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Es war ein ziemlich großer Zufall, dass eine so kleine Stadt über ein eigenes Waisenhaus verfügte. Eigentlich hatte Lucy schon damit gerechnet, am hellichten Tag eine Schule überfallen zu müssen, aber auf ihrer Erkundungstour durch die kleinen Stadt, bei der sie ihre Schneidmadenkinder in der Deckung eines verfallenen Hauses schweren Herzens zurückließ, hatte sie das St. Franziskus-Haus für Waisenkinder entdeckt.

Es war fast, als würde eine größere Macht dem kleinen, wilden Kaninchen und seinen Kindern eine dicke, fette Karotte vor die Nase legen. Und Lucy war bereit zuzubeißen. Sie hatte ihre Maden in Stellung gebracht und sie im Halbkreis um das Haus aufgestellt. Sie streichelte den geringten, schleimigen Rücken von Polly, der größten ihrer Maden, die für sie so etwas wie ihr persönlicher Liebling war. Für jeden normalen Menschen hätte diese Geste der Zuwendung mit dem Verlust der Hand geendet. Aber Lucy war nun mal kein normaler Mensch.

Sie klingelte an der Tür. Nach einigen Sekunden öffnete ihr eine übermüdete, beleibte Frau mit kurzen, schwarzen Haaren, die zwar eine gewisse Strenge in ihrem Gesicht trug, aber dennoch nicht wirklich unsympathisch wirkte.

“Hallo, meine Kleine!“ begrüßte die Frau Lucy und setzte ihr bestes mütterliches Lächeln auf. „Hast du deine Eltern verloren?“

Lucy, die sich bewusst so positioniert hatte, dass sie ihre Begleiter optimal verdeckte, antwortete mit zuckersüßer Stimme und präsentierte dabei große, unschuldige Kulleraugen. Selbst die weißen Adern unter ihrer Haut waren – wohl auch wegen der beruhigenden Anwesenheit der Schneidmaden – kaum zu erkennen. „Ja, meine Eltern sind fort.“

„Dann bist du genau am richtigen Ort“, bemerkte die Frau herzlich. „Wir haben sicher noch einen Platz für dich frei.“

„Das ist sehr lieb von dir“, gab Lucy lächelnd zurück und war dabei fast der Archetyp des liebenswerten, braven Mädchens.

Das verfehlte seine Wirkung nicht. Die Frau strahlte förmlich. „Aber natürlich. Wir haben immer einen Platz für kleine Mädchen, die ihre Familie verloren haben.“

Plötzlich brach etwas in Lucys Gesicht zusammen. Die gewohnten weißen Schlangen zerfurchten ihre freundliche Maske wie geschärfte Klingen, und in ihren Augen loderte schwarzes Feuer. „Ich habe meine Familie nicht verloren…“ sagte sie mit dunkler Stumme, während sie zur Seite trat und den Blick auf die vierzig Schneidmaden freigab, die das Haus umstellt hatten. „… Ich habe sie gerade erst gefunden!“

„Fresst!“ sagte sie zu ihren Schätzchen, und die Augen der Frau weiteten sich panisch, als sich die dicken, weißen Leiber auf das Haus zubewegten. Erstaunlich geistesgegenwärtig schlug sie Lucy die Eingangstür vor der Nase zu. Aber ohne sich sonderlich anzustrengen, brach Lucy durch das dünne Holz hindurch, packte die gute Frau am Nacken wie einen ungezogenen Welpen und hielt ihr die Hand auf den Mund, während sie ihr ins Ohr flüsterte.

