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Anatomy-20758 1920

Martin und Timo hätten eigentlich nicht hier sein sollen. Eigentlich waren die Brüder unterwegs zu einem Metal-Festival am anderen Ende der Republik. Die Karten waren schon lange gekauft, die Zugfahrt geplant und der Biervorrat aufgestockt. Und auch das Styling war perfekt. Martin war 21, recht muskulös gebaut, hatte blondes, langes, lockiges Haar, trug eine blaue Jeans, eine Kutte mit verschiedenen Bandpatches und darunter ein T-Shirt der Metalband „Blind Guardian“. Sein Bruder Timo dagegen hatte 25 Jahre auf dem Buckel, war extrem dürr und groß, hatte schwarze, glatte Haare und ein weiß geschminktes, hageres Gesicht. Außer einer schwarzen Lederhose und diversen Nietenarmbändern trug er das T-Shirt einer Underground-Black-Metal-Band namens „Knochenherz“.

Wie gesagt, eigentlich hätten die beiden Brüder nicht hier sein sollen. Aber ihr Zug hatte wegen eines Gleisschadens in diesem verschlafenen Kaff halten müssen, und sie würden schätzungsweise erst in drei Stunden weiterfahren können. Da sie keine Lust hatten, ihr knappes Bargeld in einem wahrscheinlich miserablen Eiscafé zu vergeuden, und hier sonst kaum etwas los war, hatte sie die Langeweile und vielleicht auch das Schicksal zu dieser scheinbar verlassenen Waldhütte geführt. Das Schicksal war ein Arschloch.

„Hey Timo, wollen wir mal schauen, ob wir da reinkommen?“ sagte Martin und zeigte auf die Hütte. Timo reagierte nicht, da er seine Kopfhörer aufhatte, aus denen grade schrilles Gekreische gepaart mit einem massiven Schlagzeuggewitter erschallte. Martin stieß ihn mit dem Ellenbogen an. Timo warf ihm einen Blick zu, der zumindest finster genug war, um kleine Mädchen in die Flucht zu schlagen. Auf seinen Bruder machte er aber keinen Eindruck. Endlich nahm er zumindest einen der Kopfhörer aus dem Ohr. „Was ist los?“ fragte er. Martin wiederholte seine Frage und zeigte dabei auf die Hütte, die zu großen Teilen von Efeu bewachsen war. Timo sah ihn skeptisch an. „Und wenn in der Bude noch einer wohnt?“ Martin schüttelte den Kopf. „Ich hab ja auch nicht vor, dort einzubrechen. Aber vielleicht steht die Tür ja offen.“

Timo nickte. „Kommt auf einen Versuch an. Sonst gibt es in diesem Kaff ja eh nichts zu tun, und wenn wir vor Langeweile einpennen und unseren nächsten Zug Richtung Festival verpassen, dreh ich durch.“ Timos enge Lederhose knarzte hörbar, als er auf die Tür zuging und versuchte, sie aufzudrücken.

Die Tür öffnete sich tatsächlich, und die Beiden traten ein. Drinnen erwartete sie ein recht gemütlicher Raum mit heller Holzvertäfelung, zwei Bücherregalen, einem altmodisch aussehenden Sessel, einem kleinen Tisch, auf dem verschiedene Dokumente lagen, einem blutverkrusteten, bleichen, älteren Kerl in einem grauen Anzug, einen hochgewachsenen, glatzköpfigen Mann in einem schwarzen, mit Knochenintarsien verzierten Gewand, dem einige Brocken Fleisch am Körper fehlten, und eine gigantische Knochenschlange, deren Kopf das halbe Haus ausfüllte.

