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„Sie haben wirklich eines dieser Viecher mitgenommen? Haben Sie völlig den Verstand verloren?!?“ schrie Jonathan entgeistert und in einem Ton, der so gar nicht zu seiner ausgeglichenen britischen Natur passte. In seiner Stimme lag dermaßen viel Aggression, dass einer der bewaffneten, uniformierten Muskelberge, die um ihn herum standen, sein Gewehr entsicherte und den Lauf direkt auf sein Gesicht richtete. Elvira Djarnek aber lächelte nur belustigt und signalisierte ihrem Sicherheitsmann, seine Waffe wieder zu senken. „Ganz ruhig, Doktor. Es gibt keinen Grund, sich so aufzuregen. Das geschieht alles nur im Dienste der Wissenschaft.“

„Im Dienste der Wissenschaft? Welche Erkentnisse wollen Sie aus so einem Monster gewinnen?“ fragte Jonathan entgeistert.

Elviras Lächeln gefror. „Wir hatte eigentlich gehofft, dass Sie es uns sagen können. Im Hubschrauber klang es jedenfalls noch so, als ob Sie uns unbedingt helfen wollten. Und auch als wir Ihnen unser Universal-Antidot gespritzt haben, hatten Sie noch keinen derart trotzigen Ton drauf. Oder trügt mich meine Erinnerung? Immerhin ist es ja auch schon eine ganze Stunde her.“

Jonathan biss vor Wut und Scham die Zähne zusammen. Leider hatte Sie mit Ihren sarkastischen Bemerkungen vollkommen Recht. Er war schwach gewesen und hätte wahrscheinlich alles versprochen, nur um am Leben zu bleiben.

Elvira entging sein zerknirschtes Schweigen nicht. „Sie sind ja plötzlich so still, Doktor. Dabei sollten Sie doch wissen, dass allzu schweigsame Doktoren gern mal als Madenfutter enden.“

„Ist ja schon gut“, sagte Jonathan schließlich. Er richtete seinen Blick widerwillig auf die Panzerglasscheiben, hinter denen auf einem blitzsauberen, weißgekachelten Boden eine dicke, fette Schneidmade hockte und sie aus schwarzen Knopfaugen ansah. Sie war mindestens so groß wie ein Dobermann, und allein ihr Anblick war Jonathan zuwider. „Was genau wollen Sie wissen?“ fragte er Elvira.

„Alles, was Sie mir über diese Viecher erzählen können“, antwortete sie. „Und beeilen Sie sich! Ich bin eine gute Zuhörerin, aber keine geduldige Frau.“

Jonathan räusperte sich und begann im selben Tonfall, den auch seine Studenten bei unzähligen Vorlesungen vernommen hatten. Seriös und ernst, aber ganz und gar nicht dröge und stets mit einem feinen Hauch knochentrockenem, britischen Humor durchsetzt.

„Es sind die tödlichsten und effizientesten Jäger, die ich je erlebt habe. Sie können Spitzengeschwindigkeiten von 80 km/h und mehr erreichen. Ihre Sekrete und auch ihr Blut haben degenerative und korrosive Auswirkungen auf die Flora und Fauna in ihrer Umgebung. Sie verzehren ihre Beute am liebsten bei lebendigem Leib, werden aber in Ermangelung lebender Organismen auch zu Aasfressern. Wie Sie ja selbst gesehen haben, verhalten sie sich ähnlich wie staatenbildende Insekten. Sie schlüpfen aus winzigen weißen Eiern, die von einer Königin gelegt werden, welche die Körpergröße gewöhnlicher Schneidmaden um ein Vielfaches übersteigt.

Ihr Fleisch schmeckt schlimmer als britisches Essen und ist bei falscher Zubereitung tödlich giftig. Bei richtiger Zubereitung aber ist es nahrhaft und verleiht übermenschliche Stärke und Kraft, sorgt aber auch für zunehmende emotionale Verrohung und gesteigerte Aggression. Auf lange Sicht werden die Konsumenten zu eiskalten Psycho- und Soziopathen. Ein bisschen so wie Frau Djarnek.“

Eine schallende Ohrfeige brachte Jonathans linkes Ohr zum Klingeln. Trotzdem hatte ihm diese kleine Spitze gut getan. Er setzte das charmante Lächeln auf, auf das im Laufe der Jahre schon viele Studentinnen angesprungen waren. Zumindest für einige Nächte. „Das war doch nicht notwendig, liebste Elvira. Ich habe das als Kompliment gemeint. Ich stehe auf durchsetzungsfähige Frauen.“

Elvira blickte ihn finster an. „Und ich stehe auf Typen, die wissen, wann sie den Mund halten sollten.“ Dennoch hatte Jonathan für einen kurzen Moment ein interessiertes Funkeln in ihren Augen gesehen. Vielleicht würde er das irgendwann nutzen können.