„Ich habe nichts gegen dich. Wahrscheinlich bist du ein guter Mensch. Aber meine Familie hat Hunger, und gute Menschen sind genauso nahrhaft wie schlechte. Außerdem habe ich Pläne mit deinen Zöglingen. Ich kann nicht riskieren, dass du mich verrätst.“

Mit diesen Worten schleuderte sie die Frau in die Masse der Maden hinein. Sie landete dabei mit einem Bein direkt auf Annabelle, deren Rücken sofort damit begann, ihr Fleisch aufzulösen. Sie wollte noch um Hilfe schreien, aber noch bevor mehr als ein kurzes Keuchen ihrer Kehle entweichen konnte, schnappte Anton sich ihren Kopf und schob ihren restlichen Körper in sich hinein, während Annabelle das Bein der Frau kurz darauf vollständig aufgelöst und absorbiert hatte. Als sie ihre Mahlzeit beendet hatten, wirkten die Beiden sehr zufrieden, während sie die anderen Maden enttäuscht und hungrig ansahen. Vor allem Pollys Knopfaugen blickten regelrecht vorwurfsvoll auf ihre Adoptivmutter. „Du bekommst auch noch was Leckeres“, sagte Lucy, während sie den grotesken Kopf von Polly tätschelte. „Und ihr anderen auch. Wartet nur ab!“

Sie hatte keine leeren Versprechungen gemacht. Der Hunger ihrer anderen Kinder sollte auch noch gestillt werden. Neben der bedauernswerten Frau arbeiteten noch fünf weitere Betreuer und andere Angestellte in dem Waisenhaus. Drei Frauen und zwei Männer, die ihr allesamt kaum Widerstand boten. Mit Ihnen ging sie immerhin gnädiger um als mit ihrer Kollegin. Jedem Einzelnen von ihnen brach sie zunächst das Genick, bevor sie ihre Körper zerriss und die blutigen Fleischfetzen an ihre Madenkinder verfütterte. Polly bekam dabei die besten und saftigsten Stücke.

Die Kinder, die zwischen vier und siebzehn Jahren, aber zumeist in ihrem Alter waren, hatte sie hingegen verschont und im großen Gemeinschaftsraum des Waisenhauses zusammengetrieben. Einige der älteren Kinder hatten versucht, zu fliehen oder Widerstand zu leisten. Carina – ein siebzehnjähriges Mädchen mit Undercut, okkulten Tätowierungen, Piercings in Nase, Lippen und Ohren und einem extrem losen Mundwerk – tat sich dabei dabei besonders hervor. Sie war es auch, die geistesgegenwärtig ihr Smartphone zückte, um Lucy und ihre Maden zu filmen und das Video ins Internet zu stellen.

Da Lucy aber über die praktische Fähigkeit verfügte, sämtliche Mobilfunknetze und WLAN-Verbindungen in ihrer Nähe abzuschirmen, hatte sie damit genauso wenig Erfolg wie mit dem Versuch, die Polizei zu kontaktieren. Und da Carina zwar eine Rebellin, aber keine Märtyrerin war, saß sie nun brav zusammen mit den völlig eingeschüchterten, weinenden, zitternden und teilweise traumatisierten Kindern in ordentlichen Stuhlreihen vor Lucy. Lucy selbst stand wie in einer grotesken Schulstunde hinter einem Tisch am Ende des Raumes und sprach zu den Kindern, während ihre Schneidmaden hinter ihr Aufstellung bezogen hatten.

„Ihr habt Angst“, sprach Lucy das Offensichtliche aus, während ihre weißen Adern dämonisch im kalten Licht der Deckenlampen zuckten und ihre Maden die Kinder mit unverhohlener Gier anstarrten. „Das kann ich euch nicht verübeln. Ich bin angsteinflößend. Meine Kinder sind angsteinflößend. Und was ich mit euch vorhabe, ist noch angsteinflößender…“

„Warum hast du Frau Meyer getötet und Herrn Schubert und all die anderen?“ fragte die piepsige Stimme eines kleinen Mädchens mit zwei blonden Zöpfen und einem weißen, mit Rosen bestickten Shirt in der vordersten Reihe. Das Mädchen hieß Tina, wie Lucy bereits erfahren hatte.