Konfrontiert mit dieser eher ungewöhnlichen Inneneinrichtung versuchten sich die beiden Brüder an ganz unterschiedlichen Bewältigungsstrategien. Während Timo sich damit begnügte, die schwarz umrandeten Augen aufzureißen und seinen Mund vor Erstaunen weit zu öffnen, wählte Martin die eher klassische Variante der Flucht und versuchte, augenblicklich zur Tür hinauszurennen. Wie sich herausstellte, hatte Timo die bessere Wahl getroffen.

Denn anders als Martin blieb es ihm erspart, von den riesigen weißen Fingern der Knochenschlange gepackt und schmerzhaft gequetscht zu werden, die schneller in Richtung Tür schossen, als ihnen ein menschliches Auge folgen konnte. Schmerzerfüllt stöhnte Martin auf.

Der Kerl im Umhang trat vor. Er stank leicht nach Verwesung, was angesichts der faustgroßen Löcher in seinem Fleisch, durch die man bis hinunter auf sein Skelett sehen konnte, nicht überraschte.

„Hallo zusammen! Herzlich willkommen bei unserer kleinen Zusammenkunft. Manchmal ist der Zufall etwas wahrhaft Unglaubliches, meint ihr nicht auch? Wir wollten nämlich gerade aufbrechen. Wäret ihr eine Viertelstunde später hier angekommen, hättet ihr uns womöglich verpasst.“ Er präsentierte ein zahnfleischloses Grinsen und richtete dann seinen Blick direkt auf Martin, der ihm – gefangen in der Knochenhand – noch immer den Rücken zudrehte. „So kann man sich doch nicht unterhalten. Krixamesh, würdest du deinem Diener die Ehre erweisen, diesen Menschen umzudrehen?“

Fast augenblicklich griffen die Knochenfinger, die ihrerseits aus menschlichen Knochenhänden zusammengesetzt waren, noch fester zu und drehten Martin gewaltsam um die eigene Achse. Er schrie erneut auf. In seinen Augen standen Tränen und unmenschliche Panik. „So ist es besser“ sagte der Fremde zufrieden. „Nun kann ich uns vorstellen. Das hier ist die gottgleiche, anbetungswürdige, markbleiche Schlange Krixamesh.“ Er zeigte auf das knöcherne Ungetüm, welches Martin fest im Griff hielt und ohnehin nicht zu übersehen war. „Mein Name ist Devon, und dies hier...“, er wies auf den bleichen blutverkrusteten Mann, „... ist Professor Arnold Wingert. Oder zumindest das, was von ihm übrig ist. Er ist ein genialer Wissenschaftler, auch wenn ich nicht genau weiß, wie viel von seiner Genialität noch in ihm steckt. Und er ist außerdem ein persönlicher… Freund von mir.“

„Freund…“ echote Arnold Wingert hohl. Auf dem Gesicht des ehemaligen Professors lag ein stumpfsinniger und abwesender Ausdruck. Aus der Nähe konnte man viele Löcher in seinem Körper erkennen, die zwar nicht – wie etwa bei Devon – bis auf den Knochen reichten, aber eigentlich immer noch tödliche Verletzungen sein sollten. Trotzdem stand und atmete der Professor noch.

Devons stechender Blick richtete sich auf Timo. „Wie lautet dein Name?“

Timo begann zu zittern. Feine Schweißtropfen schossen aus seinen Poren. Dennoch hielt er den Blick tapfer auf Devon gerichtet. „Mein Name ist Timo. Und das ist mein Bruder Mart…“ Devon machte eine wegwerfende Geste. „Was kümmert es mich, wie dieser schwächliche Fleischbeutel heißt. Du bist viel interessanter. Du flüchtest nicht wie ein Feigling, jammerst nicht wie ein altes Weib und scheinst wie ich ein Freund des Knochens zu sein.“

Devon zeigte mit seiner blassen Hand auf Timos Bandshirt. „Ihr meint... wegen Knochenherz?“ fragte Timo so selbstsicher und gefasst, wie er nur konnte. Er hatte begriffen, dass Devon Schwäche verachtete. „Ja“, erwiderte Devon mit rauer Stimme. „Was ist dieses Knochenherz? Wo kann man es finden? Und warum trägst du sein Zeichen?“

