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Lucy, Jonathan, Gera, Hexe, Bianca, Davox und Professor Arnold Wingert standen nun in dem kleinen Wäldchen, in dem alles begonnen hatte und das inzwischen von einer wilden Mischung aus gewöhnlichen Bäumen und glatten, weißen Knochenbäumen beherrscht wurde. Über ihnen schien ein blasser Mond, der immer wieder von geisterhaften Wolkenbändern umspielt wurde, die wie Knochenzungen nach seinem schwachen Licht gierten. Hinter ihnen lag der Eingang zu Lucys unterirdischer Anlage wie das Maul eines hungrigen Dämons, in dessen Eingeweiden sich Lucys Truppen zum Abmarsch bereitmachten. Der ferne, unirdische Schrei der Schneidmadenkönigin hallte durch die Dunkelheit. Ansonsten war es still.

„Kommt sie auch mit uns?“ fragte Hexe Lucy, die sich ein brandneues Kleid angezogen hatte. Anders als ihre alten Klamotten war es schreiend bunt, wobei die Farben schwarz, blutrot und giftgrün überwogen und ihr trotz der Farbenpracht ein unheimliches Aussehen verliehen.

„Nein.“ antwortete Lucy „Die Königin ist zu langsam und auffällig. Außerdem muss sie sich um ihre Brut kümmern und - was noch wichtiger ist – ich will diesen Standort nicht aufgeben. Aus diesem Grund wird auch Carina zusammen mit unserem armen Doktor Jameson und einigen anderen hier bleiben und auf alles achtgeben. Es wäre dumm, keinen Plan B zu haben, falls wir verlieren.“

„Das klingt aber nicht sehr überzeugt.“ bemerkte Davox.

Lucy lächelte leicht. „Ich bin von der Gerechtigkeit unserer Sache überzeugt, nicht von ihrem Ausgang.“

„Das sehe ich ähnlich.“, bemerkte Christopher Gera, während er an seiner stinkenden Hose rumzuppelte. Er hatte sich strikt geweigert, sie gegen frische Sachen auszutauschen. Das hätte sentimentale Gründe, hatte er dazu gesagt und außerdem darauf hingewiesen, dass Arnold Wingert immer noch schlimmer stank als er.

„Ach ja?“ sagte Hexe verwundert.

„Tja, der Ausgang ist doch klar: Wir werden verlieren!“ sagte er ohne jeden Anflug von Humor.

„Und was bringt Sie zu dieser Überzeugung?“ wollte Jonathan wissen.

„Gesunder Menschenverstand.“ erwiderte Gera nur, während er nachdenklich auf seiner Unterlippe herumkaute.

„Wenn das so ist, warum sind Sie dann noch immer bei uns?“ hakte Hexe nach.

Gera grinste so breit, dass er nun wirklich wie die Karikatur eines fröhlichen Erdmännchens aussah. „Aus drei Gründen. Erstens erwartet jeder von einem Typen wie mir, dass ich mich in die Büsche schlage, wenn es um eine edle Sache geht, und ich hasse es, Erwartungen zu erfüllen. Noch mehr sogar, als ich lebende Menschen hasse. Zweitens habe ich schon gemordet, gelogen, Karriere gemacht, Fälle aufgeklärt, Intrigen gesponnen, Existenzen vernichtet, Zeugen gequält, Unschuldige ins Gefängnis gebracht und natürlich unzählige Leichen geschändet – manche sogar gegen ihren Willen.“

Er lachte trocken und fuhr dann fort. „All das habe ich vollbracht. Aber ich bin noch nie einen Heldentod gestorben. Genau das fehlt mir noch zum perfekten Lebensentwurf. Drittens – und das ist der entscheidende Punkt – gehe ich fest davon aus, dass mir irgendjemand aus dieser traurigen Versammlung eine Tüte Zitronenbonbons kaufen wird. Und zwar die teuren. Keine Discounterscheiße. Andernfalls werde ich jedem von euch den Schädel öffnen, all die winzigen Gehirne herausholen, sie aufeinanderstapeln und solange darauf pissen, dass euch der Fährmann über einen reißenden, stinkenden, gelben Fluss ins Jenseits schippern muss.“

Lucy lachte lauthals los, und man merkte dabei, wie sehr sie es genoss, wieder Freude an etwas zu haben. „Du bist ja noch verrückter als ich!“ brachte sie prustend hervor.

