anzog. Auch wenn sie barfuß unterwegs war, nur einen lädierten Laborkittel trug, es inzwischen stark regnete und der Wind in dieser Nacht deutlich aufgefrischt hatte, spürte sie die Kälte kaum. Sie dachte nur an das Licht. Das einsame Licht in der Nacht. Und so ging sie querfeldein über den Hügel bis zur Haustür.

Das Haus war im Stil eines Fachwerkhauses gebaut und nicht groß, aber gepflegt, und besaß kitschige, weiße Spitzenvorhänge. Als sie sich der Tür näherte, ging das automatische Licht an und erhellte ihr gequältes Gesicht mit den dünnen Lippen, der Andeutung von weißlichen Adern und den roten, ins Nichts starrenden Augen. Lucy atmete tief durch und wischte sich den schaumigen Speichel von den Lippen, der sich dort immer wieder langsam, aber stetig aufs Neue bildete. Unter der Klingel stand ein Name. Doch Lucy las ihn nicht. Er interessierte sie nicht. Lucy klingelte einfach.

Ein paar Sekunden lang geschah rein gar nichts. Dann aber hörte sie Schritte und eine etwas schrille weibliche Stimme. „Einen Moment. Ich bin gleich da.“

Kurz darauf öffnete sich die Tür. Warmes Licht fiel in die ungewöhnlich kalte Sommernacht und auf das noch kältere Mädchen, und eine ältere, freundliche Frau erschien in der Tür. Sie war längst noch keine Greisin, aber sicher schon in den späten Fünfzigern. Womöglich auch Anfang Sechzig. Ihr dünnes, wahrscheinlich gefärbtes blondes Haar trug sie kinnlang, und ihre blassen, blauen Augen bildeten einen starken Kontrast zu Lucys roten. Sie war groß, weit über 1,80m, doch ziemlich dünn. Ihr Gesicht trug für ihr Alter recht wenige Falten. Doch um ihren Mund lag ein melancholischer und bitterer Zug, und auch wenn ihre Augen von Herzlichkeit und Mitgefühl sprachen, so deuteten ihre Gesichtszüge doch an, dass sie selbst in ihrem Leben nur wenig davon erfahren hatte. Sehr wenig.

„Mein Gott!“ sagte sie besorgt, als sie ihrerseits Lucy gemustert hatte. „Was ist denn mit dir geschehen?“ Lucy blickte sie an, und seltsamerweise hatte sie nicht den Wunsch, die Frau zu töten. An ihr gab es nichts zu beneiden – das spürte sie – sie litt am Leben mehr, als sie es an ihrem Tod je hätte tun können. „Vieles!“ antwortete Lucy stattdessen und fügte dann noch hinzu: „Ich habe Hunger. Und ich friere.“ Letzteres war gelogen. Ersteres hingegen nicht.

Die Frau nickte. „Natürlich. Komm erstmal herein und wärm dich auf! Ich verstehe ohnehin nicht, was mit dem Wetter los ist. Ich werde sehen, was ich für dich zu essen finde.“

Lucy zögerte noch kurz und blickte die Frau mit ihren gespenstischen roten Augen an. Dann aber betrat sie das Haus, und die Frau schloss die Tür hinter ihr und sperrte den Regen und den schneidenden Wind aus.

Innen war es einfach und rustikal eingerichtet. Die Fußböden waren aus Echtholz. Die Wände mit weißer Raufasertapete ausgestattet. Im Flur hing eine Kuckucksuhr, die schon bessere Tage gesehen haben mochte. Auf einer dunklen Echtholzkommode standen Bilder von einem jungen Mann von vielleicht siebzehn Jahren. Unter den Fotos befand sich ein schwarzes Samttuch, auf das ein Kreuz gestickt worden war. Lucy wusste sofort, was es bedeutete, und eine ferne Erinnerung eines Gefühls kämpfte sich in ihr hoch, verging aber beinah augenblicklich wieder.