Lucy sah sie mit dunklen Augen an. „Es fiel mir nicht leicht, sie zu töten.“ Die Lüge kam Lucy leicht über die Lippen „Aber meine Kinder hatten Hunger. Habt ihr auch Hunger?“ Mehrere der Kinder nickten trotz ihrer Angst.

„Dann versteht ihr sicher, dass ich getan habe, was ich tun musste“, sagte Lucy lächelnd.

Carina hob ihre gepiercte Augenbraue. Ihre Stimme war voller Trotz und Wut. „Ich verstehe nur, dass du eine kranke, verzogene Göre mit einem Heer von Monstern im Schlepptau bist. Was hast du jetzt vor? Willst du uns auch töten? Oder sollen wir auf deinen Scheißviechern ins Regenbogenland reiten und Wanderlieder singen?“

Einen Moment lang war Lucy kurz davor, das unverschämte Mädchen zu zerreißen oder lebendig an ihre Maden zu verfüttern. Dann aber gewann sie ihre Beherrschung zurück. Carina hatte Potenzial. Ihr schon jetzt so großer Zorn würde nach der Verwandlung noch zerstörerischer sein.

Lucy atmete tief durch, bevor sie auf die Herausforderung reagierte. „Sag mir, Carina: Hast du dir schon einmal gewünscht, dich von allen Zwängen zu befreien? Einfach das zu tun, wonach dir ist? Wirklich die sein zu können, die du gern sein möchtest?“

Sie erkannte an Carinas Blick, dass sie damit offene Türen einrannte. Auch bei einigen der anderen Jungen und Mädchen erkannte sie Interesse. Das war genau das, worauf sie gehofft hatte. „Ihr alle hattet ein hartes und sicher oft genug auch langweiliges Leben. Ein Leben randvoll mit Routine und Regeln.“ Sie ging durch die Reihen ihrer Madenkinder hindurch auf die Wand zu, wo auf einer großen Tafel die Regeln und Leitsätze des Hauses geschrieben standen. Ohne große Mühen nahm sie die schwere Tafel von der Wand.

„Bettruhe um 21 Uhr!“ las sie eine der Bestimmungen vor. „Keinen Alkohol. Seid immer nett zueinander. Bla, Bla, Bla.“

„Ich sage: Scheiß auf die Regeln!“ mit diesen Worten riss sie die Tafel auseinander und warf die Bruchstücke ihren Maden zu, die sie genauso gierig verschlangen wie zuvor das Fleisch der Betreuer.

„Wer braucht Regeln, wenn er in einem verdammten Märchen leben und dort Prinzessin, Prinz, Drache und Magier in einer Person sein kann? Denn genau das könnt ihr sein.“

„Kann ich wirklich ein Magier sein?“ fragte Thorsten, ein dunkelhaariger, kleiner Junge mit Wuschelfrisur und zerschlissenen Jeans.

„Ja. Das kannst du“, bestätigte Lucy. „Das könnt ihr alle. Ihr müsst nur tun, was ich von euch verlange.“

„Und was wäre das?“ fragte Carina skeptisch.

Lucy grinste breit „Ich hoffe, ihr habt Hunger.“

~o~

„Das esse ich nicht. Das riecht wie vergorene Scheiße!“ mokierte sich Carina, als sie das dampfende Schneidmadenfleisch auf ihrem Teller erblickte. Lucy hatte dafür durchaus Verständnis, wenn sie an ihre ersten Erfahrungen mit dem Fleisch dachte. Allerdings hatte sie nicht vor, Gnade walten zu lassen. Notfalls würde sie jedem Kind, das sich weigerte zu essen, das Fleisch gewaltsam in den Magen stopfen. Sie brauchte ihre Armee. Egal zu welchem Preis. Außerdem war es ihr selbst nicht leicht gefallen, eines ihrer Kinder zu schlachten und zu kochen. Zwar waren Rosie und Lisa die schwächsten Mitglieder ihrer Familie gewesen, aber das hieß nicht, dass sie ihr weniger bedeuteten. Sie hatten nicht einmal versucht wegzulaufen, als sie sie lebendig in den großen Kochtopf gesteckte hatte. Eben wahre Helden. Die Kinder sollten dieses selbstlose Opfer lieber zu würdigen wissen.