Timo schluckte seine Angst herunter, auch wenn er Martin neben sich schluchzen und wimmern hörte und er eigentlich nur hier raus wollte. „Knochenherz ist kein Gegenstand. Es ist eine Band. Eine Gruppe von Musikern. Und ja, sie lieben den Knochen ebenfalls. Und... und ich vergöttere sie. Ich bin einer ihrer Anhänger.“

Das war natürlich hemmungslos übertrieben. Klar, Timo stand auf Knochenherz, seit er ihr Debütalbum in einem Underground-Onlineshop gekauft hatte. Er liebte die misanthropischen Texte und den infernalischen Sound. Und vor allem mochte er die düsteren Geschichten, die sich um die Band rankten. Dass sie Instrumente aus den Körpern ihrer Zuschauer fertigten, dass jeder, der ihre Musik bei einer Live-Darbietung hörte, in einen unheiligen Bann geschlagen wurde, und viele weitere wilde Legenden, die wahrscheinlich nichts anderes als Show und gutes Marketing waren, aber ihre Wirkung trotzdem nicht verfehlten.

Doch egal wie sehr er sich darauf gefreut hatte, Knochenherz morgen auf dem Festival zum ersten Mal live zu erleben: Er vergötterte nichts und niemanden! Er war Atheist durch und durch. Aber das musste er Devon ja nicht merken lassen. Wenn er brav den Fanatiker spielte, würde er das hier vielleicht noch eine Zeitlang überleben. Und womöglich würde sich später eine Gelegenheit zur Flucht ergeben.

„Musiker?“ Devon blickte skeptisch und runzelte die löchrige Stirn. „Erreichen diese Musiker ein großes Publikum?“

Timo nickte. „Sie treten auf einem großen Festival auf. Vor zehntausenden von Menschen. Dort wollten Martin und ich eigentlich gerade hin, bis unser Anschlusszug ausgefallen ist und wir… und wir euch getroffen haben.“

Erneut erschien das gruselige Grinsen auf Devons Gesicht. „Ich denke, du solltest dennoch zu diesem Festival fahren. Und wir werden mit dir kommen. Ich will unbedingt diese Musiker treffen, die dem Knochen dienen.“

Nun wurde die Sache wirklich absurd. Timo konnte sich absolut keinen Reim darauf machen, was Devon bei einem Metal-Festival wollte. Das war ungefähr so bizarr, wie eine Horde Zombies in seine Lieblingspizzeria einzuladen. Außerdem ergab sich noch ein anderes Problem, welches Timo einfach ansprechen musste, auch wenn Devon nicht nach jemandem aussah, der gerne Widerworte hörte.

„Ok … Aber was ist mit der Schlan… mit Krixamesh? Er kann ja bei seiner Größe kaum im Zug mitfahren. Und selbst wenn das ginge: Die würden sofort die Polizei alarmieren, oder das Militär. Verdammt, die wären wahrscheinlich sogar mit Panzern und Flugzeugen hinter uns her.“

Devon schüttelte belustigt den löchrigen Kopf. „Das ist kein Problem.“ Er strich sich mit seinen dürren Fingern über ein beinernes Amulett an seinem Hals, welches einen großen schwarzen Stein einfasste. Womöglich ein Onyx, auch wenn sich Timo da nicht so sicher war. „Krixamesh kann hier drin mit uns reisen. Zuerst aber gilt es noch eine Frage zu klären.“

Mit diesen Worten schritt Devon theatralisch auf Timo zu, bis ihre Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Timo versuchte seinen Blick von den eiterverkrusteten, stinkenden Stellen in Devons Kopf abzuwenden, an denen der weiße Knochen zu sehen war. Aber er konnte sich der morbiden Faszination nicht entziehen. „Bist du bereit, deine Treue zum Knochen zu beweisen und ein Weiser des Gebeins zu werden?“ Timo hatte keine Ahnung, was Devon damit meinte, aber er hatte ein sehr ungutes Gefühl.