Gera schmunzelte. „Das mag sein. Aber ich meine es dennoch ernst.“

„Daran habe ich keinen Zweifel. Sie werden ihre Bonbons bekommen. Kaninchenehrenwort.“ versprach Lucy. „Nur für den Heldentod kann ich nichts garantieren.“

„Das ist ja schön und gut.“ röchelte Bianca in einer erschreckend düsteren und fremdartigen Stimmlage. Ein konstantes Röcheln, Blubbern und Schlucken begleitete jedes ihrer Worte und machte es schwer, sie zu verstehen. „Ein Problem gibt es da aber noch. Wie wollen wir unsere Truppen quer durch die ganze Republik befördern?“

Jeder der Anwesenden starrte sie an. Und das lag nicht etwa an ihrer durchaus berechtigten Frage. Bianca sah sehr schlecht aus. Sie war kalkweiß, roch leicht unangenehm – so als hätte der Tod sie zwar noch nicht ergriffen, aber zumindest anvisiert. Ihr schwarzes Haar war stumpf und strähnig. Ihre Augen glänzten fiebrig und ihr Kehlkopf tanzte beständig wie ein aufgeregtes Tier hin und her, da sie nicht aufhören konnte zu schlucken. Das Schlimmste aber war ihre Stimme. Diese Stimme …

„Was ist mit dir passiert, Süße?“ fragte Hexe schockiert und schämte sich, dass sie ihre Freundin in letzter Zeit so wenig beachtet hatte.

„Der Wurm.“ krächzte Bianca. „Der verfickte Knochenwurm. Bald werde ich so sein wie Professor Wingert. Lange kann es nicht mehr dauern. Ich fühle ihn in meiner Kehle herumkriechen bei jedem Atemzug, bei jedem Schlucken. Ich fühle, wie er meinen Körper umbaut, wie er nach meinem Gehirn greift und sich schleichend zum Zentrum meines Seins entwickelt. Aber das ist nun egal. Zuerst einmal müssen wir sehen, wie wir Lucys Armeen …“

„Vielleicht habe ich ja eine Lösung für beide Probleme!“ erklang eine Stimme scheinbar aus dem Nichts, die Bianca und den meisten anderen durchaus bekannt vorkam.

„Mara?“ sprach Hexe, die die Stimme als erste zuordnen konnte, ihre Vermutung aus. Eine Sekunde später wurde Mara sichtbar. Sie materialisierte sich einfach direkt vor Hexe und zwar ohne Rauch, flackernde Lichter oder sonstiges Zauberwerk – einfach, als hätte sie schon immer einen Meter von ihr entfernt gestanden. Und sie kam nicht allein.

Mit ihr zusammen erschienen ungefähr hundertfünfzig Gestalten zwischen den Bäumen, von denen zumindest die Weiblichen alle sehr ähnlich aussahen. Dichtes, rotes Haar, vielfältige Talismane und mittelalterlich oder hippiemäßig anmutende Kleidung. Lediglich bei ihren Gesichtern, ihren Frisuren und ihrer Hautfarbe unterschieden sie sich. Und beim Alter, wobei die meisten zwischen Anfang Zwanzig und Mitte Vierzig zu sein schienen. Es gab aber auch Drix Tschatha im Teenageralter und welche, die mindestens Ende Fünfzig sein mussten. Jeder dieser Frauen hatte zwei Männer an ihrer Seite, die zumeist deutlich unauffälliger gekleidet waren, sie an den Händen hielten und sie oft auch verliebt oder geradezu besessen ansahen.

Auch Mara hatte einen Typen an jeder Hand. Der eine war ein dunkelhaariger, zierlicher Mann Mitte Zwanzig in schwarzen Klamotten und mit einem melancholischen Ausdruck in den Augen. Irgendwie sah er eigenartig müde und verbraucht aus, was im Grunde auf ungefähr jeden zweiten der anwesenden Männer zutraf. Der Andere war etwas älter, muskulös, trug ein weißes T-Shirt, hatte blondes kurzes Haar und lächelte sein bestes Sunnyboy-Lächeln.

„Das sind Mike und Mike.“ antwortete Mara auf Hexes unausgesprochene Frage, womit sie diese aber nur zum Teil beantwortete. „Die Namen habe ich mir nicht ausgesucht. Sie hießen schon immer so.“

„Das… das ist Lucy“ sagte Hexe perplex, wobei sie auf die skeptisch dreinblickende Mutter der Maden deutete. „Den Rest der Bande kennst du ja schon. Aber. Wie sind… Ich meine, was… Wie bist du… Wie seid ihr…“ stotterte sie, und die anderen sahen nicht weniger verblüfft aus.