„Ich habe es auch gegessen“, erwiderte Lucy, während sie Carina tief in die Augen sah. „Und ich bin nur ein kleines Mädchen.“ Sie packte Carinas Hand und drehte sie ihr in einer schnellen Bewegung auf den Rücken. „Willst du weiterhin einem kleinen Mädchen körperlich unterlegen sein?“

Carina sah sie wütend, aber auch etwas beschämt an. Dann nahm sie den ersten Bissen. Sie war die letzte, die sich noch geweigert hatte. Die anderen Kinder hatte sie bereits mit Drohungen, Versprechungen und anderen psychologischen Tricks überzeugt. Sebastian, einem blassen fünfjährigen Jungen hatte sie sogar so viel Zucker über seine Portion streuen müssen, dass das Fleisch unter dem weißen Berg kaum noch zu erkennen war. Aber er hatte gegessen. Allein darauf kam es an.

Während ihre Schützlinge tapfer schmatzten und die glibberigen, übelriechenden Brocken hinunterwürgten, malte sie ihnen weiter das Bild einer magischen Zukunft. „Ich weiß, es schmeckt nicht gut. Aber jeder Bissen lohnt sich. Ihr werdet schon bald stärker, schneller und geschickter sein, als ihr es euch je erträumt hättet. Niemand wird euch mehr weh tun, niemand euch mehr verletzten können. Ihr werdet nie wieder weinen müssen.“

Dass sie auch nie wieder lachen, sich verlieben, sich freuen oder friedlich unter normalen Menschen leben würden, unterschlug Lucy lieber. Andernfalls hätte sich wohl niemand mehr für ihr kleines Vorhaben begeistern können.

Ihre kleine Motivationsrede funktionierte jedenfalls wunderbar. Die Kinder würgten, fluchten, kotzten, aber sie aßen dennoch tapfer weiter, weil sie hofften, sich dadurch in Superhelden, Prinzessinnen oder Zauberer zu verwandeln. Dabei würden sie alle bestenfalls Kaninchen werden. Verrückte, kalte, zerstörerische und nützliche Kaninchen.

Die nächsten Tage liefen ähnlich wie bei ihrer eigenen Verwandlung. Nach drei Tagen war der Versammlungsraum das pure Chaos. Die Kinder kletterten auf Tische, rissen einander die Haare aus und warfen Stühle durch die Gegend. Einige bemalten die Wände, den Boden und die anderen Kinder mit verrückten Sätzen. „Blutkuchen tanzt im Galopp.“ , „Wir alle atmen Spinnenkinder.“, „Was hinter den Türen wartet, ist bereits hier.“, „Ich bin nichts als Sternwebenabfall“, um nur einige zu nennen.

Tina – das kleine Mädchen mit den Zöpfen – versuchte, eine der Maden zu besteigen, und rief dabei „Ein Pony! Endlich ein Pony.“ Glücklicherweise schaffte Lucy es, sie davon abzuhalten. Ihre Verwandlung war noch nicht weit genug fortgeschritten, um immun gegen den ätzenden Schleim zu sein. Carina dagegen riss sich einige ihrer Piercings so brutal heraus, dass dadurch ihre Lippen, ihre Ohren und ihre Nase in Fetzen hingen und ihr Blut in kleinen Rinnsalen auf den Boden tropfte. Aber als Lucy weitere Stücke von Rosie und Lisa an sie alle verfütterte, wurden sie ruhiger und aßen ihre Portion mit wachsendem Vergnügen.