„Habe ich eine andere Wahl?“ fragte er vorsichtig.

Devon nickte. „Ja, natürlich. Man hat doch immer eine Wahl. Du hast auch die Möglichkeit, dir von Krixamesh sämtliches Fleisch von den Knochen reißen zu lassen und dein Skelett seinem Körper hinzuzufügen. Wäre das mehr nach deinem Geschmack?“

Timo bedachte kurz seine Optionen. Er hatte nach wie vor keine Ahnung, was es hieß, ein Weiser des Gebeins zu werden, und er hatte viel zu viel Angst, um Devon danach zu fragen. Außerdem kam Flucht angesichts der kolossalen und unmenschlich schnellen Knochenschlange, die seinen nervlich zerrütteten und halb bewusstlosen Bruder noch immer in ihren Klauen hielt, nicht in Frage. Selbst allein hätte er keine Chance gehabt. Und sterben wollte er auch nicht.

„In Ordnung. Ich bin bereit, ein Weiser des Gebeins zu werden. Unter einer Bedingung: Du lässt Martin am Leben.“

Devon schien wenig erfreut. „Du stellst Bedingungen? Ich habe schon Größere als dich für so eine Anmaßung getötet.“ Er ließ diese Drohung einen Moment in der Luft hängen, bevor er etwas ruhiger fortfuhr. „Aber abgemacht. Dein Bruder soll leben. Wenn du das Aufnahmeritual vollendest.“ Die letzten Worte zog Devon genüßlich in die Länge.

Timo schluckte schwer. „Was ist das für ein Ritual?“

Devon leckte sich wie in Zeitlupe mit der Zunge über seine blanken, zahnfleischlosen Zähne. „Nichts Besonderes. Du sprichst die Worte: „Mein Fleisch ist ohne Wert. Ich diene nur dem Knochen“ und reißt oder beißt dir zuvor so viel Fleisch aus einer beliebigen Stelle deines Körpers, bis der Knochen zu sehen ist. Dann gehörst du zu unserer heiligen Gemeinschaft. Viele wählen am Anfang einen Unterarm. Er ist leicht zu erreichen, und der Knochen darunter sieht im Licht wunderschön aus.“

Timo wurde so kreidebleich, dass man es selbst unter seiner weißen Schminke erkennen konnte. Er wollte protestieren. Natürlich wollte er protestieren. Aber er wusste auch instinktiv, dass er sterben würde, wenn er sich weigerte. Trotzdem wurde ihm schon allein bei dem Gedanken daran übel, sich auf solch grauenhafte Weise selbst zu verstümmeln. „Ich… ich kann das nicht tun.“

Devons Gesicht verzog sich zu einer wütenden Fratze. „Elender Frevler. Wie kannst du dich weigern? Wie kannst du diese einmalige Gelegenheit wegwerfen, dich dem Knochen als würdig zu erweisen? Dann willst du also sterben. Und dein lächerlicher Bruder mit dir. Krixamesh…“

„Stopp!“ schrie Timo wie von Sinnen. „Ich werde es tun. Auch wenn ich wahrscheinlich ohnehin an der Verletzung sterben werde.“

„Oh, keine Angst“, beruhigte Devon ihn. „Wenn du stark genug bist, wirst du bestehen. Genau wie ich. Jedenfalls so lange du dich in der Nähe von Krixamesh aufhältst. Und jetzt wurde genug geredet. Befreie dich von deinem Fleisch und lasse die Schönheit des Knochens ans Licht. Oder der ehrwürdige Krixamesh wird dich richten.“

Einen kurzen Moment zögerte Timo noch, und überlegte, ob es nicht doch besser wäre zu sterben. Aber er konnte Martin nicht im Stich lassen. Er war immerhin sein Bruder. Also hob er den linken Arm und biss so fest hinein, wie er konnte. Der Schmerz war heftig. Aber dennoch hatte er nichts weiter erreicht als zerrissene Haut und gequetschtes Muskelgewebe.