„Auch wenn sie ein unverschämter, aufgeblasener Idiot sind, war das doch schon mal eine nützliche Zusammenfassung.“

Jonathan salutierte auf übertrieben zackige Weise. „Zu Befehl, Sir. Dürfte ich auch erfahren, was Sie nun mit Ihrem neu gewonnenen Wissen vorhaben?“

Sie ignorierte ihn und blickte zu einem schwarzhaarigen, kleinen Kerl mit randloser Brille in einem weißen Kittel, der inmitten all der Uniformierten ein wenig deplatziert wirkte. Wenn auch nicht so sehr wie Jonathan in seinem dunkelbraunen Anzug. „Dr. Kiving. Haben Sie das mitgeschnitten?“

Der kleine Doktor nickte eifrig. „Alles. Ich denke auch, dass wir mit dem ersten Experiment beginnen können.“ Seine Stimme war hoch und überschlug sich gelegentlich.

Plötzlich drückte Dr. Kiving auf einen kleinen roten Kopf, und sofort öffnete sich mit einem Zischen eine bisher verborgene Tür im abgeschirmten Laborbereich und ließ einen Mann erscheinen, der zwar groß und muskelbepackt war, aber dennoch wie ein verängstigtes Kind wirkte. Auch er trug nur einen weißen Overall. Jonathan war sich sofort sicher, dass der Mann sich nicht freiwillig für das Experiment gemeldet hatte. „Stoppen Sie das. Das ist Wahnsinn!“ schrie er.

Aber Dr. Kiving reagierte überhaupt nicht, sondern starrte nur mit wissenschaftlichem Interesse auf die Made, die sich sofort zu dem Neuankömmling umdrehte. Und auch Elvira schüttelte nur den Kopf. „Sparen Sie sich Ihren Atem. Dr. Kiving hat in seiner Zeit als wissenschaftlicher Leiter einer geheimen Einrichtung in Pjöngjang gewiss schon Grausameres gesehen und GETAN. Wer die verzweifelten Blicke und Bitten sterbender und gefolterter Mütter und Kinder ignoriert, der lässt sich von den moralingesättigten Appellen eines Gutmenschen-Doktors aus London erst recht nicht umstimmen.“

Jonathans Blick schweifte über den kleinen Doktor mit den engstehenden Augen und dem selbstzufriedenen Lächeln, dann weiter zu Elvira, deren kalte Augen, freudlose Lippen und steinharten Gesichtszüge fast vergessen ließen, dass sie eigentlich verdammt gut aussah. Selbst in den Schneidmaden steckte mehr Gnade und Mitgefühl als in diesen Menschen. Aber auch wenn Jonathan die Sinnlosigkeit seiner Versuche durchaus erkannte, konnte er dennoch nicht einfach still dabeistehen, während dieser Mann geopfert wurde. „Welchen Erkenntnisgewinn soll das hier bitte bringen? Dass diese Maden töten können, wissen Sie doch bereits. Ich habe es ihnen doch gesagt!“

Elvira sah ihn an, als wäre er ein naives, begriffsstutziges Kleinkind. „Aber Jonathan, so eine Aussage hätte ich von Ihnen nicht erwartet. Als Biologe sollten Sie doch den Unterschied von theoretischen Konzepten und empirischen Beobachtungen kennen. Wenn wir wirklich etwas von den Viechern lernen wollen, brauchen wir eine konkrete Demonstration unter Laborbedingungen. Außerdem handelt es sich hierbei nicht um einen unschuldigen Chorknaben. Das da ist Ivan Partinov. Ex-Mitglied des russischen Geheimdienstes. Meister in mehreren Nahkampftechniken – waffenlos und bewaffnet – und gesucht wegen Waffenhandels, Menschenhandels, Kidnapping, Erpressung, mehrfachen Mordes und Vergewaltigung. Sie können also ihr zartes Gewissen wieder einpacken. Wahrscheinlich werden Ihre Schneidmaden nie wieder ein so gutes Werk vollbringen wie den Tod dieses Mannes. Vor allem aber, und das ist am wichtigsten, sollte die Made kein leichtes Spiel mit ihm haben.“