„Ich kenne Lucy inzwischen gut genug. Du musst wissen, dass wir euch seit unserem ersten Treffen keine Sekunde aus den Augen gelassen haben.“ antwortete Mara. „Freut mich, dich kennenzulernen, Lucy. Auch schön zu sehen, dass der Geisterglanz gewirkt hat.“ Sie nickte Lucy kurz zu, die ihr Nicken erwiderte und leise „Danke.“ murmelte, sie aber noch immer mit einer gehörigen Portion Misstrauen betrachtete. „Aber wenn ich dein Gestottere richtig deute, Inga, willst du wahrscheinlich wissen, wie wir alle unbemerkt hierher gekommen sind?“.

„Jal.“ gab Hexe zu, der der Klang ihres Geburtsnamens inzwischen ähnlich fremd vorkam wie Davox der des seinen.

„Magie!“ sagte Mara theatralisch, wobei sie grinste wie ein Kind und einen imaginären Regenbogen in die Luft malte. „Und genau diese Magie wird uns und euch an unser gemeinsames Ziel bringen.“

„Was?“ fragte Davox verblüfft. „Wollt ihr uns etwa dorthin beamen?“

„Teleportieren wäre wohl der passendere Begriff, da ich nie ein besonders großer Stark Trek-Fan war, aber ja, darauf läuft es hinaus.“ erwiderte Mara.

„Seid ihr so etwas wie Hexen?“ fragte Lucy, die sich zwar das ein oder andere zusammenreimen konnte, aber dennoch eigentlich nichts über die Drix Tschatha und die Mythologie des Knochenwalds wusste.

Mara nickte. „Exakt. Wie im Märchen. Nur mit deutlich weniger Warzen, und das Backen von Kindern oder Gebäuden aus Lebkuchen ist bei uns auch aus der Mode gekommen.“ Sie lachte herzhaft, tauschte dann aber flüchtige Blicke mit Mike und Mike, die etwas sehr Deprimierendes an sich hatten.

Das Wort „Abschied“ kam Hexe in den Sinn und zusammen mit dem, was sie über die Drix Tschatha wusste, löste es einen üblen Verdacht in ihr aus. „Ihr wisst, dass Lucy einen ganzen Haufen Schneidmaden, Schneidfliegen und Madenkinder befehligt …“ sagte sie zu ihrer Ordensschwester.

„Ja.“ bestätigte Mara.

„Um sie alle zu transportieren, wäre doch sicher eine unglaubliche Menge an Energie nötig.“ bohrte Hexe weiter.

„Auch das ist richtig.“

„Und du sagtest mir einmal, dass unsere Magie sich immer aus unserer eigenen Lebenskraft oder der anderer Kreaturen speist. Da ich hier aber nirgendwo Tiere und auch keine großen Beutel mit Tierkadavern sehe, heißt das etwa …“

„… dass wir die Lebenskraft unserer Gefährten verwenden.“ beendete Mara Hexes Satz. „Genauso ist es.“

„Was?!“ fragte Hexe schockiert. „Ihr führt diese Männer zur Schlachtbank, nur damit wir eine bequemere Reise haben? Das kommt gar nicht in Frage. Was für Monster seid ihr eigentlich?“

„Wir sind von derselben Art wie du, Inga.“ sagte Mara leicht tadelnd. „Und es geht nicht nur darum, ob eure Reise bequem ist. Ehrlich gesagt bin ich enttäuscht, dass du das annimmst. Es geht darum, ob ihr schnell und unbemerkt zu Devon und zum Portal kommt.“

„Sie hat recht!“ stimmte Lucy ihr zu, wobei in ihrer Stimme durchaus Mitleid für die anwesenden Männer mitschwang. „Es ist ein weiter Weg bis zu Devons Refugium, und auf die Unterstützung der Regierung oder auch nur der einfachen Leute können wir uns nicht verlassen. Die Chancen stehen gut, dass wir bereits auf dem Weg von Regierungstruppen angegriffen, eingesperrt oder von einem nervösen Lynchmob aufgemischt werden. Maras Vorschlag ist unsere beste und vielleicht einzige Chance, in einem Stück bei Devon anzukommen.“