Ein paar Tage später war endlich das letzte Stadium erreicht. Lucy sah in dreiundreißig düstere Gesichter, die das Licht der Deckenlampe förmlich schluckten. Weiße Schlangen tanzten unter jedem einzelnen davon. Kein Lächeln war zu sehen. Nur Gleichgültigkeit oder Zorn. Nun sind sie wie ich, dachte Lucy zufrieden.

Carina ging auf sie zu. In ihren Augen brannte unbändiger Hass. Sie besaß eine Aura, die selbst Lucy Ehrfurcht einflößte. Carina versuchte, Lucy am Hals zu packen, aber sie fing ihre Hand ab. Es kostete sie deutlich mehr Mühe, als sie erwartet hatte. Aber sie war noch immer die Erste. Die Stärkere. Die Mutter der Maden. „Was ist nun mit den Wundern, die du uns versprochen hast? Ich spüre nichts als Leere und Hass. Du hast uns belogen!“ sagte Carina so zornig, dass Lucys Schneidmaden sich sofort schützend um ihre Mutter scharten.

Lucy lächelte diabolisch. „Ja, ich habe euch belogen. Zumindest zum Teil. Aber dieser Hass, den du fühlst, ist mein Geschenk an euch alle. Und ich kann euch versichern, dass ihr nur dann etwas ähnliches wie Frieden finden werdet, wenn ihr ihn an anderen Wesen auslebt.“

Thorsten – der kleine Junge mit den schwarzen Haaren, der so gerne Magier geworden wäre – ergriff das Wort. Seine Stimme klang dabei wie die eines erwachsenen Mannes. „Warum sollten wir ihn dann nicht an dir ausleben und uns für deine Lügen rächen?“

Lucy ging ein paar Schritte auf Thorsten zu und sah ihm dann tief in seine zornigen Augen. „Aus drei Gründen. Erstens töten wir Unseresgleichen nicht. Zweitens sind ich und meine Madenkinder noch immer stärker als ihr alle zusammen. Drittens gibt es dort draußen viel lohnenswertere Opfer.“

Der dunkle Glanz in den Augen der Waisenkinder bewies ihr, dass ihre Logik wirkte. Sie hatte ihre Armee.

~o~

„Hey, Timm! Schau dir das mal an!“ sagte Karsten zu seinem Freund, der gemeinsam mit ihm am Schaufenster der bereits seit 19 Uhr geschlossenen Eisdiele lehnte. In diesem Kaff war absolut gar nichts los. Erst recht nicht mehr um 23 Uhr. Nachtleben Fehlanzeige. Er freute sich schon so darauf, nach der Schule eine Ausbildung in einer anderen Stadt zu beginnen und mit etwas Glück bald auch hier wegzuziehen. Am besten nach München oder Nürnberg. Hauptsache weg von diesem beschissenen Dorfleben. Hier stank es nach Kuhmist, Spießertum und Inzest. Und Timm und seine Freundin Erika waren so ziemlich die Einzigen hier, bei deren Anblick er nicht kotzen könnte, und da Erika gerade mit ihren Eltern Verwandte besuchte, hingen Timm und er eben alleine ab.

Nun aber passierte endlich mal etwas Aufregendes.

„Was ist denn los, Mann?“ fragte Timm und sah kurz von seinem Smartphone auf, auf dem er gerade wieder irgend so ein dümmliches Strategiespiel zockte, bei dem er reale Kohle für Truppen und irgendwelche Upgrades verbrannte.

„Schau mal da!“ antwortete Karsten und zeigte in Richtung der Hauptstraße, auf der sich mehrere Gestalten in ihre Richtung bewegten. „So eine große Menschenmenge habe ich hier lang nicht mehr gesehen. Planen da welche einen Flashmob?“

„In diesem verpennten Dreckskaff?“ gab Timm skeptisch zurück. „Das glaubst du doch selber nicht.“ Er starrte angestrengt ins Halbdunkel, in dem die Menge langsam etwas besser zu erkennen war. „Guck mal, wie klein einige von denen sind. Wahrscheinlich machen die vom Waisenhaus nur eine Nachtwanderung. Was Spektakuläreres wird das kaum sein.“ Damit wandte sich Timm wieder seinen virtuellen Rittern zu.