Jonathan lagen eine ganze Reihe möglicher Erwiderungen auf der Zunge. Dass der Mann für einen Serienkiller sehr verängstigt und zartbesaitet wirkte, dass er ein faires Gerichtsverfahren verdient hatte, dass Selbstjustiz dieser Art nicht in Ordnung war. Aber er hätte bessere Aussichten gehabt, in einem Bordell die Keuschheit zu predigen, als Elvira oder diesem bebrillten Aushilfs-Mengele ins Gewissen zu reden. Und so schwieg er und sah sich gezwungenermaßen das Schauspiel an.

Der bullige Mann und die Made belauerten sich noch. Der Mann hatte dabei eine Art Ringerpose eingenommen – soweit mochte Elviras Geschichte stimmen –, allerdings zitterten seine Knie, und in seinem Gesicht standen Tränen der Angst. Auch wenn kein Schall durch das dicke Glas drang, war sich Jonathan sicher, dass der Mann um Hilfe schrie.

Die Einzige, der ihn hörte, war aber die Schneidmade, die nun urplötzlich ihre lauernde Zurückhaltung aufgab und schnell wie ein Projektil auf ihn zuraste. Partinov schaffte es nur knapp, dem zuschnappenden, kreisrunden Maul voller scharfer Zähne zu entgehen. Jeder weniger trainierte Mensch wäre bereits jetzt Madenfutter geworden. Partinov schaffte es aber nicht nur auszuweichen, sondern sich auch noch auf den schleimigen, weißlichen Madenkörper zu schwingen, so als würde es sich dabei um ein Pferd handeln. Augenblicklich gingen seine fleischigen Fäuste auf den Körper der Kreatur nieder.

„Unglaublich, er schafft es!“ rief Jonathan euphorisch und hoffte insgeheim, dass der Russe diesen Kampf wirklich überleben würde.

Die Made aber gab nicht so leicht auf. Zwar verlangsamten die harten Schläge von Partinov ihre Bewegungen, aber sie hatte noch ein weiteres Ass im Ärmel. Aus den Drüsen auf ihrem Körper sonderte sie ein dickliches, weißliches Sekret ab. Zuerst dachte Jonathan, dass sie den Russen damit nur abwerfen wollte, aber dann sah er, dass dessen Gesicht sich vor Schmerz verzerrte und er seine Faustattacken augenblicklich einstellte. Trotzdem saß er nach wie vor fest auf dem Rücken der Made.

Einer der Messwerte auf dem Bildschirm, die die Biodaten des armen Mannes symbolisierten, schoss in den roten Bereich. Und als Jonathan dort die Aufschrift „Acid“ las, wusste er, warum der Mann schrie und sich gleichzeitig nicht von der Made abschütteln ließ. Die Made hatte ätzenden und zugleich klebrigen Schleim abgesondert, der wahrscheinlich der Verteidigung diente und… Nein. Plötzlich kam Jonathan eine andere Theorie in den Sinn, die viel besser zu den fremdartigen Geschöpfen passte. Das war kein Verteidigungssekret. Der weißliche Saft, der neben Säure und Klebstoffen wahrscheinlich auch Enzyme enthielt, diente der Verdauung. Der bedauernswerte Mann wurde bei lebendigem Leib verstoffwechselt. Anscheinend fraßen die Tiere nicht allein mit ihren Zähnen. Ähnliches kannte Jonathan nur von fleischfressenden Pflanzen. Aber selbst diese brauchten lange Zeit, um auch nur ein paar Fliegen zu verdauen. Die Beine des Mannes waren hingegen schon beinah vollständig zersetzt. Dennoch schaffte Ivan das Unglaubliche. Mit seinem kräftigen Oberkörper stemmte er sich hoch und drückte sich kraftvoll von der Made weg, wobei er sich zwar die Hände verätzte und die halbverdauten Reste seiner Beine hinter sich ließ, aber immerhin freikam.