„Außerdem läuft uns die Zeit davon.“ warf nun auch Davox ein. „Ich kann bereits spüren, wie Devon immer stärker und das Portal immer größer wird. Jeden Moment kann der Punkt überschritten sein, an dem es kein Zurück mehr gibt.“

„Habt ihr denn alle den Verstand verloren?“ fragte Jonathan, der anscheinend als einziger neben Hexe eine gewisse Skepsis gegenüber Maras makaberem Angebot verspürte. Bianca und Gera wirkten zwar nicht begeistert, erhoben aber auch keine Einwände. „Welchen Sinn hat es, gegen Devon zu kämpfen, wenn wir dafür Unschuldige opfern müssen? Das ist einfach nur krank!“

„Vielleicht können wir auch etwas dazu sagen?“ erklang plötzlich die geschmeidige Stimme des blonden Mike. Sofort hatte er die Aufmerksamkeit aller Anwesenden.

„Warum nicht? Mich würde auch interessieren, was die Opferlämmer zu blöken haben.“ kommentierte Gera grinsend.

Mike warf Gera einen schiefen Blick zu, fuhr dann aber ruhig und ernsthaft fort. „Wir sind keine Opferlämmer. Jeder von uns ist freiwillig dazu bereit, seiner Drix Tschatha zu helfen. Wir sind erwachsene, mündige Menschen, die ihre Entscheidungen im vollen Bewusstsein treffen.“

„Warum sollte sich jemand dafür entscheiden, geopfert zu werden?“ fragte Jonathan verblüfft.

Mike lachte kurz. „Für eine gute Sache. Aber das ist es auch nicht allein. Für einen Außenstehenden mag es schwer zu begreifen sein, aber es ist eine unvergleichliche Erfahrung, mit einer Drix Tschatha zusammen zu sein. Wir teilen einfach alles. Jeden Gedanken, jeden Wunsch, jede Fantasie. Der Sex ist unglaublich, aber die seelische Verbindung ist sogar noch intensiver. Das ist auch einer der Gründe, warum sie sich zwei Partner nehmen. Einer allein würde wahrscheinlich den Verstand verlieren bei so viel Glück. Jedenfalls möchte ich keinen Moment an ihrer Seite missen und bin gerne bereit, den Preis dafür zu zahlen.“

Hexe und Davox wechselten einen kurzen Blick, der aber alles sagte. Sie liebten sich zwar, doch eine solch intensive Verbindung hatten sie nie gespürt.

„Sieht das denn jeder von euch so? Was ist zum Beispiel mit dem anderen Mike? Was kann er mir dazu erzählen?“ wollte Hexe wissen.

„Leider ziemlich wenig.“ erwiderte Mara. „Er kann nicht mehr sprechen. Er ist… verbraucht.“

„Verbraucht?“ fragte Hexe schockiert. „Was heißt das?“

Mara blickte den dunkelhaarigen Mike, der reglos neben ihr stand und katatonisch ins Leere glotze, traurig an und streichelte ihm leicht über seine Haare, was er aber kaum zur Kenntnis nahm. „Es war seine Energie, die mich hierher gebracht hat. Die Teleportation hat fast seine gesamte Lebensenergie gekostet. Sein Hormonhaushalt ist beinah zum Erliegen gekommen. Er hat keinen Antrieb mehr, keine Kraft zu sprechen und sieht auch keinen Sinn darin. Sein Körper und sein Gehirn sind noch weitgehend intakt, und er bekommt alles mit, was um ihn herum geschieht, aber im Grunde ist er bereits so gut wie tot.“

„Und der Transport zu Devons Festung wird ihn gänzlich töten.“ schlussfolgerte Jonathan.

Mara nickte. „Dann wird er endlich erlöst sein. Es ist ein schrecklicher Zustand. Sogar schlimmer als die heftigste Depression. Allein das Weiterexistieren verlangt ihm mehr Kraft ab als einem gesunden Menschen ein Marathonlauf. Deshalb ist es besser, wenn wir uns beeilen.“

„Und dieses Schicksal steht dir auch bevor?“ fragte Hexe den blonden Mike.

„Ja.“ antwortete dieser. „Sobald Mara meine Energie für einen starken Zauber brauchen sollte. Vielleicht aber werde ich auch einfach direkt vergehen.“

„Das ist alles so dermaßen ungerecht.“ rief Hexe hilflos.