Vom Flur gingen links und rechts zwei weitere Türen ab, die aber geschlossen waren. Wahrscheinlich führten sie ins Badezimmer und das Schlafzimmer, denn am Ende des Flurs wartete eine in dunklen Farben eingerichtete Wohnküche, deren Mittelpunkt von einer mitgenommenen grauen Stoffcouch gebildet wurde. Neben dem Sofa lag auf einem abgewetzten Kissen ein alter großer Mischlingshund mit grauer Schnauze und einem müden Blick, der schwach mit dem Schwanz wedelte, als er sie sah. Die Küchenzeile dagegen bestand aus einer beigen Arbeitsplatte, einem hellbraunen Kühlschrank und einem Backofen. Die Frau ging in Richtung des Küchenbereichs, drehte sich aber noch kurz zu Lucy um und zeigte auf das Sofa. „Setzt dich ruhig schon mal, Kleines. Minka beißt auch nicht. Dafür ist sie viel zu faul, die alte Dame. Ich schau mal, was ich noch für dich da habe. Leider ist mein letzter Einkauf schon ein wenig her. Mein Name ist übrigens Melanie. Wie heißt du denn?“

Die roten Augen von Lucy fixierten Melanie wie zwei Scheinwerfer. Ihre weißen Adern pulsierten im Takt ihres Atems. Sie leckte sich langsam über die Lippen. „Lucy“ antwortete sie knapp. Während Melanie sich ein paar Eier aus dem Kühlschrank nahm und sie in die Pfanne warf, vertrieb sich Lucy die Zeit damit, den Hund zu beobachten. Er warf ihr ein kurzen Blick zu, schloss dann aber wieder seine Augen und begann im Traum irgendeinen imaginären Hasen zu jagen. Oder ein Kaninchen. Dabei fiel ihr auf, dass sie seinen nahen Tod spürte. Das grauschnäuzige Wesen würde vielleicht noch einige Wochen durchhalten. Dann wäre Melanie ganz allein.

Melanie kam mit einem Teller voll Rührei zurück und stellte die Teller klappernd auf den dunkelbraunen Holztisch. „Ich hoffe, du magst Rührei, Lucy. Was anderes habe ich gerade nicht mehr da. Hau rein!. Du hast sicher Hunger.“

Und es stimmte. Lucy hatte Hunger. Sie öffnet ihren Mund. An ihren Lippen und Zähnen, die Melanie jetzt ganz nah waren, klebte schaumiger, weißer Speichel. Ihre roten Augen funkelten gierig. Ihre Adern zuckten wie dicke Schlangen in einem hungrigen Takt.

Dann nahm sie die Gabel und schaufelte sich eine große Menge Eier auf den Löffel. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass sie etwas anderes aß als Schneidmadenfleisch. Es schmeckte eigenartig. Wie süßer, fauliger Staub. Und das, obwohl das Ei frisch und völlig normal aussah und roch. Lucy befürchtete, dass ihr von nun an alles so schmecken würde. Ein weiterer Nebeneffekt der Experimente. Sie hasste Elvira dafür. Sie hasste die ganze Welt dafür. Oh, wie sie hasste. Die Adern in ihrem Gesicht wanden und drehten sich und gaben ihr ein gänzlich unmenschliches Aussehen. Melanie machte ein erschrockenes Gesicht. „Bist du krank, Kleines?“

Lucys Züge verzerrten sich vor Hass. Kurz wollte sie die Gabel nehmen und sie in den alten Hals von Melanie versenken. Einfach nur so. Ohne besonderen Grund. Dann aber ließ sie es bleiben. Diese Frau zu töten, wäre nicht mehr als Leichenschändung. Außerdem erinnerte sie Lucy an etwas. An etwas, dass sie einfach nicht richtig greifen konnte. „Ja. Das könnte man sagen“, sagte sie stattdessen. „Ist das dein Sohn dort im Flur?“ fügte sie mit völlig emotionsloser und äußerst erwachsener Stimme hinzu, nachdem sie ihr Rührei aufgegessen hatte.