„Fester!“ spornte ihn Devon an.

Timo traten die Tränen in die Augen. Das hier war so falsch. „Nein, Timo!“ protestierte Martin neben ihm schwach. „Tu das nicht!“

Doch für Timo gab es jetzt kein Zurück mehr. Diesmal langte er noch herzhafter zu und schmeckte salziges Blut. Er biss im wahrsten Sinne des Wortes die Zähne zusammen und riss einen großen Brocken Muskelfleisch aus seinem Arm. Dabei schrie Timo vor Schmerz und Entsetzen und war kurz davor, in Ohnmacht zu versinken. Angewidert spuckte er sein eigenes Fleisch auf den Boden. Ein mundgroßes Stück aus seinem Arm fehlte jetzt. Trotzdem war der Knochen noch nicht zu sehen. Noch immer wurde er verdeckt vom rohen, blutigen Muskelfleisch.

„Nimm die Fingernägel zur Hilfe!“ empfahl ihm Devon. Timo sah auf die scharfen, langen, schwarzlackierten Fingernägel seiner rechten Hand. Es kam auf einen Versuch an. Hauptsache, er brachte das hier zu Ende. Er tat es für Martin. Das durfte er nicht vergessen. Er positionierte seine Fingernägel an den tiefen Wundrändern, wobei allein schon die Berührung höllisch wehtat. Dann versenkte er sie so tief in seinem verbliebenen Fleisch, bis er den harten Knochen darunter fühlen konnte. Als er mit seinen Fingernägeln dagegen stieß, jagte ein schmerzhaftes Vibrieren durch seinen ganzen Leib. Noch nie in seinem Leben hatte Timo solche Pein erlebt.

„Reiß es ab! Du hast es fast geschafft“, merkte Devon euphorisch an.

Und Timo riss. Mit einem hässlichen Schmatzen löste sich das Fleisch von seinem Knochen, und nachdem er nach und nach die letzten Reste der Sehnen und des Muskelgewebes entfernt und das nachströmende Blut weggewischt hatte, sah er darunter endlich den blanken Knochen.

„Sprich die Worte!“ verlangte Devon.

„Mein Fleisch ist ohne Wert. Ich diene nur dem Knochen!“ brachte Timo unter Tränen heraus. Und mit einem Mal endeten die Schmerzen. Er spürte förmlich, wie neue Kraft in ihn hereinströmte. Sogar seinen verletzten Arm konnte er genauso gut bewegen wie zuvor. Sogar noch besser.

Devon beugte sich zu Timos Arm herunter und leckte mit seiner Zunge das Blut ab, bis der Knochen darunter rein und weiß im Tageslicht schimmerte, das durch die Fenster hereinsickerte. Seltsamerweise fand Timo den Anblick seines verstümmelten Arms nun gar nicht mehr so abstoßend wie noch vor einigen Sekunden. Seine Knochen hatten in der Tat ihre ganz eigene Schönheit, auch wenn er es noch nie zuvor so betrachtet hatte. Tief in sich spürte er den leisen Drang, noch mehr davon zum Vorschein zu bringen. Bald schon. Wenn die Zeit reif war.