„Ich weiß. Es tut mir ja auch leid.“ erwiderte Mara. „Aber so ist der Lauf der Welt. Manchmal muss man etwas Ungerechtes tun, um überleben zu können.“

Darauf sagte Hexe nichts mehr, da sie wusste, dass Mara Recht hatte. Die Welt war – bei allem Guten, was sich ebenfalls in ihr befand – ein ungerechter Ort. Eine kurze Stille trat ein. Sie endete, als Bianca heiser und krächzend das Wort ergriff:

„Mara. Du hast gesagt, dass du auch für mein Problem eine Lösung hast. Hast du etwa ein Heilmittel gefunden?“ Obwohl ihre Stimme so fremd war, konnte man Hoffnung aus ihren Worten heraushören.

Mara betrachtete Bianca einen Moment lang kritisch. „Das ist gut möglich…“ sie zog ein kleines Fläschchen mit einer roten Flüssigkeit aus ihrer Hosentasche. „… aber ich weiß nicht, ob es dir noch helfen kann.“

„Was?!“ rief Bianca schockiert.

„Dein Zustand ist schlimmer, als ich erwartet habe. Du bist mehr Dorgat Nasra als Mensch. Dabei habe ich dir doch erklärt, wie du die Verwandlung verlangsamen kannst.“

Wut färbte Biancas bleiches Gesicht rot. „Ich habe geredet, ich habe gegessen, ich habe beschissene Selbstgespräche geführt und ich habe mir sogar einen Callboy besorgt.“

„Habt ihr auch miteinander geschlafen?“

„Was geht dich das an?“ krächzte Bianca zu gleichen Teilen beleidigt und peinlich berührt.

Mara kümmerte das nicht. „Habt ihr miteinander geschlafen?“ wiederholte sie nur.

Diesmal gab Bianca nach. „Nein, haben wir nicht, da er vorher selbst zum Knochenzombie gemacht wurde, war das ein wenig schwierig.“

„Du hättest es mit jemand anderem versuchen sollen.“

„Ach ja? Hätte ich mich etwa auf offener Straße ausziehen und rufen sollen: 'Wer will nochmal, wer hat noch nicht?'. Hätte ich zum Flittchen werden sollen? Zu einer Hure?“ ätzte Bianca, während seltsam staubige Tränen aus ihren Augen rannen. Ihre letzten Worte waren kaum noch zu verstehen. Ihre Stimme begann damit, ihr den Dienst zu versagen.

„Besser eine Hure als ein untotes Ding. Es war deine Wahl. Du hast sie getroffen.“ urteilte Mara kalt.

Mit einem Mal wichen Wut und Empörung aus Bianca. Dafür flossen ihre Tränen, in denen feiner, weißer Staub (Knochenstaub?) schwamm, nur noch heftiger. „Gibt es dann keine Rettung mehr für mich? Keine Hoffnung?“ flüsterte sie halb und klang dabei beinah wie ein Mensch.

Nun schien auch Mara etwas Mitleid zu bekommen. „Vielleicht kann das Mittel die Verwandlung aufhalten.“ sagte sie sanft. „Aber du wirst nie wieder ein Mensch werden können. Du wirst ewig zerrissen sein zwischen dem, was du verloren hast, und dem, was du nie ganz geworden bist. Womöglich wäre es besser, den Dingen ihren Lauf zu lassen und wie er zu , werden.“ Sie zeigte auf Professor Wingert, der stumpfsinnig und scheinbar teilnahmslos ins Leere starrte.

„Er ist eine Abscheulichkeit, aber auf gewisse Art hat er Frieden. Sein Körper gehört ihm nicht mehr und sein Geist kann sich in eigenen Welten verlieren. Vielleicht ist das gnädiger als dein jetziger Zustand. Oder du wählst den Frieden des Grabes. Wenn du aber darauf bestehst, in diesem Zustand zu verweilen, werde ich dir das Mittel gerne geben.“

Bianca sah verzweifelt zu ihrer Freundin Hexe hinüber, und in dem kurzen Moment, in dem sich ihre Blicke trafen, leuchteten alle gemeinsamen Erlebnisse ihrer langjährigen Freundschaft in ihrem Geist auf. Alles, was sie zusammen durchgestanden und erlitten hatten, und auch alle wunderbaren Erlebnisse, die sie geteilt hatten. Dann dachte sie an , ihren Bruder. An seinen grauenhaften Tod, aber auch an die Leidenschaft, mit der er sein Leben gelebt hatte. Und daran, wie er sie geliebt hatte. Und sie dachte sogar an Davox, der ihr mehrmals das Leben gerettet hatte. Es gab zu viele Menschen, die sich für sie eingesetzt hatten. Zu viele, um das Leben einfach wegzuwerfen. Was immer es jetzt auch war.