So sehr aber Jonathan den Mann auch für sein schier übermenschliches Kunststück bewunderte: Es brachte ihm praktisch gar nichts, außer einem noch grausameren Tod. Denn die Schneidmade drehte sich blitzschnell zu Ivan Partinov um, so dass ihr grausiges Maul direkt vor seinem Gesicht war. Einen gedehnten Moment lang sahen sich die beiden Kontrahenten direkt an. Die gefühllosen Knopfaugen der Made und die stahlblauen Augen des Russen, der wusste, dass sein Ende gekommen war. Dann sprang die Made vor, um zu fressen. In einem letzten Aufbäumen von Mut ließ Ivan seine behaarte Faust auf die spitzen Zähne des Monster zurasen und schaffte es tatsächlich, drei davon zu zerbrechen. Dann aber stülpte sich die Made ungerührt über den Mann und begann ihn zu zerteilen. Seine auf immer unerhörten Gebete verstummten im stinkenden Madenschlund. Als die Made ihr Mal beendet hatte, begab sie sich wieder in ihre Ruheposition in der Mitte des Raumes ,als wäre nichts geschehen. Von dem Russen war außer etwas Blut nichts mehr zu sehen. Selbst seine Beine waren inzwischen vollständig vom Madenrücken verdaut, und auch der weiße Schleim zog sich wieder in den Körper des Monsters zurück.

Der kleine Dr. Kiving rieb sich erfreut die Hände. „Grandios!“ rief er mit kindlicher Freude in der Stimme.

Jonathan stand kurz davor, sich zu übergebe,n und wählte in Gedanken bereits – all seinen eigentlich guten Manieren zum Trotz – Elvira als Ziel dafür aus, aber dann merkte er, dass er selbst dafür keine Kraft mehr hatte. Er war viel zu fassungslos nach dieser Zurschaustellung von grausamer Effizienz und Unmenschlichkeit. Sowohl seitens der Made als auch seitens seiner sogenannten Mitmenschen.

Plötzlich klopfte ihm Elvira auf die Schulter. „Was für ein atemberaubendes Schauspiel. Was für eine unbändige Kraft!“ Elviras Stimme war geschwängert von ekelhaft deplatzierter Euphorie. „Das muss gefeiert werden, Jonathan! Lassen Sie uns einen Happen essen!“ schlug sie vor.

Als sie an seinem Gesicht ablas, dass er lieber herzhaft in einem Haufen verschimmelter Exkremente gebissen hätte, als ihrer Einladung zu folgen, entsicherte sie ihre Pistole und drückte sie dem Doktor in den Rücken. „Das ist ein Befehl!“

Eine halbe Stunde später saßen die beiden schweigend in der nüchtern eingerichteten Kantine der Forschungseinrichtung. Kaltweiße Beleuchtung. Weiße Wände ohne jeden Schmuck. Metallboden. Tische und Stühle aus Stahl. Die Einrichtung war ungefähr so romantisch wie Jonathans Gemüt. Wenn auch sicher noch wärmer als Elviras Herz. Immerhin roch das Essen gut. Lachs mit gedünstetem Gemüse in Sahnesoße. Jonathan roch Nelken und Muskat. Trotzdem aß er keinen Bissen.

„Was ist?“ fragte Elvira unschuldig. Dass sie statt ihrer Armeeuniform ein schwarzes Abendkleid trug, war der Gipfel der Absurdität.

„Warum essen Sie nichts? Sind Sie etwa Vegetarier?“ setzte sie nach, als Jonathan keine Anstalten machte zu antworten. Vegetarier war er zwar nicht. Aber nach seinen heutigen Erlebnissen schien ihm das keine schlechte Idee zu sein.

Er sagte weiterhin nichts. Also beugte sich Elvira vor, wobei ihr Abendkleid unangenehm viel enthüllte, schnitt ein großes Stück von Jonathan Lachs ab, tunkte es in die Soße und versuchte ihn allen Ernstes damit zu füttern. „Essen sie endlich! Sie verpassen was. Oder soll ich Ihnen lieber Ihren Schwanz abschneiden und Sie damit füttern? Ich hätte kein Problem damit, auch wenn es schade wäre.“ Während sie das sagte, glitt sie mit dem linken Fuß aus ihrem Schuh und streichelte sein Bein.