„Wär ja auch zu schön gewesen“, antwortete Karsten resigniert. Trotzdem ließ er die Menge anders als sein Freund nicht aus den Augen. Einige Sekunden verstrichen. Im Schein der Straßenlaternen sah Karsten inzwischen eindeutig, dass es sich um Kinder handelte. Hinter den Kindern entdeckte er aber noch etwas Anderes. Unförmige, kriechende Schemen, bei denen es sich ganz bestimmt nicht um Menschen handelte.

„Hinter den Kiddies kriecht irgendwas. Irgendwelche Viecher!“ kommentierte Karsten seine Entdeckung und fühlte sich mit einem Mal ziemlich unwohl. Irgendetwas sagte ihm, dass er lieber hier verschwinden sollte.

Timm sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. „Was für Viecher? Hast du dir wieder einen durchgezogen? Du wolltest doch eigentlich damit aufhören.“

Dann aber sah Timm es auch. Hinter den Kinder krochen tatsächlich große, weißliche Geschöpfe, die an übergroße Maden erinnerten. „Scheiße! Sag mir bitte, dass die hier irgendeinen Horrorfilm drehen!“

„Wenn, dann sind die Kostüme sehr gut gemacht. Und Kameras sehe ich auch nirgendwo“, antwortete Karsten mit zitternder Stimme. Er selbst glaubte ganz und gar nicht an einen Film. Er hatte sich Aufregung gewünscht. Aber nun wollte er nur noch weg.

„Lass uns abhauen!“ sagte er zu Timm. Der nickte und beide begannen zu rennen.

Doch in diesem Moment löste sich ein dicker, weißer Nebel aus der Menge der Kinder und der seltsamen Madengeschöpfe.

Timm und Karsten waren nicht einmal fünfzig Meter weit gekommen, als sie die Ausläufer dieses stechenden Nebels erreichte und sie hustend zusammenbrachen. „Ich fühle mich, als hätte ich eine verdammte Grippe. Wie ist das möglich?“ brachte Karsten mit kratziger Stimme hervor. „Mir geht es genauso“, hustete Timm hervor. „Aber wir müssen trotzdem hier weg.“ Mit schwindenden Kräften krochen und stolperten sie vorwärts, während die weißen Dämpfe sie mehr und mehr einhüllten und ihre Lungen füllten. Doch sie waren kaum vorangekommen, als eine kleine Hand Karsten an der Schulter berührte. Er schrie auf und hustete kurz darauf Blut. Dann aber drehte er sich um und sah in das Gesicht eines kleinen Mädchens, unter deren Haut sich weiße Schlangen wandten.

„Wer bist du?“ fragte Karsten ängstlich.

Lucys Grinsen schnitt wie ein Messer durch ihr Gesicht. „Mein Name ist Lucy. Ich kenne dich nicht. Aber ich hasse dich trotzdem!“ Mit diesen Worten riss sie dem verängstigten jungen Mann den hustenden Kopf von den Schultern und warf ihn in die nachrückende Masse ihrer Madenkinder, die sich sofort darüber hermachten.

Timm hatte mit angesehen, was seinem Freund passiert war, und bettelte um Gnade. „Bitte. Lasst mich laufen! Ich habe euch doch nichts getan.“

Lucy lachte laut und düster. „Und du wirst uns auch nichts tun. Wir werden DIR etwas tun.“ Sie sah zu den Waisenkindern, die hinter ihr warteten.

„Er gehört euch. Lasst den Spaß beginnen!“

Knochenwald-Serie:

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