„Ich werde das Mittel nehmen.“ röchelte Bianca, während sie einige krampfartige Schluckbewegungen machte.

„Wie du meinst.“ sagte Mara und reichte ihr das Mittel.

Bianca trank es in einem Zug aus. „Wie merke ich, ob es wirkt?“ fragte sie.

„Daran, dass du dich nicht noch weiter veränderst. Es wird sicher kein goldenes Licht aus deiner Brust schießen und den Wurm ausbrennen. Für solche Effekte war keine Zeit. Es war schon schwer genug, das Mittel so schnell zu entwickeln.“ antwortete Mara.

„Danke dir dafür.“ wisperte Bianca leise.

„Danke mir nicht zu früh.“ sagte Mara nur.

Erneut kehrte Stille ein. Dann meldete sich Jonathan zu Wort. „Kannst du mehr von diesem Mittel herstellen? Es muss Unzählige geben, die in einer ähnlichen Situation wie Bianca sind. Vielleicht können wir ihnen helfen.“

„Das ist richtig.“ stimmt Mara zu. „Aber die Herstellung ist kompliziert und erfordert viel Zeit. Zeit, die wir im Moment nicht haben. Sobald wir Devon besiegt und das Portal geschlossen haben, werden wir unser Bestes versuchen. Jetzt aber müssen wir aufbrechen.“

„Das sehe ich auch so.“ stimmte Lucy zu. „Ich werde meine Kinder versammeln. Zuvor musst du aber auch mir etwas versprechen, Mara.“

„Gerne. Falls es in meiner Macht liegt.“

„Sobald das hier vorbei ist, musst du mehr Geisterglanz herstellen. Ich will meine Kinder von ihrem Fluch befreien. Sie sollen endlich ihr Leben leben können und wieder mehr sein als die emotionslosen Hüllen, in die ich sie verwandelt habe.“

Mara nickte. „Ich verspreche es dir.“

„Gut. Und ich verspreche dir, dass ich dich beim Wort nehme.“ erwiderte Lucy, und ihre Augen leuchteten dabei bedrohlich auf.

~o~

Zwanzig Minuten später standen alle Madenkinder, die sich an dem Angriff beteiligen sollten, ordentlich aufgereiht vor der Forschungseinrichtung. Um sie herum wuselten viele kleine und große Schneidmaden, von denen die menschlichen Anwesenden noch immer einen großen Sicherheitsabstand hielten. Lediglich Lucy streichelte Polly und einigen ihrer anderen Maden den hässlichen Kopf. Sie liebte sie nach wie vor und würde es vielleicht immer tun.

Über ihnen kreisten die bedrohlich aussehenden Schneidfliegen mit ihren minderjährigen Reitern. Christopher Gera machte dazu einen lahmen Scherz, in dem es um Fliegenklatschen ging, war aber ansonsten genauso verstört von ihren unheimlichen Verbündeten wie der Rest der Gruppe.

Mara und die anderen Drix Tschatha – außer Hexe – hatten einen Kreis um die Gruppe gebildet und fassten ihre männlichen Gefährten an den Händen.

„Das ist so dermaßen abgefuckt.“ kommentierte Davox.

„Nicht abgefuckter als die Liebe zwischen einem Weisen des Gebeins und einer Frau, deren Volk auf Menschenopfer zurückgreift.“ sagte Hexe lächelnd und drückte ihm einen Kuss auf, der eigentlich die Stimmung auflockern sollte, aber vor allem den unsichtbaren Keil verdeutlichte, der zwischen ihnen wuchs.

„Da hast du wohl Recht.“ stimmte Davox zu und nahm sie in den Arm. Auch er spürte den Abgrund zwischen ihnen. Doch wie Hexe selbst versuchte er verzweifelt, ihn zu überbrücken. Ihre Liebe war nicht annährend so stark wie in all diesen romantischen Geschichten, und das wussten sie beide. Aber sie war alles, was sie im Moment hatten. Und wenn man sich in die Dunkelheit begab, war das kleinste Licht besser als nichts.