Er versteifte sich und beschloss diese absurden Flirtversuche zu ignorieren. „Was zum Teufel soll das alles? Was wollen Sie damit bezwecken?“

Elvira lächelte ein Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. Wahrscheinlich konnte kein Lächeln der Welt so eine Wundertat vollbringen. „Na was schon? Nahrungsaufnahme. Als Biologe wissen Sie das vielleicht nicht, aber Menschen brauchen von Zeit zu Zeit Nahrung.“

„Es reicht!“ Jonathan schlug mit aller Wucht auf den Metalltisch, so dass sein Teller klapperte und fettige Soße auf seinen Anzug spritzte. Elviras Gesicht verfinsterte sich wieder. Sie zeigte auf den Fleck an seinem Anzug. „Hätten sie mein Kleid auf die gleiche Weise ruiniert, hätte ich Sie lebendig häuten lassen. Streifen für Streifen.“

Nun platzte Jonathan endgültig der Kragen. „Dann tun Sie es von mir aus! Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Aber erklären Sie mir gottverdammt zuerst, was Sie mit all dem bezwecken. Warum opfern Sie Menschen? Warum halten Sie mich hier fest? Und vor allem: Warum haben Sie den verfluchten Wald und die Madenkönigin nicht vernichtet? Ist das hier irgendeine wahnsinnige Weltuntergangssekte? Wollen Sie die Menschheit ins Verderben stürzen, während Sie Lachs in Sahnesauce fressen und dümmliche Witze reißen?!“

Jonathan wusste, dass er mit seinem Ausbruch vielleicht sein Todesurteil unterschrieben hatte. Aber es war ihm tatsächlich seltsam egal.

Elviras Gesicht wurde noch härter. Falls das überhaupt möglich war. Ihre Stimme wurde gefährlich ruhig. „Nachdem ich Ihnen das Leben gerettet habe, hätte ich eigentlich etwas mehr Dankbarkeit erwartet. Sie scheinen das alles für einen großen Witz zu halten und spielen den coolen und moralisch erhabenen Rebellen. Aber Ihre Lage ist verdammt ernst. Glauben Sie mir: Ich habe schon ausgebildete und erfahrene Soldaten in heulende und zerstörte Wracks verwandelt. Da brauche ich mich bei feinen Akademikern gar nicht groß anzustrengen. Und Dr. Kiving ist auch nicht gerade unerfahren auf dem Gebiet. Am liebsten lassen wir sie danach weiterleben. Wenn man es so nennen kann. Gebeugt, verängstigt, verstümmelt. Ohne Zähne und Fingernägel. Ohne Hände. Ohne Augen. Mit chronischen Schmerzen. Ich denke, so eine Erfahrung kann selbst einen charmanten Doktor wie Sie seinen Charme kosten. Jedenfalls garantiere ich Ihnen, dass Sie nach ein paar Minuten, in denen Sie sie wirklich erlebt haben, nicht mehr so leichtfertig von Folter reden werden.“

Sie ließ diese Drohung einen Moment lang in der Luft hängen, und plötzlich war sich Jonathan wirklich nicht mehr so sicher, ob ihm sein eigenes Schicksal egal war.

Als sie sicher war, dass die Botschaft angekommen war, redete Elvira weiter. „Hat es Ihnen die Sprache verschlagen? Wunderbar! Denn wenn Sie brav zuhören und endlich anfangen, Ihr Essen anzurühren, werden Sie einige von Ihren heiß ersehnten Antworten erhalten, und ich werde davon absehen, gemeinsam mit Dr. Kiving Ihre Schmerzgrenze auszuloten. Ist das ein Deal?“

Widerwillig nickte Jonathan und schnitt etwas von seinem Lachs ab. Das Essen schmeckte noch besser, als es roch, auch wenn der Fisch inzwischen beinah kalt war.

„Braver Doktor. Also nun zu Ihren Fragen. Wer genau wir sind, kann ich Ihnen nicht sagen, denn ich spiele noch immer mit dem albernen Gedanken, Sie freizulassen, wenn Sie weiterhin kooperieren. Und wenn ich Ihnen zuviel erzähle, steht mir diese Option leider nicht mehr zur Verfügung. Aber ich kann Ihnen sagen, dass wir mitnichten eine Sekte oder so etwas in der Art sind. Unsere Auftraggeber könnten im Grunde kaum atheistischer und unromantischer sein. Sie interessieren sich weit mehr für Profite als für Gebete, und sie sind weder an der Erlösung noch an der Zerstörung dieser Welt interessiert. Beides wäre schlecht fürs Geschäft.