Melanie zuckte zusammen. Tränen rannen über ihr Gesicht. Dann aber antwortete sie: „Ja. Das ist… Nein, das war Stefan. Er ist bei einem Autounfall gestorben. Mein… Mein Ex-Mann saß am Steuer. Er sollte ihn zum Fußball fahren. Aber er hatte getrunken und…“ Sie schluckte. Man merkte ihr an, dass sie diese Geschichte noch nicht oft erzählt hatte. Vielleicht auch noch nie. Sie sprudelte aus ihr hervor wie Blut aus einer verkrusteten Wunde, und ein großer Teil von Lucy sog dieses Elend auf wie guten Wein. Ein kleiner Teil hingegen empfand beinah ein Gefühl, für das sie keine Worte mehr hatte. „… dann ist es passiert. Der Dreckskerl hat überlebt, und ich habe ihn zum Teufel gejagt. Ich selbst habe das nie verkraftet. Seitdem lebe ich alleine. Meine Freunde verschwanden. Meine Arbeit auch. Dafür kamen die Depressionen. Jetzt bin ich Frührentnerin. Und meistens ganz allein. Wenn man von Minka absieht. Der guten Minka.“ Sie streichelte der Hündin über den Kopf und kraulte sie sanft am Ohr. Der Hund sah dankbar zu ihr auf.

Melanies Blick schweifte in die Ferne. „Was würde ich nur ohne dich tun, Minka?“ Nach einigen Sekunden wandte sie sich wieder an Lucy. „Tut mir leid, dass ich dich mit meinen Geschichten belaste. Dabei wollte ich ja eigentlich dir helfen. Soll ich dich in ein Krankenhaus bringen? Du siehst ja wirklich nicht gut aus…“

„Sie bringen mich nirgendwohin!“ schrie Lucy plötzlich in einem explosiven und dämonischen Ton. Die Lichter in Melanies Wohnküche begannen zu flackern. Die Adern auf Lucys Gesicht ebenfalls. Minka verkroch sich winselnd hinter dem Sofa. Melanie selbst wich einige Schritte zurück. „Aber… ich meine es doch nur gut!“

Eine Erinnerung kam in Lucy hoch. „Ich meine es doch nur gut.“ Mit diesen Worten hatte Elvira sie überredet, mit in ihren Wagen zu kommen, als sie auf der Straße Ball gespielt hatte. Der Zorn brodelte wie kochende Lava in ihrer Brust. Ein Zorn, wie sie ihn noch nie gekannt hatte. Trotzdem schaffte Lucy es mit gewaltiger Anstrengung, ihn noch einige Momente lang zu kontrollieren. „Danke für das Essen. Ich muss jetzt gehen“, sagte sie knapp. Dann drehte sie sich um und ging zur Tür.

„Aber…“ stotterte Melanie und folgte ihr halbherzig und verwirrt. Kurz bevor Lucy wieder in die Nacht hinaustrat, drehte sie sich noch einmal zu ihrer Gastgeberin um. Ihr Gesicht sah nun nicht mal mehr im Ansatz wie das eines kleinen Mädchens aus. Oder auch nur menschlich. „Übrigens. Ihr Hund wird sterben. Schon bald!“ sagte sie zu Melanie, öffnete dann die Tür und ging zurück in die regnerische Nacht.

Das Kaninchen hoppelte weiter, und es wusste selbst nicht, warum es in diesen Stall gekommen war. Wahrscheinlich war es eine Art biologischer Automatismus. Auch wenn sie Wärme und Geborgenheit kaum noch ernsthaft empfinden konnte, so wurde sie doch noch immer vom Versprechen eines warmen und behaglichen Heims mit freundlichen Menschen darin angelockt. Und die alte Lucy wäre sicher sogar dankbar für Melanies Gastfreundschaft gewesen. Das Kaninchen aber konnte ihr nur noch Hass anbieten. Hass auf das Leben und Hass auf sich selbst, da es nur noch hassen konnte.

Aber es gab immerhin eine Person, bei der dieser Hass gut aufgehoben war. Und Lucy hatte auch eine Idee, wie sie ihn dorthin hinbringen konnte. Sie hielt inne, schaute sich kurz um und ging wieder in Richtung des kleinen Wäldchens. Die Verwirrung war verflogen. Nun hoppelte das Kaninchen wieder in seinen Bau zurück. Es wurde Zeit, ein paar mehr Köpfe abzuschlagen.

Knochenwald-Serie

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