~o~

„Wollen Sie sich das mit dem Heldentod noch einmal überlegen?“ fragte Jonathan in Richtung von Christopher Gera.

Gera lachte bitter. „Ich ziehe jetzt nicht den Schwanz ein. Mein Ego ist viel zu groß, um sich diese Show entgehen zu lassen. Ich MUSS dabei sein. Ich habe es verdient.“

„Ich glaube ja, dass sie einfach nur ihr gutes Herz entdeckt haben.“ sagte Jonathan nur halb augenzwinkernd.

„Wer weiß. Zumindest habe ich noch niemanden von euch getötet, obwohl es nicht so aussieht, als ob ich noch meine verdammten Zitronenbonbons bekommen würde. Wahrscheinlich werde ich wirklich weich.“ sagte Gera schulterzuckend. „Für das, was kommt, sollte ich jedenfalls besser ein Arschloch sein. Ein möglichst tödliches Arschloch.“

~o~

Professor Arnold Wingert war weit weg von dieser Welt. Es war lange her, dass Davox, Jonathan oder jemand anderes sich um ihn gekümmert hatte, und so weilte sein Geist in jenen Sphären, mit denen er sich zu Lebzeiten hauptsächlich beschäftigt hatte: Dem Knochenwald. Er suchte dabei durchaus nach Hinweisen, nach Verbindungen, nach Fakten, die es ihm ermöglichen könnten, die volle Kontrolle über seinen Körper zurückzuerlangen und seine Forschungen fortzusetzen. In Wahrheit aber sehnte er sich vor allem nach dem exotischen Ort, der seine Existenz bei all seinen Schrecken und Gefahren zu etwas sehr Besonderem gemacht hatte. Eine Erfahrung, die nur wenige je machen durften.

Er war der erste Mensch gewesen, der etwas entdeckt hatte, das es nach der herrschenden Lehrmeinung überhaupt nicht hätte geben sollen und das all den überkommenen Vorurteilen, die sich als gesunder Menschenverstand tarnten, nicht nur trotzte, sondern ihnen förmlich ins Gesicht spuckte. Es war eine Welt des Schreckens, aber es war in Wahrheit auch seine Welt. Und Arnold Wingert hatte sich entschieden, dass er in ihr leben würde oder darin sterben. Er würde dabei helfen, das Portal zu schließen – so viel war er Jonathan und der Welt, in der er gelebt und geforscht hatte, schuldig. Aber zuvor würde er das Portal durchschreiten und noch einmal den milchigen See sehen. Vielleicht sogar das Zentrum des Waldes, um endlich herauszufinden, was dort verborgen lag. Und er würde nicht zulassen, dass der Knochenwald zerstört wurde. Eher würde er ein weiteres Mal sterben.

~o~

Für einen unbeteiligten Beobachter muss es ein seltsamer Anblick gewesen sein. Gerade noch wimmelte es in diesem kleinen Wäldchen in Süddeutschland von eigenartigem Leben, und einen Moment später waren all diese Menschen, der Weise des Gebeins, die Drix Tschatha, der Knochenzombie, die Madenkinder, die Schneidmaden und die grotesken, gewaltigen Schneidfliegen einfach verschwunden, so als hätte es sie nie gegeben.

Das Einzige, was noch auf der Lichtung zu sehen war, waren fünfzig sterbende Männer, die schrille Schreie voller Schmerz und tragischer Erleichterung ausstießen, während ihre Körper verwelkten wie abgestorbene Rosenblätter. Haut vertrocknete, verformte Gedärme brachen aus zerrissenen Bauchdecken hervor, Augen schmolzen wie Wachs, Zähne fielen aus verrotteten Mündern und zuletzt lösten sich selbst ihre Knochen in feinstem Staub auf. Manche von ihnen mochten mit ihrem letzten Atemzug ihr im Rausch der Gefühle gegebenes Versprechen dennoch bereut haben. Doch für solche Zweifel war es nun zu spät. Im Grunde war es dafür schon zu spät gewesen, als sie sich bereiterklärt hatten, einen Bund mit ihrer Drix Tschatha einzugehen.

Und ganz gleich, ob es nun Heldenmut oder Dummheit war: Am Ende erinnerte nichts mehr an ihr großes Opfer oder an die Frauen, die sie so geliebt hatten und die doch ihren Tod verursacht hatten. Für eine größere Sache. Für einen höheren Zweck. Falls es auf dieser Welt einen höheren Zweck gab als die Liebe.