Devon hob seinen Kopf und sah Timo direkt an. „Du hast dich als würdig erwiesen und bist jetzt ein Weiser des Gebeins. Timo ist tot. Von nun an bist du Davox, der Markgeborene.“

Timo – oder Davox, wie er jetzt anscheinend hieß – wusste nicht was, er dazu sagen sollte. Was in den letzten Minuten passiert war, war einfach zu viel für seinen Verstand. Also nickte er nur und wechselte rasch das Thema. „Was ist mit Martin? Lässt du ihn jetzt frei? Kann er gehen?“

Devon kratze sich am Kopf, pulte dabei etwas Schorf von einem der großen Löcher ab und schnippte ihn auf den Boden. Er schien nachzudenken. „Natürlich. Gleich kann er gehen. Wie versprochen.“ Dann wandte er sich an den stumpfsinnig blickenden Professor Wingert. „Professor. Seien sie so nett und geben sie diesem Menschen einen Kuss!“

Davox verstand kein Wort. Arnold Wingert aber verstand sehr gut. Immer wieder leise „Kuss“ brabbelnd, setzte er sich in Bewegung und ging direkt auf Martin zu, der ihn mit geweiteten Augen ansah. „Was hat er vor? Timo, was will dieses Ding von mir?!“

„Schweig!“ schrie Devon. „Es gibt hier keinen Timo mehr.“

Martin versuchte sich aus der knochigen Umklammerung Krixameshs herauszuwinden, aber die Markbleiche Schlange hielt ihn unbarmherzig fest, bis Arnold unmittelbar vor ihm stand. Sein bleiches Gesicht war völlig ausdruckslos. Seine Augen leer. Er stank nach Urin, Schweiß und getrocknetem Blut, und plötzlich öffnete sich sein Mund weit und er würgte einen langen Knochen hervor, der anstelle einer Zunge in seinem Mund befestigt zu sein schien. Der Knochen schob sich Zentimeter für Zentimeter näher an Martins entsetztes Gesicht heran.

„Devon!“ schrie Davox. „Befehle ihm aufzuhören! Du darfst ihm nichts tun. Du hast versprochen, Martin am Leben zu lassen!“

Devons Augen sprühten vor Zorn. „Schweig, Akolyth! Du befiehlst keinem Höhergestellten, irgendetwas zu tun oder zu lassen. Außerdem wird er leben. In gewisser Weise.“ Devon zeigte wieder sein grauenhaftes, unmenschliches Lächeln, und Davox begriff, dass ihm das Ganze viel Freude bereitete. Davox wollte erneut protestieren. Aber er konnte nicht. Er spürte einfach, dass er nicht das Recht hatte, seinen Meister zu kritisieren. Er war nun kein Mensch mehr. Nicht wirklich. Er musste jetzt neuen Gesetzen gehorchen.

„Bitte! Ti... Davox! Bitte, hilf mir, Bruder! Du kannst das doch nicht zulassen.“ Aber Davox ließ es zu. Und so bohrte sich der Knochen gewaltsam durch Martins blasse Lippen und schuf eine groteske Verbindung zwischen dem untoten Professor und dem verängstigten, jungen Mann. Dann erklang ein hässliches, saugendes Geräusch, und Davox fühlte, wie etwas Wertvolles aus seinem einstigen Bruder gesogen wurde. Als Arnold Wingert seine Knochenzunge zurückzog, lag auf Martins Gesicht derselbe leere Ausdruck wie auf dem des Professors.

„Es tut mir leid, Bruder“, flüsterte Davox voller Trauer und Scham. „Bruder…“ wiederholte das Ding, das einmal Martin gewesen war. Aber in seinen Augen war kein Erkennen. Es war nichts als ein leeres, geistloses Echo von Davox eigenen Worten.

„Ungitschak!“ schrie Devon plötzlich laut und mit einem Mal war die markbleiche Schlange aus dem Zimmer verschwunden. Sie steckte nun in dem Amulett.

Devon streichelte zärtlich über den knochenweißen Anhänger und zeigte dann mit einer weitschweifigen Geste auf Davox, Martin, Arnold und sich selbst: „Nun lasst uns gehen, meine Freunde! Lasst uns gehen als Gemeinschaft! Als die Gemeinschaft des Knochens!“

Knochenwald-Serie

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