Diese Maden hingegen könnten sehr gut fürs Geschäft sein. Nur mal angenommen, wir könnten lernen, sie zu kontrollieren – und ich kann Ihnen versichern, dass wir einige Expertise auf dem Gebiet der Gedankenkontrolle haben – dann würde ihre Kampfkraft bei so einigen Staaten und Organisationen auf großes Interesse stoßen. Sowohl für den militärischen Einsatz als auch für die innere Sicherheit. Zur Kontrolle von Aufständen, Demonstrationen, Demokratiebewegungen – Sie wissen schon. Protestbanner kann man nicht mehr so leicht schwenken, wenn der halbe Körper von Madenschleim zersetzt wurde.“ Elvira entfuhr ein Kichern, das sich tief in Jonathans Magengrube bohrte. Er musste sich eingestehen, dass ihm diese Frau mehr Angst machte als selbst die Schneidmaden.

„Aber nicht nur die Maden selbst sind interessant. So können wir ihre Sekrete chemisch nachbilden und als Kampfstoffe verkaufen. Und wie Sie mir ja so freimütig berichtet haben, hat auch ihr Fleisch seinen Nutzen. Und außerdem denken wir, dass es jenseits dieser Schneidmaden noch weitere Geheimnisse gibt, deren Schlüssel sich in diesem hübschen Köpfchen verstecken.“ Sie wuschelte Jonathan durch die braunen Haare wie eine Mutter ihrem Kleinkind. Er ließ es stoisch über sich ergehen.

„Aber Sie wollten ja auch den Grund für dieses spezielle Essen kennenlernen.“

„Brian! Matt! Bringt die Kleine herein!“ Die letzten Worte schrie sie förmlich, und nur wenige Sekunden später brachten zwei der uniformierten Schränke ein kleines, zierliches Mädchen mit braunen Locken und einem geblümten rosa Kleid in die Kantine. In ihren hellgrünen Augen lag Unschuld, aber auch Angst.

„Darf ich vorstellen?“ setzte Elvira theatralisch an. „Das hier ist Lucy.“ Sie zeigte auf das verschüchterte Mädchen und dann auf Jonathan „Lucy. Das hier ist Dr. Jonathan How aus London. Er ist Biologe und ein ziemlich ungezogener Mann.“ Das Mädchen hob schüchtern die Hand zum Gruß.

Jonathan war jetzt endgültig verwirrt. „Was macht die Kleine hier? Missbrauchen sie jetzt auch Kinder für Ihre Experimente?!?“

Sofort wandelte sich der ängstliche Ausdruck auf dem Gesicht des Mädchens in blanken Schrecken. „Sehen Sie, Sie Rüpel?“ tadelte ihn Elvira „Jetzt haben Sie dem armen Ding Angst gemacht. Aber Sie haben Recht. Es geht um ein Experiment. Und Sie werden es durchführen.“

Jonathans Gesicht lief rot an. „Ich werde keine Experimente an kleinen Mädchen durchführen, Sie kranke Schlampe, stecken Sie sich Ihre…“

Elvira unterbrach ihn mit einer schroffen Geste. „Sagen Sie nichts, was Sie – und auch Lucy – später bereuen könnten. Es geht auch um nichts Besonderes. Sie reden einfach einmal am Tag mit ihr, stellen ihr ein paar Fragen, beurteilen ihre Antworten und ihr Verhalten und nehmen ein paar Blutproben. Betrachten Sie es einfach als Verhaltensforschung!“

„Und was soll am Verhalten einer Neunjährigen erforschenswert sein? Darüber gibt es Unmengen an fundierter Literatur. Außerdem bin ich Biologe und kein Soziologe oder Pädagoge.“

Elvira setze ein Lächeln auf, das in seiner Wirkung irgendwo zwischen einem Sonnenaufgang und einem weit geöffneten Haifischmaul lag.

„Oh, ich garantiere Ihnen, dass sich neue Erkenntnisse ergeben werden. Denn ab Morgen steht für die Kleine ausschließlich Schneidmadenfleisch auf dem Speiseplan. Jeden Tag!“

Knochenwald-Serie

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